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16.2.1899 Zweites Blatt
 
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Gießener Anzeiger

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Caprivi und die deutsche Flotte,

Die Zeit, während welcher der General v. Caprivi an -er Spitze der Flotte stand, war für diese von höchster Vkdeutung. Drei Punkte sind es, die des Generals Ver- b'rnste in besonderem Lichte zeigen. Erstens war er der Lchiipfer und Organisator unseres heutigen Torpedowesens, heften Entwicklung die Folge der Gesichtspunkte bildet, welche Caprivi in seiner Denkschrift vom Jahre 1883 nieder- legte, und welche damals einen besonderen Aufwand von 17 Millionen erforderten. Zweitens gebührt ihm das Ver­dienst einer erheblichen Vermehrung des Flottenpersonals in dem Sinn, daß für den Fall einer Mobilmachung der ganzen Flotte die erforderliche Zahl von ausgebildeten Mannschaften zur Bemannung auch dann vorhanden sein ta, wenn ein Teil der Bemannung vom Politischen Dienst der Schiffe in Anspruch genommen ist und danach für die Flotte in den heimischen Gewässern nicht in Anrechnung gebiacht werden kann. General v. Caprivi griff, um den SvLstand zu decken, auf eine reichlichere Verwendung der Landbevölkerung hinüber, als es bisher der Fall gewesen, ivkil die seemännische Bevölkerung dafür nicht ausreichte, unö nach des Generals eigenen Erklärungen hat sich diese Maßregel durchaus bewährt.

Im Zusammenhänge damit steht drittens die veränderte Ausbildung des Flottenpersonals, so ganz besonders die jahillich angeordnete Ausrüstung eines besonderen Schul- geslhwaders, welches etwa ein halbes Jahr lang zur Uebung und Erweiterung der bereits erlangten Ausbildung in fremden Gewässern zu kreuzen hat. Das Jahr 1884 bildete den Anfang einer neuen großen Aufgabe für die deutsche Flotte, tannals war es, daß die Kolonialpolitik ins Leben trat, mb obwohl General v. Caprivi noch in der obengenannten Derilfchrist auf den Mangel an ausgebildetem Personal hingewiesen, gelang es ihm doch, den so plötzlich an ihn herangetretenen hohen Anforderungen in vollem Umfange Krocht zu werden, ohne daß sich dabei eine Reibung oder flir eine Störung bemerkbar gemacht hätte, denn nebenher tdifiten die Hebungen in den heimischen Gewässern keine Unterbrechung. Die Folge der Kolonialpolitik war zunächst tiiie größere Zahl von Indienststellungen von Schiffen für toi politischen Dienst, welche zum Teil dauernd in den Kolonien slmioniert wurden (Ost- und West-Afrika), zum Teil in <in Kreuzergeschwader vereinigt, bald hier, bald da zu er­

scheinen hatten, um die verschiedenartigen Aufgaben zu erfüllen, welche an solches nnveichältnismäßig großes Ge­schwader gestellt werden. Dies bot den Offizieren die beste Gelegenheit, ihre Tüchtigkeit auf jedem Gebiete zu vervoll­kommnen.

Von ihnen haben sich fünf, Frhr. v. d. Goltz, v. Knorr und Pärchen, v. Diederichs und Tirpitz, zu denen Prinz Heinrich hinzutritt, einen Namen als tüchtige Seeleute ge­macht. Ganz ohne politische Reibungen ging die Kolonial- polüik nicht von statten. Wir erinnern nur an die Karo­linenangelegenheit und besonders an die große Flotten­versammlung vor Sansibar. Im Jahre 1887 legte Caprivi dem Reichstage eine neue Denkschrift vor, in welcher er zwar auf dem betretenen Wege zu verbleiben erklärte, jedoch betonte, daß die inzwischen gemachten Erfahrungen zu neuen Anstrengungen führen müßten. Durch diese Denkschrift er­reichte Caprivi, daß ihm eine festgestellte Summe zur Auf­rechterhaltung der Kriegstüchtigkeit der Flotte auf Dauer bewilligt wurde, innerhalb des Rahmens, welchen er als den richtigen für die Aufgabe der deutschen Flotte bezeichnete. Im Uebrigeu verhehlte Caprivi nicht, daß die deutsche Flotte, welche als eine solche zweiten Ranges mit der russischen es müsse aufnehmen können, unter diesen Rang gesunken sei und daß es des Neubaues von schnellen Kreuzern und Avisos bedürfe, um wenigstens den notwendigsten An­forderungen zu genügen. Auch diese Forderungen wurden bewilligt. Während Caprivi auf diesen verschiedenen Ge­bieten seine Thätigkeit entwickelte, erfuhr die deutsche Schlacht­flotte eine Verstärkung. Man stand sogar von dem Ersatz des gesunkenenGroßen Kurfürst" ab, und das Bemerkens­werteste, was für die Schlachtflotte unter seiner Amtsführung geschehen, bildet die Neupanzerung und Neubestückung des König Wilhelm", so daß dieses Schlachtschiff wieder auf der Höhe der Zeit anlangte. So liegt die Entwicklung der deutschen Flotte, während der Amtsführung des Generals von Caprivi auf drei Gebieten: 1) Dem der Torpedoboote, 2) dem der Kreuzer und 3) dem der Avisos, während bis zur Amtsführung des Generals Deutschland hauptsächlich das Ziel einer Panzerschlachtflotte verfolgt hatte. Man er­kannte hierin einen völligen Systemwechsel. T. R.

Tie 6. Generalversammlung des Bundes der Landwirte,

die auch in diesem Jahre wieder sehr stark besucht war, die Zahl der Teilnehmer wurde auf 4000 bis 5000 geschätzt, tagte gleichfalls wieder im Zirkus Busch zu Berlin, der zu diesem Zweck festlich eingerichtet worden war. Die Redner­tribüne war mit den Bildnissen des verstorbenen Altreichs­kanzlers Fürsten v. Bismarck sowie des verstorbenen Grün­ders und langjährigen ersten Vorsitzenden des Bundes Dr. v. Plötz geziert. Der erste Vorsitzende v. Wangenheim eröffnete die Sitzung mit einer kurzen Ansprache, in der er auch die zahlreich anwesenden Damen begrüßte, bald nach V91 Uhr und ging dann zu einer begeisterten Gedächtnisrede auf den Fürsten Bismarck über, zu dessen Ehren sich die Anwesenden von ihren Plätzen erhoben. Mit einem jubelnd aufgenommenen Hoch auf den Kaiser schloß Herr v. Wangen­heim seine Ansprache. Darauf hielt der zweite Vorsitzende des Bundes, Dr. Rösicke, die Gedächtnisrede für Herrn v. Plötz. Dieses Mannes Denken und Wollen, so führte der Redner aus, war ganz dem Bunde gewidmet; mit seinem Tode sei dessen erste, die Sturm- und Drang-Periode als abgeschlossen anzusehen. Herr v. Plötz war ein Edelmann vom Scheitel bis zur Sohle; er suchte uneigenützig durch­zuführen, was er für recht und richtig erkannt. Nach den Anstrengungen des letzten Wahlkampfes brach sein Körper zusammen: am 24. Juli v. I. verschied er im Kreise seiner Familie. Nie hätte er sich den Fortschritt des Bundes, deffen Auf­schwung ihm doch zu danken ist, anders vorstellen können, als auf nationalem Boden und mit christlich-monarchischer Gesinnung. Treu war er seinem Vaterlande, seinem König, seinem Gott. Die Versammlung erhebt sich hierauf von den Plätzen; es wurde beschlossen, ein Sympathie-Telegramm an Frau von Plötz zu entsenden.

Sodann folgten die geschäftlichen Berichte, die vom Direktor des Bundes, Dr. Diedrich Hahn, erstattet wurden. Danach hat sich der Bund seit dem Vorjahre um rund 1000 Mitglieder vermehrt und zählt z. Z. 188 000 Mitglieder. Davon wohnen 97 000 westlich und 91 000 östlich der Elbe. 158600 gehören dem Kleingrundbesitz an, 28 000 dem mitt­leren und 1400 dem Großgrundbesitz. Diese Ziffern zeigen, daß der Bund kein Bund ostelbischer Großgrundbesitzer sei. Für die Neichstagswahl wurden rund 4 Millionen Flug-

Feuilleton.

Wein und Weinverfätschung.

Lin zeitgemäßes Kapitel aus der Nahrungsmittellehre. Bon Dr Georg Duncker.

(Nachdruck verboten.)

So weit die Laute deutscher Sprache erklingen, erfreut H der Wein seit jeher einer besonderen Wertschätzung und Hochachtung, und auch in anderen Ländern, wo des Bacchus ♦Me in unvergleichlich reicherer Fülle gedeiht, als bei uns n lallen Norden, giebt es kein Volk, welches mit gleicher kizristerung wie das deutsche die Spende des feucht-fröh- Ben Gottes besingt. Der wehrhafte Stamm, der die Listen der Nord- und Ostsee bewohnt, folgt zwar bejn che lhe'schen Wort:Ein echter deutscher Mann mag keinen ijnm^en leiden"; er beherzigt aber auch die zweite Hälfte

Sentenz:Doch seine Weine trinkt er gern," und toum gehört dort derRotspon", den Bordeaux liefert, iP »'M anerkannten Genüssen jedes Trinkverständigen. Größer ^ch ist der Ruhm des Gewächses, welches an den Ufern ito 'Rheines und seiner Nebenflüsse, Mosel, Nahe, Main, Sun, Neckar und Jll, gedeiht, und die lateinischen Verse:

Bonum vinum Franconum;

Melius Mosellanum;

Vinum tarnen Optimum Vinum est Rhenanum

wad'kn in ihrer Richtigkeit durch das Urteil der ganzen ^lt: bestätigt, welche dem am deutschesten Strome ge» Offenen Rebenblut die Krone unter den Weinen zuerkennt.

im stammverwandten Oesterreich wächst kein übler Nofeitf; der Steirer hält seinen Luttenberger und Jerusalemer M und wer die Kaiserstadt an der Donau gesehen hat, ge den WienerHamur" *) beobachtet zu haben, wie er M vin den Weinorten der Umgebung unter der Wirkung

*) Lokalausdruck für fumor.

desHeurigen" entwickelt, hat einen interessanten Einblick in die Volksseele des Deutsch-Oesterreichers versäumt.

Leider wächst im mittleren Europa viel weniger Wein, als zur Deckung des Bedarfes der Trinker ausreicht, der billige italienische Landwein, der massenhaft zum Verschneiden gebraucht wird, mundet unserem Gaumen nicht besonders, und so ist es kein Wunder, daß in einer Zeit, wo man überhaupt in bedauerlich großem Maßstabe echte Nahrungs­und Gennßmittel durch billigere und minderwertige Surrogate zu ersetzen bemüht ist, die Weinfälschung einen Umfang an­genommen hat, welcher dem tiefen Mißtrauen der Wein­trinker nur allzusehr Berechtigung giebt, und obendrein unserem blühenden Weinbau schwere volkswirtschaftliche Wunden schlägt. Das Reichsweingesetz für Deutschland hat den auf dasselbe gesetzten Erwartungen nicht entsprochen, und eine soeben in Berlin zusammentretende große EnquLte soll Maßregeln vorschlagen, um wenigstens den unerhörtesten Unfug zu verhindern. Keineswegs besser liegen die Ver­hältnisse in Oesterreich und Ungarn, dessen Weine geradezu in Gefahr waren, in den ärgsten Verruf zu kommen; dieses hat sich zum Erlasse eines drakonischen Weingesetzes ge­zwungen gesehen, Grund dessen, um nur ein Beispiel an­zuführen, einer Fünfkirchener Firma vor kurzem ein bereits auf der Bahn befindliches Weinquantum von 80,000 fl. Wert konfisziert wurde, welches nur einen einzelnen der zahlreichen aus dieser Weinfabrik hervorgegangenen Posten bildete.

Eigentlich verdient den NamenWein" nur dasjenige Getränk, welches aus dem Safte der Trauben ohne weiteren Zusatz auf dem Wege der natürlichen Vergährung und Klärung entsteht; wenn man dem Trinker ein mit aus­gepreßten Weinbeerenschalen zusammen vergohrenes Zucker­wasser oder mundgerecht gemachten Obstmost, oder gar ver­dünnten, gefärbten und parfümierten Spiritus als Wein verkauft, so kann über die moralische Qualität dieses Ge­schäfts kein Zweifel sein, und nur diejenigen Manipulationen sind als erlaubt anzusehen, welche nach den Regeln der

sachgemäßen Kellerbehandlung erforderlich sind, um den Wein haltbar zu machen oder zu klären oder bei über­mäßigem Säuregehalt zu entsäuren. Allenfalls könnte man sich auch noch über diejenigen Operationen Hinwegsetzen, welche zur Vergrößerung der gewinnbaren Weinmenge mit unschädlichen Mitteln dienen. Was darüber hinausgeht, ist vom Hebel und eine Schädigung des Publikums.

Sehen wir uns nun einmal einige Stadien der Wein- bereitung genauer an, und folgen wir zu diesem Zwecke dem Produzenten in den Keller. Ein guter Wein kann allemal nur dann erzielt werden, wenn in dem jungen, frisch ge­preßten Moste die einzelnen Bestandteile, nämlich haupt­sächlich Zucker und Weinsäure, in richtigem Verhältnis stehen. In ungünstigen Weinjahren ist das nun keineswegs der Fall. Während ein mittelguter Rheinweinmost etwa 20 Proz. Zucker und 0,6 Prozent Säure enthält, weist ein saurer Most, wie er nach schlechten Sommern nur allzuhäufig ge­wonnen wird, oft kaum 12 Prozent Zucker, dagegen aber bis 1,2 Prozent Säure und darüber auf; die Extraktivstoffe und aromatischen Öde, welche dem Weine sein individuelles Gepräge geben, erleiden dabei nur eine geringe Ver minberung. Es liegt nun sehr nahe, dem Moste von 1,2 Prozent Säuregehalt auf je einen Hektoliter Most einen Hektoliter Wasser zuzusetzen. Man hat bann eine Mischung von 2 Hektolitern, welche in ber That nur 0,6 Prozent Säure enthält, aber vollenbs nur 6 Prozent Traubenzucker; um nun ben Zuckergehalt eines normalen Mostes von 20 Prozent wieder zu erreichen, ist weiter nichts nötig, als auf jeden Hektoliter Mischung 14 Kilo Trauben­zucker zuzusetzen. Dieses unter dem NamenGallisieren" bekannte Verfahren wird im größten Umfange geübt; es läßt sich gegen dasselbe nichts einroenben, weil es, wenn guter Zucker ^genommen wirb, absolut unschädlich ist und ganz vortreffliche Tischweine liefert. Der Produzent hat dabei noch den Vorteil, je nach dem Säuregehalt des Mostes eine größere Menge Wein zu erhalten, als ohne Ver­zuckerung samt Wasserzusatz sich ergeben hatte.

(Schluß folgt.)