Ausgabe 
31.7.1898 Erstes Blatt
 
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Sonntag den 31. Juli

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Nr. 177 Erstes Blatt.

Erscheint tLgstch rat LuLnadnir bei fJltr.tog«.

Di: Gießener pemt((<*»C6tter »erden dem Anzeiger »tchentlich viermal beigelegt.

Gießener Anzeiger

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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den -Deuben lag erscheinenden Nummer bis Berm. 10 Uhr.

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Gratisbeilage: Gießener Familienblätter.

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Hbreffe für Depeschen: A»,tiger

Fernsprecher Nr. 61

Amtlichev Theil.

Gefunden: 1 Zwicker, 1 Manschette mit Knopf, 3 Taschentücher, 1 Borstecknadel, 3 Strohhüte, 1 Regen­schirm, 1 Taschenmesser, 1 Kanne Petroleum, 1 Kamm, 1 Brief Stecknadeln und 1 Heugabel.

Gießen, den 30 Juli 1898.

Großherzogliche« Polizeiamt Gießen, v. Bechtold.

Deutscher Reich.

Darmstadt, 29. Juli, von Jagdschloß WolfSgarlea kommend, trafen heute vormittag Ihre Königl. Hoheiten der Großherzog und der Erbprinz von Sachsen- Loburg und Gotha zu Pferde hier ein, während Ihre -Königliche Hoheit die Großherzogin in Begleitung der Lady Buchanan zu Wagen hier ankamen. Nachdem die Herr­schaften im Großherzoglichen Restdenzschlofse da« Frühstück angenommen hatten, kehrten Allerhöchstdtefelben nach Jagd­schloß WolfSgarten zurück.

Berlin, 29. Juli. Da« Befinden de« Fürsten Bt« marck gibt den Äerzten zur Zett noch zu thun, aber t« liegt keinerlei Grund zur Beunruhigung vor. Die Schmerzen find zwar noch vorhanden, aber die beiden letzten Nächte waren verhältnißmäßtg gut, und der Appetit beginnt sich zu Heden. Der Fürst ist bei guter Laune. Al« sich gestern eine größere Anzahl fremder Turner vor dem Thore e ngesundeo hatte und dieses dem Fürsten berichtet wurde, äußerte er scherzhaft:Scheu kann ich sie ja nicht, aber da «i Turner sind, sagen Sie ihnen doch, daß ich schon seit acht Tagen Kopf stehe." DieH. N." melden tu ihrem deuugeo Abendblatte:Wie wir au« FriedrichSruh erfahren, hat Fürst Bismarck gestern Abend au der Familtentafel theil- »rnommen. Geheimrath Schwentnger ist gestern Abend au« KriedrichSruh adgrreift."

Berlin, 29.Juli. Ein erschütterndes sociale« Drama hat sich in diesen Tagen in Hamburg abgespielt. Ja norm Hinterhause tu der Stetnstraßr wohnte eine Frau, deren Mann tm Krankenhause ist. Demzufolge befavd sich die Frau tu Bedrängniß, so daß sie die fällige Mtethe nicht entrichten konnte. Bon den fünf Kindern der Frau lagen drei im Alter von 5, 3 und V/j Jahren an Scharlach, bezw. Keuchhusten schwer krank darnieder. In ihrer Noth vandte fich die Aermste an die Polizeibehörde, welche die

Frau an den Armenpfleger de« betreffenden Bezirke« ver­wies. Al« die Frau wieder nach Hause kam, bot fich ihr ein schrecklicher Anblick dar. Der vicewirth hatte während der Abwesenheit der Frau die Fenster und Thüren der Wohnung auSgehängt, um auf diese Weise dieschlechte" Mietheriu loS zu werden. Ob er aus eigenem Antriebe gehandelt hat oder ob er hierzu beauftragt wordru ist, ent­zieht fich der Kenntntß. Die Nacht über mußte die Frau mit ihren Kindern in der von allen Seiten der Zugluft ausgesetzten Wohnung zubrtogen. Auf das Einschreiten deS am anderen Morgen die kranken Kinder besuchenden Arzre« mußten zwar Thüren und Fenster eingehängt werden, doch das Schreckliche war geschehen: der Zustand der krai k-.n Kinder, die nach der ärztlichen Anordnung warm gehalten werden sollten, verschlechterte fich zusehrnd«; die kleineren mußten dem Krankrnhause zugeführt werden, wo fie binnen vierzehn Tagen verstorben find. Die beiden ältesten Kinder wurden dem Waisenhause überwiesen. Dieser Bierwirth verdiente für feine unglaubliche Rohheit eine gehörige Strafe.

Ein neuer russischer Sondertarif. Nach einer Petersburger Meldung deS amtlichen Telegraphen- bureaus tritt mit dem 1. (13.) August ein Sprcialtarif ta Kraft für die waggonweise Versendung von Getrridefrachteu von den Stationen der russischen Bahnen nach allen Stationen der deutschen und niederländischen Bahnen mit Ausnahme von Königsberg, Danzig, Neusahrwaffer und Memel in der Richtung über Alexandrowa und Sosnowice. Die Getreide« srachten, einschließlich der Abfälle von Mehl und Grütze, ge­langen in geschüttetem Zustande zur Versendung.

Locale» ttird ^provinzielles.

Gießen, 30. Juli 1898.

* Au8 dem Genchttdieust. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Allergnädtgst geruht, am 27. Juli den Gerichtsschreiber am Amtsgericht Herbstein Albtnns Blößer zum Gerichtsschreiber am Amtsgericht Bildet und den HilsSgertchtsschreiber am Amtsgericht Zwingenberg Jacob Fischer zum Gerichtsschreiber am Amtsgericht Herbstein, beide mit Wirkung vom Tage ihres Dienstantritt« an, zu ernennen.

Die zu Ehren des von Gießen scheidenden Provinzial- direclorS von Oberheffeo, Herrn Gehetmerath Freiherr v. Eagern, am Freitag Mittag inSteins Garten" veranstaltete Ab-

schtedSseier vereinigte ca. 260 Thetlnehmcr aus allen Kreisen der Bevölkerung und legte ein erhebendes Zeuguiß ab von der Verehrung und Anhänglichkeit, deren der Gestierte

seiner gesegneten Wirksamkeit und großen Leutseligkeit zusolge sich zu erfreuen hat. Der Saal war mit Tannengewinden, Wappen und Fahnen in den hessischen und deutschen Farben festlich geschmückt, auf der in einen Blumenhain verwandelten Bühne leuchteten die Büsten de« Kaisers und des Groß- Herzogs. Um V/i Uhr erschien Frhr. v. Gageru, wurde von den Herren Oberbürgermeister Guauih und Rector magnificus Professor Dr. Spengel empfangen und zu seinem Ehrenplätze geleitet. Die Tafelmusik stellte die Capelle de« Jnsanterie-RegimentSKaiser Wilhelm" (2. Großh. Hessische« Nr. 116) unter der persönlichen bewährten Leitung de« Großh. Hess. Mufikdicector» Herrn C. Krauße. DaS Fest­mahl, dessen Ausrichtung Herrn C. Stein allseitige An­erkennung eintrug, verlies in überaus erquicklicher und an­geregter Weise und wurde durch zahlreiche treffliche Trink- sprüche gewürzt. Den ersten derselben brachte Herr Rector magnificus Professor vr. Spengelals HuldiguagSgruß für

Kaiser und Großherzog aus. Davon auSgeherd, daß Frei­herr v. Gagern als treuer Beamter zunächst un« Gießenern, sodann der Provinz Oberheffen sowie dem Grogherzogthu« Hessen überhaupt, und außerdem dem grsammten deutschen Baterlande angehöre, und den Ausspruch Friedrichs d. Gr. betonend, daß der Fürst der erste Diener des Staate« sei. Dieser HuldlgungSgruß klang in die von der Musik gespielte und stehend angehörte Nationalhymne auS. Den zweiten Trtnkipruch brachte dann Herr Oberbürgermeister Gn auth auf den scheidenden Herrn Piovinztaldirector au«. Wir halten eS für angebracht, die jedem treugesinnten G eßener wie Oberhcssin überhaupt auS der Seele gesprochenen Worte hier wtederzugeben:

Hochverehrter Herr Geheimerath!

Hochanfthnltche Versammlung!

Angehörige der verschiedensten Berufe und Behörden, Vertreter aus Stadt und Land, auS Kreis und Provinz haben hier fich vereinigt zu einer gemeinsamen Kundgebung: sie Alle wollen durch ihr Erscheinen Zeugniß oblegen von der Gesinnung hoher Verehrung, herzlichen Dankes für den aus seiner Gießener Wirk­samkeit scheidenden Herrn Prooinzialdirector, Geheimecath Frei­herrn von Gagern.

Ob in ihm wir verlieren den gewissenhaften Vertreter der Regierung in der gemeinsamen Arbeit zum Besten unserer Ge­meinden, des Kreises und der Provinz, ober den sorglichen Pfleger guter Beziehungen zwischen allen Behörden und allen Kreisen der Bevölkerung, ober roteber ben wohlwollenden Chef,

Feuilleton.

Pas Nerhältuiß jmschkii Realismus und Idealismus in der Kunst.

(2. Fortsetzung.)

So ist das Kunstwerk allerdings Natur, aber im Geiste be8 Künstler« wiedergeborene Natur, vergeistigte Natur, die der Fesseln de« tobten Stoffes entledigt ist - es ist Natur, die wir schauen mit dem Auge des Künstler«, der uns ch rede hier von den ächten und großen Künstlern zu seinem Standpunkte erhebt, un« mit seinen Ideen erfüllt. )e größer der Künstler ist, je bedeutender seine Persönlich« kett nnb seine Weltanschauung, desto höher wird er un« mit sich wie auf AdlerSschwingen über die gemeine Wirklichkeit importragen, und darin besteht der ächte Kunstgenuß, daß $ir mir de« großen Schöpfer de« Kunstwerkes schauen, sühlen m.d denken, daß wir mit ihm je nach unserer impsänzlichkeit die Wonne theilen, die ihn durchströmte, 116 er seine Schöpfung hervordrachte, als er Natur zu Geist uhob.

Von diesem Gesichtspunkte aus begreift fich erst die ttoth wendigkeit der Kunst, ihre Unentbehrlichkeit für das Menschengeschlecht. Wäre fie nur Naturuachahmnvg, so hatten Dir an ihr eine andere Natur, die uns in unterhaltendem Spiele ein Spiegelbild de« Wirklichen zeigte- etwa« Neue« töte fie uns nicht, und ihr Mangel würde uns nicht« Wesent- .liche« rauben. Nun aber ist die Kunst nicht nur eine andere, londern auch eine höhere Natur, eine Natur, wie fie der gottbegnadete Künstler geschaut und begriffen, in seinem Geiste erneut und dargestellt hat. Nun ist die Natur nicht mehr «rdt und zu ewigem Stillschweigen verdammt, belebend durch« haucht fie der Menschengeist und formt sie nach den ihn tewegenden Ideen, wag er nun, vom Trotze des Prometheus erfüllt, sich selbst genug, der Gottheit den Rücken kehren, sber, nach dem Vollkommenen aufblickend, fein Auge weiden

an dem uagkschaffeven Lichte, Nahrung suchend In der ewigen Liebe Offenbarung wie es im zw:tten Theil dcSFaust" heißt:

Denn das ist der Geister Nahrung, Die im freisten Aelher wallet: Ewigen Liebens Offenbarung, Die zur Seligkeit entfallet.

So wird die Kunst der sinnlich anschauliche Ausdruck d-r höchsten Gedanken und Empfindungen de« Menschen­geschlecht«, und fortschreitend mit dem rastlos fich entwickelnden Meuschengeiste spiegelt fie diesen ihren Schöpfer nicht minder heu ab, wie die ErscheinungSwrlt des Natürlichen. Erst damit aber erhält fie den idealen Gehalt, ohne den fie nicht bestehen kann - nun vermag fie nicht nur zu schildern, waS ist, sondern auch, waS sein kann und sein soll- so hoch und so weit fich die menschliche Kraft in ihren begabtesten Ber- trete« wagt: aus gleicher Höhe strahlen über un« die herr­lichen Gebilde der Kunst, real und doch ideal, Natur und doch Seist, eine erquickende und erhebende Erscheinung, nach der vir im vll'äglicheu Leben vergebens suchen würden!

Ber-olgen wir nun ein solche« Erheben des Natürlichen zum Geistigen etwas näher in der Kunstthätigkeit der ver­schiedensten Art und beginnen dabei mit den einfachsten Beispielen.

Der bildende Künstler will einen Ringkämpfer, einen Athleten darstellen. Natürlich muß er den menschlichen Körper, den er darstellea will, genau kennen- er wird fich ein ge­eignete« Modell suchen, da« der Vorstellung, die er sich von einem Ringkämpfer macht, möglichst nahe kommt- wird er fich aber nun begnügen, dieses Modell völlig naturgetreu, mit allen Zufälligkeiten und Mängeln, die efl etwa an fich tragt, nachzudilden? Gewiß nicht! All,«, was ber Idee der körperlichen Kraft nnb Ausbildung, bie wir mit einem Athleten verbinden, widerspricht, wird er beseitigen, alles, waS ihr dient, stärker hervorheben Er wird die Brust breiter, die Muskeln schwellender gestalten- alle« wird den Kämpfer an«

deuten, ber seinen Leib burch Hebungen gestählt, seine Körper­kraft aufs Höchste gesteigert hat.

Will er dagegen ben Götterboten Herme- bilden, so wird er körperliche und geistige Behendigkeit vor Allem zu« Ausdruck bringen und so eine Gestalt schaffen, die bei aller Naturwahrheit hoch zugleich die Idee höchster Schnelligkeit uub Gewandtheit in jedem Beschauer erweckt. Eine Liebes­göttin wird er mit Schönheit und allen weiblichen Reizen schmücken, soweit fie fich ohne Widerspruch -usammensügen.

Keineswegs beruht nun diese Jdealisirnag, wie wir ein solche« Verfahren des Künstlers nennen, immer auf einer Veränderung zu« Guten nnb Schönen hin, wie man oft gemeint hat, auf einer Umbildung ins Treffliche nnb Voll­kommene - fie liegt nur in ber Beseitigung des Zufälligen, in der Steigerung des für die Hauptidee Wichtigen, in der Durchdringung des Stoffes mit der Idee. So stellt schon Homer in seinem Thersites ein Ideal von Häßlichkeit und Gemeinheit hin, wie es in der Wirklichkeit schwer anfzutreiben sein würde, und so wenig e» zu wünschen ist, daß die Kunst fich im Allgemeinen mit Vorliebe der Darstellung be« Nied- xtgen unb Abstoßenden zuwende, so wenig kann fie dasselbe auS ihrem Bereiche ausschließen. Wir würden ben Begriff der Kunst zu eng fassen, wenn wir verlangten, fie solle nur das an sich Schöne oder Ideale darstellen - wohl aber muß fie e« verstehen, auch das Böse oder Gemeine, wo fie e« vorführt, ideal zu zeichnen, d. h. so, daß eS un« nicht zu­fällig unb unbegreiflich erscheint, sondern daß wir es verstehen in seinem Werden unb Sein, in seinem Zusammenhänge mit ben Verhältnissen, in btnen wir e« staben. Ein Vorbild sür diese Art der Darfttllnng ist der ächte Realist Shakespeare. Ich erinnere nur an seinen Shhlock imKaufmann von Venedig", dessen tückischer Haß, dessen verblendete Rachsucht in ihrer Großartigkeit ein Gefühl einflößt, daS aus Be­wunderung und Grauen fich seltsam mischt, und doch wieder ans den Verhältnissen verständlich, in ihnen fast verzeihlich erscheint. Wie sehr Shakespeare es liebt, da« Niedrige und