Ausgabe 
30.1.1898 Zweites Blatt
 
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Deutscher Reich.

Darmstadt, 28. Januar. AuS Berlin, 27. Januar, wird derDarmst.Ztz." telegraphisch gemeldet: Ihre köaigl. Hoheiten dar Großherzog und die Großherzogin trafen auf der Reise «ach Berlin tu Eisenach mit Ihrer Königlichen Hoheit der Erbprtnzesfiu zu Hohenlohe Langen, bürg zusammen, Höchstwelche mit ihrer jüngeren Schwester, Prmzesfin Beatrice, von Coburg gekommen war, um mit­zufahren bis Gotha, wo Höchstdieselben mit Prtnzesfiu Elisabeth den Zug verließen. In Berlin kamen Ihre Königlichen Hoheiten, wie bestimmt, um 12 Uhr 9 M'u. an und wurden am Bahnhofe von Seiner Königltchrn Hoheit dem Prinzen Friedrich Leopold empfangen. Für den heutigen Tag ist daS übliche Programm aufgestellt.

Berlt«, 28. Januar. Der Kaiser hatte heute Morgen etue Besprechung mtt dem Staatssecretär deS Auswärtigen Amtes, v. Bülow, und empfing sodann einen Besuch deS Großherzogs von Oldenburg.

Berlin, 28. Januar. Wie dieBerliner Neuesten Rach, richten" hören, hat der Kaiser augeordnet, daß das Ktao-Tschau-Gebiet der Martne.Berwaltuug unterstell! werde.

Berlin, 28. Januar. DaS Abgeordnetenhaus begann heute die zweite Berathuug des Etats und zwar mit dem Etat der laudwtrthschastlichen Verwaltung. Morgen Fortsetzung.

Berlin, 27. Januar. Der Central Vorstand der vationalltberaleu Partei, gez. Hobrecht, Dr. Bürklln, Simon, richtet au alle Freunde der uattonalllberaleu Partei die Bitte, zunächst nach Kräften zu den Wahlkaffeu im eigenen Bezirk beizusteuern, aber auch die Ceutralleituag (verlink, Lölheuerstraße 46) mtt den zur erfolgreichen Durchführung eines Wahlkampfes uöthigen Geldmitteln auSzurüsteu, da die Ceutralleitung namentlich im Staude fein muß, den Erfolg überall da ficherzustelleu, wo die finanziellen Kräfte der Partei- geuoffeu im Kreise selbst noch nicht auSretchen, um die Kosten einer nachhaltigen Wahlagitation zu decken.

Berlin, 28. Januar. Wie derLocalanzeiger" aus Madrid meldet, hat der deutsche Botschafter v. Radowitz gestern tu seiuem Trtnkspruch auf deu Kaiser auSgeführt, er könne aus eigener Wiffenschaft und ohne ein Gehetmotß zu verrathen, sagen, daß die Besitznahme von Kiav'Tschau auf deS Kaisers eigenste Initiative zurückzusühren sei.

Berlin, 28. Januar. Am 10. Februar werden die Berliner Soeialdemokrateu tu sechs Versammlungen ihre Caud,baten für die RetchStagSwahlen aufstellea.

Berlin, 28. Januar. AuS London wird derBosstscheu Zeitung- telegraphirt: Nach einer Shanghaier Drahtung der Central News" veröffentlicht der ShanghaierMerkury" eine Meldung auS Tschefu mit folgenden Einzelheiten über die Ermordung eines deutschen Matrosen. DaS Verbrechen wurde erst entdeckt, als drei Mann mtt einem Korporal die Runde machten, um den Wachtposten abzulösen. Der Matrose lag enthauptet am Boden. Die Ablösung«. mannschast wurde bald darauf von etwa hundert Einwohnern angegriffen. Obwohl diese sich tapfer vertheidigten, sollen alle drei getödtet sein- auf chinesischer Sette wurden zwölf Personen getödtet. Infolge der AuSschrettungeu herrscht große Aufregung in KiaoTschau.

Ars-laud.

Prag, 28. Januar. Im Landtage brachte der Ab­geordnete Lippert den Antrag auf Einführung nattoualer Kurten mtt Veto-Richt etu.

Budapest, 28. Januar. Nach einer Meldung au- Klausen- bürg wurden bet einer Haussuchung, die bet dem dortigen Popen vorgenommeu wurde, viele in rumänischer Sprache abgefaßte, auS Bukarest datiere, mit der Unterschrift: DaS RevolutionS-Comitö versehene Manifeste beschlagnahmt,

in welchen die Rumänen zur Veranstaltung eine- neuen 48er | Jahre- aufgefordert werden.

Pari-, 28. Januar.Petit Journal- sagt, daß der Untersuchungsausschuß, welcher gegen den Obersten Pieauart eingesetzt wurde, nächste Woche zusammentreten soll.

Loudon, 29. Januar. Die Vorschläge derArbeit. geber im Maschinenbau find mit 125,000 gegen 14.000 Stimmen aeeept'rt worden.

Ctcalee unö

H flu8 dem Horloffthale, 26. Januar. Bei unS schleicheu Influenza und Dtpytheriti- umher, die dann Lungen- und Rippenfellentzündung im Gefolge haben. In Betreff der abnormen WitterungSerscheinungen verweisen wir auf den Winter von 1868 auf 1869, der genau so verlief wie der heurige. In unserer Gegend gilt die Witterung-regel: Da der weiche, grüne, regenreiche diesjährige Minter auch über die Tage vom 24. bis 27. Januar ohne Frost und Schnee hiuweggekommen ist, darf man annehmen, daß daS erste Quartal des neuen Jahres so bleiben wird. Die Witte- rungSregel: Wenn eS nicht wintert sommertS nicht, hat keine Geltung für unS. Zutreffender ist die Regel: Wenn der Rasen nicht verfriert so verbrennt er, daS hat fich auch nach dem Winter 1868/69 bewährt. Mit Nachtfrösten im Mai werden wir mit ziemlicher Gewißheit zu thun haben.

V. Bom westlichen Bogettberge, 27. Januar. Die Holz. Versteigerungen, welche in den letzten Tagen sowohl tu einigen Vogelsberger, als auch in den mehr nach der Wetterau gelegenen Oberförstereien abgehalten wurden, zeigen nicht bloß bei Bau-, Werk- und Nutzholz, sondern auch bet Brennholz anziehende Preise. Unter anderen Steigliebhabern bemerkten wir auch solche auS der Gegend von Gießen, die unsere treff­lichen Buchenhölzer mit Vorliebe kauften. Folgende Preise haben sich ergeben: Buchenscheiter la 7 bi- 8 SRI., Ha 5 bt- 6 50 Mk., Prügel 4 bis 5 MI. alles per Raummeter. Recht gesucht ist auch Fichten Bau- und Nutzholz.

tragen zu können, damit der Betrieb nicht auf die Nacht­stunden beschränkt bleibt.

Zar Krage der Ueberbürduvg unserer Schuljugend veröffentlicht Oberlehrer Dr. Kemsies in Berlin in der neuesten Nummer der Deutschen Med. Wochenschrift intereffante Ergebnisse seiner experimentellen Studien an Schulkindern. Als die besten- Arbeitstage der Woche ergaben fich Montag und Dienstag, ferner jeder erste und zweite Tag nach einem Ruhetage, welche sich daher auch am besten zur Vornahme von Prüfungsarbeiten eignen. Deßhalb müßte, da die geistige Frische vielfach nur bis Dienstag Nachmittag anhält, der Mittwoch und Donnerstag an höheren Schulen stark entlastet, eventuell ein Ruhetag eingeschoben werden. Die beste Arbeitszeit des Tages sind die beiden ersten Lehr­stunden; sie eignen sich demgemäß für die schwierigen Lehr- gegenftände. Der dreistündige Nachmittagsunterricht der höheren Lehranstalten wirkt überaus anstrengend. Pausen von längerer Dauer haben nach zweistündigem Unterricht, sowie nach jeder folgenden Stunde stattzusinden. Für 11* bis 13 jährige Schüler erscheint es nach den Ergebnissen de» Ermüdungsmeßapparates zweckmäßig, überhaupt nicht länger als vier Stunden hintereinander zu unterrichten. Ferien üben eine kräftigende Wirkung aus, deren Folgen jedoch meist nur vier Wochen nachweisbar sind; auch aus diesem Grunde erscheint öftere Einschiebung von Ruhetagen in die Arbeitszeit wünschenswerth. Der Lectionsplan hat die Stunden so zu gruppiren, daß ein gewiffer Ausgleich beginnender Ermüdung herbeigeführt wird. Anstrengende Fächer sind die Mathematik, Fremdsprachen, vor allem Turnen, und bei manchen Schülern Singen und Zeichnen, während Religion, Deutsch, Natur- wiffenschaften und Geschichte die Schüler weniger anspannen. Auf leicht ermüdbare Schüler kann indeffen im Unterricht weitgehende Rücksicht genommen werden eine für unsere Pädagogen nicht genug zu beherzigende Thatsache. Gan- ungeeignet für geistige Arbeit ist das Turnen vor oder während der Unterrichtsstunden, geeigneter für die Erfrischung des Geistes hinreichender Schlaf, Bäder, Spaziergänge.

Vermischtes.

* Zur Heißwasftr-Bersorguug von Städten durch Auto- malen hat sich in London eine Gesellschaft gebildet, deren Geschäftsplan auf dem Gedanken beruht, die von den vielen tausend Gasflammen der Straßenbeleuchtung erzeugte Wärme nutzbar zu machen. Die Automateneinrichtung ist, wie der Prometh." berichtet, in dem kastenartig erweiterten Sockel der Laterne angebracht und giebt nach Einwurf eines Penny, stückes (4 Pfg.) eine Gallone (4y3 Liter) kochendes Wasser ab. Die Gasflamme der Laterne ist ein gewöhnlicher Fünf­kerzenbrenner mit einem Gasverbrauch von 0,7 Cubikmeter in der Stunde. Dieselbe erzeugt in einem winzigen Dampf, keffel auf 127 Grad Celsius überhitzten Dampf, der in einer Schlangenleitung erst das Waffer eines kleinen Behälters zum Kochen bringt und den Rest seiner Wärme an den In­halt eines größeren Speisereservoirs abgicbt. Das Letztere wird von der Wafferleitung gespeist und füllt mit seinem bereits vorgewärmten Waffer den kleinen Behälter von Neuem, sobald aus diesem das kochende Wasser entnommen ist. Bei Ausnutzung der größten Leistungsfähigkeit der Vorrichtung können stündlich 3 bis 108 Liter kochendes Wasser abgezogen werden, so daß 2/2 bis 3 Minuten nach jeder Entnahme eine neue Einheitsmenge bereit ist. Ein neben dem Geld­einwurf befindliche» Thermometer macht den kochenden Zustand des Waffers ersichtlich. Es wird beabsichtigt, Automaten neben den Laternen aufzuftellen, welche Packele mit Thee, Kaffee, Cacao u. f. w. zur Bereitung von Getränken verüb- folgen. Die Erfindung, die zunächst für die Armenviertel bestimmt ist, kann auch für öffentliche Märkte, Droschkenstände, Bahnhöfe u. s. w. werthvoll werden. Es fraqt sich nur, ob der Gewinn der- Gesellschaft groß genug ist, um auch die Kosten des Brennens der Laternen während des Tages mit

»er etabt Nietze».

Januar: 24. Ludwig Junker, Schuhmann zu Aachen, mit Luise Kett zu Griedel. 24. Dr. Stanislaus Miusel, pract. Arzt zu Ostrowo, mit Hedwig Casimira Mazur daselbst. 24 Johann Andrea» Zimmermann zu UenaerShauscn mit Maria Martin dahier. 24. Franz August Carl Böer, Monteur dahier, mit Emma Auguste Caroline Klatnt zu Strehlen. 25. Peter Paul, Taglöhner zu RonShausm, mit Elisabeth Mähler daselbst. 25. August Hill, Eisendreher zu Weingarten, mit Margarethe Karg zu Karlsruhe. 27. Theodor Stein, Schmied dahier, mtt Eltsabethe Benner Hierselbst.

Januar: 22. Jnnocen, Krack, Fabrikarbeiter dahier, mtt Gertrude Karoltne Lipp Hierselbst.

eitavoaaoa.

Januar: 18. Dem Bürstenmacher Friedrich Rill ein Sohn, Johann Friedrich. 19. Dem Locomotivführer Germann Schindler ein Sohn, Erich Franz. 20. Dem Schneider Karl August Gobel ein Sohn. 20. Dem Schlosser Karl Becktoldt ein Sohn, Karl Ludwig Theodor. 21. Dem Viehhändler Karl Born ein Sohn. 22. Dem Fabrikarbeiter Jakob Karl Philipp ein Sohn, Karl veinrich Konrad. 22. Dem Hutmacher Gustav Rudolph Richter eine Tochter. 22. Dem Postassistent Theodor Schtermann eine Tochter, Helcne. 23. Dem Locomottvheizer Karl Gräber eine Tochter. 23. Dem Kellner Friedrich Hattenhauer eine Tochter. 24. Dem Uhrmacher Karl Ramftock eine Tochter, Johanna Magdalene. 26. Dem Jnstrumenien- händler Franz Eyserbeck eine Tochter, Elise Marte Cäcilie. 28. Dem Schlosser Gerhard Schepers eine Tochter, Ann« Amalie.

Januar: 20. Amalie Becker, geb. Keiper, 51 Jahre alt, Wittwe des Metzgers Jakob Becker zu Die,. 21. Heinrich Malkomesiu», 49 Jahre alt, Tapezier dahier. 23. Jakob F'^er. 45 3ahie alt, Bergmann zu Schaidt bet Hamm a. d. Steg. 24. Marie Luise Erb, 9 Monate alt, Tochter des Kutscher» Johannes Erb dahier. 24. Anna Elfrieda Richter, 2 Tage alt, Tochter des Hutmachers Gustav Rudolph R-chter dahier. 26. Jakob Stetnborn, 39 Jahre alt, von Limburg. 27. Marte Elisabeth Hcyl, geb. Heyl, 53 Jahre alt, Ehesrau de» W'.rths Johann Friedrich Heyl dahier.

daß e- wett htuuuterschallt, hinunterechot in die im Mond- gedämmer liegenden felsigen Schluchten.

Dort unten düstern die UmriffedeS Dorfe» Silos, und weiterhin ragen die Höhen vomBerg des AergernisseS" und vom Ortberg empor . . . Und unaufhörlich diese weihe­volle Stille . . . Aber nein plötzlich kommt für einige Augenblicke nochmals etwas Leben in die» Schweigen. Rauhe Stimmen schallen über die Gelände- es find Schafwächter, welche von verschiedenen Punkten au» einander anrufen. WüthendeS Hundegebell vomBerg de» AergerniffeS" her schreckt auf, und Hundegebell kläfft vom Oelberg herüber als Antwort .... Horch . . . Nicht- .... Wieder die alte fchwermüthige, verdrossene Schweigsamkeit.

Jetzt unten im Thal.

Wohin der Blick geht Steinplatte an Steinplatte, alle beschrieben mit hebräischen Schrtftzeicheu. Tausende und Tausende frommer Israeliten ließen sich seit Jahrhunderten tu diesen Thalhängen demPlatze de- Weltgerichts" begraben, damit sie gleich zur Stelle sind, sobald am jüngsten Tag die Posaunen erdröhnen. Die andern Menschen, die armen, müffen fich traditionsgemäß von ihren Begräbnißstätten au- erst mühselig hierher schleppen .... So sammelten sich im Lauf der Jahrhunderte Knochen zu Knochen, und die Grabsteine zerbröckeln.

Oh, aber jetzt! . . .

Hehre Wethe erblüht auf allen Blumenbeeten de» Her­zen»- erregter klopft es tn der Brust- die Pulse fliegen: vor mir erscheint da- ehrwürdige Gemäuer de» Garten- Gethsemane . . . Jetzt stehe ich an der Stelle, wo die Jünger schliefen ... und jetzt, wo JesoS betete:Mein Vater, ist es möglich, so gehe dieser Kelch von mir" . . . und jetzt, wo Judas JesuS küßte . . , Jäh erwachender kühler Wind rüttelt tn den finstern tn die Mondnacht hinetustecheudeu Typreffen und au deu uralten, zerbrochenen und steinum- dämmteu Olivenbäumeu, die wohl Zeugen jener LeideuSuacht gewesen.

Die weiße Straße herab bewegt sich eine Patrouille vermummter, beinahe raubermäßig ausgestatteter türkischer Soldaten mit übergehängten Gewehren und einem Gefolge von allerhand Gesindel ein unheimlicher Zug, der mich an jene Horde römischer Krftg-knechte erinnert, die da kam mit Schwertern und Stangen, um Jesu» gefangen zu nehmen.

Wie ich wich von Geths.mane entferne, fühle ich mich in diesem Todesthal verlaffeuer denn je. Ach, ich möchte jetzt mit einem warmfühlendeu Herzen sprechen und eine theure Hand drücken! Doch da ich Niemand habe, will ich wenigsten» da« Echo wecken.Halloh!" rufe ich kräftig über das trotzige Gemäuer, undHalloh!" schallt es kurz und dünn zurück. Dasür heulen aber von verschiedenen Setten mehrere Meuten von Hunden umso wüthender auf.

Jetzt noch ein wenig den Oelberg hinan.

Unter einem dickknorrigeu Olivenbaum, deffen breites Geäst vom Mondlicht durchblitzt wird, mache ich Halt. Ich befinde wich auf jener Stelle, wo Christus nach der Tradition die Stadt ansah und über sie weinte. . . .

Hinüber blicke ich auf daS ganze schlafende Jerusalem. Drüben, in zauberhaftem Gedämmer, die nachtblaue Kuppel der Omar-Moschee, die schlanken Minarett», die weithin ge- dehnte Stadtmauer. Weiter hinauf, allmählich in weiche Nacht verschwimmeud, da» krause Gewirr der stetneren Häuser mit den vielen Kirchen und Moscheen und Synagogen. . . . Mir ist, al» blicke ich hinab auf das geweihteste Blatt eine» Rtesenbuche», deffen Autoren die Jahrtausende find.

Zurück in die Stadt.

Ich pasfire den türkischen Kirchhof, der fich jäh nach dem Ktdronthal herabsevkc. Ueberall grobgrmauerte Stein- grabhügel und darüber märchenhaft flimmernde» Mondge- dämmer. Keine dunkelnden Cypreffen, keine hochragenden Denkmäler über den weißen, gleichförmig gemauerten Grab­hügeln- aber auch nichts Gespenstische», nicht» Schreckende», eher etwa» AnmutheudeS: da» Ganze etue fröhlich gestimmte

Strophe dr» ewigen TodtensangeS. Daneben dichte Hecken von Rtrseucacteen, welche ihre unförmigen Schatten auf die dahinter aufdüsterude Stadtmauer werfen. Trägen Fluge» schwingt fich ein weitklafteroder Nachtvogel darüber hin. . .

Körperlich etwa» ermüdet, zwänge ich mich durch da» angelehnte, eisrnbeschlagene StrphanSthor und bin bald aus dem Leidensweg, derVia Dolorosa. . . . Noch lauge ziehe ich auf den schweigsamen Gaffen dahin. . . .

Jetzt gegen Morgen.

Meinem Magen entschwinden wehr und mehr die Er­innerungen an daS letzte Abendbrod- allmählich erfüllt ihn jenes heiße Sehnen, daS man Hunger Bärenhunger nennt. Aber wo etwa» erobern? Wo? . . . Manchmal ist mir, als müsse ich eine der schlecht schließenden, halbmorschen Speluukeurhüreu ausstoßen und hineiurufen in die dunstige Wölbung:He! Wtrthschaft! Verschlafene Garde! Vorwärts, Licht mache«! Wein und Brod auf den Tisch! Aber etwa» plötzlich!"

Langsam erbleicht daS Mondlicht. Die scharfen Linien der Steinhäuser, die Umrisse der DavtdSburg, Kuppeln und Thürme erscheinen tn gröberer Schraffirung und verwandeln fich tn unförmig verschwommene Massen. Wenn ich jetzt von der Höhe au» Jerusalem betrachte eS würde mir er­scheinen, wie mit dem KretdewNcher gezeichne». Bald aber dämmert über dem Oelberg zartes Frühroth herauf, da» herrltchste Morgenstunden verheißt.

Ich gehe heimwärts nach der Terrasse meines Hotels. Schlafen unmöglich. . . . Während der östliche Himmel mehr und mehr entflammt, hellrosig, aufloderu-, gluihvoll, fitze ich auf einer Bank, schließe die Augen uni denke an Friedrich Ntetzsche, lange, lange. . . . Dani zünde ich mir eine Cigarette an und starre deu Rauchwölkchu nach, die sanfter Morgenwind von dannen trägt.