feiten wappnen, denen zarte Geister gar bald erlegen sein würden, — aber soviel erscheint unzweifelhaft, wenn diese gegenwärtig in ihren vorgerückten Jahren um den Eintritt in den Ruhestand sozusagen kämpfenden Richter von vorgerückten Lebens- und Dienstjahren vor Jahresfrist gewußt hätten, welche Schwierigkeiten ihnen als Vorsitzenden am Schöffengerichte oder überhaupt als Strafrichter daraus erwachsen, daß sie eben jetzt nichts anderes, als was im Geschäftsplane ihnen zugeteilt worden, treiben, sie würden wohl darauf bedacht gewesen sein, sich Heuer nicht in den Abteilungen für Strafsachen erwischen zu lassen, und lieber mit der Beschäftigung gewechselt haben. So aber ist ihr Schicksal noch immer ungewiß, so sehr man auch diesen im Dienst ergrauten Richtern die Wohlthaten des neuen Gesetzes, das ja überhaupt eine Verjüngung unseres Richterstandes anstrebt, und auf dem Boden allgemein wechselnder Beschäftigung nach Gattungen steht, eine alsbaldige Versetzung in den Ruhestand, gleich den vielen andern, von Herzen gönnen möchte.
M.P.C. Die parlamentarische Lage ist heute noch ganz ungeklärt. Es wird durchaus nicht für ausgeschlossen betrachtet, daß die Kanalvorlage, wenn nicht schon im Abgeordnetenhause, dann im Herrenhause fällt, daß aber die Gemeindewahlrechtsreform angenommen wird und daß dann das Abgeordnetenhaus aufgelöst wird. In diesem Falle würde der Vizepräsident des Staatsministeriums, Finanzminister Dr. von Miquel seine Entlassung nehmen. In Kreisen, die ihm nahestehen, glaubt man, er habe nicht ohne Grund seinen Rückweg von Langenschwalbach über Frankfurt a. M. genommen. Dort besitzt Herr von Miquel eine schöne Privatwohnung. Er scheint es selbst nicht für ausgeschlossen zu halten, daß er dieselbe über kurz oder lang beziehen werde, um — hoffentlich noch viele Jahre über die Vergänglichkeit alles Irdischen Betrachtungen anzustellen. Schon vor Jahren sagte Herr von Miquel, er werde sofort aufhören Minister zu sein, wenn er das Gefühl habe, daß er nicht mehr über eine Mehrheit im Abgeordnetenhause verfügen dürfe.
M.P.C. lieber den Zeitpunkt der Rückreise des Prinzen Heinrich aus Ostasien werden neuerdings allerhand einander widersprechense Lesarten verbreitet. Bis jetzt steht darüber noch gar nichts fest. — Am 6. September geht ein großer Ablösungstransport nach Kiautschou von Bremen ab. Mit dem betreffenden Lloyddampfer reisen auch die Frauen der deuschen Beamten nach Kiautschou, die dort voraussichtlich länger bleiben sollen.
M.P.C. Der Direktor im Kultusministerium, Herr Alt hoff, ist, wie wir hören, soweit wieder hergestellt, um in Kürze seinen Dienst wieder in vollem Umfange übernehmen zu können. Herr Althoff litt lange an den Folgen einer Infektionskrankheit. Er mußte sich im Zusammenhang mit derselben auch einer Operation unterziehen.
M.P.C. Aus London wird uns bestätigt, daß der im Herbst zu erwartende Besuch des deutschen Kaisers wahrscheinlich in Windsor Castle stattfinden werde. Die Verhältnisse in Schloß Balmoral hätten sich bei der letzten Anwesenheit des Kaisers von Rußland als unzulänglich herausgestellt, es sei schwer zu ermöglichen gewesen, dem Gefolge des hohen Besuches ausreichende Unterkunft zu gewähren.
Ausland.
Serbien. Wie die große Razzia auf die Radikalen anläßlich des Mordangriffs vom 6. Juli in Serbien betrieben worden ist, hat man zur Genüge zu lesen bekommen. Wie es in den Gefängnissen zugegangen ist, darüber erfährt man jetzt int „92. Wiener Tgbl." näheres von einem aus dem gleichen Anlaß in Belgrad verhafteten, dann freigegebenen und aus Serbien ausgewiesenen russischen Chemiker Dr. Josef Sadomski. Die Einzelheiten der 23 tägigen Haft, welche dieser Mann in Semlin dem russi
schen Geschäftsträger Manzurow zu Protokoll gegeben hat, sind ziemlich stark. Die Zellen seien enge, schmutzig und entbehrten der primitivsten Einrichtung; sie seien voll Unrat, verpestet und wimmelten von Ungeziefer. Die Häftlinge schlafen auf der der bloßen Erde, da sich in den Zellen nicht einmal Pritschen befinden. Die Gefangenen seien der Rohheit der Wächter preisgegeben, welche sie mit Stöcken und mit Sand gefüllten Säcken schlagen, um Geständnisse zu erpressen. Die Verpflegung der Gefangenen sei überaus mangelhaft; sie erhalten nur in unbestimmten Zeiträumen Brod, noch seltener Wasser. Die Speisen, welche die Gattin Sadomskis für ihren gefangenen Gatten übergab, wurden von den Wächtern verzehrt. Es entbehrt nicht eines humoristischen Beigeschmacks, daß bei der Freilassung dem Dr. Sadomski 9 Dinar für Beleuchtung angerechnet wurden, obwohl er die 23 Tage und Nächte feiner Haft in einer durch keinen Lichtstrahl erhellten Finsternis zubringen mußte. Der also Gequälte will als russischer Unterthan um Audienz beim Zaren einkommen, damit dieser die serbischen Greuel erfahre.__
Lokales und Provinzielles.
Grebenhain, 13. August. Heute morgen ereignete sich hier ein bedauernswerter Unglücksfall. Jrn unbewachten Augenblicke fiel das jüngste Kind des Kaufmanns D. in eine Pfuhlgrube und ertrank.
Z. Reichelsheim W., 14. August. Man klagt bekanntlich feit Jahren über Mangel an Arbeitern, insbesondere auf dem Lande zur Zeit der Ernte an Hilfsarbeitern. Das Klagen hilft aber nichts, es muß gehandelt werden und — die Not macht erfinderisch. In vielen Fällen sind die Mittel zur Abhilfe schon vorhanden, nur Vorurteile verhindern die Anwendung. Diesen Gang der Dinge findet man besonders häufig in der Landwirtschaft. Vor etwa 20 Jahren hörte man von Säemaschinen, man wandte sie aber nicht an. Da kamen die Zuckerfabriken in Friedberg und Stockheim, sie schrieben das Säen des Zuckerrübensamens mit der Maschine vor, die Bauern lernten die daraus entstehenden Vorteile kennen, und nun bricht sich das Säen mit der Maschine bei den Getreidearten immer mehr Bahn. Bei den Dreschmaschinen erging es ähnlich. Man drischt nur noch Roggen mit der Hand, um Seilstroh zu gewinnen. Gegen die Gras- und Getreidemähmaschinen sträubte man sich lange, wir haben jetzt deren fünf hier. Die Leute sind fast ausnahmslos entzückt von den trefflichen Leistungen dieser Maschinen. Sie arbeiten viel sauberer als die Menschen, heißt es, und in wenigen Tagen ist man fertig. Freilich fördert die Arbeit da, wo Feldbereinigung statt- gefunben hat und die Grundbesitzer ihre Aecker in wenigen Plänen beisammen haben, noch ungleich mehr, als in zerstreuter Lage. Welche Vorurteile mußten bekämpft werden und sind heute noch zu überwinden, bis eine Feldbereinigung zu stände kommt! Es steht auch richtig, daß durch eine Feldbereinigung die nützlichen Vögel Schaden leiden, daß eine Mähmaschine bei niedergedrücktem, durcheinanderliegendem Getreide nichts ausrichten kann und daß der Handdrusch im Winter den Leuten wochenlang einen guten Verdienst brächte. Aber man nehme einmal die Errungenschaften der letzten 20 Jahre fort, wohin kämen wir? Unser Ort zählt kaum 1000 Einwohner, wir haben jetzt 3 Dreschmaschinen, 5 Getreidemähmaschinen und 12 bis 15 Säemaschinen hier, doch niemand möchte sie missen. Solche Beispiele muß man anderen Gegenden zur Anfeuerung vorführen, sie können sich ein Beispiel daran nehmen. Die neuen Zeiten bringen neue Aufgaben, neue Schwierigkeiten, aber auch die Mittel zur Ueberwindung.
*f Elektrische Straßenbahn. Der Aktien-Gesellschaft Elektrizitätswerke (vormals O. L. Kummer u. Co.) zu Niedersedlitz wurde auf die Dauer eines Jahres die Erlaubnis erteilt, Vermessungen und Vorarbeiten für eine elektrische Straßenbahn von Bad-Nauheim nach Friedberg vorzunehmen. D. T. A.
Friedberg, 14. August. Der hiesige „Oberhess. Anz." schreibt: In verschiedenen Blättern taucht das Gerücht auf, der Kaiser von Deutschland und der Kaiser von Rußland kämen hier im Großh. Schlosse zusammen. Nach Erkundigungen, die wir einzogen, steht nur so viel fest, daß die jährlichen Neparaturarbeiten im Schlöffe etwas beschleunigt werden, da gelegentlich der Manöver Se. Königl. Hoheit der Großherzog wahrscheinlich einige Tage hier sein wird.
Darmstadt, 15. August. Zu der von Mitte September bis Ende Oktober d. I. stattfindenden zweiten Ausstellung der „Freien Vereinigung Darmstädter Künstler“ sind Anmeldungen in so großer Zahl eingelaufen, daß die vorhandenen Räume des KunstgewerbegebäudeS zur Unterbringung der Kunstwerke nicht genügen. Die Vereinigung hat daher beschlossen, an der Westseite des Gebäudes für die Dauer der Ausstellung einen provisorischen Anbau Herstellen zu lassen. Das Projekt ist von den zuständigen Behörden genehmigt worden, und die Aufführung des Anbaues wird in allernächster Zeit beginnen. N. H. B.
Vermischtes.
* Straßburg, 11. August. Für die reichsländische Landwirtschaft ist dieses Jahr bisher ein recht gutes gewesen. Die Ernte ist schon zum größten Teil beendigt, und aus allen Teilen des Landes kommen recht befriedigende Nachrichten über ihr Ergebnis. Namentlich die Halmfrüchte, Roggen, Weizen, Gerste und Hafer, haben einen reichen Ertrag gegeben, und die Kartoffeln lassen einen solchen noch erhoffen. Das Wetter der letzten Wochen hat die Ernte aufs schönste begünstigt und den Landleuten ihre saure Arbeit erleichtert. Auch die für das Elsaß besonders charakteristischen Gewächse, Hopfen und Reben, eröffnen nicht schlechte Aussichten. Der Stand der Reben ist im allgemeinen ein guter, doch haben Regen und die kalten Nächte während der Blütezeit den Spätsorten großen Nachteil gebracht; die Frühsorten hatten bereits abgeblüht. Nach fachmännischem Urteil wird der Herbst daher verschieden ausfallen. In einigen Gegenden sind die Aussichten sehr befriedigend, in andern weniger günstig. Im Durchschnitt ist ein halber Herbst zu erwarten. Leider hat das Oidium ebenso wie im vorigen Jahre den Reben wieder vielen Schaden zugefügt. Man sucht diese böse Rebkrank- heit durch Spritzen und Schwefeln zu bekämpfen, doch ist sie auch bei vielen Reben, die gespritzt und geschwefelt worden sind, heftig aufgetreten. Die Winzer sind infolge dessen mutlos geworden und klagen, daß die modernen Mittel gegen die Rebkrankheiten von keinem Nutzen seien. — Für die Radfahrer wird es interessant sein, von einer Erfindung zu hören, die nach elsässischen Blättern ein Herr aus Zabern gemacht hat. Sie besteht darin, daß in den Luftschlauch ein zweiter Schlauch gezogen ist, der lose in ihm liegt. Die beiden Schläuche sind nun mit entsprechend konstruiertem Doppelventil ausgerüstet. Wird jetzt der äußere Luftschlauch durch Eindringeu von Glas ober Nägeln beschädigt, so wird der innere Schlauch durch Umstellung des Ventils aufgepumpt, und die Fortsetzung der Fahrt kann sofort erfolgen. Jedes Rad kann ohne große Umstände mit dem neuen Doppelschlauch ausgerüstet werden. Die Erfindung soll die angefteöte Probe bereits glänzend bestanden haben. „Köln. Ztg."
* Der Kaiser und fein Pathenkind. Ein hübscher Zwischenfall wird ans Remscheid mitgeteilt: Dort wurde dem Kaiser beim Besuch der Thalsperre auch das dreijährige Söhnchen des Feilenhauers Kirschner aus dem benachbarten Neuberghausen vorgestellt, bei welchem der Kaiser einst Pathenstelle angenommen und seine Genehmigung zur Führung des Namens Friedrich Wilhelm erteilt hatte. Der kleine Knirps sollte seinem hohen Pathen einen prächtigen Blumenstrauß überreichen, hielt ihn aber so krampfhaft in den Händen fest, daß der Kaiser, der die
Indem er so sprach, fuhr er in ein auf dem Stuhl liegendes Jacket, nahm auf dem Flur Mütze und Hakenstock vom Nagel, sagte seiner Wirtin in aller Eile, daß man unter allen Umständen stets um 6 Uhr morgens „purren" möge (das heißt wecken, wenn sie's denn noch nicht wisse) und stellte sich uns draußen mit einer eleganten Verbeugung vor.
Ich nannte ihm meinen Namen.
Sein Bruder fixierte den sicher Auftretenden während dieser Präliminarien mit einiger, sichtbar zum Ausdruck kommender Beklommenheit.
„Woher ich das Geld zu dieser Spritztour genommen habe, möchtest Du um alles in der Welt gern wissen — ist's nicht so?" fragte der angehende Jurist trocken.
Der Angeredete nickte ihm Antwort zu.
„Sollst es wissen, Brüderchen. Geheimnisthuerei ist nicht mein Fall. Ich wandte mich ganz einfach schon vor längerer Zeit an Onkel Albert in Bradford. Du weißt, der ist noch nie knickerig gewesen. Richtig flog da in der verflossenen Woche eine Anweisung über 10 Pfd. Sterling auf meine Bude, allerdings von der zarten Andeutung umhüllt, daß ich, da es die letzten Subsidien seien, die aus Onkels Tasche flössen, im Interesse meines guten Fortkommens das Examen unter allen Umständen bestehen müsse."
„Wonach zu richten," warf hier der Bruder ernsten Tones ein.
„Gewiß," pflichtete ihm Emil bei. „Aber nun stecke einmal die hohe Miene in die Tasche und hilf mir, den Mammon hier unter die Leute bringen."
„Junge. Das kriegst Du doch ganz allein fertig," scherzte Freund Eberhard, der zu meiner Dankverpflichtung endlich gute Miene zum bösen Spiel machte. „Namentlich wenn Du so aus dem Vollen wirtschaftest."
Der letzte Ausspruch bezog sich auf einen Einkauf, den Emil mittlerweile im Handumdrehen gemacht hatte.
Er war in einen Laden der Kaiserstraße getreten und hatte eine geteerte oder geölte Kopfbedeckung, so man Südwester nennt, verlangt und nach Erlegung schmählichen Geldes auch erhalten.
„Was willst Du eigentlich mit dem Ding da anfangen?" konnte sich der Bruder nicht enthalten, mit leise durchklingender Ueberlegenheit zu fragen.
„Dem Onkel Albert schicken, — soll sich unter diesem ulkigen Regendach in Brighton photographieren lassen, sobald ihn sein Spleen dorthin treibt.“
„Du wärst im stände, ihm diesen Vorschlag zu machen?"
„Verlaß Dich darauf. Und ich will Pimp heißen, wenn er ihn nicht acceptiert. Ach, Bruder! —--das Geld
ist doch recht eigentlich der Uhrzeiger an dem Zifferblatt unseres Wertes."
„Das stimmt — wenn Du Helgoland verläßt, wird Dir der Uhrzeiger schon beibringen, daß Du fast nichts mehr wert bist," spottete mein Freund gutmütig.
„Teufel — da hast Du wieder Recht," gab Emil kleinlaut zu.
Diese Niederlage hielt ihn indes nicht ab, im Verlaufe des nun im Unterlande beginnenden Spazierganges mancherlei luftige Streiche auszuführen.
Einem ihm an der Landungsbrücke dienstwillig nahenden Schiffer legte er, noch ehe der Mann mit den unbewegten Gesichtszügen sein Angebot anbringen konnte, die aus seinem Munde verblüffend wirkende Frage vor:
„Soll ich Sie nu mal ’n bischen um die Insel fahren?" lieber das verlegene Gesicht des Helgoländers wollte sich der Fragesteller, der sich luftig ein um das andere Mal auf die Kniee klopfte, schier totlachen.
Alles um ihn herum lachte mit.
Wie ein Wirbelwind mit schiefgerückter Mütze zog er uns voran.
In der Lübeckerstraße kaufte er für seinen Leibfuchs ein paar der leckeren Schalentiere, die im Binnenlande etwas so rares sind.
„Mensch, die werden doch verdorben in Göttingen ankommen," gab ihm sein Bruder zu bedenken.
„Nach so langem Aufenthalte auf Helgoland solltest Du doch etwas besser beschlagen sein," lautete die in mitleidigem Tone gegebene Antwort. „Wisse, frische Hummer halten sich immerhin drei bis vier Tage."
Beim Fr. Dischinger aus Bayern stießen wir auf ein Häuflein biederer Sachsen, mit denen sich unser Emil, dieweil er ihrer treuherzigen Einladung zu einem Wurstpicknick am Fuße des Schornsteins bereitwillig entsprochen hatte, schon auf dem Hamburger Dampfer angefreundet hatte.
Großes Halloh!
Sie nahmen ihn sogleich in ihre Mitte.
Schwere Tropfen fielen, ein Gewitter zog aus Nordosten herauf.
Der Student spannte das ihm zunächst liegende Gloria- Regendach eines der Sachsen auf.
„Mer werd'n Widder feicht," sagte er nach einem vorwurfsvollen Blick gen Himmel mit unnachahmlichem Tonfall, der die Lachlust auch derjenigen entfeffelte, deren Idiom hier verspottet wurde.
Hei, wie die Krüge mit dem schäumenden Naß zusammenfuhren !
Ueberall dort, wo der Humorist an diesem und an den nächsten Tagen auftauchte, gab's fröhliche Gesichter und unaufhörliches herzliches Lachen.
(Schluß folgt.)


