Ausgabe 
30.7.1898 Erstes Blatt
 
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zu müssen. Wohl wögen wir die Kunst des Meister» be­wundern, der so vortresfltch die Natur uachzubtlden versteht, und die Erkenntniß, daß die Nachahmung mit dem Bor- bilde übereinstimmt, mag au fich un» Freude bereiten: diese Freude ist aber nicht die einzige und nicht die wichtigste Quelle de» Kunstgenüsse».

Zunächst könnte mau schon die Frage auswerfeu: wozu die Natur nachbtldeu, da fie ja wie ein Buch aufgeschlageu vor un» liegt, in dem Jeder lesen kann? »Aber nicht Jeder versteht zu lesen." Nun, so sühre ihn hinaus und lehre ihn die Natur erkennen. Da ist die Leben-ersahrung, da find die Wissenschaften der verschiedensten Art, die un» Natur und Leben verstehen lehren, soweit unser- Fassungskraft und der Fortschritt der Bildung reicht. Böte die Kunst nicht» ander» als die nachgeahmte, die abgesptegelte Natur, so wäre fie entbehrlich: fie wäre e» um so mehr, al» fie doch die Wirklichkeit uiemal» völlig rein und treu und wahr wieder« zugebeu vermag. Auch der größte Künstler wie viele haben die» selbst zugestauden bleibt hinter der Natur zurück- da» Streben nach Naturwahrheit, drfien Berechtigung tn der Kunst ich auf da» Entschiedenste anerkeuve, erreicht sein Ziel nie vollständig, sondern hier mehr, hier weniger, immer aber nur annähernd.

Worin liegt aber daun der Werth de» Kunstwerk», wenn e» nie völlig die Natur erreichen und ersetzen kann? Darin, daß e» andererseits auch wehr bietet al» die Natur, daß wir tu jedem Kunstwerke nicht nur da» Dargestellte, da» Object, sondern zugleich auch den Darstellenden, da» Subject, also nicht nur die Natur, sondern auch den Künstler haben.

Ich bin mir bewußt, hierin und tu dem darau» zu Folgerudeu keine neue Weisheit zu verkündigen, höchsten» der alterkauoten Weisheit eine neue Form zu geben, die mauqe Einseitigkeiteu auSschlteßt. Aber gegenüber den Ausschreitungen

1898

Samstag den 30. Juli

Gießener A nzeiger

General-Anzeiger

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1887

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will, so sehen wir die schöne Gestalt, den gedankenvollen Ausdruck de» Gesicht», daS Helle Aufleuchten de» AugeS- wir hören den Klang der Stimme vom lauten Aufschrei de» Schmerze» durch die Stufenleiter der Gefühle bi» zum letfesten Lispeln oder -um unterdrückten Schluchzen- wir schmecken den Wohlgeschmack der Speisen und des feurigen WetueS mit, wir riechen den Wohlgeruch der Blumen oder den feinen Duft des Haare», wir fühlen den wehenden Wind, die Wärme der Lippen, die Kühle der Hand.

Aber nicht blo» da» Reich der Sinne ist uns erschlaffen, auch da» Innerste ist vor uns aufgethiu: der Gedanke, der blitzschnell da» Hirn durchzuckt, die geheimste Empfindung, die wie ein Schatten über die Seele hascht, wird un» offen« bar- und nicht al» theilnahmlose Beobachter stehen wir vor diesem wunderbaren Schauspiel: wir streiten mit dem Helden in der Schlacht, wir bestehen schwere geistige und fittliche Kämpfe mit den Personen, welche unseren Antheil fesseln - wir jauchzen mit den Fröhlichen und weinen mit den Trauernden- wir halten ängstlich den Athem au mit der Mutter, die fich lauschend über da» Bett de» kranken Lieb« ltng» beugt.

Wenn so die Dtchtkuust al» die reichste und zauber« gewaltigste ihrer Schwestern erscheint, so macht fie dieselben doch nicht entbehrlich, indem jede da» ihr eigene Gebiet mit besonderer Kraft beherrscht. Daß aber allen da» Nachahmen der Wirklichkeit gemeinsam sei, glaube ich tn den vorstehenden kurzen Andeutungen htnretcheud au»geführt zu haben.

ES fragt fich nun, ob mit dieser Nachahmung der Natur, mag fie auch noch so treu und wahr sein, der Zweck der Knust wirklich erschöpft ist und ob etwa die Freude an dem Gelingen dieser Nachbildung allein schon den hohen Genuß zu erklären vermag, den un» da» Kunstwerk gewährt.

Ich glaube diese Frage auf da» Entschiedenste verneinen

MM* in

Wliiittii alt tut

Adresse für Depeschen. Anzeiger Kietze».

Fernsprecher Nr. 51.

Friedensklänge.

Schon seit einiger Zett dringen Meldungen tn die Otffentltchkett, welche von einen dringenden FriedenSbedürfntß der Spanier reden, aber immer wieder stad diese Nachrichten von osfizteller Seite in Madrid demeuttrt worden. Man kann sich leicht in die Lage der spanischen Regierung versetzen und die Gründe wohl begreifen, welche für fie maßgebend flnb, um die Annahme, al» wolle fie den Frieden nachfucheu, al» haltlos htnzustelleu. Freilich ist Spaaien der Krieg von den Bereinigten Staaten aufgedrungen worden, aber für die Zustande auf Euba trägt da» von den spanischen Regierungen mochten fie nun liberal oder confervativ sein befolgte System die Schuld und damit auch für die Jnsurrecttou, welche die gegenwärtige Lage geschaffen hat. Wtr haben uns jr früher schon bet geeigneter Gelegenheit ausführlich über diesen Gegenstand geäußert, sodaß wir nicht näher darauf zurückzukommen brauchen. Aber auch dafür lastet auf der Regierung die Verantwortung, daß die Wehrkraft de» Landes nicht auf der Höhe der Zeit erhalten worden ist. Das Truppenmaterial Spaniens ist, wie allseitig anerkannt worden -ist ein vorzügliche», aber die Organisation ließ zu wünschen übrig, und die BertheidigungSmittel waren durchweg in mangelhafter Berfaffung. Einen Frieden zu schließen, der dem Lande neue materielle und moralische Opfer auferlegt, Ist deshalb für die am Ruder befindliche Regierung eine sehr heikle Sache. Aber die Umstände drängen Spanten immer mehr, die Hand zum Frieden zu bieten.

Der französische Botschafter tn Washington hat von der Madrider Regierung nunmehr den Auftrag erhalten, offiziell wegen der FriedenSbedtugungen bet den Bereinigten Staaten anzusragrv, und damit hat Spanten d'.e erste Borbedingung erfüllt, welche für da» Zustandekommen des Frieden» un« erläßlich war. Daß die Berathungen hierüber nicht allzu platt verlaufen werden, liegt auf der Hand, da die öffentliche Meinung in den Bereinigten Staaten von Spanien große Opfer verlangt, die dem Stolze der Spanier schwere Wunden schlagen werden. ES handelt fich um nicht» weniger al» um die Bernichtung der Eolonialwacht Spaniens, um die Herab­drückung diese» Reich» auf einen Staat zweiten Ranges. Und man muß sich vergegenwärtigen, daß Amerika beim FriedenSschluß nicht wehr da avkvüpfen wird, von wo e» beim Kriege auSgegangen ist, daß e» sich nicht mehr mit dem idealen Etfolge, der Befreiung Tuba», begnügen, sondern auch materielle Dortheile verlangen werde. Die Bereinigten Staaten stellen jetzt al» Minimalforderung auf: Freigabe Tuba», Abtretung Portorico» und einer Kohlenfiation auf den Philippinen. Bon Spanien eine Kriegsentschädigung

den Rücken der Lastträger von der Barke an» Land getragen zu werden. Bon Haifa wird der gegenwärtig nur nothdürstig fahrbare Weg nach Nazareth und Liberia» verbeffert, von Haifa nach Jaffa eine neue Straße gebaut und über die dortigen Flüffe werden drei neue steinerne Brücken angelegt. Ferner wird die Straße JaffaJerusalemBethlehem, Hebron und JerusalemJerichow ausgebeffert, von Jerichow nach dem Lobten Meere zum Jordanbadeplatz und zur Jorbanbrücke und von da nach Jerichow ein fahrbarer Weg hergefielle. Auch wird von Jerusalem nach dem Oelberg hinauf eine schöne Straße gebaut. An der Jordanbrücke sollen einige Lausend Beduinen versammelt werden, die dem Katserpoare ihre Retterkünste und ihre Kampfe»wetse vor Augen führen werden.

Berlin, 28. Juli. Ueber da» Befinden des Fürsten Bi»marck wird aus Frtedrich»ruh gemeldet, daß dasselbe heute beffer als gestern sei und jedenfalls keine unmittelbare Gefahr vorliege. Wenn nicht die heftigen Schmerzen im Fuß und im Gesicht vorherrschten, wäre daS Befinden des Fürsten als ziemlich gut zu bezeichnen. Die Nacht ist soweit gut verlaufen. Der Fürst hat ziemlich viel geschlafen, auch ge­schabten Schinken, Laviar und Ei gegeffen, sowie Bier und etwa» Sect getrunken. Heute früh 8 Uhr 60 Minuten la» der Fürst, im Bett liegend, die neuesten Zeitungen und hat auch schon eine Pfeife geraucht. Grhe'mrath Schweninger ist gestern mit dem Nachtzug nach Berlin abgereift, kehrt aber morgen zurück. Morgen, den 29., Abend», kommt der bayerische Staat-Minister v. LrailSheim au» München zum Besuch in FriedrichSruh an. Staatsminister v. LrailSheim macht mit seiner Tochter eine Reise nach Norwegen. Au» diesem Anlaß hatte er tn FriedrichSruh angefragt, ob er den Fürsten Bismarck besuchen könne. In einem überau» ver­bindlichen und herzlichen Schreiben erwiderte ihm der Fürst, er freue sich, ihn und Fräulein v. LrailSheim begrüßen zu können und bedauere nur, daß er nicht persönlich am Bahn­hof zum Empfang fein könne. Dem Wunsch de» Fürsten entsprechend, wird Minister v. LrailSheim am 29. Juli mit dem Abendschnellzug in FriedrichSruh eintreffeu, er ist dort zu Tisch gebeten und wird Nacht» Weiterreisen. ES be* steht kein Zweifel, daß eS fich bei dem schweren Unwohlsein de» Fürsten um einen acuten Anfall seine» alten Deoenleiden» handelte, der aber überwunden scheint. Einzelne Blätter ver­breiten immer noch beunruhigende sensationell aufgebauschte Nachrichten, so daß die Ausgabe von täglichen Gesundheit», berichten feiten» der Familie bezw. deS Gehetmrath» Schweninger Wünschenswerth erscheint- denn der Fürst gehört nicht nur den Seinen, sondern un» Allen. Auf diese Weise würde auch den

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Nr. 176 Erstes Glatt

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Erscheint ILgNch mit Ausnahme deS

Montag«.

Die Gießener Mamikien d tätter Werden dem Anzeiger W-chentlich viermal beigelegt.

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fier Auswahl und ge-

Feuilleton.

Das Nerhiiltlliß iwifdjni Realismus und Idealismus iu btt Kaust.

(1. Fortsetzung.)

Luch die Menfchenwelt vermag der Maler vielseitiger aufzufaffen al» der bildende Künstler- bald zeigt er un» daS alltägliche Leben tn dem wogenden Gewimmel de» Erwerb» und Verkehr» oder in den anziehenden Gruppen eng um« frtedeter Häuslichkeit, bald die Fortschritte der Geschichte in ihren bedeutsamsten Momenten, in entscheidenden Schlachten, wichtigen Zusammenkünften, folgenschweren Thaten irgend« welcher An. So bietet ihm Natur und Geschichte eine reiche Fülle de» Stoffe» zur nachbildenden Darstellung.

Ander» die Mufik, die un», wie schon angedeutet, in baß innerste Heiligthum de» Leben» verletzt- nicht daS scharf Bestimmte, klar Umgrenzte, socdern daö Unendliche ist da» weite Gebiet, da» fie beherrscht. In ihren Tönen vernehmen wir jauchzende Freude und wühlenden Schmerz, Liebe, Sehn« sucht, Haß, Zorn, Melancholie, Schwärmerei, Andacht, Muth, Begeisterung- wir werden in diese Empfindungen und Stim« mutigen htneiugeriffen, auch ohne zu wissen, wodurch fie erregt werden, worauf fie zielen. Aber auch hier führt un» der Künstler nicht iu neue, unbekannte Gebiete, sondern weckt die Erinnerung an längst Bekanntes und Vertraute».

Die Dichtkunst ist und bleibt doch die umfaffendste und villfritigste alln Küuftt. si° st.lllt ni$t nut: fta bal W dar. wir die bildeode Kunst und Malerei, fie fprtcht nicht nur zum Ohr, wie die Mufik, fonderu indem fie unmittelbar durch da, gehörte oder gelef-n- Wort nufere «tnbildungS. kraft in Bewegung fetzt, vermag fie alle «inne zu be ch,f- -eigen und mit Eindrücken zu erfüllen. Wenn der Dichter

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zu erhalten, würde wohl vergebliches Mühen der Bereinigten Staaten sein, und deshalb kann man eine Lompensation durch Abtretung von Land in diesem Falle also Portorico nur als gerecht gelten laffen. Cuba ist sür Spanien unrett­bar verloren, und daß eine hohe Kriegsentschädigung gezahlt werden ober die im Etr-fl.ßbereiche der Bereinigten Staaten telegene Insel Portorico abgetreten werden muß, darüber werden fich die maßgebenden Madrider Kreise klar sein,^ und deshalb Ihun fie am Besten, wenn fie nicht mehr länger zögern, sondern unter den von Amerika gestellten Bedingungen Frieden schließen.

Nach den neuesten au» Washington vorliegenden Meld- ungen hat fich Präsident Mac Kinley bereit erklärt, den Spaniern einen Waffenstillstand zuzubilligen, wenn e- ihnen mit den FriedenSabfichten ernst ist, und so karf man denn hoffen, daß in nicht allzu langer Zett der spanisch-amerikanische Krieg der Geschichte augehörev wird. (xx)

Dentsche- Reich.

Darmstadt, 28. Juli. Ihre Königlichen Hoheiten der Großherzog und die Großherzogin werden fich am Sonntag den 31. Juli zur Theilnahme an den Vermählung»« feierlichkeiten nach Coburg begeben und einige Tage dort verweilen.

Berlin, 28. Juli. Prinz OSkar, der fünfte Sohn unseres «atserpaare», hat am Mittwoch sein zehntes Lebens­jahr vollendet (geboren 27. Juli 1888). Zu Ehren seine» Geburtstages fand in WilhelmShöhe eine Festtafel statt. Nachmittags wurde eine Wagenfähre nach dem Waldplatze an der Dörnberger Straße unternommen.

Berlin,28.Juli. Der im Herbst bevorstehende Besuch des Kaiserpaare» in Jerusalem hat int ganzen gelobten Lande eine freudige Aufregung hervorgerufen. Be- kanntltch werden auch VergnÜgung»fahrten nach dorthin au»» gerüstet, sodaß die Gasthöse schon jetzt durch zahlreiche Au- Meldungen mit Beschlag belegt find. Bielen Reisenden wird daher Wohnung in Zelten oder Baracken bescheert sein. Allerdings läßt fich darin sehr gut wohnen, wenn man berück« fichtigt, daß zur Zeit de» Kaiserbesache», also um die October« November-Wende, dort die schönste Sommerzeit herrscht. Namentlich die tn Palästina lebenden Deutschen rüsten fich schon allenthalben, da» Kaiserpaar würdig zu empfangen. Auch von der türkischen Regierung wird schon eisrigst gerüstet. Straßen werden auSgebeffert und neue angelegt. In Haifa wird eine Mole ins Meer gebaut, sodaß kleine Dampfer anlegen können und die Herrschaften nicht nöthig haben, auf

Apotheken irogerien.

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[imo M1898.

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