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15/10/1899 Viertes Blatt
 
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wiß selten vorkommender Fall, daß in einem Ort in einem Zeitraum von 105 Jahren nur zwei Pfarrer amtiert haben. Löbe konnte bereits am 8 Januar 1881 sein goldenes Doktorjubiläum (Dr. phil) feiern. Aus diesem Anlaß wurde er von der theologischen Fakultät der Universität Jena zum Ehrendoktor promoviert.

* München, 12. Oktober. Bei der heutigen Vorstellung vonFaust", zweiter Teil, im Hoftheater stürzte Stury, der Darsteller des Faust, im dritten Akt aus dem Wolken­wagen in die Tiefe und erlitt eine Gehirnerschütterung. Die Vorstellung mußte abgebrochen werden.

Linz, 11. Oktober. Nachdem erst am letzten Samstag nächst Pöstlingberg auf der Gramastettner Straße die 86jährige Taglöhnerin Rosa Haudum ermordet auf­gefunden worden ist, wurde heute nächst der Militärschieß­stätte in Alharting, also ebenfalls in der nahen Umgebung von Linz, von einem auf Avisoposten gestandenen Jäger­soldaten eine 50- bis 60jährige, bäuerlich gekleidete Frau ermordet aufgefunden. Dem Anscheine nach ist abermals ein Lustmord verübt worden. Seit der Mitte der achtziger Jahre ist dies der fünfte Lustmord; die Thäter der früheren Verbrechen sind bisher unentdeckt geblieben.

* Rom, 12. Oktober. Professor Ernst Haeckel erlitt gestern durch Sturz von einem Maultier einige Ver­letzungen.

* Amsterdam, 12. Oktober. Nach einem Telegramm desHandelsblad" aus Batavia ist die Stadt Amahei an der Südküfte der Insel Ceram durch ein Erdbeben völlig zerstört worden. 4000 Menschen sollen um­gekommen, 500 verletzt sein.

Warschau, 13. Oktober. Zwischen Skiernewice und Plycewia ist heute früh gegen 3 Uhr der gemischte Zug der Warschau-Wiener Bahn entgleist. 15 Waggons wurden total zertrümmert. Vom Zugpersonal sind zwei Personen tot, drei verwundet.

Konstantinopel, 12. Oktober. Gestern find in Bassorah fünf Todesfälle und eine Erkrankung an der Cholera vorgekommen.

Arbeiterbewegung. ~

Berlin, 13. Oktober. Der Streik der Metallarbeiter hat eine Wendung angenommen, indem die Former und Gießereiarbeiter be- schloffen haben, in den Werkstätten künftig Streikarbeit anzufertigen, so­fern die neunstündige Arbeitszeit dabei eingehalten wird. Die Arbeits­einstellung soll ziemlich vermieden, und ohne Genehmigung der Streik­leitung darf der Ausstand nirgends mehr proklamiert werden. In der gestrigen Versammlung wurden diese Beschlüsse mit der Haltung der Arbeitgeber begründet, die nach der Meinung der Redner einen allge­meinen Streik in der Metallindustrie Hervorrufen wollten, der unter den heutigen Verhältnissen nur mit einer Niederlage der Metallarbeiter endigen könne. Aus dem gleiche« Grunde hat man auch von dem be­absichtigten scharfen Vorgehen gegen die Firma Borsig Abstand ge­nommen. Es soll thunlichst vermieden werden, dort jetzt ernsthafte Differenzen hervorzurufen.

Leipzig, 13. Oktober. Die Formstecher Leipzigs, wie ganz Deutschlands, sind am 9. d. M. in eine Lohnbewegung eingetreten. Sie unterbreiteten ihren Arbeitgebern folgende Forderungen: 1) 21 Mark Minimallohn bei zehnstündiger Arbeitszeit, 2) 15 Prozent Zuschlag für diejenigen Gehilfen, die jetzt schon einen Lohn von 21 Mark und mehr erhalten, 3) 25 Prozent Zuschlag für Ueberstundenarbeit, die jedoch nur im Geschäft geleistet werden darf, 4) auf je 5 Gehilfen darf nur ein Lehrling eingestellt werden. Da die hiesigen Firmen zum Teil sich be­reit erklärt haben, die Forderungen anzuerkennen, so wird es hier zu einer Arbeitseinstellung nicht kommen. Die streikenden Former und Eisengießereiarbeiter hielten gestern im Pantheon eine Ver­sammlung ab, zu der wohl fast sämtliche Ausständige, 440 an der Zahl, erschienen waren. Es wurde namentlich gegen die angeblich entstellten Berichte in der bürgerlichen Presse Stellung genommen und durch die Situationsberichte aus den einzelnen Fabriken sestgestellt, daß der Stand des Streiks ein fortgesetzt günstiger sei. Alle Redner forderten deshalb zum Nusharren im Ausstande auf. In geheimer Abstimmung wurde mit 433 von 438 abgegebenen Stimmen beschlossen, den Streik weiter zu führen- Dieser Beschluß soll dem Verband der Metallindustriellen mit dem Bemerken mitgeteilt werden, daß die Ausständigen nach wie vor zu Unterhandlungen mit den Arbeitgebern bereit seien. Es streiken jetzt noch 374 .verheiratete Former und Eisengießereiarbeiter mit 880 Kindern und 66 ledige, zusammen 440 Arbeiter.

Kunst und Wissenschaft.

Oskar Baumann, f

Der verdiente Afrikaforscher, deffen Name auf den Karten vielfach als Bahnbrecher, verzeichnet, ist wie gesteni kurz telegraphisch gemeldet, in seiner Vaterstadt Wien im Alter von 35 Jahren seinen Leiden er­legen. Baumann war von Hause aus Geograph. Ohne sich an einen festen Studiengang zu binden, hörte er in Wien Vorlesungen über Ge­

schichte und Geographie, dann übte er sich auf dem militärisch-geogra­phischen Institut int Aufnehmcn von Karten ein, um dann wohlausge- rüstet zuerst 1883 in Montenegro praktische Forschungen zu betreiben- Das Jahr 1885 brachte ihn zuerst nach Afrika, und zwar als Mitglied der österreichischen Expedition, die den Congo erforschte. Mit Chavanne machte er zuerst Aufnahmen am unteren Congo, dann mehr oder weniger auf sich allein angewiesen mehr stromaufwärts. Diese Arbeiten bildete« die Grundlage für die später» Forschungen der Belgier. Die Oester­reicher mochten indes Ursache gehabt haben, mit dem Verhalten der congostaatlichen Behörden nicht zufrieden zu sein. Baumann besuchte auf der Heimreise die bis dahin wenig bekannte, ttst in den letzten Jahren von Spanien dank fremder Anregung u«b ^rembem Kapital wirtschaftlich ausgebeutete Insel Fernando Po; tine Schrift, die er über diese Insel veröffentlichte, wurde als grundlegend betrachtet. Im Jahre 1888 begann er mit Prof. Hans M-yer die Forschungen in Deutsch-Ostafrika, denen er hauptsächlich seinen Ruf verdankt. Bei der Erforschung Usambaras, des heutigen Pflanzungsgebietes, geriet er in die Hände des Araberhäuptlings Buschin; durch ein Lösegeld wurde er aus der Gefangenschaft befreit. Nachdem er im folgenden Jahre aber­mals Karten im montenegrinischen Gebirge ausgenommen hatte, setzte er 1890, diesmal im Auftrage der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft, die Erforschung Usambaras fort, reifte bis zum Kilimandscharo und unter­nahm die Vorstudien zu der Eisenbahn von Tanga nach Korogwe. Nach einem weitern Aufenthalt in Europa übernahm er 1892 die Leitung einer von der deutschen Antisklaverei Gesellschaft ausgesandten Expedition, die von Tanga aus durch die Massaisteppe nach dem Victoria Nyanza zog; von dieser Reise brachte er die ersten zuverlässigen Nachrichten über das Königreich Ruanda, sodaß Graf Götzen auf seine Mittellungen hin seine Erforschung dieses Landes unternehmen konnte. Auf dieser Reise erreichte Baumann auch die Quelle des gegenwärtig im wesentlichen er­kannten Kagenaflusses. Im Jahre 1893 bereiste er int Auftrage der ostafrikanischen Zuckervereinigung den Unterlauf des Pangani, dann er­forschte er die deutsch-ostafrikanischen Inseln. Auf all seinen Reisen machte Baumann Aufnahmen, die der Erschließung unseres Schutzgebietes zugute kamen und den heutigen Forschern als Leitfaden dienen. Auch seine Bücher und die zahlreichen Abhandlungen, die er in geographischen Zeitschriften veröffentlichte, werden in Fachkreisen geschätzt. Im Jahre 1896 ernannte die österreichische Regierung ihn zum Honorar-Konsul in Zanzibar. In dieser Stellung zeigten sich bei ihm die ersten Spuren der verheerenden Krankheit, die ihn nun hinweggerafft hat; er veröffent­lichte in derWiener Zeit" eine Schilderung der deutschen Verwaltung Ostafrikas, die er wohl humoristisch aufgefaßt wissen wollte, die aber doch ohne Frage zu weit ging und als natürlich ungerechtfertigte Beschuldigung wirkte. Seine Regierung rief ihn von seinem Posten ab, und alsbald wurde Gehirnerweichung bei ihm sestgestellt. Seine Aeuße- rungen erschienen dadurch entschuldig, und lassen keinen Stachel zurück in Deutschland, wo man ihm nur als verdienstvollem Afrikaforscher ein eherndes Andenken bewahren wird.

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Gießen, den 10. Oktober 1899.

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