Ausgabe 
14.11.1899 Erstes Blatt
 
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Durchbruchsversuch in voriger Woche mißglückt ist. Er muß vielleicht kapitulieren, wie es scheint, auch aus dem Grunde, weil es ihm an Munition fehlt. In der letzten Taubenpost berichtet nämlich White zwar, daß in Ladysmith noch reichlich Proviant vorhanden sei, man vermißt darin aber eine Mitteilung über die Munitions bestände. Auch in der LondonerTemps" Meldung hieß es bekanntlich, daß General White tzme Munition erschöpft habe. Auf einen Entsatz des Generals White ist aber noch lange nicht zu rechnen. In Kapstadt sind am Donnerstag erst zwei Bataillone und eine Anzahl Ofsiziere eingetroffen. Ueder- haupt dürfte es in Ladysmith und dessen näherer und fer­nerer Umgebung wesentlich anders aussehen, als man eng­lischerseits bisher einzugestehen für gut befunden hat. Es scheint auch, als ob alle Vorgänge weiter südlich und östlich in Natal während der letzten Wochen von den englischen Kriegsberichten im wesentlichen unterschlagen worden wären. Daß Co lens o sich in den Händen der Buren befindet, ist ja endlich zugestanden worden. Das schon kurz erwähnte Telegramm desReut. Bür." aus Estcourt vom 6. d. M. lautet nach derVoss. Ztg.":

Der Panzerzug wurde heute wieder ausgesandt und kehrte hierher zurück, nachdem er den hundertsiebzigsten Meilenzeiger erreicht hatte, ohne etwas vom Feinde gesehen zu haben. Die Zugmannschaft traf einen aus Ladysmith zurückkehrenden eingeborenen Ausläufer und erfuhr von ihm, daß die Buren die Schienen bis eine Meihe vor der Station Colenso aufgerissen haben. Der Feind sei zahlreich in der Nachbarschaft und habe wiederum große Kanonen von Groblerskloof-Hill hinuntergeschafft und in eine neue Stellung auf dem Hauptfahrwege gebracht, von wo er fünf Schüsse nach Colenso hineinsandte. Nach­dem der Feind festgestellt hatte, daß Colenso voll­ständig geräumt war, zog er in die Stadt mit fünf leeren Waggons ein, die er mit Waren aus dem Edwards- schen Magazin anfüllte. Sobald die Zugmannschast zu­verlässig in Erfahrung gebracht hatte, daß Colenso wirk­lich im Besitze der Buren sei, kehrte sie mit dem ein­geborenen Ausläufer nach Estcourt zurück.

Darnach haben also nicht die Engländer, sondern die Buren die Wagenladungen aus Colenso in Sicherheit gebracht.

Im übrigen beschränkt sich der drahtliche Nachrichten- fioff auf folgenden dürftigen Bericht des englischen Kriegsministeriums:

Da in südafrikanischen Blättern die Mitteilung er­schienen ist, daß die englische Artillerie auf die GenferFahne geschossen habe, telegraphiert General Buller folgenden Bericht über diesen Vorfall, welcher denStandard and Diggers News" von dem Reverend I. Martens, einem holländischen Geistlichen, übergeben wurde, welcher sich auf Seiten der Buren befand. Nach der Mitteilung des Geistlichen hatten die Engländer, nach­dem der erste Kanonenschuß abgefeuert war, geglaubt, daß Burentruppen sich auf der Bahnstation befänden, und auf dieselbe gefeuert. Die Buren standen jedoch nicht dort. Ein Kanonenschuß traf eine Ambulanz. Sobald die Eng­länder ihr Versehen bemerkten, stellten sie das Feuer ein. Die Ambulanz hätte nach den üblichen Vorschriften in einer Entfernung von drei Meilen vom Schlachtfelde stationiert werden müssen, ein Vorwurf könne somit gegen die Eng­länder nicht erhoben werden.

Freiwillige für Südafrika.

Für die Engländer wollen, wie wenigstens aus Bukarest gemeldet wird, 30 Brailaer griechische Freiwillige kämpfen. Dieselben haben die Reise nach Afrika beschlossen, falls das englische Konsulat ihre Einreihung erleichtert. Diese 30 Mann werden das stolze Albion allerdings auch schwerlichherausreißen".

Die Siegeszuversicht der Bure«

wird zu sehr interessantem Ausdruck gebracht in einem Interview ihres europäischen Vertreters I)r. Leyds, welcher demBerl. Lokalanz." in folgender Depesche aus Paris übermittelt wird:

Der Transvaal-Gesandte Dr. Leyds sprach in einem Interview die Erwartung aus, daß die kontinentalen Mächte zur Verhinderung der Fortsetzung eines Krieges, welcher durch die seitens Englands erfolgte Bewaffnung von Ein­geborenen einen unseres Zeitalters unwürdigen Charakter anzunehmen droht, intervenieren werden.Unsere fünfzig­tausend Buren fürchten auch diese von England aufgebotenen Hilfstruppen nicht. Wir haben da­mit gerechnet, von keiner Seite Unterstützung zu finden und uns dementsprechend mit Waffen und Munition vorgesehen. Wir ließen die Herren Engländer gegen unser Dynamit­monopol wettern. Man verlangte allerdings nichts Geringeres als die Schließung unseres Dynamit-Etablisse­ments. Die Schlauköpfe! Sie errieten, daß wir dort in freien Stunden Bomben fabrizierten. Heute darf man es sagen: Jawohl, wir haben uns diese Freiheit genommen. In Ladysmith hat und wird man es erfahren, ob wir gut vorgearbeitet haben".

Präsident Krüger befindet sich, einerCentral News"-Meldung zufolge, bei bester Gesundheit in uner­schütterlicher Gemütsruhe und festem Vertrauen in die Zukunft.

e *

London, 11. November. Nach einer Meldung der Daily Mail" aus Pietermaritzburg vom 6. November stellten die Buren weitere Geschütze auf den Höhen um Ladysmith auf. Sie scheineu also entschlossen zu sein, die Stadt um jeden Preis zu nehmen.

Die hiesigen Blätter versichern, daß die englische Regierung sämtliche russischen und französi­schen Offiziere, welche sich nach Südafrika ein­schiffen, um mit den Buren gegen die Engländer zu kämpfen, bei ihrer Ankunft in der Delagoa-Bai verhaften lassen werde.

In politischen Kreisen circuliert augenblicklich eine Petition an Salisbury, worin derselbe ersucht wird, dem Präsidenten Krüger nochmals, sobald alle engliichen Truppen in Afrika gelandet sind, die Bedingungen Englands mitzuteilen. Man hofft, daß die Buren, sobald sie Kenntnis von den zahl­reichen Truppen haben werden, welche England in Afrika landet, sich zu einer Verständigung herbeilassen werden.

General Buller meldet dem Kriegsamt, er habe von dem Obersten Keckewech aus Kimberley unterm 6. d. M. eine Nachricht erhalten. Kekewech berichtet, die Wasser­leitung funktioniere seit dem 4. nicht mehr. Man glaubt, daß sie von den Buren abgeschnitten sei. Die Situation in Kimberley sei im übrigen unverändert. General Buller meldet ferner: Eine Rekognos- cierungs-Abteilung aus Oranje-Rioer habe am Frei­tage vier Meilen südlich vor Belmont ein Gefecht mit Buren gehabt. Ein englischer Offizier wurde getötet, drei Offiziere und drei Mann verwundet.

Die Generalstabs-Offiziere der engli­schen Division des Expeditions-Korps sind gestern inKapstadteingetroffen. Sofort nach ihrer Ankunft halten sie eine Unterredung mit General Buller. Es wurde beschlossen, unverzüglich 1500 Mann nach Durban zu senden. Vier Truppen Transportschiffe haben sich ebenfalls dorthin begeben. Nach in Lorenzo Marquez angelangten Meldungen soll General Joubert Ladysmith fortgesetzt bombardieren. Die Eng­länder antworten nur schwach auf das feindliche Feuer. Joubert habe, nachdem er noch weitere Truppen-Verstärk- ungen und neue Munition erhalten, eine Abteilung seiner Armee nach dem Süden abgeschickt, um Colenso in Verteidigungszustand zu setzen. Die Buren be­ginnen gegen Pietermaritzburg vorzudringen und halten die Eisenbahn-Linie besetzt. Die englischen Panzerzüge cirkulieren nur bis zu Pieter-Station.

Kapstadt, 11. November. Zwei gefangene Buren- Offiziere drücken in einem Briefe ihre Befriedigung über die Behandlung, die ihnen seilens der Eng­länder zuteil werde, aus. Die hiesigen englischen Blätter veröffentlichen diesen Brief, um die Burenpresse, die von Mißhandlungen gefangener Buren englischerseits spricht, zu dementieren.

London, 12. November. Aus dem Scharmützel am Oranje-Fluß bei Belmont wird hier geschlossen, daß sich dort ernste Vorgänge in der nächsten Zeit ab­spielen werden, welche die bei Ladysmith in den Schalten stellen. Es sei klar, daß sich am Oranje-Fluß große Massen konzentrieren und man glaubt, daß dort die nächste größere Aktion stattfinden wird. Aus Burghersdorp wird gemeldet, daß das Buren-Kommando, welches in Bethulie die Brücke passierte, drei Stunden hierzu brauchte, da es 4000 Mann stark war und Feldgeschütze für die Hauptmacht mit sich führte. Ein kleineres Detachement befindet sich auf dem halben Wege nach Aliwal North. Die Verbindung zwischen Burghersdorp und Transvaal ist unterbrochen und letzteres anscheinend von Buren besetzt. Ein Detachement Buren von 700 Mann ließ Burghersdorp links liegen und mar­schiert auf Queenstown. Aus Estcourt wird gemeldet, Ladysmith sei vollständig eingeschlossen, aber den Buren fehle es an Lebensmitteln. Colenso soll wieder von den Buren aufgegeben sein. Kimberley ist am 7. November von den Buren bombardiert worden. Das Resultat ist unbekannt. Eine offizielle Depesche von 6 Uhr bestätigt noch, daß in Kimberley alles unverändert ist. Einige Blätter versuchen, durch Fälschung der Daten mittels dieser letzteren Depesche das Bombardement wegzuleugnen. Bei dem mißglückten Sturm auf Mafeking sollen die Buren 50 Tote gehabt haben. Gestern sind drei Trans­portschiffe in Kaptstadt angekommen, zwei davon sollen sofort nach Dnrban dirigiert werden.

Den Engländern scheint es heiß in Kimberley zu werden. DieCentral-News" meldet aus Kapstadt vom 8. Nachts: Kimberley ist heftig von zwei Seiten angegriffen worden. Die Buren werden agressiv und scheinen um Kimberley in großer Stärke zu stehen.

Daily Mail" melden, nach einem Privatbriefe aus Windhök hat der deutsche Gouverneur von mehrerenBuren aus dem westlichen Transvaal dringende Gesuche erhalten, welche dahin gehen, sich nach dem Kriege in Deutsch-Südwest-Afrika niederlassen zu dürfen.

Im gestrigen Kabinettsrat wurde über eine weitere Truppensendung nach Süfafrika beraten. Ferner machte Lord Salisbury wichtige Mitteilungen über die internationale Lage, die allgemein einen beunruhigenden Charakter trage.

In politischen Kreisen ist die Ansicht vorherrschend, daß die fortgesetzten Rüstungen nicht allein mit dem südafrikanischen Kriege, sondern auch mit Verwickelungeninrussisch-japanischerBeziehung in Zusammenhang stehen.

Brüflel, 11. November, vr. Leyds ist seit vier­zehn Tagen ohne jede direkte Nachricht von Prätoria, was um so überraschender ist, als die englische Regierung gestattet hatte, Anfragen der Transvaalgesandt- schaft betreffs Feststellung der Verlustliste durchzulaffen.

Lokales und Vrooinfieürs.

Gießen, den 13. November 1899.

Oeffentliche Anerkennnug einer edlen Thal. Seine Königliche Hoheit der Groß Herzog haben dem neun Jahre alten Friedrich Vogt zu Burg Gräfenrode, in An­erkennung der von demselben am 23 März l. I. mit Mut uud Entschloffenheit bewirkten Rettung des 7jährigen Hein­

rich Jöckel von Burg-Gräfenrode vom Tode deS Ertrinken-' eine Geldprämie zu verleihen geruht.

* * Neue Organisation der Handelskammern in der Pro­vinz Oberheffen. Das Großherzogliche Ministerium des Innern macht bekannt, daß mit Wirkung vom 1. Januar 1900 ab der Bezirk der Großherzoglichen Handelskammer Gießen auf die Kreise Gießen, Alsfeld und Lauter­bach, derjenigen der Großherzoglichen Handelskammer Friedberg auf die Kreise Friedberg, Büdingen und Schotten ausgedehnt und die Zahl der Mitglieder der Großherzogl. Handelskammer Gießen auf 18, diejenige der Großherzogl. Handelskammer Friedberg auf 14 erhöht wird. Die Kammern führen die Namen:Großherzogliche Handelskammer Gießen für die Kreise Gießen, Alsfeld und Lauterbach", sowie Großherzogliche Handelskammer Friedbekg für die Kreise. Friedberg, Büdingen und Schotten".

* * Militärdienst-Nachrichten. Zahlmeister Block von der 3. Abteilung des Nass. Feldart.-Regiments Nr. 27 zur 2. Abteil, des 2. Großh. Hess. Feldart.-Regts. Nr. 61, Zahlmeister Hoffmann vom 3. Bat. des Inf. Regiments Kaiser Wilhelm (2. Großh. Hess.) Nr. 116 zum 1. 23aL des 4. Großh. Hess. Infanterie.Regiments (Prinz Karl) Nr. 118 versetzt.

* * Erledigte Lehrerstellen. Erledigt sind: Die mit einem evangelischen Lehrer zu besetzende 1. Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Rimbach i. O., Kreis Heppenheim^ mit dem gesetzlichen, nach dem Dienstalter sich bemessenden Gehalt. Mit der Stelle ist Organistendienst verbunden. Dem Herrn Grafen zu Erbach-Schönberg steht das Prä.« sentationsrecht zu derselben zu; zwei mit evangelischen Lehrern zu besetzende Lehrerstellen an der Volksschule zu Gießen, mit einem Anfangsgehalle von je 1720 Mk. jährlich.

* * Von der Universität. Bei den drei ordentlichen Immatrikulationen, deren dritte heute (11. November) statt­fand, wurden insgesamt 162 Studierende neu eingeschrieben. Die Frequenz des laufenden Semesters wird vielleicht noch höher werden als die des vergangenen Sommersemesters» das bisher in Gießen obenaustand.

* * Akademische Vorträge. Wie in den vorigen Wintern, so werden auch in dem bevorstehenden fünf allgemein ver­ständliche Vorträge in der Universitäts-Aula gehalten werden. Die Erträge kommen diesmal deröffentlichenLesehalle zu gute, weshalb wir alle Freunde dieser Anstalt auf das Inserat in der heutigen Nummer auch an dieser Stelle auf­merksam machen.

* * Pr. Koozertvereiu. Kammermusik für Blas- Instrumente ist ein Kunstgenuß, den man in guter Ausführung in Städten von der Größe Gießens nur sehr selten haben kann. Um so dankbarer werden daher die hiesigen Musikfreunde dem Vorstand des Konzertvereins sein, der seinen Freunden und Mitgliedern für das gestrige zweite Konzert dieser Saison einen derartigen Genuß er­möglicht hat. Die Kammermusik-Vereinigung für Blas- Instrumente der Königlichen Kapelle zu Hannover, die im Verein mit der Pianistin Fräulein Mathilde Franke die Ausführung des gestrigen Programms übernommen hatte, genießt mit Recht den Ruf, eine der hervorragendsten Bläservereinigungen der Gegenwart zu sein, und wir sind den Kammermusikern Herren Oley (Oboe), Menz (Klarinette), Klöpfel (Horn) und Fedisch (Fagott) für die bargebotenen Genüsse herzlich dankbar. Die Leistungen in den Ensemble- Nummern verdienen um so mehr Anerkennung, als Herr Menz in letzter Stunde - für den auf dem Programm ge­nannten Herrn Bolland eingesprungen war und auf diese Weise das Zustandekommen des Konzerts überhaupt ermög­licht hat. Von den einzelnen Nummern des interessanten und abwechslungsreichen Programms erweckten naturgemäß , das meiste Interesse die Quintette von Mozart, Paur und Beethoven, die in jedem einzelnen Satz die Klangschönheiten und Feinheiten, die auf den verschiedenen Instrumenten geboten werden können, voll und ganz zur Geltung kommen ließen, so daß es wirklich zu bedauern ist, daß man diese hochinteressnnte Gattung der Kammermusik-Literatur nicht öfter im Original zu hören bekommt. Am bekanntesten dürfte hier das Es-dur-Quintett von Beethoven gewesen sein, das in einer späteren Bearbeitung für Klavier, Geige, Bratsche und Cello auch von Dilettanten gern gespielt wird. Das Quintett von Mozart ist eine köstliche Perle der Kammermusik-Literatur, für deren Darbietung jeder Konzertbesucher den Künstlern dankbar fein wird. Leider wurde der Hochgenuß durch eine Schwankung im letztenSatz beeinträch­tigt. Dem Quintett des hier von früher her als Klavierspieler im besten Andenken stehenden Herrn Emil Paur fehlt unseres Erachtens in erster Linie Originalität der Er­findung; nur der letzte Satz vermochte dem Publikum er­höhtes Interesse abzugewinnen. Fräulein Mathilde Franke, die den Klavierpart führte, und im Verlaufe des Konzertes Solostücke von Chopin und Liszt vortrug, erwies sich im allgemeinen als eine Pianistin von zuverlässiger Technik, und, soweit die Ensemblenummern in Betracht kommen, von richtigem Verständnis für die dargebotenen Kammermusik­werke unserer Altmeister Mozart und Besthoven. Bei den Solostücken hätte ein tieferes Eindringen in den Geist der Kompositionen nicht schaden können. Reichlichen, ehrenden Beifall fanden endlich die Solostücke für Waldhorn und Klarinette (Larghetto von Kiel und zwei Sätze auS dem E-moIl-Konzert für Klarinette von Weber), die durch die Herren Menz und Klöpfel eine gediegene Wiedergabe er­fuhren, und gleichfalls das Können der genannten Herren im günstigsten Lichte zeigten. Wir sind überzeugt, daß das gestrige Konzert den Beifall aller wahren Musikfreunde gefunden.hat, und schließen den heutigen Bericht in der Hoffnung, daß der Vorstand des Konzerlvereins seine Mit­glieder gelegentlich wieder durch derartige Genüsse er­freuen möge.