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15.10.1899 Viertes Blatt
 
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Nr. 243 Viertes MM,

Sonntag den 15. October

1899

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

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Volitische Wochenschau.

** Gießen, den 14. Oktober.

Daß die Krisengerüchte immer noch nicht verstummen wollen und sich besonders an die Person des Vizepräsidenten des preußischen Staatsministeriums Herrn von Miquel knüpfen, haben wir schon berichtet. Aber wer vermag bei uns die kommenden Ereignisse vorherzusagen! Daß der Allgewaltige stark ins Schwanken geraten war, kann niemand leugnen, aber vielleicht hat er seine Position wieder gesichert. Es ist eine fatale Sache, mit Schützlingen Pech zu haben, und Frhr. von Zedlitz, der gewesene Präsident der See­handlung, war ein Schützling des Herrn von Miquel. Für unsre heutigen Verhältnisse ist es überhaupt bezeichnend, daß man mehr vom Vizepräsidenten des preußischen Staats­ministeriums redet als vom Präsidenten und Reichskanzler Fürsten Hohenlohe. Doch das ist gar nichts neues mehr!

Das allgemeine Interesse ist jetzt auf die Ereignisse in Südafrika gerichtet: die Buren haben neulich die Offensive ergriffen und sind in Natal eingerückt. Mit großer Spannung sieht man dem Verlaufe des Kriegs entgegen, der nicht durch den Transvaalstaat herauf­beschworen, sondern durch die abenteuerliche Politik der englischen Regierung veranlaßt worden ist. Man mag den Wagemut der kleinen Burenrepubliken bewundern, aber sie kämpfen um ihre Existenz, deren sie bei weiterer Nach­giebigkeit gegenüber den englischen Forderungen so wie so verlustig gegangen wären, lieber die Folgen des Kriegs schon heute Betrachtungen anzustellen, wäre verfrüht, noch haben ja die Kämpfe nicht begonnen, und die Mächte hatten bisher keine Veranlaffung, zu dem Kriege Stellung zu nehmen. Vielleicht erringt England Erfolge, aber es sollte sich ein Exempel genommen haben an den letzten kriegerischen Lor­beeren der Vereinigten Staaten von Nordamerika. Diesen machen die neuen Kolonieen vielen Kummer, und wer weiß, ob sie jemals Freude daran habey werden.

In Bulgarien ist eine Ministerkrisis ausgebrochen, was ja nicht weiter verwunderlich ist in diesem Lande, das noch nicht recht weiß, ob es sich nach rechts oder links, an Oesterreich oder an Rußland lehnen soll. Man behauptet ja, daß Fürst Ferdinand ein persönliches Regiment führt, deshalb kann es die Außenwelt wenig interessieren, ob dieser oder jener bulgarischer Ministerpräsident ist. Bulgarien wird erst dann eine entscheidende Rolle spielen, wenn die orientalische Frage aufrollt werden wird, was vielleicht nicht mehr in weiter Ferne liegt, da es im türkischen Reiche neuerdings anfängt, zu kriseln. Zwar werden von der

Pforte armenische Unruhen in Abrede gestellt, aber wer kann etwas auf türkische Dementis geben!

Oesterreich steht noch vor dem Wendepunkt in feiner inneren Politik. Vorläufig hat das neue Ministerium nichts von sich hören lassen, aber der Reichsrat tritt ja binnen kurzem zusammen, und dann muß es Farbe bekennen.

Vermischtes.

* Hagen, 13. Oktober. Die große Eisenwaren- und Blechfabrik von Alfred Winkhaus in Oeckinghausen (Kreis Halver) ist heute früh nieder gebrannt.

* Köln, 12. Oktober. Auf dem Bahnhof Deutzer-- feld geriet heute nachmittag der Lademeister -Münster zwischen die Pfuffer zweier Waggons. Er wurde sofort getötet. Der Verunglückte hinterläßt eine zahlreiche Familie.

* Osnabrück, 12. Oktober. Bei dem Neubau der Herz Jesu-Kirche stürzte das Gerüst ein. 5 Maurer kamen dabei zu Schaden und trugen zum Teil schwere Ver­letzungen davon.

* Eschwege, 12. Oktober. Von einem sehr harten Schlag wurde hier die Witwe L., welche in der Herrengasse ein Klempnergeschäft betreibt, betroffen. Dieselbe hatte einen einzigen, zwanzigjährigen, sehr hoffnungsvollen Sohn, welcher in Charlottenburg bei Berlin als Elektrotechniker thätig war. Gestern nun traf telegraphisch die Nachricht von dort hier ein, daß der junge Mann in seinem Berufe durch einen elektrischen Strom getötet worden sei. Die Leiche wird nach Eschwege gebracht. Der traurige Fall erregt die allgemeinste Teilnahme.

* Berlin, 12. Oktober. Verkommen! Die ehe­malige Circuskünstlerin Margarete Otto, zu Anfang der achtziger Jahre eine gefeierte, vielumworbene Schönheit und in Artistenkreisen berühmte Parforcereiterin, voll ele­ganter Schneidigkeit und unerschrockener Kühnheit, ist gestern in Rixdorf von zwei Gendarmen aufgegrisfen und ver­haftet worden. Sie irrte dort in den Straßen in total verkommenem, erbärmlichem Zustande umher, war bereits seit längerer Zeit ohne Obdach und fristete ihr armseliges Leben durch Bettel. Dieses Ende der einst so vornehmen Reitkünstlerin, die während ihrer Glanzzeit in Gold und Brillanten förmlich wühlen durfte, die über einen Troß von Dienerschaft verfügte und sich nie anders zeigte, als in kostbaren Pariser Toiletten, von denen jede einzelne ein kleines Vermögen repräsentierte, hätte kein Mensch voraus­ahnen können. Man braucht sich nur jener Zeit zu er­

innern, da sie im Zenith ihrer Bedeutung stand; da lag die gesamte jeunesse dorße zu ihren Füßen, bereit, jeder ihrer tollsten Launen nachzukommen, sich für die schöne Grete, wie sie kurzweg genannt wurde, zu ruinieren; wenn sie aber in der Manege erschien und ihre Parsoreeschule int Stile des alten Cuizot ober Welbosque ritt, da um­rauschte sie beifallsfreudiger Jubel, der kein Ende nehmen wollte. Doch dieses Glück hielt nicht lange an; ebenso leicht, wie sie Reichtümer erwarb, warf sie Reichtümer zum Fenster hinaus, sich einem verschwenderischen Leben hingebend, das unter Cireusleuten bald sprichwörtlich wurde. Ihr tolles Leben untergrub schließlich ihre Gesundheit, sie konnte bald ihre Reitkunst nicht mehr aus- üben, und mußte dem Circus entsagen. So lange der Schmuck noch anhielt, der ihr aus ihren besseren Tagen geblieben war, ging es noch an, bald war aber auch das letzte Stück versetzt oder verkauft, und eines schönen Tages hatte die schöne, gefeierte und bereits vergessene Grete nichts mehr, gar nichts, das sie an die einstige, glanzvolle Vergangenheit hatte erinnern können. Mit dem Reichtum und Glanz waren auch Schönheit und Jugend dahingeschwunden. Margarete Otto sank immer tiefer und tiefer, wurde zur Betrügerin und mußte schließlich durch den Verkauf von Blumen und Streichhölzchen ihren Lebens­unterhalt verdienen. Gestern ist sie nun auf einer neuen Stufe ihrer abwärts geratenen Existenz angelangt sie wurde auf Grund eines gegen sie von der Berliner Staats­anwaltschaft erlassenen Steckbriefes auf der Straße aufge­griffen und ins Untersuchungsgefängnis abgeführt.

* Breslau, 12. Oktober. In Kochanowitz, Kreis Lublinitz, sind neun Bauerngüter nebst der gesamten Ernte niebergebrannt. Mit Feuer spielende Kinber ver­ursachten die Feuersbrunst.

* Chemnitz, 12. Oktober. Um einenStudenten - ulk" auszuführen, setzten im vergangenen Sommer die beiden Schüler der technischen Staatslehranstalt Nickel und Claise aus Limbach, eine Scheune in Brand, in der ein Handwerksbursche nächtigte. Der arme Teufel ist in den Flammen umgekommen. Die beiden Techniker wurden jetzt vom Geschworenengerichte in Chemnitz zu je einem Jahre und sechs Monaten Gefängnis verurteilt.

Altenburg i. S. A., 10. Oktober. Der im 94. Lebens­jahre stehende Pfarrer der Gemeinde Raseph as, Dr. phil. und theol. Julius Löbe, kann jetzt auf eine 60jährige seelsorgerische Thätigkeit in genannter Gemeinde zurückblicken. Am 8. Oktober 1869 wurde Löbe Nachfolger des Pfarrers Seidel, der feit 1794 Pfarrer in Rasephas war. Ein ge-

Feuilleton.

Berliner Aries.

(Plaudereien aus der Kaiserstadt.)

(Nachdruck verboten.)

Kutfcherpech und Prinzengluck. Worüber Berlin lacht. Eine halbe Stunde in der Stadtbahn.

In Potsdam geht seit etlichen Tagen ein Geist spuken, der zur Zeit des alten Fritz mit einer kurzen Unterbrechung die Zügel in der Hand hatte und dessen Führung der große König sich stets und ohne Bedenklichkeit anvertraute; ein Diener des Weisen von Sanssouci, der nie auf einen Holz­weg oder in eine Sackgasse, viel weniger noch in einen Sumpf geriet und der daher auch ein Denkmal in Stein auf dem Marstall in Potsdam erhalten haben soll: es ist der Leibkutscher des Helden von Roßbach und Leuthen, der brave Pfund, den der alte Fritz einst, weil er die Grob­heit dieses Getreuen nicht mehr ertragen mochte, zum Teufel jagte. Aber nach kaum einem Jahre, gerade als Pfund mit einer Fuhre kieferner Knüppel in Potsdam einfuhr, setzte der König den Zuverlässigen wieder in sein altes Amt, der ihm erklärt hatte, wie einerlei es ihm sei, ob er Majestät ober Knüppel fahre. Nach Kopisch enbete bie Zwiesprache zwischen beiben mit den weisen Worten bes Philosophen von Sanssouci:

Hüm finbt Er nichts dabei Und ist Ihm einerlei

Ob es Pferd, ob Esel, Knüppel oder ich Lad' Er ab und spann' Er um und fahr' Er wieder mich!"

Dieser alte Pfunb also geht spuken in Potsbam unb ent­rüstet sich, daß die Wege immer noch nicht besser, aber die

Kutscher ganz bedeutend schlechter geworden sein müssen. Ihm wäre das ganz gewiß nicht passiert, zwei Königinnen elend in die Sumpfwiesen zu fahren und stecken zu lassen; es hätten dann welche von der Sorte fein müssen, die seinem Könige das Leben so schwer machten! Die hätte er auf Wunsch vielleicht noch tiefer in die Patsche gebracht!

Nun,ons Wilhelmintje" ist ja mit dem bloßen Schrecken davon gekommen und hat noch dazu das Glück gehabt, wie in einem romantischen Märchen von einem schönen Prinzen erlöst zu werden. Joachim Albrecht, der zweite Sohn des Prinzregenten von Braunschweig war der Vielbeneidete, den sein guter Stern just desselben Weges führte! Ach, unb in Potsbam gibt es so viele Prinzen, große unb kleine, mit einer rührenben Sehnsucht nach Hol­land im Herzen, die der schönen jungen Königin Beistand geleistet und sie behutsam -an der Hand auf den richtigen Weg und am liebsten gleich vor den Trau-Altar ge­führt hätten! . m ,

Aber nicht nur in Potsdam haben die Kutscher Pech! Auch der Lenker manches Berliner Gefährtes ist irt letzter Zeit ein wenig seitab geraten. Herr von Miquel soll die Peitsche schon ein paar Mal haben weiter geben wollen, und Herr von Manteuffel, der dieHarmlosen" nach Moabit zusammengeholt hat, schaut mißvergnügt auf den Fuhrlohn, der ihm bis jetzt geworden. Natürlich hat sich die Berliner Bühne, allen voran das Metropol-Theater der dankbaren Stoffe bemächtigt und Berlin lacht!

Berlin lacht so gern, nur muß ein wenig Schaden­freude dabei sein, wenn's ihm recht behagen soll! Daher haben auch die schier endlosen Anzapfungen, die Berlins erster Bürgermeister wegen seiner Nichtbestätigung erdulden muß, immer wieder ein dankbares Publikum. Aber die Sache hat doch eine recht ernste Seite! Und das Wort Kaiser Karls V. am Grabe Luthers zu Wittenberg, nut

dem er den fanatischen Eifer Albas dämpfte, der die Ge­beine desErzketzers" verbrennen lassen wollte, könnte man auch den Eiferern um das Friedhossportal für die März­gefallenen zurufen:Laßt ihn ruhen! Er hat seinen Richter schon gesunden. Ich führe Krieg mit den Lebenden, nicht mit den Toten!"'

Aber Berlin lacht so gern! Es lacht auch über feine eigenen kleinen Schwächen, wenn man sie ihm nur luftig zu Gemüte führt, und der fremde Besucher fühlt sich bald versöhnt mit der schneidigen Schnoddrigkeit, die in manchem Berliner Gewächs steckt, das die sogenannten Pumphosen" noch nicht einmal abgelegt hat. Nur die Ungeniertheit und Rücksichtslosigkeit, die der Spree-Athener in seiner geliebten Stadtbahn entwickelt, erscheint manchen von draußen" denn doch ein bischen stark.

Thüren, die einem vor der Nase zugeschlagen werden, wollen nichts bedeuten, auch daß ein gut Teil der früh ins Geschäft Fahrenden ihren Koupee Genossen Einblick bis in den Magen gewährt und dabei Töne ausstößt, die allerlei Menagerie-Erinnerungen weckt, mag noch hingehn; selbst die Beendigung der Frühtoilette an den Fingernägeln, der zwanglose und unbedeckte Ausputz der Zähne soll ihnen verziehen werden; daß sie aber anderer Leute Stiefel zu­weilen mit dem allerdings sehr notwendigen Institut der Spucknüpfe verwechseln, ist meiner Meinung nach denn doch etwas zu weit gegangen. Und wie sie lächeln, wenn ein Fremder zusteigt und höstichGuten Morgen" wünscht! Zehn gegen eins geweitet: unter Hundert danken ihm noch keine fünf! Und man fragt sich erstaunt: Sind das die selben Berliner, die in der Sommerfrische verlangen, von jedem Fischer oder Holzhacker gegrüßt zu werden und all­jährlich so beweglich Klage darüber führen, daß die Leute auf dem Lande immer mehr verlernen, was sich schickt?

A. R.