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3.5.1899 Zweites Blatt
 
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Nr 103

Mittwoch Den 3. Mai

Zweites Blatt

1899

Gießener Anzeiger

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Die Rivalen im Persischen Meerbusen.

Rußland darf wieder auf recht ansehnliche Erfolge zurückblicken. Eine russische Expedition ist auf persischem Gebiete eingetroffen, um mit Genehmigung des Schah Mussafa-Eddin die Verlängerung der Eisenbahnlinie Tiflis- Lars längs der perfisch-türkischen Grenze nach dem persischen Meerbusen vorzubereiten. Bei der russischen Energie ist nicht daran zu zweifeln, daß der Bau der Bahn binnen kurzer Zeit in Angriff genommen und durchgeführt werden wirb. Daß die Stationen, welche errichtet und voraus­sichtlich befestigt werden sollen, den Hauptzweck verfolgen, de« Einfluß Rußlands in Persien noch weiter zu vergrößern, unterliegt keinem Zweifel. Rußland muß, wenn es seine Pläne bezüglich Indiens nicht aufgeben will, einen Hafen «» persischen Golf besitzen und sich einen gesicherten Weg dahin schaffen.

Natürlich bleiben die russischen Absichten England nicht verborgen. Auch dieses will am persischen Golfe Fuß fassen unb wünscht zunächst den Grenzstrich zu beeinfluffen, der uoch in türkischem Besitze ist. Es gewinnt dadurch die Möglichkeit, den Schlüssel zu Mesopotamien in die Hand zu bekommen und in diesem großen Gebiete der maßgebende Faktor zu sein. Aber auch sonst sind die englischen Jn- 1e«ffeu am Golf von Persien recht erheblich, da dort gewissermaßen der Schlüssel ist zu Englands Stellung in Zentralasien, und weil es gilt, gerade dort dem russischen Vordringen kräftig entgegenzutreten. Freilich haben die Engländer bis jetzt nur wenig erreichen können, da ins­besondere seit der Ermordung des Schah Nasr-Eddin in t'etfien russisch Trumpf ist. Dieser staatskluge Herrscher hatte es verstanden, sowohl mit England wie mit Rußland sich auf guten Fuß zu stellen und die Bevorzugung des einen Rivalen gegenüber dem andern zu vermeiden, wenn­schon er im Grunde genommen dem Zaren näher stand. Der neue Schah besitzt nicht die Energie seines Vorgängers; er regiert ziemlich planlos, und da ist es denn nicht zu verwundern, daß Rußland dies benutzt und das persische Keich zunächst finanziell von sich abhängig zu machen sucht. Dies ist jetzt beinahe gelungen, und Rußland hält es an der Zeit, auch in militärischer Hinsicht seine Suprematie in Persien zu sichern, wozu der Bau der Eisenbahn und die Errichtung befestigter Stationen den geeigneten Vorwand «bgebcn.

Schon vor dreißig Jahren wollten englische Unternehmer eine direkte Verbindung zwischen dem persischen Meerbusen und dem Kaspischen See herstellen und zu diesem Zwecke Lnfchihr und Rescht verbinden. Diesen Plan hat aber Rußland vereitelt, da es wohl erkannte, welchen erheblichen Nutzen er dem englischen Welthandel bringen würde, und t» es selbst zur Ausführung des Unternehmens zu schreiten ieabsichtigte, falls die Zeit gekommen sei.

Rußland ist in dem Wettbewerb in Persien der Sieger

Feuilleton.

Unser Harten im Wai.

(Nachdruck verboten.)

Die harte Arbeit des Grabens, Rigolens, des Säume» 31b Sträucherpflanzens ist vorüber, nun beginnt die wonnige 'M der stillen Erwartung, ob unsere Hoffnungen in Er- Hung gehen werden, hier und da sehen wir schon Der- Wungsvolles und Erfreuliches, doch bei manchen dem «4hoße der Erde anvertrauten Pflanzen überschleicht uns wch die Sorge um das Gedeihen.

Zwar ganz ruht die Arbeit noch nicht, doch immerhin wllzieht sich das Vorzunehmende rascher und leichter. Die Stete im Gemüsegarten müssen rein gehalten, aufgelockert mb bei trockenem Wetter begoffen werden. Anfangs des vonats säet man späte Sorten Blumenkohl (italienischer Ats<n- oder Algier), gegen Mitte des Monats Broccoli, Mstterblätterkohl (Erfurter Dreienbrunnen) und Kohlrabi Clpiter blauer und weißer Riesen-), als Folgesaaten Erbsen (Schmidts allerfrüheste Mai»), Salatrüben, Radies (Erfurter Iitti-tnbrunnen), Kerbel» und Kopfsalat (brauner Trotzkopf). Aach, den gestrengen drei Herren kommen auch die Haupt» »Maaten an Bohnen (von Stangenbohnen die Juli-Bohne alr Teste), Gurken, Kürbis, auch von Herbst- und Winter- unig. Hat man Beete von frühen Erbsen, Spinat rc., ö,n denen zu erwarten ist, daß sie Ende Juni abgeerntet krnd i» können, so säet man noch frühen Wirsing (Eisen­

geblieben, und daß es seinen Erfolg nach allen Richtungen hin ausnutzen wird, daran darf man nicht zweifeln. Die englische Regierung hat wieder einmal das Nachsehen, und es ist kaum anzunehmen, daß sie die erlittene Niederlage gegenüber dem Rivalen wird gut machen können. (xx)

Deutsches Reich.

Berlin, 1. Mai. Der Kaiser besichtigte heute vor­mittag auf dem Tempelhofer Felde das 3. Garde-Regi­ment zu Fuß, das Königin-Augusta-Garde-Grenadier-Regi» ment und das Garde-Schützen-Bataillon. Später setzte sich der Kaiser an die Spitze der drei Garde-Regimenter und führte dieselben nach der Kaserne, wo er bei dem Offizier­korps das Frühstück einnahm.

Berlin, 1. Mai. Das Denkmal für den Reichs- Postdirektor Stephan, welches die Beamten und Unter­beamten der Reichspost und Telegraphieihrem unvergeß­lichen Meister" gespendet haben, ist heute mittag im Licht­hofe des Reichspost Museums in Anwesenheit dcs Reichs­kanzlers Fürsten von Hohenlohe und des Staatssekretärs Podbielski feierlich enthüllt worden. Für heute abend hat der Reichskanzler die Mitglieder des Denkmals-Komitees zur Tafel geladen.

Berlin, 1. Mai. Wie dieNeuesten Nachrichten" melden, sollen die Pfingstferien des Reichstages möglichst weit hinausgeschoben werden, weil man die zweite Lesung der Novelle zum Jnvaliditäts-Versicherungsgesetz, die von der 9. Kommission durchberaten worden ist, im Plenum bis zu den Ferien zu erledigen wünscht.

Berlin, 1. Mai. Das Abgeordnetenhaus begann heute die Beratungen über den Bericht der 14er-Kommission, betreffend den Antrag Gamp und Genossen (Maßregeln gegen die in der Landwirtschaft herrschende Arbeiternot). Die Debatte, in der über die einzelnen Punkte des von der Kommission besonders vorgeschlagenen Antrages debattiert wurde, wurde heute nicht beendet, sondern wird am Mitt­woch fortgesetzt.

Berlin, 1. Mai. Während der Friedens-Kon­ferenz im Haag werden sich zahlreiche Vertreter der Friedens-Konferenz in der holländischen Hauptstadt einfinden. Es hat den Anschein, als ob sich neben der Haupt-Konferenz noch eine private Friedens-Konferenz bilden würde.

Berlin, 1. Mai. Der russische KreuzerKreißer" ist am 29. April in Kiel eingetroffen. Derselbe kommt von Port Arthur und wird in den nächsten Tagen seine Heim­reise fortsetzen.

Berlin, 1. Mai. Zur heutigen Maifeier fanden 35 Gewerkschaftsversammlungen statt, in denen zwei Reichs­tags-Abgeordnete und die Gewerkführer über die Bedeutung des 1. Mai referierten. An den Versammlungen nahmen auch Frauen teil. Die Gewerkschaften zogen um 10 Uhr

köpf), Erfurter Rotkraut und Rosenkohl, um im Juli für diese Beete Pflanzen zu haben. Zu Anfang des Monats pflanzt man noch Porree und Sellerie aus, im weiteren Verlaufe bringt man die in Töpfen oder Frühbeeten vor­gezogenen Gurken, Melonen, Kürbisse, Bohnen, sowie frühe Kohlarten, Kopfsalat, Bindesalat in die Erde.

Wenn es wärmere Tage giebt, kommen auch bereits die verderblichen Raupen an unsere Gemüsebeete. Was auch an Mixturen erfunden wird, das Absuchen bleibt doch das rationellste Mittel. Mancher mag nicht mit den Fingern die Raupen anfassen. Um dies zu vermeiden, hat man jetzt einenRaupengreifer" konstruiert, ein scherenartiges, aber mit flachen Greifern versehenes Instrument. Das Raupen­ablesen wird damit zum Sport und Vergnügen.

Das Spargelstechen nimmt seinen Anfang. Man ge­brauche ein Messer mit einem Knopf an der Spitze, um neben der zu stechenden Pfeife stehende unterirdische Triebe daran abgleiten zu lassen. Bor dem Stechen mache man das obere Ende der Spargelpfeife von Erde rundherum frei, fülle das Loch nachher aber wieder zu.

Ende des Monats können zum ersten Male Winter- Endivien ausgesäet werden. Alle Erbsen, mit Ausnahme der Zwergarten, find mit Reisig zu bestecken, von Puff­bohnen sind die Spitzen abzubrechen, wenn sich daran die schwarze Milbe zeigt. Diese Milben sind Feinschmecker, da sie immer nur die jungen Triebe bevorzugen. Man ver­säume nicht, bei trockenem Wetter den Erdbeerbeeten recht viel Waffer zukommen zu taffen.

Im Blumengarten bringt man die kleinen, in Näpfen

| in größeren Trupps nach den Versammlungen. Im allgr-

I meinen hatte das Berliner Verkehrswesen ein alltägliche» Gepräge. Von den Versammlungen waren einzelne nur mäßig besucht. In allen aber fand die von der Berliner Gewerkschafts-Kommission vorgeschlagene Resolution Annahme. Die Anarchisten hielten eine besondere Versammlung ab, in der sie für vollkommene Arbeitsruhe am 1. Mai eintraten.

Berlin, 1. Mai. DieNational-Zeitung" meldet aw8 Rom: Heute findet die Diskussion über die Interpellation betreffend die chinesische Angelegenheit statt. Da Rudini, Giolitti, Zanardelli und die äußerste Linke nichts von China wissen wollen, läuft das Kabinett Gefahr. Jedenfalls wird Pelloux am Ruder bleiben.

Köln, 1. Mai. DieKöln.Ztg." meldet aus London zu dem Abschluß der englisch-russischen Verständigung in Sachen China: Urteilsfähige Kreise halten bis auf weiteres an der Ansicht fest, in dem Abkommen erkenne England zn Gunsten Rußlands alles an, was bisher streitig gewesen sei. Es sichere England nur, was ihm auch ohnehin sicher ge­wesen sei. Es laufe daher beiderseitig nur auf Anerkennung der vollendeten Tatsachen hinaus und enthalte für die Zu­kunft keine andere Friedensgewähr, als die bisher unerfüllte Hoffnung, daß Rußland sich insofern mit dem heutigen Be­sitze begnügen werde und sich an die neuen Abmachungen halten werde, weil es an anderen Punkten die Hände zn voll habe und für seine inneren Unternehmungen geld­bedürftig sei. Der bekannte geheime Bericht des russischen Finanzministers und die neuesten Nachrichten über die russischen Vorschläge betreffs Persien und den geplanten Bahnban nach dem persischen Golf bekräftigen diese Besorgnisse.

Lübeck, 3. Mai. Mehrere Aus ständige, welche die Nichtstreikenden zur Niederlegung der Arbeit veranlaßten, wurden verhaftet.

Bad Kreuznach, 1. Mai. Prinz Waldemar von Preußen ist heute mittag zu einem sechswöchentlichen Knr- aufenthalt in Münster am Stein eingetroffen. Prinz Sigis­mund folgt morgen.

Neuß, 1. Mai. Der Vertreter des hiesigen Wahlkreise« im Reichs- und Landtage, Abgeordneter Rath (Gentrum), ist plötzlich gestorben.

Kamerun. Die letzten Nachrichten aus demFeldzvge der Schutztruppe im Süden reichen etwa auf den 20. Februar zurück. Damals war bei den Wüte wenig verändert. Haupt­mann v. Kamptz befand sich noch in der Mitte Januar ein­genommenen Ngillastadt und unterhandelte mit dem neuen Ngilla, war aber noch zu keinem Ergebnis gelangt, weL dieser Häuptling fürchtete, sich zu binden, zumal unter bee übrigen Führern der Wüte, die sich auf der Flucht zerstreut haben, keine Einigkeit herrscht. Aus Privatbriefen erfahren wir, daß die Ngillastadt einen Umfang von 3000 m hat und mit einem sturmfreien Graben umgeben ist. Der Wall ist mit einer Hecke von Flechtwerk gekrönt und letzteres mit

vorgezogenen Sommergewächse an ihren endgiltigen Stand­platz. Alles, was an Zimmerpflanzen ins Freie darf, wird Mitte des Monats hinausgebracht. Auflockern des Bodens, Anbinden der Blütenstengel, Herbeiführung von Ordnung und Reinlichkeit sind jetzt die Hauptarbeiten im Blumen­garten. Den Topfpflanzen gebe man, um ein gutes Wachs­tum herbeizuführen, jetzt einige der neuerfundenen, praktisch zu verwendenden Pflanzenpillen.

Wo noch kein Rasen ausgesäet ist, ist noch nichts ver­säumt. Die treibende Kraft bringt erst der Mai mit feinen sonnigen Tagen. Die beste Zeit zur Aussaat ist ein trüber, windstiller Tag. Das Ausstreuen des Sarnens soll auf dem sauber abgeharkten und gut planierten, von allen Steinen gesäuberten Lande möglichst gleichmäßig geschehen. Der aufgestreute Samen wird leicht eingehackt oder ganz flach mit dem Rechen eingeharkt. Nach dem Einharken wird die Fläche mit Trittbrettern festgetreten oder gewalzt. Gute Saat muß nach 10 bis 20 Tagen keimen, je nach der Witterung. Ist das Gras ungefähr 5 Zentimeter hoch, so wird es das erstemal geschnitten. Man laffe einen guten Gartenrasen nie höher als 7 Zentimeter kommen und walze ihn jedesmal nach dem Schnitt, wenn man eine Walze be­sitzt. Auf 100 Quadratmeter rechnet man 2* 1/, bis 31/, Kilo. Die Klage, die man oft hört, daß es nicht möglich sei, einen guten Gartenrasen zu erzielen, ist nicht berechtigt. Unser Klima ist der Erzeugung eines feinen Gartenrasen« durchaus nicht hinderlich. Die Hauptschuld liegt in be* «eiste« Fällen in der unrichtig angebrachten Sparsamkeit beim Bemessen der Menge des Samens oder bei Bezug