293 Erstes Blatt. Mittwoch den 13. Dseember
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Vom 1. Januar 1900 ab beträgt die Post- bezuqsgebühr des Gictzener Anzeigers einschließlich Bestellgeld
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Abholestellen
bestehen zurzeit:
Neustadt 30, M Wootz.
Seltersweg 59, Wühl Wwe.
Wallthorstratze 45, Kausmcnn K. Kort.
Weserstratze 8 (Ecke Steinstr.), Köchlin Wwe.
Ludwigsplatz 4, FL. Schlabach Nachfolger. Ltliuikstratze 22 (Ecke Frankfurterstraße), Kaufmann ^euhard.
Elke Liebig- und Ebelstratze,
Kaufmann Pfeiffer.
Rodheimerstratze (Krofdorferstraße 2), Wirt ßh. Kaubach.
Amtlicher Teil.
Bekanntmachung.
Betr.: Landwirtschaftliche Vorträge.
Am Sonntag dem 17. d. Mts., nachmittags 4 Uhr, wird Herr Landwirtschastslehrer Reichelt aus Alsfeld in Ettingshausen im Rathaussaal einen
Vortrag
üöer Irühjaprsöcstelliing und Saatgut
halten.
Ich lade hierzu jedermann freundlichst ein und ersuche die Herren Bürgermeister von Ettingshausen und der umliegenden Orte um ortsübliche Bekanntmachung.
Gießen, den 11. Dezember 1899.
Der Direktor des landw. Bezirksvereins.
v. Bechtold.
Bekanntmachung.
Die nachstehend abgedruckte Bekanntmachung bringen wir zur Kenntnis der Beteiligten, indem wir dieselben zugleich auffordern, das hiernach Erforderliche rechtzeitig zu veranlassen, und auf die aus der Nichtbefolgung der gesetzlichen Vorschriften entspringenden Folgen Hinweisen.
Gießen, den 14. November 1899.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
I. V.: Roth.
Bekanntmachung.
Mit dem 1. Januar 1900 tritt der nachstehend abgedruckte § 15a der Gewerbeordnung in Kraft. Derselbe findet Anwendung sowohl auf bereits bestehende, als auch auf nach diesem Zeitpunkt errichtete Geschäfte.
Wir empfehlen den Gewerbetreibenden und Kaufleuten, die vorschriftsmäßigen Aufschriften für die bestehenden Geschäfte bis zum 1. Januar anbringen zu lassen.
Zuwiderhandlungen werden mit Geldstrafe bis zu 150 Mk., im Unvermögensfall mit Haft bis zu 4 Wochen bestraft.
Gießen, den 27. Oktober 1899.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Bechtold.
§ 15a.
Gewerbetreibende, die einen offenen Laden haben oder Gast- oder Schankwirtschaft betreiben, sind verpflichtet, ihren
Familiennamen mit mindestens einem ausgeschriebenen Vornamen an der Außenseite oder am Eingang des Ladens oder der Wirtschaft in deutlich lesbarer Schrift anzubringen.
Kaufleute, die eine Handelsfirma führen, haben zugleich die Firma in der bezeichneten Weise an dem Laden oder der Wirtschaft anzubringen; ist aus der Firma der Familien name des Geschäftsinhabers mit dem ausgeschriebenen Vornamen zu ersehen, so genügt die Anbringung der Firma.
Auf offene Handelsgesellschaften, Kommanditgesellschaften und Kommanditgesellschaften auf Aktien finden diese Vorschriften mit der Maßgabe Anwendung, daß für die Namen der persönlich haftenden Gesellschafter gilt, was in Betreff der Namen der Gewerbetreibenden bestimmt ist.
Sind mehr als zwei Beteiligte vorhanden, deren Namen hiernach in der Aufschrift anzugeben wären, so genügt es, wenn die Namen von zweien mit einem das Vorhandensein weiterer Beteiligter andeutenden Zusatz ausgenommen werden. Die Polizeibehörde kann im einzelnen Falle die Angabe der Namen aller Beteiligten anordnen.
* Deutschland und die Vereinigten Staaten.
Gießen, 12. Dezember 1899.
Es ist die Zeit der großen politischen Reden gekommen. In den Delegationen, in denen sich die Vertreter der beiden Hälften des Habsburgerreiches vereinen, hat Graf Golu- chowski das hohe Lied vom Frieden gesungen und der staunenden Welt in vielen Worten verkündet, daß er kaum etwas Neues, sicherlich aber nichts Unerwar'etes zu melden habe. Denn es ist sonderbar genug, daß Oesterreich in den letzten Jahren weit zurückgetreten ist in den Hintergrund; während das neue Deutsche Reich kräftig seine Schwingen regt in der freien Luft des Aethers, müht sich das Land der Habsburger ab in endlosen inneren Kämpfen, und es hat keinen Teil an jenen das Blut auffrischenden Unternehmungen, die über die Grenze der Heimat hinausführen in den weiten, freien Weltenraum.
Die koloniale Bewegung hat in Oesterreich keinen Boden gefunden, seine Kriegsschiffe durchfurchen nicht den Ozean, um kühnen Geistern das Geleit zu geben in die Ferne, seltsame Altersmüdigkeit ruht über dem Ganzen.
Und während hier langsames Erstarren sich zeigt, herrscht ringsum Bewegung und frisches Leben. Selbst aus den auf Trug berechneten Rodomontaden Chamberlains drang das Bewußtsein heraus, daß mit dem sinkenden Jahrhundert neue Faktoren sich hervordrängen, daß neue Probleme erstehen, deren Lösung erst das kommende Jahrtausend finden wird.
Der Krieg zwischen China und Japan griff weit hinaus über den Rahmen eines Rivalitätsstreites zwischen benachbarten Mächten, er hat schon jetzt einen tiefgreifenden Einfluß gewonnen auf das Schicksal der gesamten Kulturwelt. In dem Kampf der Amerikaner gegen die Spanier erfüllte ein Volk sein tragisches Schicksal, das einst gebietend der Welt Gesetze diktierte, dessen Söhne Reiche entdeckten und zerstörten, dessen Flotte auszog, einen Cromwell zu bezwingen, und ein jugendliches Volk, das vor hundert Jahren erst seine politische Freiheit errang, das noch niemals zuvor hinausgedacht hatte über die Grenzen des eigcmn Erdteils, heischte plötzlich Stellung und Rang im Kreise der alten Mächte.
Jeder siegreiche Krieg hebt das Selbstbewußtsein der triumphierenden Nation; aber noch niemals vielleicht hat ein so heftiger Rausch ein Volk ergriffen, wie jetzt die Amerikaner, die plötzlich die Lehren der Monroe-Doctrin preisgeben, um sich ganz in den Traum der Imperialisten zu versenken.
Die ersten Schritte der Amerikaner sind nicht sympathisch gewesen. Der Kampf um Kuba wurde unternommen unter der Fahne der Humanität und endete als Eroberungskrieg. Auf den Philippinen verhieß man den Bewohnern die Freiheit, um zuletzt nur den Zwang durch neuen Zwang zu ersetzen. Und die leichten Siege, die kein Heldentum und keine Größe als Grundlage forderten, steigerten das Selbstgefühl bis zu jenem Größenwahn, der, allerdings unter dem Einfluß des englischen Doppelspiels, die verletzendsten Herausforderungen an Deutschland richtete und vor Samoa die letzten Spuren der Besonnenheit auszulöschen drohte. Der Rausch ist noch nicht verflogen, aber er ist gedämpft, und auch das hochfliegende und rücksichtslose Jingotum gewinnt Einsicht in die Forderungen der Wirklichkeit. Der kurze Augenblick, der einen starken Konflikt mit Deutschland drohte, hat die Gemüter zur Prüfung und zur Einkehr bewogen. So hat die Rede, mit der Mac
Kinley die parlamentarische Tagung der amerikanisches Volksvertrung eröffnete, den Charakter ruhiger, kühler Be- dachtsamkeit gewonnen, und nur hier und da tritt noch jener Hauch von Üeberhebung hervor, der nun einmal baß Erb- teil des Aankeetums sein wird, so lange es von den Engländern die vornehmste Ergänzung seines Volkstums erhält. Noch vor wenigen Monaten nahm man jenseits des OceanS die Haltung des Starken an, der sich, wenn er allein steht, am mächtigsten fühlt, und kecken Mathes stellte man sich der übrigen Welt gegenüber. Heute betont man mit Nachdruck und mit Genvgthuung die „wachsende Innigkeit" der Beziehungen zu Deutschland, heute preist man sich glücklich, daß eine „Verständigung von beiden Rassen, welche viele gemeinsame Züge haben", in einzelnen Fragen erzielt sei. Und vor Samoa, wo eben noch der heftigste Streit entbrannt war, herrscht Friede und Eintracht, und vergessen sind die Konflikte im Hafen von Manila. Wo liegt der Grund für diesen erstaunlichen Wechsel der Stimmung? Sicherlich hat zunächst das Erwachen des deutschen Geistes im eigenen Lande einen tiefen Einfluß geübt. Es weilen Millionen dort drüben, die vielleicht im friedlichen Dahin- gleiten des Lebens es verlernt hatten, sich noch als Deutsche zu fühlen, die aber dennoch vor der harten Notwendigkeit sich entsetzten, im Krieg gegen das alte Heimatland die Waffen zu führen.
In der Stunde der Not erwachte die alte Liebe zum Boden der Väter. Das wirtschaftliche Moment trat hinzu, die amerikanische Handelsbilanz hat in den letzten drei Jahrzehnten in außerordentlichem Maße sich günstig gestaltet, die Einfuhr hat sich um 20 pCt. verringert, die Ausfuhr ist fast um 60 pCt. gestiegen. In den letzten beiden Jahren hat, absolut genommen, der Export den Import übertroffen! Unter den Absatzländern aber steht Deutschland voran. Das ist ein Faktor von gar gewichtiger Bedeutung, und der Amerikaner denkt realpolitisch genug, um nicht ein Gewisses für ein Schattenbild hinzugeben. Noch ein dritter Grund mag zu dem Stimmungswechsel beitragen. Der Kampf auf den Philippinen ist auch heute nicht beendet, in Kuba ist man gegen Aufstände nicht gesichert, immer werden neue Opfer gefordert. Man könnte sie ertragen, aber gerade die geringen Erfolge der eigenen Waffen dienen doch auch als Beweis, daß man trotz der Siege von Manila und Santiago noch nicht zur Militärmacht geworden fei und daß es noch langer Jahre intensivster Arbeit bedarf, um einen Kampf gegen ein anderes Land, als Spanien/ aufzunehmen. Hat doch die Rückendeckung, die man von England erhoffen konnte, schon jetzt versagt: Der Krieg gegen die Buren bietet so harte und so klare Lehren, daß auch das hitzigste Jingotum sich ihnen nicht zu entziehen vermochte. Der Knall der Burenflinten dringt bis über den Ozean.
So war die Botschaft Mac Kinleys uns gegenüber durchaus auf einen friedlichen Ton gestimmt. Und so mögen wir es denn auch nur mit einem verständnisvollen Lächeln aufnehmen, wenn das amerikanische Staatsoberhaupt bereits von einer Aera träumt, in der der heimische Speck und das heimische Schmalz von jedem guten Deutschen mit Jubel begrüßt und ungeprüft verzehrt wird.
Es wird freilich noch mancher Tag vergehen, ehe man in Deutschland an die amerikanische Ehrlichkeit glaubt. Soll ein gedeihliches Verhältnis erreicht werden, so muß man auch jenseits des Ozeans den Standpunkt des gleichen Rechtes anerkennen und sich nicht mühen, durch einseitige Chikanen den deutschen Handel in den Schatten zu drängen. Wir brauchen mit Amerika keine politische, aber auch keine wirtschaftliche „Allianz", aber wir müssen eß fordern, daß man nicht, wie es geschehen, anderen Völkern Gerechtsame und Vorteile gewahrt, die man unß vorenthält, und daß man die deutsche Einfuhr mit Lasten bepackt, die dem Geiste der Verträge widerstreben.
Deutsches Reich.
Berlin, 11. Dezember. Der Kaiser verblieb, wie aus dem Neuen Palais gemeldet wird, gestern nachmittag im Arbeitszimmer und erledigte Regierungsgeschäste. Zur Abendtafel waren keine Einladungen ergangen. Heute Vormittag hörte der Kaiser den Vortrag des Chefs des Civil- kabinetts und Marinevorträge. Am nachmittag nahm das Kaiserpaar an der Leichenfeier der Gräfin Oriola teil.
— Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht die Ernennung des bisherigen Vortragenden Rats im Landwirtschaftsministerium Conrad zum Regierungspräsidenten in Bromberg und des Vortragenden Rats im Ministerium des


