Nr. 192 Zweites Blatt Donnerstag den 17. August 1S99
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Kartenskizze zum Ritt der 13. Ulanen.
Hannover-Butzbach • Hannover ----- Bahnfahrt 318 km. i Butzbach Straßburg \ Fußmarsch 250 km. X
i -i Rayon der Kaiser- > !____> manöver. i
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N. /• Göttingen
/• Kassel
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\ Butzbach
VB Frankfurt
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/"• /Stuttgart • Straßburg
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Wir bringen nachstehend ein Uebersichtskärtchen über den Distanzritt der 13. Ulanen, über den wir bereits in einer einleitenden Betrachtung den Lesern Mitteilung machten. Im Laufe des 16. (Mittwoch), während diese Zeilen zum Druck gelangen, fährt das hannoversche Ulanen-Regiment in vier mit etwa 3 bis 4 stündigen Zwischenräumen einander folgenden Extrazügen nach Gießen und Butzbach, wo sich dann nach einem Rasttag die fünf Schwadronen vereinigen. Der letzte der vier Extrazüge trifft erst am Donnerstag Vormittag an seinem Bestimmungsort ein. Dem Vernehmen nach dürfte nördlich Frankfurt den Weitermarsch eine kleine Manöverübung einleiten. Als Beginn des Marsches ist der 18. August festgesetzt, das Endziel Straßburg soll am 31. August erreicht werden; sodaß einschließlich der Rasttage 14 Tage bis zur Ankunft jenseits des Rheines vergehen werden. Es handelt sich mithin, da eine Strecke
von 250 Kilometer zu durchmessen ist, um zum Teil recht weite Märsche. Heidelberg, das genau auf halbem Wege liegt, dürfte am 24. August erreicht werden. Major von Heyden-Linden, der Führer des Regiments, äußerte sich am Tage vor der Abreise dahin, daß eine Leistung, wie sie in dem Begriff Distanzritt verstanden werde, keineswegs angestrebt werde. Die einzelnen Eskadrons würden meist getrennt die jeweiligen Marschquartiere erreichen, nur beispielsweise durch Frankfurt werde das Regiment geschloffen reiten; auch seien während des Marsches Hebungen irgend welcher Art nicht geplant. Die Entfernung von Hannover nach Straßburg komme nahezu der zwischen Berlin und Wien gleich, aber hier würde doch ein großer Teil des Wegs auf den Schienen zurückgelegt und der Rest in zweiwöchentlichen Märschen mit Einschluß der Rasttage, während damals der ganze Ritt in drei Tagen gemacht wurde einschließlich aller Ruhepausen. v. M.
Deutsches Keich.
Berlin, 15. August. Der Kaiser vollzog heute vormittag in Kassel die Nagelung und Weihe der dem Bataillon des Königin-Augusta-Garde-Regiments und dem 4. Magde- burgischen Infanterie-Regiment Nr. 67 sowie der Unter* offizierschule zu Potsdam verliehenen neuen Fahnen und nahm hierauf über die Garnison Kassel die Parade ab. Später empfing der Kaiser den Botschafter Freiherrn v. Marschall.
Berlin, 15. August. Nach einer Meldung des „Lokal« Anzeiger" aus Kopenhagen sind zu den Jagden beim Grafen Thott, an denen auch Kaiser Wilhelm teilzunehmen beabsichtigt, die Könige von Schweden und Dänemark eingeladen worden.
Berlin, 15. August. Das Staatsmini st erium trat heute nachmittag 3 Uhr in seinem Dienstgebäude unter dem Vorsitz des Reichskanzlers Fürsten Hohenlohe zu einer Sitzung zusammen. Die Minister sind, mit Ausnahme des Kultusministers Dr. Bosse, sämtlich nach Berlin zurück- gekehrt. Ein Berichterstatter will wissen, daß u. a. die Besetzung des Erzbistums Köln auf der Tagesordnung stand.
Berlin, 15. August. Aus London ließ sich unlängst ein Berliner Blatt melden, der deutsche Dampfer „Reichstag", welcher für Transvaal bestimmt ist und u. a. 15000 Gewehre an Bord hat, sei in der Delagoa- Bai auf Befehl der portugiesischen Behörden angehalten worden, wogegen der deutsche Konsul vorläufig Einsprache
erhoben und sich wegen weiterer Instruktionen nach Berlin gewandt habe. Wie die „Post" auf Erkundigung an unterrichteter Stelle erfährt, ist dort von einem solchen Vorgänge in der Delagoa-Bai nichts bekannt.
Berlin, 15. August. Die Fraktionssitzung der nationalliberalen Partei des Abgeordnetenhauses begann heute früh 10 Uhr unter dem Vorsitz des Abgeordneten v. Eynern und war sehr stark besucht. Wie die „National-Zeitung" meldet, wies die Fraktion einmütig und mit größter Entschiedenheit jede Verquickung der Mittelland- Kanal-Vorlage mit der Kornnmnal-Wahlreforrn zurück. Beide Vorlagen seien durchaus getrennt und sachlich zu behandeln. Die nationalliberale Fraktion wird geschlossen für die Kanal- Vorlage eintreten.
— Bei der jetzt dem vollständigen Abschluß sich nähernden Versetzung richterlicher Beamten in den Ruhe st and stoßen, wie die „Köln. Ztg." erfährt, einige Richter, die bereit wären, nach Maßgabe des nun feftgelegten Gesetzes ihr Amt aufzugeben, auf unerwartete, für die davon Betroffenen sehr unerfreuliche Schwierigkeiten. Es ist nämlich mehreren Amtsgerichtsräten, deren Beschäftigung gegenwärtig wie feit Jahren schon ausschließlich in der Bearbeitung von Strafsachen besteht, vornehmlich begehrten und altgewohnten Vorsitzenden von Schöffengerichten, die nachgesuchte Versetzung in den Ruhestand beanstandet worden, und zwar mit der Begründung, diese Strafrichter — hony soit, qui mal y pense — würden als solche von den mit dem 1. Januar Kraft erlangenden neuen Gesetzen und Bestimmungen wenig oder gar nicht berührt ; es fei auch nicht zu erwarten, daß sie in den nächstfolgenden Jahren zu einer anderen Geschäftsabteilung übertreten würden, geschweige denn gegen ihren Willen überzugehen sich gezwungen sehen würden, — mithin fehle es an genügenden inneren Gründen, in diesen Fällen ohne Nachweis der Dienstunfähigkeit lediglich im Hinblick auf den 1. Januar 1900 die Versetzung in den Ruhestand zu gewähren. Bekanntlich wird für jedes Amtsgericht alljährlich eine Verteilung der Geschäfte durch das Präsidium des Kammergerichts, zu dem es gehört, vorgenommen, wobei felbstver- ständlich die Wünsche des einzelnen Amtsrichters nach Mög« lichkeit berücksichtigt werden, soweit nicht besondere äußere oder innere Schwierigkeiten im Wege stehen. Die Beschäftigung mit Strafsachen pflegt im ganzen weniger gesucht zu fein, dies zum Teil auch wegen der, rein amtlich genommen, größern Anstrengung und Mitleidenschaft nach der Gefühlsseite. Gewöhnung und Hebung mögen nun auch hier ausgleichend wirken, oder auch gegen Hnannehmlich-
Feuilleton.
Anschluß verpaßt.*)
Skizze von Otto Bruhnsen.
„Hie guet Württemberg allerwege!"
Froh kam's mir aus der Kehle, und meiner sonstigen Gemessenheit entgegen, faßte ich rasch und herzlich beide Hände des Sinnenden, der, mich alsbald erkennend, die Begrüßung des so unerwartet auftauchenden Freundes mit Lebhaftigkeit erwiderte.
Auf Helgoland war es.
Mein lieber Stuttgarter stand in Gedanken an der windumwehten Nordspitze, als ich, eine einsame Wanderung oben an den zerklüfteten Steilwänden beschließend, auf ihn zutrat.
Wir hatten uns vor einigen Sommern auf Sylt kennen gelernt, waren damals als Duzfreunde auseinander gegangen, hatten zuerst gar fleißig miteinander korrespondiert, uns dann aber nach und nach aus den Augen verloren.
Wie das bei Freundschaften ja eigentlich selbstverständlich ist, trotz des Amico pectus hosti frontem, dem immerdar nachzuleben wir uns zugeschworen hatten.
Der Stuttgarter war bereits feit vierzehn Tagen an ber See, und solcher Aufenthalt hatte ihm gut gethan, wie leichtlich zu ersehen war.
Von der Sonnenglut des Heumondes tief gebräunt, ■ftanb er vor mir.
„Hub Du?"
„Bin gestern von Hamburg eingetroffen. Es ist eigentlich erstaunlich, daß wir erst jetzt aufeinander stoßen."
„Du wohnst unten?" fragte er.
«Im „Prinz Heinrich", nickte ich. „Ich bin nur
*) Nachdruck nur mit Erlaubnis des Verfassers gestattet.
während kurzer Zeit nach oben gestiegen, um bei Jansen zu Abend zu essen."
„Jansen?--ist mir ganz unbekannt. Da mußten
wir uns ja verfehlen. — Du kennst doch meine Naturschwärmerei noch von früher her. Nun hatten wir hier gestern prachtvolles Abendglühen, das noch eine Stunde vor Mitternacht am Horizonte glomm. Ich konnte mich nicht losreißen von der balsamischen Nacht und dem unbeschreiblich herrlichen Leuchten und Funkeln der Sterne über Helgoland, das mich märchenhaft berührte. Meine anfängliche Absicht, drunten im Konversationshause noch einen Schoppen zu trinken, wurde dadurch vereitelt. Aber froh, unendlich froh stimmt es mich, daß wir uns in diesem Sommer nicht verfehlt haben, wie leider schon in so manchen anderen."
Uni) mit herzlicher Zuthum.chkeit nahm er meinen Arm und pilgerte mit mir langsam an der Westküste entlang. Mit vielem Humor erzählte er dabei, wie er vor kurzem von seinem greifen Vater beauftragt worden fei, die unhaltbar gewordenen Verhältnisse seines jüngsten Bruders, der bereits im sechsten Jahre in Göttingen die Rechte studiere, einmal vom Fundament auf zu regeln. Bei solch heißem Bemühen sei er leider selbst in mancher Nacht illuminiert zu Bett gegangen.
Die Sachen hätten doch übrigens nicht so desperat gelegen, wie viele der Kommilitonen aus echt landsmannschaftlichem Gefühl heraus sie daheim geschildert hätten. Um Michaelis wollte der tolle Junge ins Examen steigen und hoffentlich werde er noch mit Ehren bestehen.
„Hm!" machte ich nachdenklich zu seinen letzten Worten . . . „Sag mal, wie sieht denn eigentlich besagter Thunichtgut aus? Hat er Ähnlichkeit mit Dir?"
Der andere blickte erstaunt.
„Nun, die Ähnlichkeit ist zurzeit nicht gerade frappierend. Immerhin ist eine solche vorhanden. Er hat
blondes Haar, ich braunes. Seine Gesichtszüge sind schärfer geschnitten als meine. Er wird später einmal meine Statur erhalten. Ganz gleich sind bei uns nur die Augen. Doch wie kommst Du . . ."
„Die braunen Augen," nickte ich, ihn mit seiner Frage nicht zu Ende kommen lassend. „Diese sind es aut) zunächst, welche mich zu diesem Verdacht führen . . ."
„Zu welchem Verdacht?" fragte Eberhard Sachs, immer aufmerksamer werdend.
Wir waren im langsamen Fürbaßschreiten am Ende des Falms angekommen; vor uns gähnte der Abgrund der großen Treppe.
„Daß es Dein lebenslustiger Bruder war, der gestern auf der „Silvana", studentisch zechend, zwölf Flaschen Bier zum Frühstück trank."
„Finden Sie das so erstaunlich?" fragte eine klangvolle Stimme ganz in unserer Nähe.
Wir fuhren beide überrascht auf den Absätzen herum. Eberhard Sachs prallte außerdem zurück, als sähe er ein Gespenst.
In einem weit offenstehenden Parterrefenster der Villa Anna lag die zur Korpulenz neigende Gestalt eines jungen Mannes, der im ganzen Aeußeren und Gehaben so unverkennbar einem deutschen Studenten glich, daß es des unter der Weste hervorlugenden dreifarbigen Burschenbandes nicht eigentlich bedurft hätte, um feine Bedeutung im sozialen Staate augenblicklich und mit Sicherheit festzustellen.
„Emil — wo kommst Du her?" fragte mein Begleiter ganz entsetzt.
„Von Hamburg," erklärte der Angerufene gleichmüttg, zunächst ganz ungeniert im Fenster liegen bleibend. „Alles, was honett ist, kommt von Hamburg. Bist Du über Bremen angelangt? Hebrigens . . . stelle ich mich . . . den Herren . . . ganz zur . . . Ver.. fügung."


