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j»rr. 33 Erstes Blatt._______Mittwoch den 8 Februar
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Deutscher Reichstag.
26. Sitzung vom 6. Februar. 1 Uhr.
Die Beratung des Postetats wird fortgesetzt bei dem Titel „Post- und Telegraphen - Aemter". Es liegt hierzu ein Antrag Basser mann (Resolution) vor: die Negierung möge dahin wirken, daß bei der veränderten Regelung' des Gehalts der Postdirektoren eine Schädigung, der jetzt im Amte befindlichen Direktoren gegenüber dem früheren System vermieden werde.
Abg. Bassermann (nl.) empfiehlt die Resolution.
Direktor im Reichspostamt Wittko bemerkt, es handle sich nur um einen Schaden von einigen hundert Mark für dic Gesamtdienstzeit bei einzelnen Beamten, nicht etwa um einen solchen Schaden pro Jahr.
Abg. Müller-Sagan (frs. Vp.) bittet um Annahme der Resolution und richtet Anfragen an die Verwaltung hinsichtlich der Dienstzeit der Beamten bei den Postämtern, ferner ob der freie Sonntag nach vorausgegangenem Tag- unb Nachtdienst auch nur als halber freier Tag angerechnet werde und nicht etwa als ganzer, da nach vorausgegangenem so schweren Dienst der Sonntag Vormittag natürlich dem Lchllas gewidmet werden müsse. Wie komme es ferner, daß llnterbeamte nicht selten acht Stunden früher am Montag antreten müßten, als dies in Wirklichkeit erforderlich sei? Und weshalb werde der Erholungsurlaub von verschiedenen Postamtsvorstehern so verschieden behandelt? Redner rügt bann das Eingreifen des Postdirektors in Tilsit in die Wahlen zu gunsten des Grafen Pourtalös. Durch zeugeneidliche Vernehmungen sei der Postdirektor wissentlicher Unwahrheit beschuldigt worden.
Bize-Präsident v. Fr ege bittet, nicht einen Abwesenden hier wissentlicher Unwahrheiten zu beschuldigen.
Abg. Müller- Sagan (frs. Vp.) bemerkt, er habe nur lhrtsachen konstatiert aus zeugeneidlichen Vernehmungen.
Staatssekretär v. Podbielski entgegnet dem Vorredner, er sei für die Dienstzucht in seiner Verwaltung nur . dem Reichskanzler verantwortlich, und er lehne es unbedingt ab, sich von dem einseitig unterrichteten Herrn Abgeordneten Vorschläge machen zu lassen. Er sei für die Dienstzucht nie dem Reichskanzler verantwortlich. (Laute Rufe links: Unb uns!) Was die Angelegenheit des Postdirektors in
Feuilleton.
Aus Wilsielm Jordans Jugendzeit.
Zum 80.Geburtstag des Dichters,8.AebruarL8S0
Nach feinen persönlichen Erzählungen.
Von Paul Wittko.
(Nachdruck verboten.)
Am 8. Februar 1819 wurde dem damaligen Rektor der Bürgerschule zu Insterburg in Ostpreußen, Karl 'lagust Jordan, von seiner Gattin Beate Eleonore geborene ßvedjch ein Sohn geboren, der die Namen Karl Wilhelm r der Taufe erhielt.
Die Eltern erkannten bald des Knaben außergewöhn- Iiihe Fähigkeiten und seine scharfe Naturbeobachtung. Die Maischen, die mit ihm umgingen, und mit denen er umging, lie Tiere und Pflanzen, die er sah, prägten sich fest in >MLm Gedächtnis ein. Alles, was sich ihm in der freien iittur bot, regte seine Geisteskraft und seine Phantasie Mchtig an. Mit seinen Jugend- und Spielgefährten hat listig und fröhlich verkehrt, „Hinterm Ofen" hat er nie fidelen. So kam es, daß er nach echter Jungenart es oft Zu toll trieb, lieber der Nachbarn Zäune ist er geklettert, M slch von dort die Aepfel zu holen, obwohl in des Vaters Karten viel und gutes Obst war, wenn nicht besseres als in dm anderen. Aber daß verbotene Früchte noch einmal fo sÄß sind als erlaubte, hat auch er empfunden. Mit Ach mut und Humor denkt er an seine früheste Jugend Wil ck:
HO süße, goldne Zeit der Kinderspiele,
Voll Paradieses Unschuld und voll Glück!
Gleichwie ein Schiffer, der auf schnellem Kiele
Die Heimat flieht und seinen letzten Blick Nach ihren blauen Bergen wirft zurück. So schau ich aus des Lebens Mittagsschwüle Zurück auf meines Daseins Morgenröten, Wo Seligkeit ich fand in Butterbröten."
Tilsit anlangt, so habe er, Redner, die Sache den öffentlichen Gerichten übergeben.
Direktor Wittko erklärt zunächst, die Frage der Sonntagsruhe würde im wesentlichen im Sinne der Wünsche des Abg. Müller behandelt. Der Erholungsurlaub habe in den letzten Jahren erheblich zugenommen.
Abg. Rickert (frs. Vp.) wünscht, daß der Antrag Bassermann an die Budgetkommission zurückverwiesen werde. Redner wendet sich dann den Aeußerungen des Staatssekretärs zu und bemerkt, wenn Herr v. Podbielski lediglich dem Reichskanzler verantwortlich sei, dann sei der Reichskanzler dem Reichstage verantwortlich. (Rufe: Sehr richtig!) Und da liege doch der Schluß sehr nahe, daß auch der Staatssekretär dem Reichstage verantwortlich sei.
Abg. Möller (nl.) ist ebenfalls für Kommissionsverweisung.
Abg. Lenzmann (frs. Vp.) findet die Art und Weise, wie der Staatssekretär es zu hindern versuche, die Handlungsweise seiner Beamten und ihn selbst zu kritisieren, etwas zu kavalleriemäßig. Gefreut habe er sich allerdings, daß Herr v. Podbielski erklärte, er habe das Verhalten des Beamten in Tilsit nicht gutgeheißen und die Untersuchung eingeleitet. Der Beamte in Tilsit habe geradezu ungesetzlich gehandelt, denn wie komme er dazu, Exemplare der Tilsiter Zeitung zurückzuhalten, sie nicht verbreiten zu lassen, obwohl sie nicht gerichtlich beschlagnahmt war? Redner teilt ferner mit, daß die Postbehörden in Hagen und Dortmund auf dem Gebiete des Firmenrechts sich ein Versehen hätten zu Schulden kommen lassen und zwar in Unkenntnis der für Westfalen geltenden ehelichen Gütergemeinschaft.
Staatssekretär v. Podbielski entgegnet, der erstere Fall sei ihm unbekannt; er werde sich aber die Akten kommen lassen. Bei dem Falle in Dortmund und Hagen handele es sich um eine der verwickeltsten Sachen der Post- verwaltung, um Firmenrechtliches. Wenn da einmal ein Versehen vorkomme, so sei das entschuldbar.
Abg. Singer (Soz.) kommt auf die obige Aeußerung des Staatssekretärs zurück und meint, wenn der Herr Staatssekretär dem Reichstage nicht verantwortlich sei, dann werde dem Herrn Reichskanzler nichts anderes übrig bleiben, als daß er sich selber während der Session im Reichstage für permanent erkläre. Redner bespricht nun den Tilsiter
Und dann kam die Zeit, da das Ewig-Weibliche ihn anzuziehen begann.
„Ich war fürwahr ein sonderbarer Junge: Ich hab geliebt, so lang ich denken kann. Noch lallte kaum das ABC die Zunge, Da schmiegt ich mich schon gern dem Mädchen an."
Er erzählt in seinen Jugendgedichten, die unter dem Titel „Schaum" 1844 erschienen, daß er, wenn er schmollte oder sich beleidigt fühlte, unter Mutters Klavier kroch und bitterlich weinte. Und schmollen thal er immer, wenn ein Jungfräulein, die der kleine Knirps in sein Herz geschlossen hatte, Jünglinge von 20 Jahren ihm vorzog. Wenn er in ihrer Eltern Hause war und Militär mit klingendem Spiele vorüberzog, dann kroch er regelmäßig unters Klavier der schönen Laura, denn diese eilte dann — das wußte das Büblein „aus Erfahrung" — blitzenden Auges und mit geröteten Wangen ans Fenster, um sich von diesem und jenem schmucken Leutnant ihrer Bekanntschaft grüßen zu lassen. „Ihr liebes Wichtelmännchen" aber, wie sie den kleinen Wilhelm scherzhaft zu nennen pflegte, weinte und schrie und bat, ihm das begonnene Märchen weiter zu erzählen. Laura aber ward böse und schlug ihn auf die Hand.
Laß mich in Ruh! Was soll das heißen?
Du wirst mir noch das neue Kleid zerreißen. — Da kroch ick wieder unter das Klavier Und schluchzte laut und weinte heiße Thränen. Ach, wär ich so ein blanker Offizier!
Das war mein heißes, inbrunstvolles Sehnen, Dann ritt ich auch so stolz vorbei an ihr!
Sie würde sich nach mir ins Fenster lehnen, Ich aber galoppierte ihr zum Tort
Schnell wie der Wind und ohne Grüßen fort.
Die schöne Müllerstochter Laura Balk, die holde Scheherezade, die ihm als „Dämmerbild in ewiger Jugendschöne" vor seiner Jugend steht, hat in ihm auch die Liebe zum Gesänge wie überhaupt zur Musik angeregt. In einem großen Roman „Zwei Wiegen" (1887) malte der Dichter das Bild einer schönen Müllerstochter in den prächtigsten
Fall und schließt : Die Art, wie hier der Staatssekretär dem Reichstage gewissermaßen Subordination zumutet, werden wir uns nicht gefallen lassen.
Staatssekretär v. Podbielski behauptet, das habe ihm ferngelegen. Er bleibe dabei, daß, wer den Eid als Beamter geleistet habe, nicht für die Sozialdemokratie Agitation treiben dürfe.
Abg. Liebe r (Centr.) ist mit denen einverstanden, die erklären, daß der Reichskanzler dem Reichstage für alle geschehenen Maßnahmen verantwortlich sei. Aber ebenso sei er auch mit dem Staatssekretär darin einverstanden, daß sich diese Verantwortlichkeit nicht bezieht auf Maßnahmen, die noch ausstehen. Das würde ein Eingreifen der gesetzgebenden Körperschaft in die Verwaltung sein. Redner ist mit der Rückverweisung des Antrages Baffer- mann an die Kommission einverstanden.
Abg. v. Levetzow (kons.) erklärt, veranlaßt durch eine Bemerkung des Abg. Singer, im Namen seiner Freunde, daß dieselben jedes Bündnis mit den Sozialdemokraten zurückwiesen und jeden desavouierten, der sich auf ein solches Bündnis einlaffe.
Die Debatte wird geschlossen.
Der Titel wird genehmigt, der Antrag Bassermann an die Kommission verwiesen.
Die Titel „Oberpost- und Telegraphen-Assistenten", sowie Stellenzulagen an sogenante gehobene llnterbeamte werden ebenfalls an die Kommission zurückverwiesen.
Beim Titel Telegraphen- und Fernsprech-Ge- hilf inne n beschwert sich Abg. Müller-Sagan (frs. Vp.) darüber, daß verschiedene Damen nach absolviertem Vor^ bereitungsdienst zurückgewiesen seien, weil keine Stelle frei fei. —
Unterstaatssekretär Fritzsch entgegnet, diebetreffenden Damen würden stets von vornherein darauf hingewiesen, daß sie nach beendeter Ausbildungszeit nicht sofort auf Anstellung rechnen dürften.
Staatssekretär von Podbielski fügt noch hinzu, daß die betreffenden Damen natürlich auf die Expektanten- liste kämen.
Der Titel wird genehmigt, desgleichen der Titel Unterbeamte.
Beim Titel W oh nun gsgeld Zuschüsse wünscht eine
Farben. Doch hat er dabei, wie er mir einmal sagte, an die Märchenfee seiner Kindheit nicht gedacht. Eine andere wars, die ihm die Umrisse für die Agnete seines Romans lieferte. Etwa zwei Jahre ist es her, als ich den Dichter an die schöne Laura, wie ich sie ans dem „Schaum" kenne, erinnerte, und bald darauf entstand ein Poem, das zu den schönsten gehört, die im „Cottaschen Musenalmanach für 1898" enthalten sind. In tiefergreifenden Versen von berückendem Wohllaut gedenkt der greife Poet wieder der „Laura" aus seiner Jnstcrburger Kinderzeit. Er träumt sich um mehr denn 70 Jahre zurück, und lebendig wird wieder die liebliche Mädchengestalt mit ihrer süßen Stimme und ihrem weißen Halse. Sie sang ihm öfters am Klavier das Lied des Freifchütz-Aennchen:
„Doch ihres Halses Trillerspiel, Nach dem ich lechzend schaute, Dabei weit mehr mir noch gefiel, Als ihre süßen Laute,
Bis ungestüm ein dunkler Drang Ergriff die Kinderseele
Und keck auf ihren Schoß ich sprang, Zu küssen diese Kehle."
In seinen Strophen und Stäben (1871) sagt der Dichter, daß ihn „die Natur nicht zu lyrischen Thaten gerüstet" habe. Widerlegen das nicht vollauf diese leichten lebenswarmen Verse des Neiinundsiebzigjährigen?
Im Jahre 1825 war sein Vater nach der Regierungs- Hauptstadt Gumbinnen als zweiter Prediger an der Stadtkirche übergesiedelt. Der sechsjährige Knabe wurde Schüler des dortigen Gymnasiums. In dem alten „Feenschloß", wie er einmal scherzend dic Schule genannt hat, machte er gute Fortschritte. Die liebsten Unterrichtsstunden wurden ihm bald Geschichte und Naturwissenschaften. Die griechische Mythologie zog ihn besonders mächtig an.
Die religiösen Eindrücke, die er als Kind gewann und die von seinen Eltern nach Kräften in ihm genährt wurden, waren von weitreichendem Einfluß auf ihn. Die Bibel las er als Schüler schon von Anfang bis zu Ende durch. Gar


