1898
Mittwoch den 30. März
Erstes Blatt
Nr. 75
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Amts- unb Anzeigeblatt für den Rreis Gieren.
Gratisbeilage: Gießener Familicnblätter
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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Norm. 10 Uhr.
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Abg. Richter (frs. Vp) meint, die beste Kritik dieser Aeußerung sei, daß Herr Ahlwardt ihr Beifall klatschte.
Eta Schiußantrag wird jetzt angenommen.
Es folgen persönliche Bemerkungen zwischen den Abgg. Richter, Ahlwardt und v. Liebermann, worauf die Vorlage in nicht namentlicher Abstimmung definitiv äuge- nommen wird.
ES wird nun der von ollen Parteien, mit Ausnahme der Socialdemokraten, unterzeichnete Antrag v. Levetzow bett. Errichtung eines DevkmalS für Kaiser Friedrich auf Kosten des Reiches berathen.
Abg. Singer (Soc.) erklärt, den Grundsätzen seiner Partei widerspreche rs, monarchischen Ovationen zuzustiwmen. Er wolle aber darauf Hinweisen, wie oft die Socialdemo, traten während der 99 Tage gezwungen gewesen seien, den Rüpeleien der conservativeu Presie entgegeuzutreten. (Lebh. Unruhe rechts. Präsident v. Buol ruft den Redner hierfür zur Ordnung, zieht abrr den Ordnungsruf wieder zurück, nachdem er erfahren, daß sich jener Ausdruck nur gegen die conservattve Presie richtete.)
Der Antrag wird angenommen.
Morgen 12 Uhr: Dritte Lesung des Etats.
Schluß 5’/* Uhr._____
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Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Die Gießener Mamtlienblätter werden dem Anzeiger »vchentlich viermal beigelegt.
Deutscher Letcho
Berlin, 28. März. Der Seniorencouveut de- RetchsragS beschloß, vor den Osterferien nur noch die dritte Berathung des Etats zu erledigen. Danach sollen die Osterferien eintreten und bis zum 26. April dauern. Die dritte Lesung der Mililärftrafproceßorouuug beginnt erst nach den Osterferien.
Berlin, 28. März. Die „Berl. Corresp." theilt mit: Nach einem heutigen Beschluß d'.S BundeSratheS soll in dm ReichShaushaltetat für 1899 die Erhöhung der Gehälter der Postuuterbeamten und Landdriefträger vom 1. April 1899 ab entsprechend den Resolutionen des Reichstages eingestellt und eie Bewilligung durch den Reichstag beantragt werden. DaS AnfangSgrhvli der Poftuntetbeamten soll auf 900 Mark, da» Endgrhalt der Landbriefirager auf 1000 Mark erhöht werden. Die „Berl. Corresp." schreibt Wetter: Da daS Gesetz über d e Aushebung der Derpfl chtuug zu AmtScautioneu nunmehr veröffentlicht ist, bestimmte der ArbeitSmtuister, daß die Abzüge vom Diensteinkommen zur Ansammlung oder Verstärkung der AmtScautioneu vom 1. April ab nicht mehr eiuzubehalten sind.
Berlin, 28. März. Die „Post" meldet: Der Arbeit»- Minister veranlaßte die Etsenbahndirectioneu durch Verfügung vom 21. d. MiS., bereits jetzt die erfordert chm Anordnungen zu triffeu, damit während des HerbftverkehrS die Betriebsmittel in größtmöglichem Umfange und in bestem Zustande zur Verfügung stehen. Die Berliner Eisenbahn- direction wurde veianloßt, mit allem Nachdruck darauf zu halten, daß die in Bestellung gegebenen Betriebsmittel rechtzeitig fertiggestellt werden.
Berlin, 28. März. Die Socialdemokraten haben zur dritten Brrathuug drS Etats beim Etat des Reichskanzler» und der Reichskanzlei eine Resolution im Reichstage eingebracht, wonach die viel besprochene Berichtigung der Geweroe'OrdvuugS-Novelle von 1891 als rechtsungültig erklärt werden soll.
Kola, 28. März. Die „Köln. Ztg." meldet aus London: Die Nachricht von der tatsächlichen Abtretung Port Arthurs an Rußland und von der Verschiebung de» englischen Geschwader» nach dem Meerbusen von Petschili erregt hier seit vorgestern Abend steigernde Unruhe und Aufregung. Der SamStag, sonst ein stiller Tag in den Regie- rungSämtern, war ungewöhnlich lebhaft. Die Minister kamen und gingen. Herr Balfour conferirte den ganzen Tag im Auswärtigen Amte.
Arrrland.
Bern, 28 März. Auf der Simplouroute fiel IVr Meter hoher frischer Schnee. Der Postverkehr ist unterbrochen. Die Reisenden in Bcrisal sind eingeschneit.
Bern, 28. März. Von dem Alt RegierungSrath T euscher in Bern, dem Urheber der ersten ProjrctS einer Eisenbahn Thun Lötschberg'Blieg als ZasahitSlinie zum Simplon, ist ein neues Projekt einer Lötfchberg-Bahn mit einem 12 900 Meter langen und 1260 Meter über dem Meeres- spiegel culminirenden Haupttunnel auSgearbeitet worden. Die Kosten für die Ausführung dieser Projektes würden 37 Mill. Franc» betragen.
Da» Gesetz wird ohne Debatte definitiv angenommen.
Zur dritten Lesung steht alSdanu da» Flott en g esetz.
Abg. EnuecceruS (nl) bemerkt in der Generaldebatte, er wolle die Aufmerksamkeit de» HauseS nur hin- lenken auf die Bedeutung der Flottenvermehrung für die Wisienschaft. Schon jetzt sei feiten« unserer Flotte viel ge- schehen sür Erforschung der Gewäffer: Tiefe, Meere»- strömungen rc. m k ,
StaatSsecreiär Tirpitz dankt dem Vorredner, daß er diese wisienschastliche Seite der Frage zur Sprache gebracht. Er hoffe, daß deutscherseits auf diesem Gebiete noch Manches werde nachgeholt werden.
Abg. Liebermann von Sonnenberg (Antis.) erklärt die Flottenvermehrung für eine Nothwrndigkeit, bestreitet aber, daß die Stimmung im Lande zu der Vorlage eine so günstige sei, wie mehrfach behauptet werde. Nicht einmal die Mehrheit der Bauern stehe hinter dem Floittn- gesetz. Redner wendet sich sitzt den Abgeordneten Richter und Bebel zu und kritifirt in längerer Rede bereu ablehnende Haltung zum Flottengesetz.
Abg. Fürst Radziwill (Pole) entgegnet auf die Aeußerungen des Grafen PosadowSkh bei der zweiten Lesung, der StaatSsecretär habe die Polen aufgefordert, die Ange- legenheiten de» Reiches und der Einzelstaaten voneinander zu trennen. Da» sei aber nicht möglich, wenn die Polen tu einem Einzelstaate solchen Beschränkungen nuterworsen würden, wie da» in Preußen geschehe. ES seien seitens der preußischen Regierung auch hier wiederholt Vorwürse gegen die Polen in ganz frivoler und unbegründeter Weife gerichtet worden. (Unruhe.)
Präsident Freiherr von Buol erklärt, diese Aeutze- rung gegen die preußische Regierung mißbilligen und tadeln zu wüsien. _ ,, f „ -
StaatSsecretär Graf PosadowSkh weist diese Aeuße- xunfl gleichfalls entschieden zurück und betont, daß mindestens das Verhalten eines TheileS der polnischen Bevölkerung An- laß zu den Maßnahmen der preußischen Regierung gegeben habe. So lange von den Polen keine Aeußerung vorliege, daß sie sich untrennbar verbunden fühlen mit der preußischen Monarchie, so lange dürften solche Angriffe gegen die preußische Rrgierang nicht gerichtet werden. Sobald die Regierung die U-berzeugung gewinne, daß die Polen ihre Zukunft allein in der Entw ckrlung und Zukunft Preußens erblicken, werde auch die Politik der preußischen Regierung gegenüber den Polen eine andere werden.
Abg. v. Hodenberg (Welfe) erklärt, seine Freunde könnten der Bindung in dem Flottengesetz unter keinen Umständen zustimmen. r .. m
Abg. Rickert (frs. Vg.) verwahrt sich gegen die Behauptung des Abg. Richter bei der zweiten Lesung, die Oppositionsparteien provozirr zu haben. Ec habe lediglich auf die Aeußerung deS Abg. Galler geantwortet. Nachdem Redner noch das vom Abg. Bebel wiederholt befürwortete Milizweseu bekämpft, betont er, daß er den jetzt vorliegenden Entwurf aus voller Urberzeugung unterstütze.
Abg. Bindewald (Antif.) spricht Namens der Mi- uorität der Antisemiten gegen da» Gesetz.
Abg. Richter (frs. Vp) wendet sich gegen den Abg. Liebermann v. Sonnenberg. Des Weiteren geht er aus die Rede de» Abg. Rickert ein, dabei Aeußerungen desselben vom Jahre 1889 citireud. Er kommt dabei zu dem Schluffe, daß zwischen ihm und dem Abg. Rickert der Hauptunterschied darin bestehe, daß Herr Rickert militärfromm und manne* fromm geworden ist. (Rufe: Sehr wahr !). Wenn dieser alle Militär- und Marineforderungen bewillige, dann müsie er auch in Steuerfragen nachgeben. Redner wendet sich schließlich nochmals gegen da» zur DiScusston stehende Gesetz, da» er rundweg ablehne. ,
Abg. v. Bennigsen (nl.) betont, in England hätten die Führer der Opposition niemals solche nationalen Fragen zum Gegenstand der Opposition gemacht und zur Begründung von Angriffen gegen da» Ministerium benutzt, um diese» zu stürzen.
Abg. Bebel (Soc.) legt nochmals die ablehnende Halt- una seiner Partei gegen die Vorlage dar.
Abg. v. Liebermann (Antis.) polemifirt gegen den Abg. Richter. Dieser fitze doch zu sehr im Glashanse und solle sich hüten, auf den Zwiespalt in der antisemitischen Fractiou hinzuweisen. In der ehemals so starken Fortschrittspartei sehe eS jetzt so au», daß, wenn man Richter einmal eine» Denkstein I-tz-, bfe Jwch-ll- nur lauten Wune: ,®ie deutsche Fortschrittspartei ihrem Eugen Zu-Grunde-Richter. (Lebh. Beifall und Heiterkeit, Ahlwardt klatscht Beifall).
138.- Sp 9i^° 36.10
n Kassier. Herrn Johs. MdI Keiloos gewährt.
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enz a. Rh.
bemittelte bet m$. Prrisrll. ed. W. Ichtermann, ungeutranke,
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Meßmer Anzeiger
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Zum Bezug des „Gietzener Anzeiger" für das 2. Vierteljahr 1898 laden wir hiermit ergebcnst ein. Wie bisher, wird der „Gießener Anzeiger" die Tagesereignisse in kurzer den Thatsachen entsprechender Weise zur Kenntniß seiner Leser bringen. Die neuesten Nachrichten zuverlässiger telegraphischer Nachrich'.cn- Bureaus sowie zahlreiche Mittheilungen aus dem engeren und weiteren Vaterland halten den Leser stets über die Vorkommnisse in demselben auf dem Lausenden. Unterstützt durch umsichtige Berichterstatter in allen Orten Oberhessens und in den bedeutenden Städten der anderen hessischen Provinzen, ist der „Gießener Anzeiger" ferner in der Lage, die interessanten Vorgänge innerhalb unseres engeren Vaterlandes und der Nachbargebiete so frühzeitig wie möglich zur Kenntniß seiner Leser zu bringen, desgleichen wird den Begebenheiten in der Stadt Gießen die gebührende Besprechung im localen Theile des Anzeigers zu Theil werden. Der in der Provinz Oberhessen betriebenen Landwirthschäft wird der Anzeiger durch Veröffentlichung von allem Wissens- werthen aus dem Gebiete derselben besondere Berücksichtigung zu Theil werden lassen, daneben aber auch die Beobachtungen und Erfahrungen in Kunst und Wissenschaft, Litteratur, Hauswirthschaft, Handel, Gewerbe und Industrie in den Kreis feiner Besprechungen ziehen. Ein ge negenes Feuilleton wird neben besonderen Artikeln ernsteren und heiteren Inhaltes den erwünschten Unterhaltungsstoff bieten. Die „Metzener Familienblätter" werden dem Anzeiger wöchentlich 4mal (Dienstags, Donnerstags, Samstags und Sonntags) beigelegt und neben den Erzählungen, Romanen und Novellen beliebter Schriftsteller anziehenden Unterhaltungsstoff aus dem Gebiete des Familienlebens und der Hauswirthschaft bringen, und somit namentlich im Kreise der Familien eine beliebte Beigabe bieten.
Wir ersuchen nun namentlich auswärtige Leser, ihre Bestellung bei der Post baldgefl. aufgeben zu wollen. Neuhinzutretende erhalten vom Tage der Bestellung bis 1. April den Anzeiger kostenfrei zugestellt, wie wir auch gerne bereit sind, Probe- Nummern nach auswärts postfrei zu versenden. Den Lesern in hiesiger Stadt werden wir, wie seither, den Anzeiger weitersenden und den Abonnements- betrag durch Quittung erheben lassen, falls nicht ausdrückliche Abbestellung erfolgt.
Hochachtungsvoll
Verlag des „Gietzener Anzeiger" Brübl'sche Unio.-Buch- u. Steindruckerei (Pietsch & Scheydq).________
Deutsche*
71. Sitzung vom Montag den 28. Marz 1898.
Tagesordnung: Dritte Lesung der Vorlage, betreffend Entschädigung unschuldig Verurteilter.
In der Generaldebatte kritifirt Abg. Stadthagen (Soc.) den Widerstand der Regierungen gegen das Verlangen «ach Entschädigung auch der unschuldig Verhafteten.
$ Abg. v. Buchka (cons.) erklärt, seine Partei nehme die Vorlage an, wie sie jetzt fei. Dem Verlangen des Abgeord. neten Stadthagen könne sie nicht entsprechen, weil sonst die
Abg!^B e^ck"h 0d.b®p.) plaidirt gleichfalls für da» Gesetz i« feiner jetzigen Faffung.
Daffelbe wird definitiv angenommen.
Es folgt die dritte Lesung der Vorlage, betreffend «nderweite Festsetzung de» Gesammtcontingeut» der Brennereien.
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