Ausgabe 
31.3.1898 Erstes Blatt
 
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Nr. 76 Erstes Blatt. Donnerstag dm 3t. Mär;

1898

Gießener Anzeiger

General-Miyeiaer

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Erscheint täglich mit Ausnahme de» MontagS.

Dir Gießener Jnmikiea v täller »erden dem Anzeiger »öchentlich viermal brigelegt.

Amts- und Zlnzeigeblatt für den Ureis Giefzen.

Grattsbrilagc: Gikßriicr.fniiüliriibliittcr

ein,

daß das da­mit

Äebaction, Expedition und Dntckerri:

Kchntflratze Zlr. 7.

Ihrem Namen hrrvorträteu.

Abg. Hamm ach er (nl.) tritt füt die Resolution desgleichen Abg. Singer (Soc)

Abg. Rickert (ftf. vg.) hält die Resolution sür über- flüssig, wenn der Präsident einfach die Anweisung ergehen lasse, daß die Namen der Petenten utcht bekannt gegeben

Adrrssr für Drprschrn: Zn,et,er Fcrnsprkchkr Nr. 61.

Wien, 29. März. Heute Bormittag hat zwischen dem Abgeordneten vr. Stetnw end er und drm Letter de» Grazer Tageblatte«, vr. Stretntz, ein Säbelduell startgesundeu. Stetnwender wurde leicht, Streintz schwer verletzt.

Co<ale# tmb prwinjkaw

Gießen, 30. März 1898.

Kirchliche Dienstnachrichten. Ernannt wurden Psarr- vicar Marx von Mörfelden zum Pfarrafftstenten in Offen­bach, Dtcanat Offenbach (zur zeitweisen Aushilfe),- Psarr» amtScandidat Gcheunemann zu Friedberg zum Pfarrvicar in Mörfelden, Decanal Groß-Gerau. Die Schluß- Prüfung im Februar 1898 haben bestanden: Eduard Danneuberger aus Erumitadt, zu Dieburg- Heinrich Mtfchltch aus Nauheim- Karl Scheunemann au« Rügen- walde t. P., zu Friedberg- Fritz Schmidt au» Nteder- Wöllstadt, zu Bad-Nauheim- Peter Schwetckert aus Rodau, Dtcanat Zwingenberg- Heinrich weiß auS Bad- Nauheim.

* Theologie Studium. Man schreibt uns: Bor einiger Zett lief eine Notiz durch die Localblätter, daß im letzten Fahre nur neun Eandtdaten ihre theologische Prüsung ab­gelegt hätten, und daß e» beim nächsten Termin ebensovtele, also etwa nur die Hälste des Bedarss, sein würden, «et einigemNachdenken", wozu diese Thatsache nach Ansicht deS Eorrespondenten auffordern muß, wird eS eben wohl nicht schwer werden, die Ursache zu finden, auö welcherdie heutige Heranwachsende Jugend" eS verschmäht, dieehrenvolle Laus­bahn eine» evangelischen Geistlichen" zu wählen: ES liegt nur daran, daß unsere Geistlichen in einer Weise honorirt werden, die in keinem Berhältntß steht zu ihrer Arbeits­leistung und zu ihrem Bildungsgrad. Ein Psarrrr steht in seinem Gehalt weit hinter allen anderen akademischen Beamten zurück, obwohl seine Borbildung dieselbe, daS Examen, welche» er auf der Hochschule abzulegen hat, neben dem philosophischen vielleicht da» schwerste ist. Mögen nun auch die BeilUsntffe, die der geistliche Stand an daS materielle Leben stellen darf, etwa» bescheidener sein als bet anderen Beamten, so wird doch dies bescheideneWeniger" völlig ausgewogen einerseits duich g'ößere «u-gaben, die ein Pfarrer für standesgemäße Erziehung seiner Kinder auswenden muß, weil er aus dem Lande lebt, sowie andererseits durch dir größeren Ansprüche, die an seine Opferwilltgkett gestellt werben. Ja, bet der Dttrch- sührung der neuen Gehaltsvorlage sür dte Staatsbeamten, woran nicht zu zweifeln ist, wird dte Diffirrnz der beider- fettigen Gehaltsbezüge noch größer fein. AuS solchen Gründen sollte man aber den Gymnastalabtturtrnten, dte sich nicht ganz besonder» zur Theologie prädesttntrt slihlen, eher ab-al» zu- rathen, Theologie zu studtrrn, oder man sollte sie doch wenig­sten» Uber dte GehaltSverhältnisse der Beamten, um dte sich btkanntlich etu Student selten kUmmert, ausklären. Sicher- ltch würde dann dte Zahl der Theologie-Studtrenden noch kleiner werden. Auch vor Stspkndten, durch welche in Zeiten de» Theologen-Mangel» junge Leute zum Studium angelockt werden, ist auö naheliegenden Gtünden zu warnen. Stellt dte Geistlichen in ihrer Besoldung den andern akademischen B amten gleich, und ihr braucht daS theologische Studium nicht durch Stipendien anziehend zu machen und werdet dock krästtgen und gesunden theologischen Nachwuch» erhalten!

"Stadttheater. Die diesjährige Theatersaison, die zweite unter der Directton Kruse und Helm, wird mit der heutigen Aufführung von ShakespearesRomeo und Julia" ihr Sude erreichen. Wenn man bedenkt, wie dte Theater-

DerstjcheU UeUtyrtafc*

72. Sitzung vom Dienstag den 29. Marz 1898.

Nach Erledigung einiger Rechnungssachen beginnt dte dritte Lesung de» Etat».

In der Generaldebatte kommt zunächst der sächsische Bevollmächtigte Graf Vitzthum auf dte Angelegenheit der Lieferung von Sattlerarbeiten für dte Armee zurück. Er erklärt, da« sächsische KrtegSmintstertum bleibe dabet, den Lieferanten keine Vorschriften zu machen in Bezug auf Her­stellung der Waare in eigenen Werkstätten, wie e» der Sattler- cougreß in Erfurt verlangt habe. DaS Mtntstertum wolle utcht tu da« gewerblich- Leben etngretfen.

Abg. Merbach (Rp.) nimmt einen vom Abg. Bebel angegriffenen Lieferanten gegen den Borwurf der Arbeiter- auSbeutung und Lohndrückerei in Schutz.

Abg. Jskraut (Antts) erklärt, er werde weder für etu RetchSlagSprästdtaigebäude, noch für Erhöhung der Re- präsentattonSgelder de» RetchSkanzler» stimmen. Letzterer habe sich auch keineswegs außerordentliche Verdienste in der äußeren oder inneren Politik erworben.

Abg. Bebel (Soc) wendet sich gegen den Abgeord- ueten Meerbach, der feine ganze Kenntniß der Vorgänge our von Arbeitgebern habe und sich nicht scheue, daraufhin zu verdächtigen.

Dte Generaldebatte wird geschloffen.

In der Speztaldebatte empfiehlt beim Etat de» Reichstag» Abg. Lieber (Ltr.) eine Resolution Gröber, die Geschäftsordnung» Commtsfion mit Prüfung der Frage zu beauftragen, ob und wie ölt Pettttonsunterschriften gegen Bekanntgabe an Personen, welche dem Reichstage nicht au- gehören, sichergestellt werden sollen.

Bozen, 29. März. Auf dem Waldderge bet Hohenem» in Vorarlberg hat sich etn unbekannter, elegant gekleideter Herr erschossen. In seinen Taschen fand man eine Hotel- rechnuug und etn Pferdebahnbtllet der WteSbadener Pferde- bahn. ä .

Rom, 29. März. Zweck» Ankauf» älterer Krieg»- schiffe find hier einige amerikanische Marineoffiziere ein- getroffen. Dieselben werden auch deutsche und englische Schiffswerften betuchen.

Newyork, 29. März. Musikdirector Anton Seidl, der bekannte Wagner-Dirigent, ist an einer Blutvergiftung, dte er sich durch Fisckgenuß zugezogen hatte, gestorben.

Newyork. 29. März. Seitens der cudanischen Junta wird rin Manifest veröffentlicht, in welchem sie Nord­amerika bezüglich der Matnekatastrophe harangutrt und den Gedanken etneS Waffenstillstandes mir großer Erregung zurück- weist. Die Bereinigten Staaten könnten sicher sein, daß die Eubaner eher bl» zur Vernichtung kämpfen würden, al» daß sie einen Waffenstillstand annehmen. DteNewyork Eveotngpost" constatirt, daß der Vorschlag eines Waffenstill­standes im Eongreß keine günstige Aufnahme erfahren werde. Dte Parteiführer feien der Meinung, daß die Ungewißheit schlimmer sei als Krieg. Sin Waff-nftillstand bedeute nur eine Hinausschiebung de« Uebel» und müffe brkämpst werden.

Abg. v. Roon (cons.) widerspricht Namen» seiner Partei der Resolution im Jntereffe der DtSciplin.

StaatSsecretär Graf Posadow-kh entgegnet, auf dem Verfahren, wie e« hier gewünscht werde, sicher Odtum kine« Grheimverfahrrn« ruhen würde. Ec bitte, Princtp aufrecht zu erhalten, daß Beschwerdeführer auch

werden.

Abg. Frhr. v. Stumm (Rp.) meint, wenn der Reich«- tag auch beschließe, dte Namen der Petenten nicht bekannt zu geben, so nütze daS doch nicht«, wenn dann etn einzelner Abgeordneter sie der Regierung mittheile. Diese ganze Idee sei etn Verstrckjptel zur Verdunkelung des Thar- bestandeS. ...

Abg. Lieber (Dir.) bemerkt, die Erregung, welche diese Resolution schon jetzt hervorgerusen, beweise allein schon, wie nothwei big e# gewesen, die Sache zur Sprache zu bringen. DaS Wesentliche an den Petitionen sei doch ihr Inhalt. Seine, Redners, Freunde würden ruhig abwarten, was dte GeschäftSordnungScommisfion befchlteße und was kann dte Regierungen thun werden. Wollten diese einen Couflict, wohlan, bann mögen sie e» versuchen I

Die Resolution Gröber wird angenommeu.

Beim Etat de» Reichskanzlers liegt ein Antrag Auer vor, betreffend dte bekannte nachträgliche, tmReich«- anzetger" publietrte Corrrctur des § 138 a der Gewerbe­ordnung.

Der Antrag erklärt 1. jene Eorrectur als recht«- uugiltig und sordert 2. den Reichskanzler auf, sie rückgängig zu machen.

Abg. Stadthagen (Soc.) befürwortet dte Resolution.

Staatssekretär Nteberdtng sührt au«, dte Frage set eine retu staatsrechtliche. Erst bei der Redactton sür dte damalige Gesammtabstimmung sei übersehen worden, in dem § 138 a tn Uebereinsttmmung mit § 105 c die Allegat- j.(öeTn zu ändern. Deshalb habe dem Reichsjusttzamt dte nachträgliche Berichttgung unbedenklich erschienen. Auch der damalige Referent Abg. Hitze und der Präsident diese» Hauses hätten der Vornahme der Berichtigung zugestimmt. Er bitte, die Resolution abzulehnen und eS bet der bisherigen ^^Abg" Frh°r!"v. Stumm (Rp.) ersucht ebenfalls um Ablehnung und beantragt, der Reichstag wolle zu der Be­richtigung feine ausdrückliche Zustimmung geben.

Abg. Spahn (Centr.) meint, e» würde allerdings richtiger fein, solche Berichtigungen durch Gesetz vorzunrhmen.

Er bitte, dte vorliegenden Anträge an dte GefchäftSordnung«- commisfion zu weisen.

Abg. Benntgsen.(nl) ist für Commtsstonöberathung der beiden Anträge.

Der Vorschlag des Abg. Spahn, dte Anträge an dte GeschäftSordnungScommtsstou zu verwetseo, wtrd etnsttmmig angenommen.

Betm Etat deS Auswärtigen Amt» fragt Abg. Richter (frf. Bp.) an, wie e» mit den Verhandlungen mit England Uber einen neuen Handelsvertrag stehe.

Dtrector Reich ar d t entgegnet, dte Verhandlungen feien feit geraumer Zett im Gange. Ganz kürzlich fei eine ma­terielle Erklärung von England etngegangen, dieselbe unter- liege jetzt der Prüfung. Da e» ungewiß sei, ob ein Vertrag bis zum 80. Juni zu Stande komme, seien die deiderseittgen Regierungen auch in einen Meinungsaustausch über etn Provtsortum eingrtrrten.

Auf eine wettere Anträge deS Abg. Richter (frs. Bp ) erklärt StaatSsecretär v. Bülow, der Vertrag mit Shtna Uber Ktautschau set am 6. d«. Mi«, tn Peking unterzeichnet worden. Dte Urkunde werde Anfang Mat hier etntreffen. Ueber deren Inhalt könne er fich etnstwcilen nicht auslaffen.

Auf eine Anfrage des Abg. Pauli (Rp.) antwortet UnterstaatSsecretär v. Richt Hof en, wegen der Ansprüche der Gebr. Denhardt an England set etn SchtrdSgertcht in Vorschlag gebracht worden. Soweit dte Ansprüche dteser Herren berechtigt seien, hätten sie stets ausreichende Ver- tretung seitens der diesseitigen Regierung gefunden.

Nach Erledigung deS Etat« der Schutzgebtrte vertagt sich daS Hau«.

Nächste Sitzung Morgen 12 Uhr. Tagesordnung: Fortsetzung der EtatSberathung.

Schluß 5 Ubr.

Reich

Berlin, 29 März. Anläßlich der Setten« de« Reichstag« erfolgten Annahme de« Flottengesetze« hat gestern -wischendem Kaiser und dem Großherzog von Baden etn tn den herzlichsten Ausdrücken gehaltener Austausch von Glückwunschtelegrammen stattgefunden.

Berltu, 29. März. Dte Ernennung des StaatSsecretär« Tirpttz zum StaatSmiutster und Mttgliede deS Staats- mtntstertum« wtrd heute imReichsanzeiger" veröffentlicht. Die Ernennung wurde Herrn Tirpitz gestern vor dem Souper, zu welchem dte Osfiztere des RetchSmarineamt« tm Schlöffe geladen waren, vom Kaiser persöaltch bekannt gegeben. Darauf überreichte der Kaiser den übrigen Offizieren dte für sie bestimmten OcdenSauSzetchnungen. In längerer Ansprache drückte der Monarch dem Eontreadmtral Tirpitz seinen vollen Dank sür da» Zustandekommen deS Flottengesetze» auS und hob hervor, daß die« ein Werk set, um deffen Gelingen man sich seit zwanzig Jahren vergeblich bemüht habe. Tirpttz ist der erste StaatSsecretär de» ReichSmarineamte«, der acttver StaatSmiutster geworden ist, während sein Vorgänger nur den Eharacter als solcher erhalten hatte. Auf diesen Umstand legte der Kaiser, al« er die Ernennung aussprach, etn ganz besondere« Gewicht.

Berlin, 29. März. Der nattoualltberale Partei­tag, der auf den 24. April angesrtzt war, wird infolge der gestern beschloffenen Ausdehnung der RetchStagSserien bi« zum 26. April auf den 1. Mai verschoben.

Homburg, 29. März. Der kaiserliche Sonderzug traf pünktlich um 10 Uhr hier etn. Der Katser und dte Kaiserin fuhren in einem offenen zweispännigrn Wagen, von der Menge lebhaft begrüßt, durch dte Lutsenstraße zum Schloß. An der oberen Lutsenstraße hatten dte Schulkinder Aufstellung genommen. Der Kaiser trug Küeasfleruniform, die Kaiserin eine graue Reiserobe. Auf dem Bahnhofe waren zum Empfang nur der Landrath vr. v. Metster und der Bürgermeister vr. Tettenborn erfchtenen. Eine Ehrencom- pagnte hatte dort nicht Aufstellung genommen. Da« Wetter ist herrlich, dte Stadt überaus reich gefchmUckt.

Homburg, 29. März. Dte Ankunft der beiden ältesten kaiserlichen Prtnzen ersolgt in den nächsten Tagen.

Karlsruhe, 29. März. Der Groß Herzog wurde, wie dieBadtfche Preffe" meldet, vom Katser & la suito zur Martue-Jnsanterte gestellt.