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15.10.1899 Zweites Blatt
 
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Sonmag den 15 October

M. 243 Zweites Blatt

1899

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Fernsprecher Nr. 51.

xx Zur innerpolitischen Situation.

Gieße», 14. Oktober 1899.

Daß die Lage in Preußen noch immer nicht ganz ge­klärt ist, haben wir schon immer betont, und tatsächlich ist die Situation so unsicher geblieben, wie sie nur kurz nach der Entscheidung über die Kanalvorlage sein konnte. Etwa zwanzig Landräte und zwei Regierungspräsidenten sind auf dem Schlachtselde gefallen, und noch ein Opfer hat sich ihnen zugesellt: das ist der Freiherr v. Zedlitz-Neukirch, Präsident der preußischen Seehandlung. Es ist noch in frischer Erinnerung, als derVorwärts" vor einiger Zeit Enthüllungen brachte über die außerdienstliche Thätigkeit des Freiherrn, woraus hervorging, daß alle die Leitartikel, welche diePost" gegen den Kanal gebracht hatte, der Feder eines sehr hohen preußischen Beamten entstammten, nämlich derjenigen des Herrn v. Zedlitz. Daß letzterer in­folge der Indiskretionen desVorwärts" erkrankte und deshalb sein Entlassungsgesuch einreichte, ist weiter nicht verwunderlich, ebensowenig, daß das Gesuch ziemlich schnell bewilligt wurde. Also Freiherr v. Zedlitz, der Intimus eines noch viel höher stehenden preußischen Beamten, kann nun, falls sein Gesundheitszustand sich bessert, lustig weiter­kämpfen gegen den Kanal, an dem die Regierung bekannt­lich unentwegt festhalten will.

Wie wenig die Lage in Preußen geklärt ist, dürfte übrigens aus dem schwankenden Gesundheitszustände des Herrn v. Miquel erhellen. Es ist mit der Gesundheit der Minister bekanntlich eine eigene Sache. Alle, welche nicht etwa behufs anderweitiger Verwendung im Staatsdienste ausscheiden, thun dies mit Rücksicht auf ihre Gesundheit, die nicht allzu handfest zu sein scheint. Denn wir haben Minister gehabt, welche noch gestern kerngesund waren, aber schon heute mit Rücksicht auf ihren leidenden Zustand das Portefeuille niederlegen mußten.

Herr v. Miquel hat bisher trotz seines hohen Alters die Beschwerden seines Amtes gut ertragen, und die alljähr­liche Kur in Wiesbaden that regelmäßig ihre Schuldigkeit. In diesem Jahre scheint die Erholung nicht ausreichend ge­wesen zu sein. Mußte der Minister doch sogar der Ein­weihung des Dortmund-Ems-Kanals fern bleiben! Und auch späterhin war das Befinden Miquels erheblichen Schwankungen unterworfen, die ihn in seinen Dispositionen stark einschränkten.

Noch vor wenigen Tagen war dies der Fall, als Herr v. Miquel in Begleitung des Landwirtschaftsministers nach Hannover zur Einweihung der Tierärztlichen Hochschule fahren wollte. Freiherr v. Hammerstein mußte allein reisen, aber ganz plötzlich besserte sich das Befinden des Herrn v. Miquel, sodaß dieser noch die Reise nach Hannover an­

zutreten vermochte und daselbst auch rechtzeitig zur Festrede eintraf. Eine Aufklärung über die gegenwärtige Lage würde vielleicht derjenige geben können, welcher eruierte, wo der Vizepräsident des preußischen Staatsministeriums die Zeit von der Abreise des Landwirtschaftsministers bis zu seiner eigenen Abfahrt verbracht hat. DieGermania" behauptet bekanntlich, daß Herr v. Miquel seinen Frieden mit den Konservativen gemacht habe, und zwar sei dies in den Redaktionsräumen derKreuzztg." geschehen. Ob Herr v. Miquel selbst erschienen ist, oder ob er Beauftragte ent­sandt hat, ist noch nicht bekannt; jedenfalls aber ist der Vorgang sehr bedeutungsvoll und vielleicht nicht ohne Ein­wirkung auf unsere innerpolitischen Verhältnisse. Man nimmt in unterrichteten Kreisen an, daß noch vor dem Zu­sammentritt der Parlamente wichtige Entscheidungen erfolgen, die die Lage zu klären geeignet sind und über die Absichten der Regierung keinen Zweifel lassen werden.

Ksksles und Urovmmkrs.

Gießen, 14. Oktober 1899.

** Soldatenbriefe. Die Zeit des Eintreffens der Rekruten bei ihren Truppenteilen ist gekommen: aus Stadt und Land ziehen die jungen Vaterlandsverteidiger hin zur Garnison, um auf zwei Jahre ihre Kräfte dem Dienste für's Vater­land zu weihen. Nur wenigen ist es vergönnt, am Heimats­orte ihrer Militärpflicht zu genügen, die meisten müssen Eltern und Geschwister, Verwandle und Freunde verlassen und hinaus in die Ferne. Lassen nun auch die Obliegen­heiten des Dienstes, die Neuheit der Situation, das An­passen und Hineinleben in ganz ungewohnte fremde Ver­hältnisse den Gedanken anzu Hause" zunächst in den Hintergrund treten, so wird andererseits nach des Tages Müh' und Plagen eine Nachricht von daheim dem jungen Rekruten gewiß eine angenehme, gern gesehene Abwechselung bringen. Für schnelle und billige Vermittelung des Gedanken­austausches sorgt unsere Reichspost, welche die an die in Reih und Glied stehenden Soldaten (bis zum Feldwebel und Wachtmeister einschließlich aufwärts) gerichteten Briefe und Postkarten, sofern sie Angelegenheiten des Empfängers betreffen und das Gewicht von 60 Gramm nicht überschreiten, unentgeltlich befördert. Die Briefe an die jungen Vater­landsverteidiger brauchen also nicht mit der sonst üblichen roten Freimarke beklebt zu werden, sondern sind unfrankiert in den Briefkasten zu legen. Erforderlich ist aber, daß der Brief mit dem Permerke:Soldatenbrief. Eigene Angelen- heit des Empfängers" versehen wird, andernfalls würde vom Empfänger das tarifmäßige Porto eingezogen werden. Dieser Vermerk ist also ja nicht zu vergessen! Uebrigens

sehen wir in Schreibwaren-Geschäften sogenannte Soldaten- Briefmarken, Zettelchen in der Größe unserer Postbriefmarken, die mit obigem Vermerk bedruckt sind. Die Verwendung solcher Zettelchen erscheint uns sehr empfehlenswert, weil sie Irrtümer in dem Wortlaut des Vermerkes ausschließen; dieselben sind in Schreibwarengeschäften (nicht bei der Post!) für ein Billiges zu kaufen. Auf den Brief geklebt, ver­richten diese Zettelchen denselben Dienst, wie der geschriebene Vermerk. Wohlgemerkt: es genießen nur die an die Sol­daten gerichteten Briefe Portofreiheit. Briefe von Soldaten müssen in gewöhnlicher Weise frankiert sein. Wenn Ihr Eltern und Geschwister, Verwandte und Freunde auf Euren an den jungen Soldaten gerichteten, von der Post unentgelt­lich beförderten Brief Antwort erwartet, so vergeßt daher nicht, dem Empfänger auch den erforderlichen Obolus für das Antwortsporto zukommen zu lassen, denn die Löhnung ist nur knapp bemessen und nicht ausreichend für besondere Zwecke! Sehr angenehm und jederzeit willkommen ist dem Soldaten außer den brieflichen Mitteilungen etwas Materielles, sei es in Gestalt einer Wurst oder dergl., sei es in Gestalt einer Geldsendung. Uns kam unlängst eine illustrierte Postkarte zu Gesicht, die im Bilde die Freude des Soldaten bei Ankunft der Post darstellte: beim Empfang eines Briefes von Hause schmunzelt er vergnügt, die Wurstkiste entlockt ihm schon helle Ausrufe großer Freude, die Postanweisung aber veranlaßt ihn sogar zur größten Ausgelassenheit. Auch Packete und Post­anweisungen an Soldaten befördert die Reichspost, zwar nicht ganz kostenlos wie Briefe, aber doch zu ermäßigten Preisen: Packete bis 3 Kgr. ohne Unterschied der Ent­fernung für 20 Pfg., Postanweisungen bis 15 Mk. für 10 Pfg. Auch die Postanweisungen, sowie die Packet-Begleitadressen und die Packetaufschriften müssen den Vermerk:Soldaten­brief (nicht Soldatenpacket rc.) Eigene Angelegenheit des Empfängers" aufweisen. Alle andere Postsendungen an Soldaten (z. B. Geldbriefe, Nachnahmesendungen, Packete über 3 Kgr. usw.) unterliegen den gewöhnlichen Portosätzen; auch haben Einjährig-Freiwillige und auf Urlaub befindliche Militärs keinen Anspruch auf obige Portovergünstigungen, von denen ferner ausgeschlossen sind: Sendungen, die rein gewerbliche Angelegenheiten des Empfängers betreffen (z. B. den Vertrieb eines von einer Militärperson herausgegebeneu Werkes oder kaufmännische Anzeigen an einen Soldaten) oder die innerhalb des Orts- oder Landbestellbezirkes des Aufgabepostorts an Soldaten abgehen. Beispielsweise wird also ein in Möckern aufgegebener Brief an einen in den dortigen Kasernen liegenden Soldaten nicht gebührenfrei be­fördert, sondern kostet das gewöhnliche Ortsfranko von 5 Pfg. Dieselben Portovergünstigungen wie die Soldaten des Heeres genießen die nicht im Osfiziersrang stehenden Mannschaften und Personen der Kaiserlichen Marine, so-

FrMet-n.

Wird das Wätsel Andrees gelöst?

Von Dr. Wilhelm Meyer.

Das tiefe Geheimnis, welches über dem Schicksal Andres liegt, ist durch die neueste Kunde noch tiefer ver­schleiert worden. Mehr und mehr sinkt die Hoffnung, das große Wollen dieses bewundernswürdigen Mannes von dem verdienten Triumph des Erfolges gekrönt zu sehen Da ist, wie schon mitgeteilt wurde, wieder eine Boje gefunden worden, sogar eben diejenige, welche er nur in dem Augen­blicke des Gelingens der großen, nie vorher auSgesührten That, sobald er den nie erreichten Pol unter sich wußte, auSwerfen wollte. Da wäre also die That geschehen?

Der Cylinder, in welchem die Nachrichten durch solche Bojen verwahrt zu werden pflegen, fehlte, das heißt, die Boje wurde so gefunden, wie sie von Anfang der Fahrt an Bord des Luftschiffes aufbewahrt wurde, denn die Cylinder werden immer erst nachher mit dem Nachrichtenblatt ein­geschraubt. Aus der Polboje ist allem Anschein nach ein vorher etwa vorhanden gewesener Cylinder nicht abgeschraubt oder durch irgend einen gewaltsamen Eingriff entfernt worden. Die Boje hat denBallon ohneNachricht verlassen.

Was haben wir daraus zu schließen? Zunächst liegt die traurige Möglichkeit vor, daß der ganze Ballon zu Grunde gegangen und gerade diese Boje das erste und bisher einzige Objekt gewesen sei, das von diesem Schiffbruch Kunde giebt. Was für ein ganz wunderlicher Zufall wäre dies! Da sind Hunderte von größeren Gegenständen an

Bord gewesen; aber gerade diese Boje sollte zuerst wieder zum Vorschein kommen, um die ganze Welt zu verwirren.

Kann sie nicht wirklich doch ihrer Bestimmung gemäß auSgeworfen und deshalb ein sichtbares Zeichen sein, daß es einem ersten Menschen gelang, jenen geometrischen Punkt zu erreichen, an dessen Eroberung die Kraft der Stärksten bisher erlahmte? Die besondere Art der Polboje war ja bereits für alle Eingeweihten eine unbedingt sichere Nach­richt von diesem Gelingen, vielleicht zum mindesten in der Ueberzeugung der Luftreisenden selbst. Aber ist es nicht eine ganz unverantwortliche Unterlassungssünde, der schwim­menden Post so gar nichts mitzugeben?

Nun, man muß seine Einbildungskraft schon ein wenig anstrengen, um sich in jene Situation zu versetzen, in der nie zuvor sich ein anderer Mensch befand. Versuche ich dies aber, so kann ich mir eine ganze Anzahl von Möglichkeiten vorstellen, unter denen das Ueberbordwerfen der Boje ohne Nachricht erfolgen konnte. Es mochte beispielsweise in der ersten jubelnden Freuoe über die gelungene That geschehen sein, indem man sich vornahm, gleich dahinter eine andere Boje mit Inhalt auszuwerfen. Die Form der Boje sagte ja die Hauptsache. Auch kann es sein, daß sie in der Auf­regung den in engem Raume schwebenden Reisenden zu früh aus den Händen fiel. Und noch eine andere schauerliche Möglichkeit taucht in meiner Phantasie auf. Es ist mir immer recht merkwürdig erschienen, daß die beiden anderen bisher von Andree in unsere Hände gelangten Posten so sehr kargen Wortlaut haben. Es müssen an Bord sehr bald nach dem Aufstieg Verhältniffe geherrscht haben, welche die kühnen Polarfahrer außer stand setzten, längere Mit­teilungen zu machen, von deren Wichtigkeit für uns sie doch überzeugt sein mußten.

In der That wird man begreifen, daß die Schreib­gelegenheit in dem durch die eisige Luft hinstürmenden Korbe nicht gerade die bequemste war. Wie nun, wenn die ungewöhnliche Reise die Kräfte der in den wider­streitenden Strömen des Luftozeans lang umhergeirrten Forscher bis zum äußersten erschöpft haben sollte, sodaß der ermattende Arm des Letzten gerade in dem Augenblicke, da das große Ziel erreicht war, das Zeichen dieses großen Sieges noch hinabwerfen, aber nichts sonst ihm mitgeben konnte? Dann flog das Luftschiff weiter ins unbekannte, und Andrse konnte triumphierend sterben, wie ein Held auf dem siegreichen Schlachtfelde.

Alles das ist möglich, möglicher meiner Ueberzeugung nach, als daß der Ballon zugleich mit der Boje ins Meer, beziehungsweise aufs Eis gelangte. Aber wer könnte heute eine andere Wahrscheinlichkeit als die Denkmöglichkeit dafür finden ?

Ja, ein Umstand macht hinter alle diese Betrachtungen sogleich wieder ein großes Fragezeichen: daS ist der Auf- findungSort der Boje, König Karls Land. Das ist jene fast noch völlig unbekannte Insel oder Inselgruppe, die östlich von Spitzbergen gegen Franz-Josephs-Land hinliegt, sodaß man hier ehemals einen Zusammenhang beider letztgenannten hocharktischen Inselgruppen vermutete, der indes nicht vor­handen zu sein scheint. Nansen hatte eS sich auf seiner Fußwanderung mit Johannsen zur Aufgabe gemacht, dieses Problem zu lösen, da er über das König-Karls-Land hinweg Spitzbergen zu erreichen suchen wollte. Die beiden älteren, von Andrer bekannten Posten sind etwas nördlich von dem bekannten Teile des König Karls-Lands datiert. Es ist nun nach den Resultaten der Beobachtungen auf dem Fram", der noch etwas nördlicher durch das EiS trieb,