Ausgabe 
17.8.1899 Zweites Blatt
 
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duftende Blumenspende mit sanfter Gewalt aus den Fingern seines Pathenkindes loslösen mußt hell auflachte und sagte:Ja, ja, was der Deutsche einmal hat, das hält er auch fest." Der Monarch unterhielt sich darauf mit dem Kleinen und seinem Vater längere Zeit und fragte letzteren, ob wohl auch der achte Junge zu erwarten sei. Als ihm hierauf von dem glücklichen Vater eine ganz entschieden bejahende Antwort zu Teil wurde mit dem Bemerken, daß das kaiserliche Pathenkind einmal der Marine beitreten solle, meinte der Kaiser, daß ihn das herzlich freue, und wenn es einmal so weit sei, möge er sich ruhig an seinen Kaiser wenden. Zum Abschied reichte der Herrscher Vater und Sohn die Hand und übergab dem Kleinen ein Geldgeschenk von 50 Mark als Grundstock für ein Sparkassenbuch.

* Generalversammlung des Deutschen und Oesterreichischen Alpen-Vereins in Passau. Am 11. August vormittags versammelten sich die Festteilnehmer im Ratskeller am Fisch­marktplatz an der Donau, um von dort einen Ausflug durch das romantische Thal der schwarzen Jlz zu unternehmen. Der Ausflug verlief aufs schönste. Um 11 Uhr hielt der Zentralausschuß eine Vorbesprechung im Ratskeller ab. Am Abend fand ein Kellerfest auf dem herrlich gelegenen Jnn- stadtbrauereikeller statt, das unter kolossalem Andrang einen prächtigen Verlauf nahm. In der Generalversammlung am 12. August, der als Ehrengäste anwohnten Regierungsrat v. Artin als Vertreter der Negierung von Niederbayern, Bürgermeister Muggenthaler von Passau, der Vorstand des niederösterreichischen Alpenvereins, Gerber, und der Vor­stand des österreichischen Touristenklubs, Dr. Klotzberg, wurde die 14 Punkte umfassende Tagesordnung unter Anwesenheit von 163 Sektionen mit 2943 Stimmen und lebhafter Be­teiligung an der Diskussion erfolgreich erledigt. Nach dem Jahresbericht ist die Zahl der Unterkunftshütten auf 191 gestiegen. Ein meteorologischer Turm auf der Zugspitze ist fast vollendet und ein Alpiner Pflanzengarten für botanische Versuche mit Alpenpflanzen bei der Bremerhütte im Geschnitz- thal vorgesehen. Die Zeitschrift für 1899 wird das erste Blatt einer Karte der Ferwallgruppe enthalten. Der Zentralausschuß wird ermächtigt, versuchsweise eine Kom­mission von fünf Mitgliedern für Führer-Angelegen­heiten einzusetzen. Bei der Ersatzwahl in den wissen­schaftlichen Beirat wird Herr Professor Th. Fischer (Marburg) und in den Weg- und Hüttenbauaus­schuß Herr Geheimerat Sydow (Berlin) und Direktor A. von Schmid (Graz) gewählt. Für das Jahr 1900 sind einschließlich 10,337 Mk. aus dem Vorjahre 300,200 Mk. in Einnahmen und ebensoviel in Ausgabe vorgesehen, da­runter 165,500 Mk. für die Vereins - Publikationen und 66,000 Mk. für Weg- und Hüttenbauten. Für die Unkosten des Atlas der Alpenflora werden aus der Erübrigung des Jahres 1898 10,000 Mk. und ein entsprechender Betrag für 1899 angewiesen. Die neuen Satzungen der Führer­kasse gelangen nach dem Anträge des Zentralausschusses einstimmig zur Annahme. Schließlich erfolgt die Wahl von Straßburg i. Els. als Ort der nächstjährigen Generalver­sammlung. Für die folgenden Jahre haben sich bereits Innsbruck, Meran, Teplitz, Wiesbaden, Chemnitz und Waid­hofen a. Mbs gemeldet. Nach der Generalversammlung wurden vom Zentralausschuß an den Prinzregenten, den deutschen Kaiser und Kaiser Franz Josef Huldigungsdepeschen abgesandt. Beim nachmittägigen Festmahl brachte in der Reihe der Trinksprüche der erste Präsident des Alpenvereins, Ministerialrat Burkhard, den Toast auf den Regenten, zweiter Vorsitzender, Universitätsprofessor Oberhummer, den auf die beiden Kaiser aus. Die Wasserfahrt auf der Donau nach Obernzell gewährte einen Blick auf landschaftlich herr­liche Partien. Die Stadt- und Höhenbeleuchtung sowie das Bombardement zwischen Passau und Oberhaus bot ein über­wältigendes und in der Welt wohl nirgends wieder zu sehendes Schauspiel. D. T. A.

* Der RieseneisbrecherJermak", der von Norwegen aus einen Vorstoß in die spitzbergischen Meeresteile machte und dann zum Karischen Meer gehen sollte, ist bekanntlich von Spitzbergen nach Newcastle gegangen, um die im Polareise erlittenen Beschädigungen ausbessern zu lassen. Diese Beschädigungen sind demFränk. Kurier" zufolge ganz beträchtlich, während die englischen Blätter seinerzeit berichteten, der Rieseneisbrecher, der in England gebaut worden, wäre nur ganz unwesentlich beschädigt. Er hatte aber bei seiner Ankunft in Newcastle 10 Fuß Wasser im Vorderteil. Ein Blatt der Vorderschraube (derJermak" hatte nach amerikanischer Art vorn und hinten Schrauben) war abgebrochen und die Achse sehr verbogen. An der Außenwand müssen drei neue Platten eingesetzt und zwölf von neuem genagelt werden. Einen besonders deutlichen Begriff von dem Schaden, den das Vorderschiff erlitten, . erhält man aber, wenn man hört, daß an jeder Seite 15 neue Spanten eingesetzt werden müssen.

* Für die Pariser Welt-Ausstellung ist ein Wunderwerk der Miniaturschreibkunst bestimmt, das angesichts des Drey- fusprozesses aktuelles Interesse hat. Der Kalligraph M. Sopher in Berlin hat es fertig bekommen, Zola's berühmten J'accuse"-Artikel, mit dem dieser den Feldzug für Dreyfus rinleitete, vollständig auf einer gewöhnlichen deutschen Reichs- Postkarte abzuschreiben. Das merkwürdigste ist, daß die Schrift ohne Vergrößerungsglas mit freiem Auge lesbar erscheint. Die Fertigstellung hat mehrere Wochen in An­spruch genommen, da die Arbeit wiederholt mißlang und immer von neuem in Angriff genommen werden mußte.

* Ein egyptischer Prinz als preußischer Gefreiter. Seit dem 16. April er. ist der jüngste Sohn des Vizekönigs von Egypten, der Prinz Fazyl Osman, beim 1. Bataillon des dritten Garde-Grenadier-Regiments (Königin Elisabeth) in Berlin als Avantageur eingestellt. Der etwas schwächlich gebaute Prinz, der im 19. Lebensjahre steht, bewohnt eine Stube in der Westend-Kaserne, wo das Regiment liegt, und macht seit seiner Einstellung beim Regiment den Dienst wie jeder andere Grenadier mit, er trug bei dem Exerzieren

auf dem Tempelhofer Felde das Gepäck wie jeder andere Soldat. Von den Offizieren und Mannschaften wird er einfachPrinz" angeredet. Der deutschen Sprache ist er vollkommen mächtig. Nun ist der Prinz zum Gefreiten be- ördert worden und hat eine Korporalschaft erhalten. Diese resteht aus durchweg großen Leuten, die den Prinzen an Körperlänge und -Umfang überragen.

Ein Lehrbuch für die Zuschneidekunst, für den Selbst­unterricht verfaßt, ist im Verlag der Deutschen Bekleidungs- Akademie München, M. Müller & Sohn, soeben erschienen. Mit der Herausgabe dieses Werkes hat die Deutsche Bekleidungs-Akademie München, an der schon Tausende von Fachleuten ihre Ausbildung als Schneidermeister oder Zu­schneider fanden, dem ganzen Gewerbe einen großen Dienst erwiesen. Die vielen Konstruktions-Zeichnungen, sowie die auf photographischem Wege hergestellten Bilder, welche ver­schiedene Körperformen zur Anschauung bringen und somit die Anleitung zu deren Bekleidung bilden, sind für den Kleidermacher ein großer Behelf zur Ausübung seines Ge­werbes. Die Darstellung der Sportskleider, Uniformen, kirchlichen Gewänder, Knaben-Garderobe und Damenkleider in Wort und Bild machen dies Werk zum Lexikon des Kleidermachers. Der Preis des vollständigen gebundenen Werkes beträgt 15 Mk.

* Die Anfertigung der Medaillen für die Pariser Welt­ausstellung 1900 ist, wie man aus Paris schreibt, den Künstlern Chaplain und Roty übertragen worden. Chaplain soll die Medaillen, welche als Anerkennung und Belohnung verliehen werden, gravieren, während Roty die Erinnerungs-Medaille schlagen wird. In einigen Wochen gedenken sie, Herrn Picard, dem Generalkommissär der Ausstellung, sowie dem Direktor der schönen Künste, Roujon, ihre Entwürfe vorzulegen. Augenblicklich ist man ferner eifrigst mit der Zusammenstellung des Weltausstellungs- Katalogs beschäftigt. Er soll 19 Bände enthalten.

* Beethoven's letzte Wohnungen in Wien. In einem Artikel der Neuen Freien Presse:Beethovens Wohnungen in Wien" schreibt Dr. Th. v. Frirnrncl u. A.:Nicht vollkommen klar ist eiu Intermezzo, während dessen der Meisteram Jose phstädter Glacis" gewohnt haben soll. Danach hatte er seine Wohnung wieder auf der Land­straße, diesmal in Nr. 244, das ist im großen Hause der Augustiner. Dann 1822 und 1823 kam die Kothgasse an die Reihe, die ihren bis heute charakteristischen Namen gegen die Benennung Gumpendorferstraße eingetauscht hat. Will man dem Anton Ziegler'schen Adreßbuche Glauben schenken, so wohnte Beethoven zur angegebenen Zeit in Nr. 60 der Kothgasse. Bei anderen steht anderes. Das Haus Nr. 60 war eigentlich in der Pfarrgasse gelegen, dürfte aber einige Fenster mit dem Blicke nach der Koth­gasse zu besessen haben. Hierauf hätte Beethoven in einem der Häuser an den Ecken der Ungargasse und Bockgasse gewohnt. Die Bockgasse ist seither zur Beatrixgasse veredelt worden. Genaue Angaben über diesen Wohnsitz des un­ruhigen Künstlers waren bisher nicht zu ermitteln. Dagegen ist es durch allerlei zerstreute Nachrichten, die sich unge­zwungen haben vereinigen lassen, klar geworden, daß Beet­hoven im Jahre 1824 einige Monate in jenem Hause gewohnt hat, das noch jetzt als Nr. 1 der Johannesgasse an der Ecke der Kärntnerstraße zu sehen ist. Damals gehörte es, wie Schimmer's Häuserchronik und andere Quellen ausweisen, der Familie Kletschka. Hausnummer war 969. Ein Brief Beethoven's bezieht sich auf das Hereinkommen von der Landstraße in diese Wohnung, welche der stocktaube, grob­körnige, durch Enttäuschungen und endloses Ungemach tief verstimmte Meister für sich, seine Haushälterin und seinen Neffen Karl gesucht hatte. Herr Dr. Iurie v. Lavandal in Wien, mit der Familie Kletschka verwandt, teilte mir vor Jahren freundlichst eine Ueberlieferung mit, die von Beet­hoven's Aufenthalt in jener Wohnung Kunkw gibt. Iuries Urgroßmutter war die Vermieterin. Ihre Tochter Nanette Kletschka (später Gemahlin des Hof-Antiquars Riegl) erzählte späterhin oft, daß sie sich lebhaft an die auffallenden Mieter der Wohnung in der Johannesgasse erinnere, so kurz sie auch im Hause geblieben waren. Beethoven, so berichtete Frau Kletschka-Niegl, behandelte nicht nur den Neffen, sondern auch die Haushälterin geradewegs roh. Es gab lärmende, auffällige ©eenen. Auch die Benützung des Klaviers war mehr geräuschvoll als angenehm, denn der taube Beethoven soll hie und da übermenschlich hineinge­droschen haben. Die anderen Hausbewohner beschwerten sich, und nun riß der Hausbesitzerin die Geduld. Sie rief ihre Tochter herbei und befahl ihr:Nanette, jetzt gehst d' hinauf und sagst V dem Narren auf!" (d. h.kündigst ihm." D. N.) Nach der mißglückten Campagne in der Johannesgasse dürfte Beethoven mit seinen wenigen Hab­seligkeiten in die benachbarte Krugerstraße gezogen sein. Wie es scheint, ist es die heutige Nr. 13 in der genannten Straße, die für kurze Zeit dem berühmten Manne Obdach geboten hat. Ein Zeitgenosse Beethovens unterrichtet uns davon, daß die Wohnung in der Krugerstraße dürftig ein­gerichtet und unbehaglich war. Ungefähr ebenso hört man es von allen Wohnungen Beethovens. Sie waren ihm stets nur Mittel zum Zweck, und dieser Zweck hieß: künstlerisch schaffen. Aller äußerliche Tand war ihm lästig und hätte ihn gewiß beim Eintritt i'ns innerste Heiligtum seiner Kunst beirrt. Einfach und schlicht war auch seine Wohnung im Schwarzspanierhause, die er im Herbst 1825 bezog. Doch war dieses Heim wenigstens hell und freundlich, ziem­lich geräumig, wie sehr auch die Ausstattung zu wünschen übrig ließ. Als Beethoven auch diese Wohnung aufgeben mußte, war es für die Ewigkeit. Man weiß es: der Meister ist vom Schwarzspanierhause nicht mehr lebend hinausgekommen. Dort ist er am 26. März 1827 verschieden."

* Elektrizitätswerke in Deutschland. Die kürzlich von derElektrotechnischen Zeitschrift" veröffentlichte Statistik der Elektrizitätswerke in Deutschland nach dem Stande vom 1. März d. I. konstatiert einen Fortschritt auf dem Gebiete

des Centralenbaues in dem Berichtsjahre, der den der früheren Jahre noch um ein Erhebliches übertrifft, und zwar sowohl hiirsichtlich der Errichtung neuer Werke, wie bezüglich des weiteren Ausbaues der bereits vorhandenen. Neu in Betrieb gekommen sind im vergangenen Jahre 114 Werke, so daß am 1. März 1899 im Deutschen Reich 489 Elektrizitäts­werke vorhanden waren gegenüber 375 im Vorjahre. Von den in der Statistik als noch im Bau begriffen angeführten 123 Werken sind inzwischen weitere 15 Werke in Betrieb gekommen, so daß sich die Zahl der gegenwärtig im Betrieb be­findlichen Werke auf 594 beläuft. Hiervon sind 486 Werke im Laufe des letzten Jahrzehnts, die übrigen 16 vor Ende des Jahres 1888 errichtet worden. Gegenüber diesem rapiden Fortschritte im Baue elektrischer Centralen hat ein Vergleich mit der Entwickelung der Gascentralen ein besonderesJnteresse. Die Geschichte der Gasanstalten in Deutschland blickt auf einen Zeitraum von ungefähr 75 Jahren, diejenige der elektrischen Centralen auf einen solchen von etwa 15 Jahren zurück. In dem langen Zeitraum von drei Viertel Jahr- junderten sind 816 Gascentralen errichtet worden gegenüber 504 Elektrizitätswerken in anderthalb Jahrzehnten. Von Ende 1895 bis Ende 1898 betrug die Zunahme der Zahl der Gaswerke 62, die der Elektrizitätswerke 261. Der Gleichstrom wird in 80,6 % aller Werke, 394, angewendet, von denen 361 mit und 33 ohne Akkumulatoren arbeiten. Je 33 Werke haben Wechsel- und Drehstrom, 2 monocyklische Generatoren, 27 gemischte Systeme. Die Leistungs­fähigkeit der Drehstromwerke hat sich auf mehr als das Doppelte gegenüber dem Vorjahre erhöht. Als Be­triebskraft nimmt auch jetzt wieder der Dampf die erste Stelle ein, der bei 290 Werken zur Anwendung kommt. Wasser-Betriebskraft haben 55 Werke, Gas 21, Druckluft, Elektromotor und Drestrom-Gleichstrom-Umformer je 1, ge- mifchtesSystem 117, davon 103 Wasser und Dampf. Wenn man von dem großen Rheinfeldener Werke mit 12,000 Kilo­watt Leistung absieht, so ist, wenn sich auch die Zahl der mit Wasser betriebenen Werke um ein Geringes vermehrt hat, die Maschinenleistung gegenüber dem Vorjahre erheblich herabgegangen. Wiederum haben verschiedene Wasser-Werke, da sie den Anforderungen nicht mehr genügen konnten, eine andere Vetriebskraft zu Hilfe genommen. Der Gesamt­leistung nach besitzen immer noch nahezu die Hälfte aller Werke weniger als 100 Kilowatt Gesamtkapazität. 184 haben eine solche von 101 bis 500, .20 von 501 bis 1000, 23 von 1001 bis 2000, 13 von 2001 bis 5000 und 4 von 5001 bis 12,000 Kilowatt. Das größte Elektrizitätswerk Deutschlands sind gegenwärtig die Kraftübertragungswerke Rheinfelden mit 12,000 Kilowatt; dann kommt die Cen­trale Zollvereinsniederlage in Hamburg mit 7033, Centrale Spandauerstraße Berlin mit 6708, Centralen Mauerstraße und Schiffsbauerdamm Berlin mit 5486 und 4828, Frank­furt a. M. mit 4152, Straßburg i. E. mit 3820, Dresden Lichtwerk mit 3580, Centrale Poststraße Hamburg mit 3150, Oberspree Berlin mit 3000 Kilowatt u. s. w. Die Zahl der im ganzen angeschlossenen Glühlampen stellte sich im letzten Jahre auf 1,940,744 (Vorjahr 1,429,901), der Bogenlampen auf 41,172 (32,586), Elektromotoren auf 68,629 (35,867) Pferdestärken. Der Gesamtanschluß- ivert, auf Glühlampen reduziert, stellt sich auf 3,587,23 Normallampen.

Universitäts-Nachrichten.

Karl v. Weizsäcker. Aus Tübingen, 13. August wird derFrks. Ztg." geschrieben: Wie bereits telegraphisch mitgeteilt, ist in der Nacht von Samstag aus Sonntag der Kanzler der Tübinger Hochschule und Professor der Theologie Geheimer Rat Dr. Karl v. Weizsäcker nach längerem Leiden gestorben. In dem 77jährigen Kanzler verliert unsere Universität nicht nur ihren Nestor und thrm obersten, dem jeweiligen Rektor koordinierten Verwaltungsbeamten, sondern auch einen ihrer bedeutendsten und zweifellos den populärsten ihrer Lehrer. Mit herzlichster Anteilnahme verfolgte man deshalb weit über die Kreise der Hochschule hinaus in der Stadt und im ganzen Lande den Verlauf der Krankheit, die den greisen Herrn seit einigen Monaten befallen hatte. Karl Heinrich v. Weizsäcker war geboren zu Oehringen am 11. Dezember 1822. Er studierte in Tübingen und Berttn und habilitierte sich dann, nachdem er den philosophischen Doktortitel erworben, im Javre 1847 als Privat­dozent der Theologie in Tübingen. Er gav aber bald darauf die akademische Laufbahn wieder auf, um 1848 eine Pfarrei in Btllings- bach zu übernehmen, und 1851 wurde er als Hofprediger nach Stutt­gart berufen, wo er verblieb, bis er 1861 einen Ruf als ordentlicher Professor der Theologie an die Tübinger Hochschule erhielt. Volle 38 Jahre wirkte er hier in dieser Stellung, zu der 1889, nach Rümelintz Tod, noch die eines Kanzlers binzukam, nachdem er vor­her schon zweimal (1867/68 und 1877/78j das Amt deS Rektor» bekleidet hatte. AlS Kanzler hatte er auch das Mandat der Uni­versität in der Württembergtschen Abgeordnetenkammer inne, der er schon früher einmal als gewählter Abgeordneter angehört hatte. In­folge seines konzilianten Wesens und seiner trefflichen Charakter­eigenschaften, erfreute sich der greise Kanzler im Landtag der größten Wertschätzung bet allen Parteien des Hauses, und es wird ihm un­vergessen bleiben, daß bet den Verhandlungen über die Verfassungs- reviston er allein von allenPrivilegierten" unbefangen genug war, um für das Ausscheiden der Privilegierten aus dec zweiten Kammer zu stimmen. Hier wie in seiner ganzen öffentlichen Thättgkett zeigte er sich alS wahrhaft liberaler Mann. In früheren Jahren hat Ka.l von Weizsäcker auch eine umfangreiche lttterarische Thättgkett ent­faltet, tnsbesondere wird seine Uebersetzung deS Neuen Testamente» in theologischen Kreisen sehr geschätzt. Vor etwa zwei Jahren war es ihm vergönnt, sein 50jährtges philosophisches Doktorjudiläum zu begehen, au6 welchem Anlaß ihm aus weiten Kreisen herzliche Kund­gebungen dargebracht wurden; u. a. ernannte ihn die juristische und die staatSwtssenschaftltche Fakultät zum Ehrendoktor, sodaß er schließ­lich den Doktortttel von vier Fakultäten führte. Dem verdienst­vollen Manne, zu dessen Füßen Hunderte von württembergtschen und auSwärttgen^Theologen gesessen, wird man nicht nur in akademischen Kreisen, sondern tm ganzen Lande Württemberg, ein ehrendes An­denken bewahren.

[ Meyers Konversalions - Lexikon

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