Ausgabe 
18.5.1899 Zweites Blatt
 
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gdternot, wie sonst um diese Zeit vorhanden; in den kchrunen lagern noch Heuvorräte und draußen auf den Kiesen sieht man einer abermaligen guten Heuernte ent- jtgtn. Den Obstgärten, die sich gerade in der vorigen Lache in voller Blüte befanden, gereichte natürlich das fJtübc Regiment der Eisheiligen zum Segen. Das Ab illifyen der Obstbäume hat sich recht günstig vollzogen, der Fruchtansatz ist ein reicher. Den Bienen ist jetzt der Tisch Bar reich gedeckt, und was Hauptsache ist sie haben iioon gut tafeln können. Der Wald prangt irnrnaien- irischen Grün"; es hat lange gedauert, bis er sein Früh- ling-skleid bekommen, umso rascher hat er es aber angezogen. Die gefürchtete Maikäferplage, gegen die man sich schon zu iLstsn begonnen, ist ausgeblieben und dürfte gewiß auch vihtt mehr auftreten. Die Bäume stehen im Laub, die Obfttbäume haben meist abgeblüht; da kommen die Knofpen- jress.er jetzt zu spät unseren Schulknaben zum Leidwesen, tit lieber Maikäfer sammeln, als zur Schule gehen.

4- Eichelsdorf (bei Nidda), 16. Mai. In der gestern dahier stattgefundenen Bürgermeisterwahlschlacht fegte Herr Beigeordneter Frey mann mit 110 Stimmen übet den Gegenkandidaten Herrn Alt, für den nur 29 Bürger Zelts! abgaben. In dem Nachbarorte Ulfa zog sich Herr Dr. Fritz letzte Woche infolge operativer Behandlung eines Patienten eine anfänglich unbedeutende Wunde zu, bei der leider Blutvergiftung eintrat, sodaß der allseits tdidbte Arzt nach der Klinik zu Gießen übersiedeln mußte, la jein Zustand nicht unbedenklich ward.

Friedberg, 15. Mai. Der hiesige Guftav-Adolf- Frouenverein hatte eine von Herrn Kirchenbaumeister lras. entworfene künstlerische Adresse an Ihre Majestät die -Kaiserin von Rußland gerichtet, um die Auf- mrlssamkeit der Kauerin auf unseren Stadtkirchenbau zu knfem. Nunmehr hat Ihre Majestät in hochherziger Weise .W Mk. dem Kirchenbaufonds überwiesen und zugleich ihre große Freude über diekünstlerisch ausgeführte Adresse unb ibie dieselbe begleitenden Ansichten aus dem Hessenlande" -ausgesprochen.

Mainz, 16. Mai. Der große Wiener Männer- zeinngverein, der gegenwärtig 283 ausübende, und Ü9 beitragende Mitglieder zählt, wird auf seiner dies- HriZen Sängerfahrt am 25. Juli hier in Mainz Einkehr haltm, und zu einem wohlthätigen Zweck ein großes Kon­ten in derStadthalle" veranstalten. Die zahlreichen Mmzer Gesangvereine rüsten sich bereits, um die Wiener Msts würdig zu empfangen. Von hier aus begiebt sich der Wiener Verein nach Köln, wo ihm zur Abhaltung eines SonMes, nicht nur der Gürzenich kostenfrei überlassen, :'jonbrrn auch noch Mk. 1000 zu den Kosten der Veranstal» Ning seitens der Stadt Köln bewilligt wurde.

X Das Rad im Mainzer Wappen. Man schreibt der .Frcmkf. Ztg.": Woher stammt das Rad im Mainzer Happen? Von Erzbischof Willigis, heißt es, dem Wagaierssohn. Der wollte dem Spott über seine geringe Herkunft dadurch die Spitze abbrechen, daß er das Wagenrad m-Wappen aufnahm. Das ist ganz hübsch, übernatürlich «ine Sage. Eine neue Antwort auf die alte Frage zu geben., hat der mit ansehnlichem wissenschaftlichen Rüstzeug Mgeilhane Professor Schädel vom Mainzer Realgymnasium mlemommen. (lieber den Namen und das Rad der Stadt Mairnz." Verlag von Wilckens, Mainz 1899.) Er führt ms im jene dämmerigen Zeiten, in denen der Gott Mogo, ein kcltisch-nationaler Jupiter, am Mittelrhein verehrt wurde.

Eines seiner Attribute ist bas Rad, nämlich das uralte mystische Rad der Sonnenscheibe. Mogo ist der Namens­patron von Mainz, sein Rad das Mainzer Wappenbild. Diese These wird durch eine Fülle von Nachweisen und Folgerungen gestützt. Ob sie richtig ist, müssen Fachmänner prüfen. Plausibel ist sie jedenfalls und interessant, und auch einige Seitenpfade, über die uns der Autor zu seinem Ziel geleitet, sind anziehend, z. B. was er über die sakrale Bedeutung des Rades und die Rolle, die es bis in die Gegenwart in Volksgebräuchen und Gewohnheiten entnimmt, zusammengetragen hat. Eine Tafel mit acht Abbildungen erhöht die Nutzbarkeit des Schriftchens.

Vermischtes.

Kassel, 15. Mai. Ein schreckliches Unglück hat während des Gewitters am Samstag ein Blitzschlag in der Nähe von Lichtenau im Gefolge gehabt. Der Blitz schlug in eine Gruppe von zehn, unter Aufsicht eines Waldauf­sehers auf einer Rodung arbeitenden Mädchen aus Reichen­bach. Eines derselben, namens Riekchen Siemon, wurde sofort getötet, ein zweites, die Tochter einer Witwe, so schwer getroffen, daß es gelähmt und bewußtlos ist und man an seinem Aufkommen zweifelt; die übrigen Mädchen wurden sämtlich betäubt, der Aufseher ebenfalls, sie konnten sich jedoch nach einiger Zeit wieder erholen.

Iserlohn, 15. Mai. Seit Mitte April sind hier im ganzen acht Erkrankungen an schwarzen Pocken vor­gekommen. Der erste und einzige mit Tod endende Fall betraf eine ältere Frau, die zahlreiche Kost- und Logier­leute beherbergte. Die Krankheit soll durch eine aus Riga (Rußland) zugezogene Familie, deren Kinder an Blattern gelitten haben sollen, übertragen worden sein. Festgestellt wurden diese Erkrankungen nicht, auch genasen die Kinder schon vor der Erkrankung der Logiswirtin. Außer diesem Falle wurden im ganzen dann noch sieben Fälle angemeldet, die alle auf unmittelbare Ansteckung zurückgeführt werden können. Alle Erkrankten, mit Ausnahme zweier ganz leicht betroffenen, in ihren Wohnungen isolierten Kinder, befinden sich in den städtischen Epidemiebaracken. Die übrigen inter­nierten Personen bestanden aus Angehörigen der Erkrankten, wurden nur beobachtet und konnten zum großen Teil wieder entlassen werden. Die vorliegenden Krankheitsfälle sind alle leichter Natur und bei keinem der Kranken ist ein ungünstiger Ausgang der Krankheit zu erwarten. Die gebotenen Vorsichts­maßregeln werden streng gehandhabt.

* Die vielumstrittene Frage, ob auch Zeitungen au Soldaten portoftei als eigene Angelegenheit des Empfängers versendet werden dürfen, ist nun, wie demSchwarzw. Boten" gemeldet wird, dahin entschieden, daß es zulässig ist, sofern das Gewicht der Sendung 60 Gramm nicht übersteigt.

*Ich schnitt es gern in alle Rinden ein". Vor einigen Wochen revidierte in einem lothringischen Dorfe der Herr Maire die dortige Volksschule. Er fand, wie sich das für ein Schuloberhaupt geziemt, vielerlei an den Leistungen und Bestrebungen der bildungsbeflissenen Jugend zu tadeln. Insbesondere rügte er, wie dieK. Volksztg." erzählt, die Unsitte, in die Schulbänke mit Hilfe des Taschenmessers Namen und sonstige graphische und bildnerischeKunstwerke" einzuschneiden, wovon die Bänke, auf denen das strenge Auge des Dorfbeherrschers ruhte, allerdings reichliche Proben aufwiesen. Für den Fall einesfortgesetzten Lebenswandels" in dieser Beziehung wurden energische Strafen zugesichert.

Während die Jugend in den vorderen und mittleren Banken ernst und zerknirscht den mahnenden Worten lauschte, machte sich in den hinteren Bänken allmählich eine steigende Unrube vernehmbar und ein munteres Gekicher folgte, das sich auch durch das drohende Heranschreiten des Herrn Maire nicht verscheuchen ließ. Dieser aber hatte kaum einen Blick auf ben Punkt geworfen, auf den die fröhlichen Augen und verschiedene Fingerspitzen hinwiesen, als er seinen Hut nahm und sich verabschiedete. Es war dort nämlich der Bor- und Zuname des Herrn Maire selber von seiner Schulzeit her eingeschnitzt, samt der Jahreszahl!

Mteratur, Wissenschaft und Kunst.

Die im Verlage von Karl Grüninger in Stuttgart er­scheinende illustrierte Famtlien-Zettschrtst »Echo vom Gebirge" wird mit Recht daS LiebltngSblatt der Zitherspteler genannt. D»S Blatt, das die Interessen deS ZtthersptelS vertritt, ist sehr hübsch auSgestattet und bringt neben belehrenden musikgeschichtlichen und musikpädagogischen Artikeln, Beurteilungen neu erschienener Zither­stücke, auch Unterhaltendes in Form von spannenden Erzählungen und Humoresken, Rätsel rc., ferner Konzertberichte und Konzert- programme, welche über die Thätigkeit in Kreisen von Zttherspteler« orientieren. Jede Nummer enthält wertvolle Mustkbeilagen in Münchener Stimmung. (Preis Mk. 1,20 vierteljährlich.) Probe­nummern versendet die Verlagsbuchhandlung Karl Grüninger ta Stuttgart gebührenfrei.

Roch ein Gedicht des Fürsten Hohenlohe bringt der Bär", Illustrierte Wochenschrift für Geschichte und modernes Leben, (Verlag von Friedrich Schirmer in Berlin SW. 13) in seiner 9ir. 19. Der Reichskanzler, Fürst Chlodwig Hohenlohe, hing en seinem Bruder Philipp Ernst mit ungewöhnlicher Zärtlichkeit, wie das folgende Gedicht zur Genüge beweist. Philipp, Ernst von Hohen­lohe, der dritte Bruder des Fürsten Chlodwig, starb am 3. Mai 1845, im 25. Lebensjahre. Das Gedicht stammt auS dem Jahre 1846.

Philipp Ernst.

Vom Schlosse schau ich einsam JnS stille Thal hinab.

Da seh ich im Mondschein ein Blinken: Die Kirche und daS Grab.

Da haben sie Dich begraben, Den ich so heiß geliebt;

Den Freund, den tapfer«, treuen, Wtc'S keinen zweiten giebt!

Sie haben viel tausend Thräne«

JnS Grab Dir nachgesandt;

Sie haben sich wieder getröstet, Sie haben Dich nicht gekannt.

Doch meine Thränen fließen Roch wie an jenem Tag, Da man Dich hinuntergetragen Und mir das Herz zerbrach.

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