Nr. 177 Drittes Blatt.
Sonntag dm 31. Juli
1898
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Fernsprecher Nr. 51.
Politische Wochenschau.
Welch groß'S Jaterrffe tn ganz DeutiLland und weit über btffen Kreuzen hivau» dem Altreichskanzler Fürsten Bismarck geoommeu wird, bafl oaoen die letzten Tage wieder so recht klar gezeigt, als die Alarmnachrtchten aus FrtedrichSruh rtogiugen, wonach da» Befinden de» Fürsteu zu ernsten Besorgntfien Anlaß geben sollte. Glücklicherweise laben fich die Meldungen tu ihrer ganzen Schwere nicht bestätigt, aber wir haben doch Grund, bangen Herzen» den Nachrichten zu lauschen, die über den Zustand de» großen deutschen Staatsmannes eiulauseu, btffen Genie und Energie wir zum großen Thetl die Fülle von Macht, welche unser Vaterland heute im Rathe der Völker einnimmt, verdanken. Möge ein gütige» Gesch ck un» unseren Bt»marck noch recht lange erhalten I
Ungrschwächt dauern die Erörterrngen über den »Fall Lippe" sort. An der Authenticität de» Kaiserlichen Telegramm» darf man nun nicht mehr zweifeln - da aber die Veranlassung dazu, d. h. da» Schreiben de» Prtnzregenten von Lippe an den Kaiser, noch nicht bekannt ist, so erscheint es ziemlich müßig, weitere Erörterung an die Affaire zu knüpfen. Man darf wohl annehmen, daß demnächst eine amt- ltche Darstellung de» Sachverhalt» erfolgt.
Nun ist auch endlich eine osfictöse Mtttheilung über da» Vorgehen de» deutschen Kriegsschiffs »Irene" in den philippinischen Gewässern etngetroffen. Das, woran eigentlich Niemand zweifeln konnte, wird jetzt bestätigt: Die vereinigten Staaten hatten gar keinen Grund, die Sache so aufzubauschen und Deutschland der ungerechtfertigten Parteinahme für Spanten zu zeihen. Der Lommaudaut der »Irene" hat lediglich aus Rückficht auf die Menschenpflicht gehandelt, al» er wehrlose spanische Frauen und Kinder an Bord nahm, und in keiner Weise gegen die Regeln der Neutralität verstoßen.
Der Band der Landwirthe hat einen schweren Verlust erlitten durch den Tod seine» Begründer» und ersten vor- fitzenden, Herrn v. Plötz. Wrlcheu Ansehens der verstorbene unter semen politischen und wirthschastlichen Glaubensgenossen fich erfreute, geht au» dem Ehrennamen hervor, den man ihm wett und brrtt beilegte: »Vater Plötz". E» wird für den Bund nicht leicht sein, Ersatz zu finden, da Herr v. Plötz bei allem Eifer für feine Sache fich doch immer eine gewisse Mäßigung auferlegte.
In Oesterreich ist der ReichSrath, welcher schon seit langer Zett ein Scheindasein sührte, geschlossen worden, womit Graf Thun bekundet hat, daß e» ihm nicht gelungen ist, auf parlamentarischem Boden zu regieren. Die Deutschen Oesterreich» haben guten Grund, den Abfichten de» Grasen Thun mit Mißtrauen und Unbehagen entgrgenzusrhen- viel Gutes haben fie jedenfalls nicht zu erwarten.
Der Zar hat den Fürsten Ferdinand von Bulgarien und sein „Pathchrn", den Erbprinzen Bort», huldvoll ausgenommen, aber wenn dem Gaste auch königliche Ehren erwiesen worden find, so hatte e» bet diesem Besuche doch den Anschein, als ob der Vasall seinem Souzeratn seine Aufwartung wachte. Rußland hat jetzt endlich seinen Willen durchgesetzt, daß die emigrtrten bulgarischen Offiziere nunmehr wieder in den Militärdienst Bulgarien» übernommen werden. Ein ehrenvoller Zuwach» für die Armee de» jungen Staate» ist die» jedenfall» nicht.
Auch der König von Rumänien ist am Zarenhofe etngetroffen, und e» tst nicht unmöglich, daß an diesen Besuch weitgehende politische Erörterungen geknüpft werden. Doch dürfte Rumänien wohl kaum seine jetzige unabhängige Stellung verändern und fich der rusfischen Interessensphäre »ehr nähern.
Die Verwirrung tn Frankreich nimmt immer wehr zu. Seitdem Zola dem Minifterpräfidenten Meline sein »tTaccuse" entgegenschlenderte, ist eine Enthüllung der anderen gefolgt, und immer mehr Kreise werden in die DrehfuS- affaire etnbezogen. Die Stellung de» Krieg»minister Tavaignac tff bereits unhaltbar geworden, und e» tst nicht unmöglich, daß binnen kurzer Zett eine neue RegierungScrifi» eintritt.
Auf dem fpantsch-amertkantschen Kriegsschauplätze hat fich nichts Besondere» ereignet. Die Amerikaner find nun auch auf Kubv gelandet, und e» scheint, al» ob fie fich noch vor dem Frieden schleunigst in den Befitz der Insel setzen wollen, um ein fait accompli zu schaffen. Endlich hat Spanien der Stimme der vernuntt Gehör geschenkt und Frieden»verhandlungen eivgeleitet,- der franzöfische Botschafter tn Washington hat die Vermittelung übernommen. Meint es- Spanien mit seinem Friedensbedürfniß ernst, dann dürfte der Abschluß der Verhandlungen nicht allzu schwierig sein- die spanische Regierung muß fich ja im Klaren darüber befinden,
daß Opfer, und zwar sehr schwere, die aber unvermeidlich find, gebracht werden müssen. (xx)
Deutsches Reich.
Darmstadt, 29. Juli. Wie der »Darmst. Ztg." au» Jagdschloß Wolfsgarten berichtet wird, traf die Ehrendame Fretfräuletn Christa Schenk zu Schwetnsberg am 27. d. Mt». zum Besuch der Allerhöchsten Herrschaften dort ein, nahm an der Mittagstafel Thetl und retste am Nachmittag wieder ab. — Nachdem die Allerhöchsten und Höchsten Herrschaften gestern über P/e Stunden tu Martahall verweilt hatten, kehrten Allerhöchstdteselbeu über Langen nach Jagdschloß Wolssgarten zurück.
Berlin, 29. Juli. Der Kaiser ist heute wohlbehalten in Bergen etngetroffen.
Berltn, 29. Jvlt. Der »National-Zeitung" zusolge hat fich da» Befinden de» Fürsten Bt-marck noch weiter gebessert. Die beiden Söhne de» Fürsten reisen morgen von Friedrtch»rnh wieder ab. Professor Schwentnger traf heute in Berlin ein.
Berlin, 29. Juli. Wie die »Post" meldet, ist in den zwischen Deutschland und Rußland stattgefundenen Verhandlungen in Sachen der angekündtgtrn russischen Zoll- tariferhöhungen ein völlige» Einverständniß erzielt worden. Die Verhandlungen seien dem Abschlüsse nahe.
Coburg, 29. Juli. Schloßhauptmaan Rothbart bezeichnet die Melouog der »FreifinnigenZeitung", da» Telegramm de» Kaiser» an den Regenten von Lippe-Det- mold sei an» der Umgebung de» Herzog» Alfred au»- gegangen, al» eine dreiste Erfindung.
Ausland.
Pari», 29. Juli. Der Staatsanwalt wie» die Anklage Picquart» gegen Dnpaty de Elam zurück. Die Untersuchung gegen Esterhazy und Madame Poys soll eingestellt werden.
Madrid, 29. Juli. Sa gasta erklärte die amerikanischen Frieden»bedingungen sür annehmbar.
CocoUs rrnd provinzielles.
Gießen, den 30. Juli 1898.
•• Der Verein deutscher Gartenkuustler hält seinen diesjährigen Eongreß vom 30. Juli bis 3. August im großen Saale des Gürzenich zu Köln a. Rh. ab. Die osfictelle Begrüßung seitens der städtischen Behörden findet am Sonntag vormittag statt. Hieran schließen fich bic Verhandlungen, welche diesetmal durch Stellung fachw'ssenschaftlicher wie technischer Fragen ein besondere» Jntereffe erwecken. Für die folgenden Tage find die Befichttguug von Köln mit seinen Garten- und FriedhosSanlagen, die bekanntlich allgemein al» mustergiltig betrachtet werden, und seiner sonstigen Sehenswürdigkeiten, sowie ein Abstecher nach Schloß Brühl und KöntgSwinter mit dem Siebengebirge vorgesehen. Nähere Auskunft ertheilt die GesqästSstelle, Berltn NW., Bredow- straße 42.
•• Der Feldbergthurw. AuS Eronberg wird der Frankfurter »Kleinen Preffe" geschrieben: Die Erbauung des vom Taunus-Slub projectirten Thu me» dürfte, wie wir bestimmt hören, sehr tn Frage gestellt sein, und zwar tn Folge Einspruchs der Kaiserin Friedrich. Man hat ihr den Entwurf vorgelegt, und fie hat daraufhin erklärt, fie sei gegen jede Errichtung eines Thurwe» auf dem Feldberg, e» gehöre kein derartige» Gebäude dorthin. Mit dieser Anficht der Kaiserin stimmen Tausende und aber Tausende der Feldberg- besucher nicht überein, man hat im Gegentheil in ihren Kreisen da» Project deS TaurmS-ElubS mit großer Freude begrüßt. Warum übrigens der TaunuS-Elnb sein Project der Kaiserin zur Genehmigung vorgelegt hat, tst nicht gut zu begretsen, fie hat dort oben nicht daS geringste Eigenthum an Gelände und lediglich an der Errichtung des Thurme» nur da» Interesse jeder einzelnen, nicht direct betheiligten Privatperson. Wie aber die verhättnifse nun einmal liegen, ist e» wahrscheinlich, daß in Folge diese» kaiserlichen Einspruch» da» Project vor- erst nicht zur Ausführung kommen wird.
k Dauernhettu, 26. Juli. Auf dem benachbarten Hofe Ober-Danernheim stürzte heute ein von hier gebürtiger Arbetter von einem mtt Frucht beladenen Wagen und brach das Genick. Derselbe war ein sehr braver und tüchtiger Arbetter- er htnterläßt Frau und Kinder.
Laubach, 29. Jult. Am DienStag, den 26. Mt»., fand am htefigen Gymnafium unter dem Borfitz de» DirectorS die mündliche MaturitätS-Prüfung für den Herbst statt. Dem Examen hatten fich sieben Oberprimaner unterzogen, von denen zwei in Folge de» günstigen Ergebniffe» der schriftlichen Prüfung ganz und einer theilweise von dem mündlichen Examen diSpeufirt waren. Je zwei Abiturienten werden fich dem Studium der Medictn und dem der Forstwissenschaft, je einer dem der Jurisprudenz, klassischen Philologie, Germanistik widmen.
Hungen. 28. Juli. Sicherem vernehmen nach bleibt auch für oen Wmterfahrplan der Früh zu g nach Laubach bestehen. Wenn auch die Benutzung desselben seitens de» reisenden Publikum» von Laubach aus während de» Sommer» noch sehr gering war, so hat von Wetterfeld und villingen au» dieselbe in Folge de» sofortigen Anschlüsse» nach Friedberg- Franksurt eine erhebliche Steigerung erfahren. Wird die Directiov de» Gymnasiums tn Laubach den BormtttagSunter- richt auch für daS Wtnter-Semester eiuführen, fo ist schon wegen der Verbilligung gegenüber der Fahrt nach Gießen ein Zuzug von Schülern von hier au» für die Zukunft zu erwarten.
T.H. Darmstadt, 29. Juli. Die von der Abtheilung für Maschinenbau gestellte PretSanfgabe: »Darstellung de» Arbeit»verluste» bei Zahnrädergetrieben verschiedener Kurven- bildung und Maaßverhältnifse. Die bisherigen Arbeiten über diesen Gegenstand find zusammenzusaffen und Anhaltspunkte für die zweckmäßige Ausführung von Zahnrädergetrieben zu gewinnen" wurde von dem Studtrendrn Victor Renner aus Mutzig gelöst und mit dem ausgesetzten Preis von 100 Mk. prämlin. Die von der Allgemeinen Abteilung gestellte Preisaufgabe II: »Zur Bestimmung des Abstande» der äquivalenten Pole eines Magneten find verschiedene Methoden Vorgeschlagev worden. ES soll eine Ueberficht dieser Methoden gegeben und die Genauigkeit derselben beurtheilt werden. Ferner soll für eine Anzahl von Scheiben- oder Ringmagneten der Polabstand bestimmt und so die Abhängigkeit desselben vom Durchmesser der Scheibe oder des Ringe» ermittelt werden" wurde durch den Studirenden de» Maschinenbau- faches Heinrich Heimann ans Frankfurt a. M. gelöst und mtt dem au» dem Laubenheimer'schen Legate ausgesetzten Preis von 70 Mk. pramitrt. Die von dieser Abtheilung gestellte PretSanfgabe II: »Botanische microscoptsche Unter- svchung der tn den Samen der Leguminosen enthaltenen Reservestoffe unter der BerÜcksichttgung der Frage, ob letztere sür die Gattungen dieser Ordnung von systematischer Bedeutung find. Zugleich soll an einigen Beispielen die Auflösung der Reservestoffe bet der Keimung untersucht werden" wurde von dem Studirenden der Pharmacte Anton Raiß aus Mainz gelöst und mit dem ausgesetzten Preis von 50 Mk. prämitrt.
Aus der Zeit für die Zeit.
Vor 49 Jahren, am 31. Juli 1849, starb Alexander Petöfi. Er ist der Dichter der ungarischen Revolution, aber auch der Demokratie. Seine Trink- und Liebeslieder aus der Pußta sind die Frucht jahrelangen Wanderlebens, das er geführt bis zum Erscheinen seiner Gedichte und seiner glücklichen Verheirathung und Niederlassung in Pest im Jahre 1846. Er wurde am 31. December 1822 in Kiskörö» geboren. ____________
Vor 97 Jahren, am 1. August 1801, wurde tn Hannover als Sohn eines Buchhalters der Dichter Philipp Spitta geboren. Nachdem er vier Jahre lang bei einem Uhrmacher in der Lehre gewesen, verließ er die Werkstatt, um Theologie in Göttingen zu studieren Seine Lieder, voll religiöser Ge- müthlichkeit, führen den Titel „Psalter und Harfe" und find bereits in 50 Auflagen erschienen. Spitta starb am 28. September 1859 in Burgdorf bei Hannover als Superintendent. — Vor 100 Jahren, am 1. August 1798, fand die Seeschlacht bei Abukir statt, bei welcher die französische Flotte, welche die Armee des Generals Bonaparte nach Aegypten gebracht hatte, von den Engländern unter Admiral Nelson vernichtet wurde. Die Sammlungen des Oberhesfischen Geschichtsvereins enthalten eine auf dieses Ereigniß geprägte Denkmünze in Bronce. Auf dem Avers sehen wir das Bildniß mit den derben Gesichtsckgen des Admirals Nelson; auf dem Revers zeigt sich der Meergott Poseidon mit dem Dreizack wie er eine untergehende Flotte in den Meereswellen verschwinden läßt.


