Ausgabe 
29.12.1898 Zweites Blatt
 
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Maß beim QuartA Störungen im Bezug m unsere verehrlichen t die Erneuemng ihres reffenden Postanstalten

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Nr 305 Evwcites Blatt Donnerstag den 29. Decemder

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Amtlicher Theil.

Bekanntmachung.

V»D. R* erfahrungsgemäß in bet Neujahrsnacht unb ' am NeujahrStage häufig Ruhestörungen uno Unglltfl» fälle ereignen, hi ngen wir gut Verhütung von solchen in Erinnerung, dass das Schieße», sowie da- Ab- breuueu voo Aenerwerkskörpern innerhalb der Straßen nad Hofraitheu der Stadt verboten ist.

Zuwiderhandlungen find in § 367 unb § 868 des Reichsstrafges'tzbuch» mit Selb- ober Haftstrafe bedroht. Auch tritt Wegnahme ber Schußwaffe ein.

Gleichzeitig machen wir btt Händler mit explosive» Stoffe», Feverwerk-rSrPeru re. darauf aufmerksam, daß da» Abgeben solcher Stoffe an Personen, von bentn ein Mißbrauch zu befürchten ist, insbesondere au alle Persone» nutet 16 Jahre», Verbote» ist (Verord­nung für da» Sroßhergogthum Hessen, oetr. den Verkehr mit Sprengstoffen, vom 21. Decemder 1893, § 26), und daß Zuwiderhandlungen gegen diese Vorschrift nach § 867 de» Reichsstrafqesetzbuchs mit Geldstrafe bi- zu 150 Mark oder mit Haf« bestraft werden.

Gießen, den 24. Decemder 1898.

Großherzogliche» Polizeiamt Gießen. Muhl.

Zur Entwicklung der englischen Weltmacht

schreibt die ERHrin.-Wrstf. ßig.*:

Man sagt den englischen Staatsmännern eine besondere Befähigung nach, die Hilfe anderer Völker für die ßttle der eigenen Politik zu gewinnen. Nun, fie rechnen einfach ,mft ber Dummheit der anderen Völker". So sagt wörtlich eine holländische politische Devkjchrist von 1779. Lhatiächlich liegt in ber Kurzsichtigkeit ber übrigen Staaten größtentheil» da» Geheimniß der englischen Erfolge. Da» lehrt die Geschichte ber Aufrichtung ber englischen Weltmacht, und da» deutsche Reich thätt wohl daran, sich die» vor Augen zu halten, zwar freundschaftliche Beziehungen zu Eaglaud zu pflegen, aber dem eigennützigen englischen ßtebelwtrben gegenüber kühl zu bleiben bl» an» Herz hinan. Daran zu mahnen, ist um so zeitgemäßer, als die brutsche Politik wleber so englisch ge- worden ist, daß fie sogar, so weit möglich, die Preffe beein­flußt, nicht antienglisch zu schreiben. Aber da» deutjche Volk will nicht mit England gehen, denn e» ist nicht mehr dumm genug dazu.

Der Aufrichtung ber englischen Weltmacht kam die politische Lage in Europa zu Hilfe. Al» ber Seeweg nach Indien und Amerika entdeckt war, zogen naturgemäß die an bea atlantischen Ocean stoßenden Länder den größten vor- theil daran». Spanien, Portugal, Frankreich, Holland und England schufen jenfeit» der Meere große Eolonialreiche. Aber Portugal und Holland Waren zu klein für die Ent­wicklung ihre» ungeheuren Befitze», unb Frankreich, sowie Spanien betrachteten btt europäischen Streitigkeiten al» Haupt- fache, während England fich an diesen nur insoweit bethei- ligte, als dadurch fein unvenücke festgehaltene» Ziel, die Zurückdräc.gang der onbtren Loiouialmächte an» dem Wett­bewerbe, gefördert wurde. Da» kleine Holland, da» in der eisten Hälfte bei 17. Jahrhundert» einen so gewaltigen An« (auf genommen hatte, erlag schon vor ben Ende des Jahr­hundert» der größeren englischen Macht. Dann kam Frank­reich an die Re hr. Zu Ende des 17. Jahrhundert» schien e», daß Nordamerika dereinst den Franzosen gehören werde, und in Indien hatten diese noch entichirdeuer den Vorsprung.

Der Umschwung zu Gunsten England» war die Folge bon Kriegen auf dem europätschen Festlande, und überwiegend waren e» leider deutsche Heere, die England in ben Dienst leinet schlau verhüllten Interessen zu stellen wußte. Der »pantsche Erbfolgekrieg (17021713) war hn «runde ge- nomnten ein Kampf Englands und Holland» gegen die Gefahr einer Bereinigung de» französischen Handel» mit der spanischen Lolonialmacht. Diese Vereinigung würde der mächtig empor- geblühten franzöfischen Industrie den spanischen Markt in Ämtnta erschlossen, ihr dadurch die Oberhand verschafft, so- wie den stanzöfiichen Lolonieen in Nordamerika und Indien eine außerordentlich starke Stütze gegeben haben. Daß diese Bereinigung verhindert warbt, begründete boJ spätere Heber- «emicht England» in Amerika unb Jnbien, und daneben brachte ber Friede von Utrecht ihm einen großen Theil von | Kanada, sowie Neu-Fundiavd, Neu-Schottland, Gibraltar und 1 Menoroa. Im österreichischen Srbfolgekrieg xnb im sieben. [

jährigen Kriege trat England alsbald anf die Seite ber Gegner Frankreich» unb zahlte ihnen Beiträge zu den Krieg», kosten. Al» bann bie deutschen Waffen Frankreich nieder- geworfen hatten, mußte da» erschöpfte Land ben Rest seiner amerikanischen Eolonieu an Euglanb abtreten und bald darauf ohnmächtig zuschauen, wie Clive und Hosting» Indien er­oberten. So ersüllte fich da» Wort Lorb Chatams, baß er Amerika in Deutschland erobern4 werbe, im weitesten Maße, benn ohne bie preußischen Siege Über Frankreich hätte England auch Indien nicht erobern können, und ohne dies gäbe e» heute keinen englischen Welthandel.

Die Kriege von 1792 bi» 1815, in denen fich England gebärdete, al» kämpfe :» für bie Freiheit Europa», besegelten bie ZarÜckdräugung Frankreichs, da» seine überseeische Stellung nun endgültig an England verlor. England aber, da» im Pariser Frieden noch ba» Kapland, Malta, Helgoland unb Ceylon eingestrichen hatte, befestigte fortan seine Vorherrschaft in Asien, wo e» fein indische» Reich erweiterte unb au»daute, und machte seinem Handel auch bie süd- unb mittelamerikanischen Märkte dienstbar, indem e» den Aufstand der spanifchen und portugiesischen Colonien unterstützte und deren Lo»reißuvg vom Mutterland dadurch herbeiführte. Die Unterstützung von Aufständen liebte England damals schon nicht Weniger al» heute. Seine Weltstellung verdankt e» eben, wie au» Allem ersichtlich, seiner weitschanenden, aber gewissenlosen Politik, welche stet» die Verlegenheiten und Jrrthümer der Festland- floaten arglistig ausnutzte. Unangreifbar für damalige ver- hältniffe durch seine Insellage, konnte es fich in die An- gelegensten der anderen Völker mischen nnb habet doch bie vollste Unabhängigkeit be» Handeln» bewahren, von jeher hat ber Gedanke die englische Politik geleitet und leitet fie noch heute, baß Krieg zwischen den Staaten be» Festlandes ein Segen für England, die Beförderung ihrer Zwistigkeiten ein Gebot der Klugheit für englische Staatsmänner fei, und dem entspricht e», daß seit drei Iah'Hunderten jeder Friedens- schloß ein Sieg England» war. Wie im Frieden von Utrecht (1713) weder Frankreich noch Deutschland, noch Spanien Sieger waren, sondern England, so ging e» auch bei ben Friedensschlüffen von Aachen (1748) unb ben beiben Pariser Frieden (1763 unb 1815). Die festländischen Staaten schieben nab ringen mit äußerster Anstrengung, nnb ber vermeintliche Sieger trägt Ruhm und bestenfalls einen kleinen Landstreifen davon, während Großbritannien als Zünglein an der Waage bie Entscheidung gibt und bei nngeschwächten Kräften, ver­mehrtem Handel und verstärkter Industriemacht in fremden Erdtheilen ungeheure Länderstreckea erbeutet.

Ein anderer Hauptcharakterzug der englischen Politik ist ihre Untreue. Tiner der größten Bewunderer des englischen Privatcharakters, der Amerikaner Emerson, urtheilte dennoch über Englands Politik: ,3)le auswärtige Politik England» ist, obwohl ehrgeizig und verschwenderisch mit Gelb, selten edelmüthig und gerecht gewesen. Ihre Hanvtrllckficht war stet» das HandelSintereffe . . . Sie verrieth Genna, Sizilien, Parma, GrieLenlanb, die Türkei, Rom unb Ungarn. Treu im Privatleben, Treulosigkeit im 5fl?ntü4cn Leben kenn­zeichnet biete heimathlichen Menschen l" England hat fich immer trefflich darauf verstanden, seine Verbündeten als die Haiptbetheiligten, fich selbst aber als den uneigennützigen Helfer hinzustellen, der nichts anderes wolle, als ,bo» europäische Gleichgewicht erhalten", ^unterdrückte.ker be­freien^,bem Recht znm Stege verhelfen" u. s. w. Da» wahre Bestreben ging aber stet» anf Abschluß vortheilhafter Handel»verträge, Erwerbung wichtiger, bie Berkehrsstraßen beherrschender Punkte, Zerstörung de» Handel» anderer Völker und Niederhaltung ihrer maritimen Entwickelung. Diese» System hat öfteren Wechsel der Bündnisse zur Voraussetzung^ denn es darf den Bandesgeuoffen nicht zu stark werden laffen, damit er nicht bei dem Abschlüsse be» Frieden» zu große Ansprüche mache. Darum wechselte England immer zur gelegenen Zeit die Partei, wobei ein leicht in Scene ge­fetzter Wechte! de» Ministerium» den Schein be» Anstande» wahren mußte. Ba» Deutschland angeht, so wollen wir nur an Folgendes erinnern. Als England im spanischen Erbsolge- krieg erreicht hatte, wo» es wollte, fetzte es den bekannten Mimstnwechsel von 1710 hi Seene und machte sich dann lo» von seinem Verbündeten, dem Kaiser Joseph I., den es obendrein noch al» kriegslustig und länbergierig verdächtige, weil er Straßbnrg wieder zum Reiche bringen wollte und die Erfüllung be» deutsch-englischen Abkommen» von 1703 forderte. Ebenso ließ Eaglaud Friedrich den Großen rück- sichtslo» im S ich, al» bie Beendigung be» 7jährigen Krieges im englischen Interesse lag.

Richt anders handelte England 1814/15. Solange Napoleon I. England gefährlich war, ging England mit den

deutschen Mächten und Rußland. Kaum hattea diese aber den gemeinsamen Gegner niedergeworfen, fo schwenkte England ab und ging zu Frankreich über, um den Slliirten die Früchte ihrer Stege nach Möglichkett zu verkümmern, dasselbe England, dessen kleines Heer bei Waterloo durch unfern Blücher vor ber Vernichtung bewahrt worden war. Bei den verhoud- langen über ben zweiten Pariser Frieben unterstützte England Frankreichs Ansprüche gegen bie preußisch deutschen nnb ver­eitelte durch diesen Treubruch unter Anderem die Wieder­vereinigung Elsaß - Lothringens mit Deutschland, obwohl Männer Wie Snetsenau, Stein, Hardenberg, Humboldt, Münster u. s. W. ben bahingehenden preußischen Antrag mit ben gewichtigsten GrÜnbeu unterstützten. Wesentlich au Eng- laubs Haltung scheiterte auch ber Plan be» Fürsten Harden- berg, die alten Reichslande Holland unb Belgien als ,bnr« gnndischen Kreis" zum deutschen Bunde zu fügen. Deut'ch« land sollte England nicht zu mächtig werden. ,8ür Deutsch­land", sagt Pertz in Stein'» Leben, »ging aus diesen Kämpfe» und Verhandlungen die theuer erkaufte Lehre hervor, baß keine ber großen europäischen Mächte aufrichtig fein Heil, feine Sicherheit unb Kraft wünschte. Deutschland darf feine Hoffnung so wenig auf England als auf Rußland oder Frankreich setzen, es darf auf Niemand rechnen als auf fich selbst.- England hat die Wiedergeburt Deutschland» instinktiv gefürchtet und jederzeit zu hindern gesucht. In frischer Er­innerung sollte es sein, wie England im Jntereffe bei Aufrichtung seiner Weltmacht 1848 bis 1851 und 1864 bis 1871 Alles auf geboten hat, um bie Ein'gung ber deutsche» Stamme zu hintertreiben, und wie es seine Neigung, aus Eigennutz die Partei zu wechseln, auch 1870/71 bekundet hat. Bei Beginn des Krieges 1870 standen die leitenden Kreise England» auf der deutschen Seite, weil fie Fraukreich^für stärker hielten unb seine Schwächung wünschten, al» fie ober erkannten, daß Deutschland ber stärkere Theil war, wendeten fie ihre Sympathieen Frankreich zu und stachetteu diese» zur Fortsetzung be» Kriege» mit verkappter Unter­stützung England» an, damit auch Deutschland, in welche» fie ben tommenben Soucarrenten auf dem Weltmarkt voraus- sahen, erschöpft und dadurch gezwungen wurde, beim Friedeus- schluß auf besondere Vortheile zu verzichten, während England noch feiner Gewohnheit ben Lvwenantheil bavontrüge.

Bar zu gerne hatte Englaab zum zweiten Male die Wiedervereinigung von Elsaß Lothringen mit dem Deutschen Reiche verhindert. Rur der rasche Abschluß de» Friedens und die Haltung Rußland» hat die englischen Staatsmänner von writergehenden Schritten abgehalten Hier zeigte fich der Genin» be» Fürsten Bl»marck in feiner ganzen Größe. Dieser große Staatsmann ist einer der wenigen Menschen, welche vor ihm nur Colbert und Napoleon I. die englische Politik ganz durchschauten. Daher ber grimmige Haß der leitenden Kreise Englands gegen ihn.

Nächst Rußland ist es Deutschland, das Eaglaud am meisten in Wege steht. Rußland bedroht Indien, dessen B'sitz England erst zur Weltmacht gemacht hat, Deutschland aber ist der englischen Jndstrie, bet Wurzel der englischen Größe, gefährlich geworden. Darum sucht England unsere Fortschritte In der Industrie, im Handel, in der Sch fffahrt und Colonisation auf jede Weise zu hemmen unb mtll die Gleichberechtigung Deutschlands, fich ebenso Wie England neue Absatzgebiete für die deutsche Ausfuhr zu fichern, nicht anerfenuen. Ueberall stießen die deutschen Colonialbestre- bnngen auf ben (in Deutschland tief empfundenen) Wider­spruch unb daS unverhohlene UebelwoQen Eoglaod», nnb es bleibt undenkbar, daß darin jemals eine aufrichtige und dauernde Aendernng eintrehn könnte, denn daS englische Weltreich ist aufgerichtet durch Uebervortheiluvg und Schwächung der mübewerbenben Völker, durch Untergrabung ihrer inneren Kräfte, unb kann bei dem ungeheueren Mißveihältuiß zwischen seiner Ausdehnung und seinen Machtmitteln nur auf bie gleiche macch'aoellistische Weise erhalten werben. Euglanb wird, wenn es kann, gegen Deutschland ebenso verfahren wie gegen Holland, Portugal, Spanien und Frankreich, unb be­sonder» l. Herelch ist gerade in heutiger Zeit bie geschichtliche Thatsache, daß Holland eigentlich an seinem Büadniß mit England gegen Ludwig XTV. zu Grunde gegangen ist. England Wußte ben Vertrag so einzurichten, daß Holland ben Krieg vorwiegend zu Lande zu führen hatte. D'e Abficht ist unverkennbar. Im Frieben von Utrecht (1713) konnte Holland keinen Anspruch auf Überseeischen Gewinn erheben. Settdem ging e» mit seiner Seemacht immer weiter abwärts nnb mit ihr sank sein Ansehen im Rothe der Völker, bis Holland hn 18. Jahrhundert nur noch ,bie Schaluppe h» Fahrwasser ber großen Brttannta" war, wie Friedrich btt Große es treffend bezeichnet hat.