Ausgabe 
1.12.1899 Erstes Blatt
 
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stattfinden. Heute abend hält die ungarische Delegation bereits eine Vorkonferenz ab.

Wien, 29. November. Das Gerücht von der De­mission des Grafen Clary wird dementiert.

Rom, 29. November. Gegen 10 Uhr starb Fürst Rusvoli, Bürgermeister vonRom. Der Verstorbene war hochgradig zuckerkrank, weigerte sich aber stets, den Aerzten zu folgen und sein Amt niederzulegen. Noch am Montag präsidierte er der Stadtverordnetensitzung. Rus- poli, der 62 Jahre alt geworden ist, hatte, trotzdem er dem römischen Hochadel angehörte, schon frühe die italienische Sache ergriffen. 1859 trat er als Offizier in die italienische Armee.

Rom, 29. November. Die Verhandlungen zwischen England und Italien inbetreffs der Grenzregulierung zwischen demSudan und Ery'th r,ä'a haben zu einem beiderseitigen Einverständnis geführt.

Paris, 29. November. Ein französischer Leut­nant der Marine-Infanterie ist auf der Rückreise von Madagaskar in Dschibuti auf Befehl des dortigen Gouverneurs verhaftet worden. Der Offizier wird be­schuldigt, die Erschießung einer Anzahl Eingeborener unge­rechterweise veranlaßt zu haben.

Paris, 29. November. Der Handels-Ausschuß der Kammer bringt einen Vorschlag zur Bildung eines Ar­beits-Ministeriums. Dasselbe soll alsdann, wies dies früher der Fall gewesen ist, mit dem Finanzministerium vereinigt werden.

Amsterdam, 29. November. 600 Dockarbeiter sind in den Ausstand eingetreten. Die Bewegung nimmt einen größeren Umfang an und sollen Lohnstreitigkeiten die Ursache sein. Die Verhandlungen mit den Rhedern dürften erfolglos verlaufen.

Newyork, 29. November. Die Engländer verlangen die Verhinderung weiterer Anwerbungen für die Buren im Kriege gegen die Engländer.

* Vom Kriegsschauplatz.

Die Lage in Natal.

Noch immer kann man sich aus dem Wirrwarr eng­lischer Meldungen amtlicher und privater aus Dur­ban, Pietermaritzburg und Estcourt noch kein klares Bild von dem machen, was in Natal nach Eintreffen der Entsatztruppen und des Oberstkommandierenden, General Buller, eigentlich vorgeht. Das neue Moment sind die Rückwärtsbewegungen der Buren, an denen wohl kaum mehr zu zweifeln ist, nur daß sie verschieden gedeutet werden. Unsere Auffassung, daß es sich um ein planmäßiges Konzentrieren der zerstreuten Streitkräfte in sicheren Stell­ungen handelt, wird etwas modifiziert durch folgende Meldung:

Prätoria, 28. November. Auf dringenden Rat von befreundeter Seite wiesen Krüger und Steijn in Ueberein- stimmung mit den Exekutiven beider Republiken Joubert und Kronje telegraphisch an, nicht in endlosen Einzel-Be­lagerungen ihre Kräfte zu verzetteln, sondern energische Schläge zu führen. Joubert konzentrierte daraufhin seine Kommandos in drei Korps; das erste zur sofortigen For­cierung der Uebergabe von Ladysmith, das zweite zur Ver­teidigung der Tugelalinie bis zum Falle von Ladysmith, und das dritte westlich von Maritzburg und Estcourt, um die Rückzugslinie der Engländer abzuschneiden. Kronje operiert nach dem gleichen Plane bei Kimberley, am Modder­fluß und im Rücken Lord Methuen's.

Hiernach zögen fich die Buren nicht auf die Defensive zurück, sondern sie konzentrierten sich zum Zweck energischerer Offensive. Welche Auffassung die richtige ist, muß sich ja in den nächsten Tagen zeigen. Jedenfalls ist die englische Darstellung, nach welcher die Buren von ihren Positionen bei Estcourt, Weston rc. zurückgeschlagen seien und ihr Rück­zug einer Flucht gleiche, entschieden abzuweisen. Die Rück­wärtsbewegung begann bekanntlich nach dem Kampf bei Willow Granje am Donnerstag. Dieses Gefecht wird eng­lischerseits als ein Sieg des Generals Hildyard hingestellt, dieser ist aber, worauf dieNat.-Ztg." aufmerksam macht, identisch mit der englischen Niederlage, welche dieTimes" am Samstag unter dem Datum des 24. aus Mooifluß- Station gemeldet hat. Dieses Telegramm, das wir nochmals wiederholen wollen, lautete:

Loudon, 25. November. DieTimes" melden aus Mooiriver unter dem 24. November: Am Donnerstagfrüh fand ein heftiges Gefecht bei Willow Granje, nahe bei Estcourt statt. Das West-Aorkshire- und das East Surrey- Regiment nahmen den Brynbellahügel mit dem Bajonett. Die Buren wurden indessen durch Artillerie verstärkt und warfen den linken englischen Flügel zurück. Die englischen Marinegeschütze waren nicht imstande, bei einer Schußweite von 11,000 Aards das feindliche Feuer zu erwidern. General Hildyard befahl gegen mittag den allgemeinen Rückzug auf Eft­court. Der englische Verlust beträgt drei Tote und 44 Verwundete.

Aus Estcourt meldete dann derDaily Telegraph" vom 26., also vom Sonntag, die englische Abteilung am Mooifluß sei mit derjenigen des Generals Hildyard in Frere, wo derselbe jetzt biwackiere, vereinigt. Willow Granje liegt etwa 23 Kilometer südlich von Estcourt an der Eisen­bahn, Frere 15 Kilometer nördlich von Estcourt. General Bullers Meldung dagegen weiß nichts von der Vereinigung der beiden Truppenkorps in Frere. Er läßt General Hildyard am 23. nach Süden zu vorgehen und bei Willow Granje siegen, dann aber ohne jede Motivierung bei Frere, also 48 Kilometer weiter nördlich, auftauchen, wobei er die Eisenbahn und den Telegraphen wiederherftellt, während von Weston her General Burton nach Estcourt vorrückte.

Das sind Unmöglichkeiten, aus denen zum mindesten hervorgeht, daß man von einem fluchtähnlichen Rückgang der

Buren auf Ladysmith und den Tugela unter keinen Um­ständen sprechen kann.

Wir reihen hier noch folgende Nachrichten an:

London, 28. November. Eine Depesche des Generals Buller aus Pietermaritzburg vom heutigen Tage besagt: Nach Nachrichten aus Ladysmith vom 24. d. M. be­findet sich dort alles wohl. Die von Buller gemeldete Verlustliste von der Schlacht bei Graßpan, die amt­lich die Schlacht bei Enslin genannt wird, beziffert die Verluste, einschließlich der bereits gemeldeten Verluste der Marine-Brigade, auf insgesamt 198. Die Lifte enthält auch die Verluste der 9. Lancers, wodurch anscheinend die Besorgnis, daß die Kavallerie umzingelt und in Ge­fangenschaft geraten sein könnte, beseitigt wird.

Amsterdam, 27. November. DerTelegraph" ver­öffentlicht heute die Namen von 185 in Kapstadt kriegs­gefangen gehaltenen Buren.

London, 28. November. Nach einer Nachricht aus Southampton soll Dr. Jameson dort angekommen und nach London weitergereist sein.

* *

London, 29. November. Nach einem amtlichen Tele- Telegramm fand am Modder River ein Zusammenstoß der gesamten Burenmacht mit der Kolonne des Lord Methuen statt, wobei die Buren gänzlich geschlagen wurden. (??) Nach Privatmeldungen griff die gesamte Streitmacht des Lord Methuen gestern die Buren an, welche sich, 8000 Mann stark, am Modder River verschanzt hatten. Der Kampf währte zehn Stunden. Die Engländer hatten weder Lebensmittel noch Wasser. Im Gebrauch der Buren be­fanden sich zwei große Kanonen, vier Kruppgeschütze und andere Artillerie. Dennoch konnten die Feinde nicht ver­hindern, daß die kleine englische Kolonne den Modderfluß überschritt; sie wurde dabei von den Ingenieuren unterstützt, sobald der Feind den Rückzug angetreten hatte. Lord Methuen erklärt, daß dieser Kampf der härteste und die schärf st e Probe in denAnnalenderenglischen Armee sei. Er lobt besonders die Artillerie.

Daily Mail" berichtet, daß nach dem Entsätze Kimberleys durch die Kolonne des Lord Methuen ein Teil derselben zum Entsätze Mafekings schreiten werde.

Laut einer Meldung derDaily Chronicle" aus Washington wird in Now-Aork und mehreren anderen Städten auf Kosten der Herzogin von Uzös eine Fremdenlegion gebildet, welche in den Reihen derBuren gegen bie englischen Truppen kämpfen soll. Die englische Botschaft legte dagegen Protest ein, worauf die Regierung der Vereinigten Staaten Schritte that, damit die Neutralität gewahrt bleibe.

Ein gemischtes Regiment der Gardekavallerie der Königin ging heute zur Einschiffung nach Südafrika von Windsor nach Southampton ab.

Nach einer Meldung aus Lourenzo-Marquez be­richten die dortigen Blätter, daß die Kohlengruben von Vryburg und Dundee von der Transvaal-Regie­rung betrieben werden.

Daily Telegr." zufolge zogen sich die Buren von Estcourt zurück, weil ihnen die Lebensmittel aus­gegangen waren.

DieWestminster Gazette" berichtet, daß die Ver­luste der Engländer bis jetzt 3000 Mann be­tragen. (?) Im Ganzen sind augenblicklich 1810 Offiziere und 36,500 Mann in Südafrika eingetroffen. Die Zahl Aerzte und Krankenpfleger, welche sich augenblicklich auf dem Kriegsschauplätze befinden, beläuft sich auf 3284 Mann.

* *

Telegramme desGießener Anzeiger".

London, 30. November. Im Gefecht bei Valmont fielen auf Seiten der Engländer 269 Mann, und zwar tot 46, verwundet 223 und vermißt 2. Die Garde litt am schwersten mit 35 Toten, 172 Verwundeten und zwei Vermißten. Auch die Verluste bei Willow-Grange sind größer als ursprünglich angenommen wurde. Sie betragen 75 Mann. Davon sind 63 verwundet, sieben gefangen und einer vermißt. Die in Paris veröffentlichte, von der Agentur Laffan aus dem Haag mitgeteilte Depesche, daß Ladysmith gefallen sei, wird vom Kriegs­amt enschieden dementiert. Es liege nicht der leiseste Grund zu dieser Nachricht vor.

London, 30. November. Ein Telegramm aus Kap­stadt meldet: General Buller sendet eine aus Prätoria erhaltene Reutermeldung, wonach die Engländer verschiedene kleine Ausfälle aus Kimberley gemacht hätten. Es kam zu verschiedenen Zusammenstößen mit kleinen Buren-Detache­ments, welchezurückgeschlagen" wurden. Die Engländer wollen versuchen", sich auf der Ostseite mit den Truppen des Generals Methuen zu vereinigen. (Die Fassung der englischen Depeschen ist mehr als köstlich).

Loudon, 30. November. DerTimes" Correspondent telegraphiert aus Ladysmith unterm 21. November, daß die Beschießung von Ladysmith von feiten der Buren Tag und Nacht andauere. Die Buren scheinen nichts anderes zu bezwecken, als die englische Garnison durch unaufhörliche Angriffe zu schwächen und sie in ihre Gewalt zu bringen. Die verwundeten und kranken Engländer sind nach Colenso gebracht worden. Die Buren setzten sich am Tugela-Fluß fest und errichteten dort Verschanzungen. In Ladysmith sind reichlich Lebensmittel vorhanden.

Loudon, 30. November. Die Meldungen über das Gefecht zwischen den Bure» und den englischen Truppen unter Lord Methuen werden mit großer Borficht ausgenommen. Man merkt, daß die Bure», obgleich die Engländer einen vollständigen Sieg (!!?) davongetragen haben, doch Zeit genug hatten, ihre schwere Artillerie in Sicherheit zu bringen. Das Kriegsamt giebt übrigens keine weiteren Einzelheiten über das Gefecht bekannt. Dasselbe scheint

nichts anderes gewesen zu fein, als ein Zurückdrängen der Buren aus ihrer Stellung. Die Buren zogen sich wahr­scheinlich nur zurück, um sich mit den Truppen des Generals Cronje zu vereinigen. (Also auch dieser große und in England so gefeierte Sieg Schwindel.)

Loudv», 30. November. DieTimes" bespricht in ihrem heutigen Leitartikel die Folgen der letzten Ge­fechte bei Modder River. Das Blatt ist der Ansicht, daß nunmehr die Befreiung Kimberleys nur noch eine Frage weniger Stunden sei. Die englische Hilfsarmee befinde sich nur in einer Entfernung von 32 Kilometer von Kimberley. Der Ausfall der Garnison von Kimberley vom letzten Sonntag läßt darauf schließen, daß die Besatzung von der bevorstehenden Ankunft der Hilfsarmee benachrichtigt war.

Loudon, 30. November. Chamberlain hielt gestern in Leicester eine Rede über den Ausgang des süd­afrikanischen Krieges, die besonders an die Chauvi­nisten gerichtet zu sein schien, da sie mit den lauen Er­klärungen der übrigen Minister im Gegensatz steht. Die Rede wird heute von sämtlichen Blättern lebhaft kommentiert. Daily Mail" ist der Ansicht, daß die Erklärungen Chamber­lains bedeutend befriedigender gewesen seien, als die vor­gestrigen Aeußerungen Balfours. Das Blatt drückt seine Verwunderung aus, daß die Annexion der beiden südafrikanischen Republiken nicht von Anfang an als Grundlage der Kriegspolitik hingestellt worden sei.

Paris, 30. November. DieAgence Nationale" läßt sich aus London melden: Bestem Vernehmen nach drückte Kaiser Wilhelm in seiner Unterredung mit Lord Chamber­lain sein Befremden über die Politik in Transvaal aus. Kaiser Wilhelm soll der Meinung Ausdruck gegeben haben, daß er die Unabhängigkeit der beiden Buren-Republiken als unantastbar betrachte und daß er die Annexion der beiden Republiken nicht billigen könne. (Diese Nachricht klingt höchst unwahrscheinlich.)

Haag, 30. November. In hiesigen politischen und Regierungskreisen ist man sehr mißgestimmt über die Anmaßungen Englands, welches sich für berechtigt halte, die Küste von Mozambique in den Belagerungs­zustand zu versetzen.

Lokales «ud Provinzielles.

Gießen, den 30. November 1899.

"* Von der Uuiverfität. Auf die durch Prof. Pflugs Rücktritt freigewordene Stelle einer ordentlichen Professur für Veterinärmedizin ist Herr Dr. Pfeiffer, gegenwärtig kommissarischer Kreistierarzt in Ortelsburg in Ostpreußen, berufen worden.

* Kronbauer-Quartett. Wie wir hören, wird gelegent­lich der nächsten Samstagabend in Steins Garten statt­findenden Liedertafel als auswärtige Solistin eine ehemalige Gießenerin, Frl. Marie Marga Dietz, eine Schülerin des Hochkonservatoriums in Frankfurt a. M., mitwirken. Da Frl. Dietz hierorts einen größeren Bekanntenkreis hat, dürfte die Mitteilung auch weitere Kreise interessieren.

* Lesehalle Verein. Wie aus dem Anzeigeteil der heutigen Nummer ersichtlich ist, hat sich der Vorstand der Lesehalle gezwungen gesehen, schulpflichtige Kinder von der Benutzung der Bibliothek künftig auszuschließen. Dieser Entschluß ist dem Vorstand sehr schwer gefallen, er konnte ihn aber nicht länger hinausschieben, da sich schwere Miß­stände durch den jeder Beschreibung spottenden Andrang der Jugend herausgestellt hatten. Nicht nur daß der Verein nicht die Mittel besitzt zur Anstellung einer für die Be­wältigung des Andranges erforderlichen Beamtenzahl sowie zur Beschaffung genügenden Lesestoffes, es sind auch von Pädagogen schwere Bedenken gegen die seitherige Toleranz geltend gemacht worden. Es wurde von feiten eines Schul­leiters betont, daß jede der hiesigen Schulen eine für das Lesebedürfnis ihrer Zöglinge genügend reiche Bibliothek besitze und daß ein Beschluß wie der jetzt vom Vorsta»d des Vereins gefaßte int Interesse der Jugend, ihrer Er­holung und ihrer Schularbeiten, nur zu begrüßen sei. Der Vorstand hofft, daß die Eltern die gute Absicht verstehen und ihn in ihrer Ausführung unterstützen werden. Es ist selbstverständlich, daß Eltern, die selber einem besonders beanlagten Kinde ein gutes Buch aus der Bibliothek des Lesehalle-Vereins holen wollen, darin keineswegs gehindert sein werden.

** Ausstellung. Am Mittwoch, Donnerstag und Frei­tag dem 6., 7. und 8. Dezember d. I. wird imHotel Einhorn" eine Ausstellung und Derk auf von orien­talischen Handstickereien stattfinden zum Besten der Witwen und Waisen in Armenien. Bei dem in den letzt­vergangenen Jahren verübten Blutbade an den Armenier» sind die Hinterbliebenen Witwen und Waisen in unendlich bedrängter, trauriger Lage zurückgeblieben. Dem Hunger­tode nahe, frierend und bettelnd irrten diese Aermsten um­her. Da unternahm es eine in Konstantinopel lebende Dame, Schweizerin von Geburt, diesen armen Frauen z» helfen, indem sie ihnen Arbeit gab. Sie kaufte en groa Arbeitsmaterial ein, Atlas, Seide, Gold, Silber u. f. w. und teilte dies den Frauen zu. Die fertigen Arbeite» schickte die Dame nach Deutschland, früher nach Frank- furt a. M., jetzt nach Schildesch^ bei Bielefeld an Herr» Hermann Jähnichen, welcher die Stickereien zum Beste» der armenischen Witwen und Waisen verkauft. Die Stickereien auf Wasch- und Seidenstoffen in allen Farbe» sind mit Gold-, Silber- und Seidenfaden ausgeführt und zeichnen sich durch wahrhaft künstlerischen Geschmack, sorg­fältige Arbeit und Preiswürdigkeit aus. Es giebt Deckche» von 60 Pfg. an bis zur großen prachtvollen Tischdecke von über 100 Mk. Sophakiffen in den verschiedensten Farbe», entzückende Pompadours, Schürzen, Gürtel, Capes »»d reizende Jäckchen für Dame», duftige Brussa - Shawls,