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12.1.1899 Erstes Blatt
 
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Erstes Blatt.

Nr. 10

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Meßmer Anzeiger

Heneral-AMger

Aiirts- unb Anzeigeblcrtt für den Ureis Gieren

Donnerstag den 12. Januar

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ganzen Verlauf seines weiteren Charakteraufbaues legte sie Herr Peppler zu Grunde: sein Lear wurde niemals wie man z. B. dies in der Szene auf der Heide oft sehen kann, ein polternder, im Grunde aber ohnmächtiger Greis; selbst im Wahnsinn war er nicht ein kindischer Stammler, sondern stets: every inch a king jeder Zoll ein König.

Das Majestäts- und das Jch-Bewußtsein verlassen Lear nie: bei der harten Behandlung, die er seitens der Töchter erfährt, kränkt ihn am meisten, daß er sein glänzen­des Gefolge entlassen soll im Wahnsinn horcht er auf, sobald nur das Wort: König fällt, er geht sogar soweit, auf die Frage des Narren, was ein Verrückter sei, zu ant­worten : a king, a king, selbst an der Leiche der Cordelia denkt er an die eigene Person, wie ihre Stimme ihm so sanft und mild gewesen sei. Herrn Pepplers Leistung, die gleich realistisch wahr, wie psychologisch fein war, schuf aus dem Lear eine durchaus lebenswahre Figur, sie zeigte uns, wie ein König, und wir dürfen verallgemeinernd sagen: der Mensch, in dem Bedürfnis nach der Liebe und Ver­ehrung der anderen und in dem Wahn, sie zu besitzen, durch der Wahrheit herbe Enttäuschung in den Grundvesten seiner Weltanschauung erschüttert werden kann, wie ein Litterarhistoriker es ausdrückt, und zum Wahnsinn geführt wird, setzen wir hinzu.

Die Leistung war künstlerisch vollendet, und dies um so mehr, als Herr Peppler von allen Extravaganzen, zu deneu gerade diese Rolle leicht verleitet, stch fernhielt. Nicht unerwähnt will ich endlich lassen, daß die Rolle auch pathologisch interessant durchgeführt wurde. Mit grausiger Wahrheit wurde das erste Aufflackern der Irrlichter des Wahnsinns auf der Heide in den mit völlig veränderter Stimme hastig gesprochenen Worten:Mich selber friert, mich selber friert" zur Anschauung gebracht, wurde gezeigt, wie sich die Furien mehr und mehr der Sinne Lears be­mächtigen charakteristisch war das Vorsichhinreden bis zum Erwachen in Cordelias Zelt.,

Der reiche Beifall des Publikums war wohlverdient. Den Edmund Gloster spielte Herr Poor. Edmund ist kein

gewöhnlicher Schurke, er ist eine Richard III.-Natur, er hat eine unbeugsame Energie, jedes Mittel, Heuchelei, Meuchelmord ist ihm zur Erreichung seiner Ziele recht; aber, hier unterscheidet er sich von einem Franz Moor, er ist nicht feige, er ist bereit, gegen jedermann seine schlechte Sache mit dem Schwerte in der Hand zu verfechten. Da­durch, daß Herr Poor sowohl das Satanische als das Heldenhafte dieser Figur in gleich vollendeter Weise zur Darstellung brachte, hat er von neuem seine eminente künst­lerische Begabung bewiesen. Volles Lob gebührt auch dem Edgar ves Herrn Emerich. Ganz besonders gut gelangen die Szenen, in denen Edgar den schwachsinnigen Toms spielt. Fräulein Hildburg verstand es, die Cordelia durch ihre über­zeugend-wahre Darstellung von Liebe und Treue unserem menschlichen Empfinden nahe zu bringen. Mit trefflichem Gelingen giebt Herr Steinecke die kleine, aber schwierige Rolle des Narren. Die Worte:Seit unsere junge Prin­zessin nach Frankreich gegangen ist, hat sich der Narr ganz abgehärmt", macht Herr Steinecke mit Recht zum Ausgangs­punkte seiner Darstellung.

Lear antwortet auf jene Worte:ich hab es wohl bemerkt", und auch der Zuschauer muß merken, wie dem Narren bei jedem Scherze, den er macht, das Herz blutet. Wackere Leistungen boten unter den übrigen Darstellern besonders noch die Herren Geißler, dem namentlich der trockene Humor, mit dem er den treuen Kent ausgestattet hatte, vortrefflich gelang, Albert (Gloster), Riesenberg (Alba­nien), Meyer (Cornwall), Odemar (Burgund) und Brümmer (Frankreich). Auch Frau Mondthal (Goneril) konnte be­friedigen. Unzulänglich war dagegen die Darstellung der Regan durch Frau Scholz. Für den Mißerfolg ist aller­dings in erster Linie die Regie verantwortlich zu machen. Wie ist ein solcher Fehlgriff in der Besetzung überhaupt möglich? Erkläret mir, Graf Oerindur! Die szenische Einrichtung verdient Lob, nur das Geknatter des Donners war zuweilen unnatürlich. Der Gesamteindruck der Vor­stellung war aber jedenfalls ein trefflicher. E. R.

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Fernsprecher Nr. 51.

Der deutsche Reichstag

hat am Dienstag seine Sitzungen nach den Weihnachtsferien wieder ausgenommen, er ist damit in die Hauptperiode seiner Thätigkeit eingetreten. Was wir aus der kurzen Tagung vor dem Feste erkennen konnten, war so übel nicht. Freilich hatte die am ersten und zweiten Sitzungstage konstatierte Beschlußfähigkeit weiterhin erheblich nachgelassen, aber immerhin beseelte das Haus doch noch ein früher schmerzlich vermißter Eifer. Wir haben zwei Wünsche für die fernere Tagung des deutschen Reichstages: daß das Interesse der Volksvertreter an den Parlamentssitzungen so rege sein möge, daß nur in den allerdringendsten Fällen eine Be­urlaubung eintrete und daß die Verhandlung stets sachlich geführt und alle persönlichen Spitzen und Anzapfungen vermieden werden. Es war kein erfreuliches Bild, welches her letzte Reichstag bot, und wenig geeignet, dem Ansehen des Parlaments förderlich zu sein. Wenn die wichtigsten Gesetze unter Mitwirkung von knapp einem Zehntel der berufenen Volksvertreter zustande kommen, wie es doch vielfach, ja meistens geschehen ist, dann darf man sich nicht wundern, wenn etwa einmal an der Institution des Parla­ments gerüttelt wird, daß auch im Volke die Gleichgiltigkeit und Teilnahmlosigkeit an den Wahlen und an den Verhand­lungen selbst immer mehr zunimmt. Das Interesse des deutschen Volkes an der Gesetzgebung bedarf der Auffrischung, und dazu können in erster Linie seine Vertreter beitragen, indem sie durch rege Teilnahme an den Parlamentsverhandlungen zu erkennen geben, welch hohen Wert sie dem freiwillig übernommenen Amte beimessen.

Im weiteren wünschen wir Sachlichkeit der Verhand­lungen. Zustände, wie sie in Parlamenten befreundeter Länder fast zur Gewohnheit geworden sind, wo man sich in persönlichen Beschimpfungen zu überbieten sucht, werden uns hoffentlich für immer fernbleiben, und zu unserer Ge- nugthuung können wir konstatieren, daß der deutsche Reichs­tag noch immer seine Würde gewahrt hat, selbst wenn die Wogen der Debatte noch so hoch gingen. Aber an persön­lichen Spitzen, die sehr wohl hätten vermieden werden können, hat es darum doch nicht gefehlt. Wir haben hier besonders die Fälle im Auge, wo außerhalb des Reichstags stehende Personen in die Debatte gezogen, aus ihrem Vorleben Ent­hüllungen gemacht und Vorgänge wieder in die Erinnerung

gerufen wurden, welche längst gebüßt, vergeben und vergessen waren. Das ist ganz entschieden zu mißbilligen, da die Betroffenen wehrlos sind und sich kaum wieder rehabilitieren können, selbst wenn sich ihnen die Preffe in ausgiebigster Weise zur Verfügung stellt. Hoffen wir, daß die beiden Wünsche, welche wir hiermit an den Reichstag richten, erfüllt werden. Dem Ansehen des Parlaments und dem Fortgang der Verhandlungen würde damit in hohem Maße gedient sein. (xx)

Deutscher Reichstag.

7. Sitzung am 10. Januar. 2 Uhr.

Am Bundesratstische: GrafPosadowsky, v. Hammerstein, v. Thielmann.

Präsident Graf Ballestrem gedenkt des Ablebens des Alterspräsidenten Abg. Die den. Das Haus erhebt sich zu Ehren des Dahingeschiedenen.

Auf der Tagesordnung steht zunächst die definitive Wahl des Präsidiums.

Auf Vorschlag des Abg. v. Levetzow wird das bis­herige Präsidium per Akklamation wiedergewählt.

Es wird nunmehr eine Rechnungssache erledigt und sodann die Uebereiukunft zwischen Deutschland und den Niederlanden betr. die gegenseitige Zulaffung der Tier­ärzte in erster und zweiter Lesung debattelos genehmigt.

Es folgt die Beratung der Interpellation v. Wangen heim: ob der Reichskanzler bereit sei, Auskunft zu geben über die EnquLte - Ergebnisse der angeblichen Fleischnot.

Graf Posadowsky erklärt sich bereit, die Inter­pellation sofort zu beantworten.

Abg. v. Wangenheim (kons.) begründet die Inter­pellation. Er weist dabei den Vorwurf zurück, den man der deutschen Landwirtschaft gemacht habe, daß sie sich nicht genug um Förderung der Viehzucht bemüht habe. Weiter verbreitet sich Redner über die Notwendigkeit von Sperren zum Schutze gegen Seucheneinschleppung. Nach einer ihm vorliegenden Zusammenstellung von Marktberichten aus 300 Orten im Vorjahre sei von einem mangelhaften Viehauftrieb durchaus nicht die Rede; ebensowenig von kolossal hohen Preisen. Daß die Landwirtschaft so weite Schritte vor­

wärts habe thun können, das verdanke sie zum großen Teile dem preußischen Landwirtschaftsminister. (Große Heiterkeit.)

Staatssekretär Graf Posadowsky führt aus, daß der allgemeine Eindruck der Antworten, die auf die vom Reichskanzler wegen der Fleischversorgung veranstalteten Um­fragen eingegangen sind, der ist, daß die Rinder- und Rindfleischpreise stellenweise gestiegen sind, an anderen Stellen aber gleichgeblieben oder sogar gefallen sind. Anders liegen die Dinge bei den Schweinen, die Preise sind da fast durchweg, teilweise sogar erheblich höher. Redner betont weiter, was den Fleischbedarf betreffe, so sei dieser absolut und relativ gestiegen. Es habe eine Mehr­schlachtung von Rindern und Hammeln sowie von Pferden stattgefunden. Die Viehzucht habe fast überall zugenommcn. Die Schweinehaltung sei neuerdings stark gestiegen im Zu­sammenhang mit einer guten Kartoffelernte. Darin sei man einig, daß der gegenwärtige Zustand nur ein vorübergehender sei und die Vorbeugung von Seuchen unbedingte Voraus­setzung sei für eine weitere Entwicklung unserer Viehhaltung. (Beifall.) Im allgemeinen gehe jedenfalls aus den Antworten auf die Umfragen hervor, daß unsere Viehversorgung keines­wegs auf das Ausland angewiesen sei, und im allgemeinen heiße es, daß von Fleischnot keine Rede sein könne. (Bei­fall.) An eine weitere Oeffnung der Grenzen sei gegen­wärtig nicht zu denken, weil in den Nachbarländern noch Seuchen herrschten. (Beifall.)

Auf Antrag des Abg. Fischbeck (frs. Vp.) erfolgt Besprechung der Interpellation.

Abg. Fischbeck (frs. Vp.) fragt, weshalb man nach Schlesien nicht ebenso gut den ganzen Bedarf von 20 000 Schweinen hereinlassen könne, wenn man doch 7000 herein­lasse? Daran zeige sich, daß die in Oberschlesien gehand­habten Maßregeln lediglich agrarische Maßnahmen seien. Auf diese Weise herrsche in Oberschlesien ein Notstand, das sei nicht zu leugnen. Aber auch in allen anderen Teilen Deutschlands herrsche ein solcher. Er hoffe, daß man an­gesichts der thatsächlichen Notstände mehr Entgegenkommen zeige als bisher, und in größerem Umfang als bisher Vieh nach Deutschland hereinlasse.

Abg. Gerstenberger (Centr.) betont, die Umfrage in Bayern habe ergeben, daß nicht das Angebot hinter der Nachfrage, sondern vielmehr die Nachfrage hinter dem An­gebot zurückbleibe. (Beif. rechts.) Die Preise seien deshalb

Feuilleton.

Kart Weppker ats König Lear.

Königliche Schauspiele Hannover.

Shakespeares König Lear ging am Samstag in Szene in einer Aufführung, welche unserem Hoftheater in jeder Beziehung Ehre macht und den lebhaftesten Beifall des gut besetzten Hauses fand. Den Lear spielte Herr Peppler und löste diese schwierige Aufgabe der Schauspielkunst in einer Weise, welche vollendet zu nennen ich nicht anstehen möchte. Ein Meisterstück feinsinniger und zugleich wahrer realistischer Darstellungskunst war gleich die erste Szene. Sie packt den Hörer gewaltig und steigerte seine Erwartung auf die Entwickelung des Charakters des Königs; denn sie ließ er­kennen, daß Herr Peppler die beiden Grundzüge des Charakters richtig herausgegriffen und zu der Basis seiner Darstellung gemacht hatte.

Diese beiden Grundzüge, welche unbegreiflicherweise von den Darstellern so häufig nicht genügend erkannt werden, sind: Hochmut d. h. ein ausgeprägtes Majestäts- und Jch- Bewußtsein, und Eitelkeit, welche glaubt, daß die Mensch­heit, die eigenen Kinder nicht ausgenommen, nur zur Ver­herrlichung der eigenen Person vorhanden ist. Gerade dieser Zug muß in der Szene recht ausdrücklich betont werden, um die Verstoßung Cordelias glaubhaft zu machen. Dies gelang Herrn Peppler nicht nur trefflich, sondern er bot mehr. Mit großem Feinsinn war die Anrede des Königs an die drei Töchter geistig ausgearbeitet. Wahrhaft ans dem Herzen hervorquellend war mit Recht die Ansprache an Cordelia, welche seine Lieblingstochter ist, und von welcher er deshalb die größteVerhätschelung" seiner Person erwartet. Je wärmer die erste Anrede ist, um so gewaltiger wirkt die Verstoßung, wenn es gelingt, den Üebergang aus beiden Extremem, um diesen Ausdruck einmal pi gebrauchen, glücklich zu motivieren. Dies gelang Herrn Peppler völlig, weil er eben von vornherein jene beiden Zharaktereigenschaften trefflich zur Darstellung brachte. Im