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6.4.1899 Zweites Blatt
 
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M, 80 Zweites Blatt Donnerstag den 6. April

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Anrts- und Anzeigeblutt für den Ureis Gieren

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Alle «ntei-en-vermittluLgSftellen bei In- unb Äuitonbcl nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entfcfte.

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schaftlichen Instituten, wie auf die durch den persönlichen wissenschaftlichen Verkehr gegebene gegenseitige Anregung seine Stätte in Berlin finden müssen. Daß das Institut als Reichsinstitut, unter der Leitung der Kolonialabteilung des auswärtigen Amtes stehend, gedacht ist, ist bekannt.

Aus Thüringen, 30. März. Arbeiterverhältnisse. Der Bericht des Fabrikinspektors Brecht von Schwarzburg- Rudolstadt schließt mit folgenden bemerkenswerten Worten: Wer sich der Arbeitsverhältnisse aus den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts zu erinnern vermag, der muß zugestehen, daß am Schluß desselben kein Stand im Staate sowohl seiner äußeren Stellung nach als auch in der Lebenshaltung und in wirtschaftlicher Beziehung so erheblich emporgekommen ist, als der sogenannte Arbeiterstand, und das ist erfreulich." lieber die Fürsorge der Unternehmer gegenüber den Arbeitern berichtet der Fabrikinspektor für das Großherzogtum Weimar u. A.: In einer großen optischen Werkstätte wurde der gesamten Arbeiterschaft am Schluß des Jahres ein Gewinn­anteil von 9 pCt. des Lohnes gewährt; in einer großen Glashütte erhielten sämtliche Arbeiter zu Weihnachten ein Geschenk, das bis zu einer fünfwöchigen Lohnzahlung betrug. In einer großen Zementfabrik wurde wegen der plötzlichen Steigerung der Brodpreise den verheirateten Arbeitern je nach Bestand der Familie eine Teuerungszulage von 3 Mk. die Woche gewährt. In einer Buchdruckerei wurde dem Personal durch Nachtrag zur Arbeitsordnung im Fall der Krankheit, des Todes oder der Invalidität eine wesentliche Unterstützung, die sich bei älteren Arbeitern bis zu einer lebenslänglichen Rente steigert, zugesichert.

Dresden, 30. März. Sozialdemokratisches. Der für die in den nächsten Tagen stattfindende Landes- versammlung der sächsischen Sozialdemokraten berechnete Bericht des Zentralkomitees zeigt wiederum recht deutlich, zu welchen Erfolgen eine straffe Organisation und Opfer­willigkeit führt. Im vergangenen Jahre wurde im König­reich Sachsen die Agitation wieder in der umfangreichsten Weise betrieben, denn es wurden nicht weniger als 4160000 Exemplare von Wahldruckschriften verbreitet, und neben dieser schriftlichen Agitation fand eine nicht minder rege mündliche statt. In 20 sächsischen Wahlkreisen wurden 159 Versammlungen abgehalten. Die Wahlkosten betrugen für alle 23 Wahlkreise 83481 Mk.; sie schwankten zwischen 1395 und 6382 Mk. für den Wahlkreis. An den sächsischen Gemeinderatswahlen war die Sozialdemokratie nach einer unvollständigen Aufstellung in 220 Orten beteiligt; ge­wählt wurden 268 ihrer Anhänger. Zur Zeit sitzen in 314 Gemeinderäten 736 sozialistische Vertreter. Außer den für die Reichstags- und Gemeindewahlen aufgewendeten er­heblichen Mitteln konnten 8600 Mark an die Parteikaffe nach Berlin abgeliefert werden. Die Nutzanwendung für die bürgerlichen Parteien aus dem Berichte liegt in der Befolgung der Mahnung:Gehet hin und thuet des­gleichen!"

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Deutschland und China.

Derjenigen Staaten gegenüber, welche nicht willens ob?'C imfi anbe sind, fremde Unterthanen gegen VergewalN- guri.gzu schützen, ist Selbsthilfe geboten, und so hat denn meng bi? Deutsche Reich im Laufe der Jahre mehrfach oic^idTLttcI in Anwendung bringen müssen. In beinhalten Qu rbrlajibc China herrschen seit langem höchst unsichere ;>. «c unb bie Pekinger Regierung vermag ihre bezopften ili.TtrtfiiiHen nicht mehr im Zaume zu halten. Ueberbies era chm «S bie Vizekönige einzelner Provinzen für angebracht, beim rsurg-li-Iamen Opposition zu machen unb bie fanatischen J biTüiftit zu Gewaltthätigkeiten gegen bie Fremben anzu- : U'.tn. Noch in frischer Erinnerung sinb einzelne Fälle, in kiitr sich ber Angriff ber Chinesen gegen Leben unb s'iFMtm ber Missionare richtete. Dies war auch ber erste An'patz baju, daß Deutschlanb bie Expebition nach China auciTTiflcte xnb bas Kiautschou Gebiet in Besitz nahm. Diese J'M.jnoljjnc sollte bekanntlich bem beutschen Hanbel in Ost- i fit in tirem Stützpunkt gewähren unb außerbem auch bem Scktßtzr Ides Lebens unb Eigentums beutscher Unterthanen in gijinc bienen.

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Sontag«.

A Sießener »emHleelMHet Bfttie ö-m Anzeiger wö6*adid| viermal ktigefegt

Jin Süben ber Provinz Schantung haben bie christen- feiri'Won Unruhen neuerbings einen gefahrdrohenden tiljilaiahe: angenommen, der bie gespannteste Aufmerksamkeit ber Mltzite erforbert. Bekanntlich richten sich bie Bestreb- uncpu diu Rebellen auch gegen bie Mandschu-Dynastie, unb du- M6$ie6cnben Kreise Pekings messen ber Bewegung nicht gcr Age tkbeutung bei. Den Aufstanb einzudämmen, hat isk ci rwch nicht gelingen wollen, unb bie chinesischen trugen sinb mehrfach mit blutigen Köpfen zurückgeworfen 'i'otilbm. Jetzt bürste in ber Angelegenheit eine Wendung 'intartitn, benn bie deutsche Regierung hat sich genötigt

. in die Aufruhrgegend eine militärische Expedition

kWt, IIRW :EIt|(ijben. Die nächste Veranlassung hierzu hat, rote wir ber«7:ils cm anderer Stelle mitgeteilt haben, ein Angriff der rX ?j!cij*<inen Bevölkerung auf drei Deutsche bei Jtschau 'vH und: die -Gefangennahme und Mißhandlung eines deutschen . t Ä pn-chis bei Tsimo gegeben. Daß die deutsche Expedition ? Li/nE^keinll°ha>lb e Arbeit thun und gründlich unter den bezopften Jett Sm Gef Äm aufräumen wird, darf als selbstverständlich an- gescHn iiverden. Freilich kann unsererseits nicht ein so groiM Apparat aufgeboten werden, um die ganze Provinz Schqaatung zu pazifizieren, aber die Expedition wird den SchMigsen gehörig die Jacke ausklopfen und ein Exempel

----- ^stat «n, damit den Chinesen für lange Zeit die Lust

ucrcgitl, sich an deutschen Unterthanen zu vergreifen. BieWchl rafft sich nun auch die chinesische Regierung zu etneim cnergischen Durchgreifen auf, wozu es Deutschland Npttl: nn Megnng und eventuell auch an wirksamer Unterstützung

mit lassen wird. Der Schritt, den unsere Regierung

ncu.:dinqd in China gethan hat, liegt das möchten wir . . .auSlÜMlich betonen nicht allein in unserem Interesse, Der

Kieh em r Anzeiger

Keneral-Anzeiger

sondern in demjenigen der ganzen westlichen Kultur. Selbst­süchtige Absichten verfolgt das Deutsche Reich nicht; es will nur sein Recht wahren und der Pflicht genügen, seinen Unterthanen in dem großen China Schutz zu gewähren. Es wird ja auch in diesem Falle an Anfeindungen und Ver­dächtigungen nicht fehlen, aber die Erklärungen, welche unsere Regierung über ihre Absichten in Ostasien abgegeben hat, sind zu klar unb unzweibeutig, als baß irgend ein Zweifel berechtigt wäre.

Möchte die deutsche Expedition ohne allzu große Schwierigkeiten und ohne schwere Opfer ihren Zweck voll erreichen!__(xx)

Deutsches Keich.

Berlin, 4. April. Die Ueberfiebelung des Kaiser­paares nach dem Neuen Palais zu Potsdam, welches mehrfachen baulichen Veränderungen unterworfen worden ist, soll am 23. April erfolgen.

Berlin, 4. April. Der Kaiser empfing am ersten und zweiten Osterfeiertage nachmittags den Unterstaats­sekretär Freiherrn v. Richthofen und gestern abend den Staatssekretär v. Bülow zum Vortrage.

Berlin, 4. April. DerReichsanzeiger" veröffentlicht die Ernennung des Finanz-Direktors beim Gouvernement für Deutsch-Ostafrika, v. Bennigsen, zum Gouverneur von Deutsch-Neu-Guinea.

Berlin, 4. April. Wie derLokal-Anzeiger" berichtet, ist der Kaiser seit Karfreitag von leichtem Unwohlsein befallen. Ein sogenannter Hexenschuß zwang ihn, während der Feiertage das Zimmer zu hüten und zeitweise auch das Bett. Das Befinden des Kaisers hat sich jetzt so weit gebessert, daß er heute vormittag Vorträge entgegennehmen konnte. Die Teilnahme an der Taufe beim württembergischen Gesandten mußte jedoch noch abgesagt werden.

Berlin, 3. März. Das tropenhygieinische In­stitut, dessen Errichtung höchst wahrscheinlich im nächsten Reichshaushaltsetat gefordert werden wird, würde nach einem von Professor R. Koch und Dr. Kohlstock abgefaßten Gutachten hauptsächlich folgende Aufgaben zu lösen haben: Untersuchung über Bekleidung, Nahrungsverhältnisse und Ernährung der Europäer in den Tropen, weitere Erforschung der Tropenkrankheiten, in erster Linie Malaria und Dysentrie, ferner von Krankheiten, die zwar zurzeit noch nicht in unsren Schutzgebieten aufgetreten sind, deren Einschleppung dorthin aber über kurz oder lang zu erwarten steht, wie Cholera, Gelbfieber, Maltafieber u. s. w., Untersuchungen über Tier- krankheiten, Ausbildung der für den Dienst in den Tropen bestimmten Aerzte und Tierärzte, ärztliche Behandlung der aus den Tropen zurückkehrenden Kranken. Wegen der räum­lichen Trennung des deutschen Kolonialbesitzes wäre es nicht angängig, dieses Institut in irgend eine der Kolonien zu verlegen, das Institut würde mit Rücksicht auf den für dasselbe notwendigen Zusammenhang mit andren wissen­

in t»O

Feuilleton.

M Zukunft des deutschen Theaters.

Bon Hermann Lekisch.

eingettoffen.

ljr" * . a 8ilb ist die diesjährige Theatersaison zu Ende, und int c m igen Ausnahmen klagen die Direktoren über schlechte efetyilc Die Ursachen hierfür sind verschiedener Art.

Jem erwächst dem Theater im Varietö eine nicht zu ^fl^H[^nt«inft®3cnbe Konkurrenz, und meistens bringen es auch EUuljlFnc S:riitt68 durch aufdringliche Reklame fertig, daß sie ;ut Mtzt sind, während das Theater leer steht. Ich hörte 1 ksch'edene Male folgendermaßen erklären:Gehe ich n c iiv L arietö, so sehe ich in drei Stunden die verschieden­st!, ff v rti.tgii-n Trics, ich sehe Jongleure, Soubretten, Excentriqs, «Me Tiere, Komiker u. s. w., ich sehe dort wirkliche

heil 13 kümWr. Die Schauspielkunst aber hat für mich nichts eiziMts/, sie ist lediglich eine Sache der Routine, der » ujll °^em»,Ätlheit oder höchstens ein Kunstgewerbe. Gefällt mir :öms!te eine Nummer nicht, gut, so habe ich elf andere, vfäflHiir im Theater das Stück oder ein Schauspieler langweile ich mich den ganzen Abend. Auch kann 2,^ nirt a einer Provinzstadt im Theater nur wenig geboten vertoia, während beim Variete der vierzehntägige Programm- E' veckch'i! bedingt, daß die größten Kunstkapazitäten, nachdem jöjxic i in dm Hauptstädten aufgetreten, auch in kleinere kommen; .z. )otfiM ß knnmal ein tüchtiger Schauspieler an einer Provinz- z,6f 10 ?

bühne, gleich schnappen ihn die Berliner oder die Hof­theater weg.

Nachdem ein Mensch den Tag über gearbeitet hat, hat er auch selten Luft, noch einige Stunden ins Theater zu gehen, um dort etwa ein Hauptrnann'sches Stück zu sehen, das ihn aufregen und traurig stimmen muß. Er will viel­mehr nach der Arbeit vor allem kräftig essen und ordentlich trinken, und will er sich einmal vergnügen, so geht er ins Varietö, um die Späße der musikalischen Klowns und die Kouplets des Komikers zu hören; meistens bringt er aber lieber seine freie Zeit bei Kartenspiel und Schwatz mit Ge­nossen und bei Besprechung von Parteiangelegenheiten zu. Der Theaterbesuch bleibt für ihn immer ein Ereignis.

Betrachten Sie doch nur die englischen Theaterverhält­nisse, denen sich die deutschen langsam nähern. In England, bem man doch gewiß nicht den Vorwurf geistiger Interesse­losigkeit machen darf, da dort die meisten Bücher gekauft werden, spielt das Theater schon lange nur die Rolle einer gesellschaftlichen Unterhaltung, und zwar einer nicht besonders hochstehenden. Shakespeares Werke werden massenhaft für einen Sixpence gekauft, aber aufgeführt werden sie nur sehr wenig, und dann bei horrenden Preisen und um der glän­zenden Ausstattung willen."

So wurde mir der Rückgang des deutschen Theaters mehrfach erklärt, und zwar von Gebildeten, von geistig hoch­stehenden Menschen. Die so sprachen, waren Leute, die Goethes, Schillers, Lessings, Hauptmanns und Sudermanns Werke gerade so gut kannten, wie jeder Kritiker; die die­

selben gelesen hatten, aber nicht auf dem Theater sehen wollten.

Glauben Sie denn, ich wollte mir meine ganze Illusion verderben, wenn ich ins Theater gehe, und sehe, wie die Schauspieler, vom Inspizienten hereingestoßen, ihre Rollen ohne geistiges Vertiefen herunterplappern, um dann wieder so schnell wie möglich hinausstürzen und heimgehen zu können," sagte mir einmal ein Herr, und wie recht hatte er, wie wenig konnte ich ihm erwidern. In der That, der Zudrang zum Theater ist heute ein viel zu starker, viel zu viel talentlose laufen unter den Schauspielern herum, die nur durch Protektion an erste Stellen gelangen, und die einen dann auf der Bühne durch ihre Interesselosigkeit geradezu beleidigen.

Obwohl in vielen Städten Volksvorstellungen zu ganz billigen Preisen stattfinden, wird es doch nie gelingen, das Interesse des Volkes für klassische Werke anzuregen, sondern dasselbe hält es für viel zweckmäßiger, seine freie Zeit mit Spazierengehen, Turnen, Schwimmen und Schlittschuhlaufen zuzubringen, als daß es sich stundenlang ins Theater setzt.

Das Vorhergesagte betrachte ich als die Gründe für den Rückgang des deutschen Theaters, und füge noch hinzu, daß Gesagtes keineswegs meine Meinung über das Theater, sondern lediglich, wie ich glaube, die des großen Publikums ist. Unter solchen Umständen scheint mir die Zukunft unseres Theaters sehr gefährdet, und zwar hauptsächlich durch das Varietö.