Ausgabe 
17.12.1899 6
 
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Nr. 297 Sechstes Blatt.

Sonmag den 17. Dezember

1899

Weßener Anzeiger

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Amt,- «nd AnZeigrblatt für den K«<i» Giefzen.

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WiieWi«, Expedttien und Druckerei: Ar. 7.

GrsttsdMsse«: GieKnrrr FemilincklSttrr, Der hessische Kmdwirt, Mtter für hessische Volkskunde.

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»reffe fttr Depeschen: Znzri-er friti«, Fernsprecher Nr. 51.

Vom Kriegsschauplatz.

Während gestern in Berlin daS Gerücht verbreitet war, Ladysmith habe kapituliert, tauchte in London die Kunde auf, die Stadt sei von General Buller entsetzt. Im KriegSamt wußte man nichts davon, und heute wird eben­falls gemeldet:

London, 15. Dezember. Bis Mitternacht lag dem Kriegsamt keine Bestätigung der Nachricht vom Entsatz Ladysmiths vor.

Wäre etwas an der Sache, so würde das Kriegsamt keinen Augenblick zögern, die frohe Botschaft zu verkünden, um die auf den Tiefpunkt gesunkene Zuversicht der öffent lichen Meinung wieder emporzuheben. Da Ladysmith noch von den Buren eingeschlosien ist andernfalls müßte dort ein schwerer Entscheidungskampf südlich vom Tugela vorauf­gegangen sein so begnügt die englische Presse sich wohl »der übel mit dem Gerücht seines Entsatzes, daS ja wenigstens insofern seine Schuldigkeit thut, als es die ebenso betrübten wie gegen die Kriegsleitung erbitterten Geister von den letzten furchtbaren Niederlagen ablenkt und anderweit beschäftigt. Diesem Zweck dient auch die Publikation der folgenden zweiSieges-Bulletins", die offenbar wieder aus einer Mücke einen Elephanten machen:

London, 15. Dezember. Die Äo.nvdlätler vetöffentlichen eine Depesche aus Weenen vom DtcnStagnachmttkag, die besagt, die Garnison von Ladyimitb habe einen neuen glänzenden AuS- fall gemacht und eine über den Moddersprutt führende Brücke -erstölt, waS die Buren in grsße Verlegenheit ver­ätzen werde.

London, 15. Dezember. Eine Dtp sche das Generals French vom 13. d. M. besagt: Frühmorgens oui ben drei Abteilungen des Feindes in Stärke von IbOO Mann b merkt, die ihre St llung ver V ße« und auf Naauwpoot oorzmücken schienen. D>e Engländer schoben eine starke Abteilung Kavallerie und Artillerie vor. Die beiden schütze der Buren wurden schnell zum Schweigen gebracht, und die Kavallerie warf die Buren zurück, d<e meistens ihre frühere St.lluug wieder einnacmen. Nachmittags besetzten die Buren Kadlefontein, zogen sich aber, als sie von zwei br t schen ©tfctüfcen beschossen wurden, mit einem Verluste von 40 Toten und Verwundeten zurück. Aus eng tscher Seite ist ein Monn tot, ein Oifiäer und acht Mann sind verwundet.

Rach Analogie der beiden voraufgegangenen Ausfälle aus Ladysmith darf man wohl auch den dritten in bie Kategorie der Mgnchhauseniade einreihen. Wie man dasZum Schweigen bringen" der burischen Geschütze und den Rückzug burischer Detachements zu beurteilen hat, weiß man ja. So wird es sich auch bei Naauwpoort um einen taktischen Schachzug handeln, besten Schlußeffekt den Eng- länderu wahrscheinlich teuer zu stehen gekommen ist. Den

Verlustangaben der Depeschen des Generals French ist, mal da sie die Zensur in London passieren mußten,'stdlür- lich nicht zu trauen, leicht wird da aus eine. 4 eine 40 auf der einen, eine 1 aus einer 10 auf der anderen Seite.

Zum Präludium des großen siegreichen Schlages der Engländer in Natal gehört auch die folgende Nachricht:

Lourenyo Marques, 14. Dezember. SB i n ft o n Chur­chill, der Korrespondent derMorning Post", der von den Buren in einem Gefechte mit einem Panzerzuge nahe bei Colenso um die Mitte des November gefangen genommen wurde, ist aus der Gefangenschaft entkommen.

Nun ist Albion gerettet! Wie sehr die öffentliche Meinung in England alteriert ist, und wie sehr eS ihrer Beruhigung bedarf, zeigt folgende Meldung:

York, 14. Dezember. Der Herzog von Devonshire hielt hier heute eine Rede, in welcher er sagte:

Wenn man auch bisher keinen großen Erfolg der britischen Waffen feststellen konnte (eS giebt überhaupt noch keinen. Die Red.), so beglückwünsche er doch das Land zu der während dieser Zeit übergroßer Aufregung bewiesenen Ruhe und zu der bekundeten Entschlossen­heit, den Kampf bis zur Erreichung eines befrie­digenden Abschlusses fortzuführen. Trotz der Verschiedenheit der politischen Ansichten sprächen die englischen Staatsmänner dieselbe Sprache, indem sie das Land beschwören, die Regierung zu unterstützen. Die Regierung wiste wohl, daß man, wenn der Krieg sich über die Grenzen der Geduld des Landes hinaus verlängere, die Kriegführung und in jedem Falle die Geschäftsführung, die zum Kriege geführt habe, kritisieren werde. Aber er (Redner) hoffe, daß die Kritik auf das Vorgehen der Regie­rung sich beschränken und nickt auf die Handlungen der Generale und der anderen Offiziere sich erstrecken werde. Nichts sei notwendiger für den Geist eines Heeres, als Vertrauen zu den Führern. Redner sprach den tapferen Männern, die die Truppen unter schwierigen und gefährlichen Umständen geführt hätten, seine Anerkennung aus. Zur Politik übergehend, betonte der Herzog, die Rechtfertigung für den Krieg sei nicht von Siegen abhängig, und äußerte sich lobend über die von den selbständigen Kolonien gewährte Hilfe, die nicht nur ein Beweis für die Einigkeit des britischen Reiches sei, sondern auch ganz besonders darthue, daß die

Kolonien von der Gerechtigkeit der Sache Englands überzeugt seien, während in den ausländischen Blättern fast einstimmig die Ansicht zum Ausdrucke gelange, daß England im Unrechte sei, eine Ansicht, der keine allzu große Bedeutung beigelegt werden dürfe. Die aus­ländische Presse habe keinen großen Einfluß auf die Politik ihrer Regierungen. Während die Presse fast aller Länder England verurteile, beobachteten alle fremden Regierungen eine durch­aus korrekte Haltung. England dürfe von diese» Regierungen Billigung nicht erwarten und verlange nur Neutralität; diese Neutralität sei bis jetzt von allen Regierungen ohne Ausnahme loyal be­achtet worden. Redner bedauerte sodann, daß den un­angenehmsten im Auslande über England gemachte» Bemerkungen von den englischen Blättern Bedeutung bei­gelegt werde, und daß die englischen Blätter von der ge­mäßigten Sprache derjenigen Blätter des Auslandes, von denen man wiffe, daß sie zu ihren Regierungen am meisten in Beziehungen ständen, keine Kenntniß hätten. Redner stellte fest, daß England mit allen Mächten Europas in guten Beziehungen stehe, und daß ein großer Teil der An­griffe der Ausländischen Presse auf deren Unkenntnis der Geschichte und der Beziehungen Englands zu Transvaal zurückzuführen sei. Jelänger und heißer der Kampf sei, desto fester sei der Entschluß Englands, nie­mals die afrikanischen Kolonien das wieder erleiden zu lassen, was sie jetzt erlitten.

Der Herzog von Devonshire hat als Beschwichtigungs- onkel seine Sache nicht schlecht gemacht, aber er hat doch auch deutlich durchblicken lassen, daß man befürchtet, der Krieg könne sich länger hinziehen, als die Ge­duld des englischen Volkes reiche, und für diesen Fall das Ungewitter auf das Ministerium Chamberlain- Salisbury (wir stellen den Ersteren als den spiritus rector des KabinetS voran) hingelenkt. Die Blätter ziehen schon stark gegen denjenigen oder diejenigen, die früher und später gegen eine rasche Verstärkung der englischen Truppen gebremst haben, los. Man hat dabei hauptsächlich den Schatzkanzler im Auge, der neben seiner Eigenschaft als pflichlmäßiger Vertreter der Sparsamkeit auch persön­lich als sehr hartnäckig gilt.St. James Gaz." schreibt: Wir warnen Alle, dieverantwortlich sind; das Land hat jetzt nicht die Laune, mit sich tändeln zu lassen. Wenn es sich Herausstellen sollte, daß daS

Theater.

-r. Gießen, 14. Dezember. Gestern abend ging unter ziem­lich guter Besetzung des Hauses zum zweiten Male in dieser Saison IbsensNora" als Volksvorstellung in Szene. Wir können heute von einer eingehenden Besprechung des Stückes wie der Darstelluug absehen, da wir gelegentlich der ersten Aufführung im Theaterverein beide ausführlich behandelt haben. Die Rolle der Nora, welche damals Frl. Irene Triesch spielte, hatte diesmal eine einheimische Kraft, Fräulein Hammer übernommen. Die Konsta ierung der Thatsache, daß die Dame überhaupt wagte, nach Irene Triesch dieselbe Rolle zu spielen, genügte eigentlich schon an und für sich, das Publikum für die junge Künstlerin sympathisch zu stimmen. Wenn wir ferner die Leistung von Frl. Hammer als Nora ohne Vergleich mit ihrer Vor­gängerin beurteilen, so kommen wir auch so zu einem gleichen Resultate. Die Rolle war unverkennbar sorgfältig ein- studiert, vor allem vorzüglich memoriert. Die schweren Seelenkämpfe dieser wunderbaren Frau brachte Fräulein Hammer mimisch trefflich zum Ausdruck und wenn ihr auch die ungemein feinen Detail-Allüren, das wunderbare Augen- «nb Händespiel ber Triesch nicht in gleicher Vollendung ge­langen, so ist ber offenbar sehr strebsamen unb sich ihrer künstlerischen Kraft bewußten Dame nicht ber mindeste Vor­wurf zu machen. Eine Leibenschaft, ein Temperament wie sie eben die genannte Gästin zu entwickeln vermag, ist nur selten einer Darstellerin dramatischer Kunst verliehen. Frl. Hammer hat durch die Wiedergabe ber Nora bewiesen, daß sie neben lobenswertem Fleiß und Streben viel Talent und Verständnis für dramatische Rollen ersten Ranges besitzt, nnd im Hinblick darauf dürfen wir von ihr »och manche gute Leistung erwarten.

K. Stadttheater. Erich Wulfsens EinakterTasso in Darmstadt" schildert mit poetischer Freiheit einen Besuch, den Goethe von Frankfurt aus in Hessens Residenz gemacht haben soll. Der Dichter gerät bei diesem Besuch gelegentlich eines Spazierganges in den dem Publikum ver­schlossenen Herr ngarten, macht in einem Atem dem hübschen Gärtnermädel und der Prinzessin Louise, die er nicht kennt, den Hof, wird auf Veranlassung des eifersüchtigen Gärtner­burschen arretiert unb soll, wie ber letztere, auch unter Ludwigs IX. Pirmasenser Garde gesteckt werden. Auf Für­sprache der Prinzessin läßt ber Landgraf beide frei unb ber Gärtner kriegt sein Mädel. Das ist die ganze nicht eben spannende Handlung.

Auch der Zeitpunkt für Goethes Besuch in Darmstadt ist vom Dichter nicht glücklich gewählt. Ein lustiges Stück läßt sich nicht gut vereinen mit tiefer Trauerzeit, in der sich der Darmstädter Hof im Sommer 1774 notwendig befunden haben muß, ba bie große Landgräsin Ende März desselben Jahres gestorben ist. Dann hat Goethe die Bekanntschaft ber Prinzessin Luise bei anderer Gelegenheit gemacht. Doch das mag als Licentia poetica hingehen. Störender waren die langen Reden, die von den beiden Hauptpersonen, dem Dokter und ber Prinzessin über Goethesche Werke gehalten werden. Etwas Kürze wäre hier schöner gewesen. Im übrigen ist der Einakter eine hübsche Episode, die schon um Goethes Gestalt willen unserer Aufmerksamkeit sicher ist.

Taffo ist Goethe selber, ber aus seinem schnell ge­wonnenen inneren Verhältnis zur Prinzessin von dieser bie Idee zu seiner späteren Dichtung erhält, in ber Eleonore an bie Stelle der Luise tritt. Gespielt wurde das Stück dank der trefflichen Regie flott, wenn auch am Anfang der Souffleur einigemale als rettender Engel auftrete» mußte. Wie »m diesen Mangel z» verwische», gerieten die beiden

| Hauptdarsteller später bei allerdings endlosen Reden i» einige Hast, aber das that ihrem Spiel im ganzen keinen Abtrag.

Fräulein H a u f f t g war eine höchst sympathische Prinzessin, die mit hoheitsvoller Würde Anmut glücklich zu verbinde» wußte. Herr Kirchhoff zeichnete uns ben ganzen Goethe, wie wir ihn uns vorzustellen pflegen. Lustiger Uebcrmut, dabei ein wenig Ueberlegenheit unb viel Selbstbewußtsein, das ja der Dichter desGötz" auch haben durfte, kamen vortrefflich zur Geltung. Die Maske war gut, nur hätte an ben Schläfen etwas mehr Haarfüllc erscheinen dürfe». Die übrigen Rollen waren angemessen besetzt und kamen angemessen zur Darstellung. Die frische Annette des Fräu­lein Kugler, ber bumme Gärtnerbursche des Herrn Henry unb besonders der bibelfeste unb kräftig fluchenbe Ober- gärtner bes Herrn Curlanb errangen unseren Beifall. Auch Herrn Walter dürfen wir unsere Anerkennung nicht versagen, der aus ber Figur des Landgrafen machte, was daraus zu machen war.

Neber Suppss burleske OperetteZehn Mädchen und fein Mann" können wir uns kurz fassen. Das lustige Stück wurde lustig gespielt und das ist bie Hauptsache. Die prickelnbe Supps'sche Musik brachte Leben in alles, was auf der Bühne herumwimmelte, unb was wimmelte, war sehr hübsch. Gesungen wurde durchweg zufriedenstellend. Be­sonderen Beifall fanden Fräulein Eichenwald mit ihrer Stiefelarie" unb die Damen Berken und Kugler mit ihrem Duett. Fräulein Duve zeigte sich als graziöse Tänzerin unb erntete lebhafte Anerkennung. Die beide« Herren Wilhelrni und Steinert entfesselten wahre Lach­salven mit ihrer grotesken Komik. Das Orchester hielt sich unter Herrn Kruses bewährter Leitung wacker. Es verdient hervorgehoben zu werden, daß das schwierige Zusammen­spiel der neun Holzinstrumente a«f der Bühne mit dem Orchester gut klappte.