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Sonntag den 30. Januar
1808
Zweites Blatt.
M 25
Meßmer Anzeiger
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Gießen, den 29. Januar 1898.
Großherzogliches Polizeiamt Gießm. v. Bechtold.
Politische Wochenschau.
Als das hervorragendste Ereigniß auf politischem Gebiete in der letzten Woche dürfen dir Erklärungen des StaatSfecretärS v. Bülow in der Budgercommtsston des Reichstags über verschiedene Fragen der auswärtigen Politik betrachtet werden. Wir haben die Ausführungen des Staats- fecretärS schon so ausführlich besprochen, daß wir nicht mehr näher darauf eiozugeheu brauchen. Nur wollen wir hier nachsügen, daß man denselben im gesammten Auslande die gebührende Beachtung geschenkt hat und ste vielfach als eine programmatische Regierungserklärung anfieht. Welche Wirkung die Worte Bülows über die DreyfuS Affaire in Frankreich au-geübt haben, läßt fich aus den von dort eingegangenen Telegrammen deutlich erkennen- die Ausführungen des deutschen Staatsmannes ließen in dieser H nficht ja auch nichts zu wünschen übrig. Und in England tbut mau ^anz befriedigt über daS, wa» Herr v. Bülow über die oftastatische Angelegenheit gesagt hat- cb die Herren Britten eS aber ehrlich meinen, ist eine große Frage.
Mit großem Bedauern wird mau in ganz Deutschland die Nachricht ausgenommen haben, daß ein deutscher Matrose 4m Dienste der Vaterlandes der Hinterlist der bezopsten Chinesen zum Opfer gefallen ist. Man kann natürlich die chinesische Regierung für diese Frevelthat nicht verantwortlich machen, umsoweniger, als die That auf dem Gebiete verübt ist, auf welchem jetzt Deutschland die Hoheitsrechte auSüvt, aber man darf wohl erwarten, daß unsere in Ktao-Tschau befehligende Behörde jetzt dem chinesischen Gesindel etwas derbe auf die Finger ktopft, damit ihm jede Lust zu ferneren Uebergriffen vergeht.
Was die künftige Verwaltung des in unserem Besitz be
findlichen chtuefischen Gebiets betrifft, so ist über die näheren Modalitäten noch nichts bekannt. Etwa» Definitives scheint auch im Schoße der Regierung noch nicht beschloffen zu sein, sonst hätte der ReichSschatzsecretär in der Budgetcommisfion jedenfalls annähernd die Kosten angeben können, welche die Sache machen wird. Uns scheint eß, al» möchte die Regierung ganz gerne erst einmal den Prtvatunternehmungeu die Initiative überlasten.
Je weiter die Commission de» Reichstag» zur Vor- berathung der Militarstrafprozeß-Reform in ihren Arbeiten fortschreitet, desto sicherer wird eS, daß die ganze Sache umsonst in Angriff genommen ist- denn die Aenderungen, welche die Commission an dem Entwurf vornimmt, find so bedeutsamer und einschneidender Natur, daß die Pegierung aller Wahrscheinlichkeit nach nicht auf dieselben eingehen wird. Daß man auf beiden Setten so viel Zugeständniffe machen sollte, um doch noch etwa- Brauchbares zu Stande zu bringen, erscheint ganz auSgeschloffen, so daß schon jetzt die ganze Reform als gescheitert angesehen werden kann.
Viel bemerkt ist die am Geburtstage des Kaisers erfolgte Verleihung de» GroßkreuzeS des Rotheu Adlerorden» en den Botschafter Frankreich« am Berliner Hofe. Man darf diese Dekoration als ein Zeichen betrachten, daß die Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich ganz erträgliche find und z. B. durch unser Vorgehen in China keine Trübung erfahren haben. Auch Angesichts der Erklärungen Bülow zur Dreyfuß-Affatre ist die Verleihung immer be- merken-werth.
Diese Affaire hatte bekanntlich in Frankreich die GemÜther ungemein stark erregt, so daß eS sogar zu Prügel- scenen kam in der Kammer, worüber wir bereits auSsührUch berichtet haben. Die Erregung schien einen größeren Umfang annehmen zu wollen, so daß man über den AuSgang einige Besorgniß hegen konnte, aber der Sturm hat sich wieder gelegt. Hatten wir in voriger Woche Grund, den Fortbestand de» CabinetS Möliue in Zweifel ziehen zu wüsten, so können wir heute constatireu, daß die jetzt am Ruder befindliche Regierung Aussicht auf weitere Existenz hat- ob auf lange, möchten wir nicht behaupten. Vorläufig spricht hier der AuSgang des ZolaprozeffeS mit, der geeignet ist, noch einmal Frankreich in seinen Grundfesten zu erschüttern. Im Uebrigeu haben fich die im Mutterlande verübten Exceste auf die Colonie Algier fortgepflanzt, wo regelrechte Juden
hetzen insceuirt wurden und mehrere Menschen ihr Lebe« lasten mußten.
Die Verhältniffe in Oesterreich sind nach wie vor höchst unerfreulich- die Verfügung der Prager Polizeibehörde, daß die deutschen Studenten keine Farben tragen dürfen, hat viel Empörung Hervorgernfen und die Gegensätze nur noch vergrößert. Die deutschen Hochschulen Prag» stehen verwaist, und wenn nicht bald ein Ausgleich erfolgt, so ist z« befürchten, daß die dortigen Studenten fich anderen deutsche« Hochschulen zuwenden, wodurch der Stadt und dem Lande ein ganz erheblicher Schaden erwächst. Wird der Ministerpräsident den großen Wurs wagen und fich ganz auf die Seite der Deutschen stellen oder wird er in bisheriger Weise fortwursteln und den Mantel bald auf dieser bald auf jener Schulter tragen? Man spricht ernstlich davon, daß der Reichsrath Anfang Februar wieder einberufen werden soll, aber wir glauben kaum, daß fich jetzt schon — inmitten der Erregung — regelrechte, parlamentarische Zastände werden herstellen lasten.
Daß nun auch Belgien seinen ParlamentSskaudal mit Faustkampf, Kolbenstößen u. s. w. gehabt hat, haben wir bereit- erörtert- wir wiederholen e» hier nur der Vollständigkeit halber. DaS kleine Land geht unter den besonderen Umständen, welche dort herrschen, keiner rofigen Zukunft entgegen.
Der große Maschinenarbeiterstrike in England scheint nun thatsächlich beendet zu sein- jedensalls liegt er in den letzten Zügen. Die englischen Minister haben sich in jüngster Zeit wieder stark im Reden geübt, aber im Allgemeinen haben wir darin nur leere Worte gefunden, dazu bestimmt, sich selbst und Andere zu täuschen. Ueber England- Maßnahmen in Ostafien herrscht noch Dunkel- jetzt heißt e» wieder, e- wolle fein dortige- Geschwader erheblich verstärken. Jedenfalls wird e- aber einem Zusammenstoß mit seinem russischen Rivalen wohlweislich so lange wie nur irgenb möglich au» dem Wege gehen.
Von der Insel Kreta lagen in dieser Woche Meldungen vor, daß da- Elend wieder erheblich zuuimmt. Und dabei ist die Gouverneurfrage noch immer auf dem alten Flecke. Vorläufig gilt noch Prinz Georg von Griechenland al- der aussichtsreiche Candidat- aber ebenso viel AuSficht haben auch die Persönlichkeiten gehabt, deren Namen früher genannt wurden. Hoffentlich tritt im Interesse der Insel recht bald eine Entscheidung ein!
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Feuilleton.
Aus geweihtrn Lsudrn.
Von Karl Böttcher.
(Origtnalbericht des »Gießener Anzeigers").
(Nachdruck verboten.)
I. Jerusalem bei Nacht.
Jerusalem, 15. Januar.
— Leb' wohl denn! . . . Während unser Schiff von dannen zieht und weithin glühendes Abeudroth mehr und mehr dir finkende Küste Palästina« vergoldet, denke ich, auf dem Verdeck fitzend, immer und immer an mein Jerusalem, da» ich — nie Wiedersehen werde. Jetzt erscheint eS mir wie eine majestätische Scene, die über einer Schmutzlache unter- geht. . . .“
vor einigen Jahren, nach einem flüchtigen Jerusalemer Besuch, habe ich diesen „Abschied für immer" auf» Papier geworfen.*) Und heute? . . . Da guckt der tiefblau leuchtende Himmel der Stadt David- von Neuem auf mein Manuscript. Ach, Menschen und Länder gibt e-, denen sollte man nie für immer Lebewohl zurufen!
Gewiß — viel Tinte und Papier wurde im Wandel der Jahrhunderte zu umfänglichen Schilderungen über all die geweihten Stätten verbraucht. Bei meinen jetzigen Schlen- dereien durch Palästina, Syrien und die Sinai-Halbinsel suche ich möglichst neue Pfade zu neuen Stoffgebieten, und deren gibt es in diesen Landen in reicher Fülle.
Einst schilderte t - „Chicago bei Nacht", schilderte ich später „Capstadt bei Nacht" und „Tunis bei Nacht". Heute gilt meine Nachtstudie der Stadt Jerusalem. —
Abends gegen elf Uhr. Ich fitze in einem arabischen Cafö — ehemals mit seinen düsteren Spitzgewölben und dielsach beschädigten Pfeilern eine Karawanserei. Ringsum auf niedrigen Schemeln Wafferpfeife rauchende Türken, die
•) Von sonnigen Küsten. Mittelmeer-Briefe von Karl Böttcher. Leipzig. Verlag von B. Elischer Nachfolger.
Die Redaction.
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ab und zu au» winzigen Taffen schwarztunkigeu Mokka hinunter- schlürfen, sonst aber in größter Spannung dem luftigen Said Hassan lauschen, einem wahren Prachtkerl von orientalischem Märchenerzähler.
Da- düstere Casö markirt nach Kräften da» öffentliche Jerusalemer Nachtleben, die» Cafä, in Gesellschaft einiger schmutziger Weinspelunken, so ziemlich mutterseelenallein. Nirgend» da» fröhliche Klingen einer Fiedel oder etwa» übermüthiger Singsang oder ein fleißiger Souffleurkasten, der dem schwachen Gedächtniß aufstrebender Bühnenhelden zu Hilfe kommt ober sonst irgend welche» Duliö." Nein — nichts.
Wie Jerusalem nicht die Herrlichkeiten eine» Briefkastens kennt ober die Pracht einer hier erscheinenden Zeitung, so hat e- auch keine Ahnung vom modernen Nachtleben.
Begleitet von einem Dragoman trete ich hinaus in die Finsterniß . . .
Hoch am Himmelsgewölbe wandelt unweit des „Orion" groß und leuchtend der Vollmond, flimmert ein Riesenbaldachin blitzender Sterne.
So weit ich auch die winkeligen Schmutzgäßchen entlang ziehe — Jerusalem schläft — schläft mit seinen mächtigen, tausendjährigen Erinnerungen, schläft mit dem grellen Gemisch der in seinen Mauern zusammcngedrängten Religionen und Confesstonen — eS schlafen helle Begeisterung, leidenschaftlicher Fanatismus, naive Einfalt, inbrünstige Anbetung — Jerusalem schläft, tief und fest. Ach, wa» man da Alles aufstöbern könnte! . . .
Dahin geht'S durch lange, schaurige, überwölbte Gäßchen, in die kein Mondschein kriecht, dann durch hochgespannte Schwippbogen, treppauf, treppab und wieder treppauf, hinüber in andere Gäßchen. Schmutzhaufen von zusammengeknäulten, schlafenden Hunden füllen die Mauernischen, dicht benachbart residiren schlummernde Katzen — alles Gethier in treuer Kameradschaft durch den gemeinsam quälenden Hunger. Puh — ich rieche Jerusalem, und daS kitzelt in die Nase .... Tschil ...
Vorüber an der Kirche deS heiligen Grabes, wo über dem vrrwetterten Portale der jetzt schon nahende Frühling
Blumen auS Mauerfugen lockt - vorüber am Markt für Rosenkränze und Weihekerzen ....
Dann die Christenstraße entlang mehr und «ehr in» Freie. Grelles Mondlicht flirrt auf weißgelblichen Steinplatten, welche von aufsproßendeu GraSguirlandeu umwunden find, flirrt und glitzert iu zaubervollem Glanze.
Ich biege um die hohen, ftarrtrotzigen Mauervorfprünge, alle wie geschaffen zum Straßenkampf. In meiner erregten Phantasie ist mir, als sehe ich die begeisterten Schaaren der Kreuzfahrer todeSrnuthig kämpfen, als höre ich Verwundete und Sterbende schreien, als starren mir schlachtumtobte Barrikaden und Schießscharten und Hausen von verstümmelte« Leichen entgegen.
Feierliche Traurigkeit, pompöser Trübsinn, majestätische Schwermuth ring-um. Und immer diese weihevolle Grabesstille. Oh — Millionen von Schwätzern und Schwadroneuren draußen in weiter Welt, deren Mundwerk uiemal» Rasttag hält, könnten von hier Schweigen beziehen- der vorrath ginge nicht zur Neige!
Jetzt stehe ich vor der gewaltigen, altersgrauen Stadt» mauer und dem ZtouSthor mit seiner verschlafenen Schildwache. Hier verlaffe ich die innere Stadt und wandere hinaus in’» Freie. Thalwärts führt im Mondschatten mein Weg, die ernste Mauer entlang, deren scharfgezeichnetes Ge- zack fich grell gegen den nächtigen Himmel abhebt.
Tiefe Mitternacht und schauervolle Einsamkeit . . .
Plötzlich von der Stadt her dröhnender Glockrnschall — ernst, feierlich, weihevoll, nur zuweilen durchschrillt von eiligem Gebimmel. Wa» soll da»? Jetzt in tiefer Nacht! Ja, wer es wüßte! Glockengeläut steckt locker in den Glocken von Jerusalem.
Weiter abwärts über feuchtes Geröll, zerbröckeltes G«- trümmer, übelduftenden Schutt — Jahrtausende alten Schutt, der die Herrlichkeit Salomons gesehen, vorbei an mageren Olivenbäumen, immer abwärt» . . . Manchmal denke ich, e- wüffe hinter dem dunklen Gemäuer ein lichtscheuer Nachtwächter hervortreten und schwerverdroffen in fein Horn tut«


