Ausgabe 
29.6.1898 Erstes Blatt
 
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Amtlicher« Theil.

Bekanntmachung

betreffend: Retchstagßwahl.

@« wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß in dem 1. Wahlkreise de« GroßherzogthnmS Herr Bürger­meister Philipp Kieler zu Langsdorf mit 8839 von 14 806 gtltig abgegebenen Stimmen zum Reich«tag«abgeord' icten gewählt worden ist.

Gießen, den 28. Juni 1898.

Der Wahl-TommiffSr.

v. (Saßern.______________

Deutsches Reich.

Berlin, 27. Juni. Der Staatssekretär bei ReichSpost- amtel hat einen fich gegen dal Eindringen der -T ocial d em o kratie in die Beamten der Post

Nr. 149 Erstes Blatt.

Mittwoch dm 29. Juni

1898

erscheint täglich mit Ausnahme deS Montags.

Die Gießener MamilienolStter werden dem Anzeiger wöchentlich viermal beigelegt.

Gießener A nzeiger

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Zum Bezug desGietzenev Anzeiger" für ^»aS 3. Vierteljahr 1898 laden wir hiermit ergebenst kin. Wie bisher, wird derGießener Anzeiger" die Tagesereignisse in kurzer den Thatsachen entsprechender Weise zur Kenntniß seiner Leser bringen. Die neuesten Nachrichten zuverlässiger telegraphischer Nachrichten- Bureaus sowie zahlreiche Mittheilungen aus dem «ngeren und weiteren Vaterland halten den Leser Itets über die Vorkommnisse in demselben aus dem Laufenden. Unterstützt durch umsichtige Berichterstatter in allen Orten Oberhessens und in den bedeutenden «Städten der anderen hessischen Provinzen, ist der .Gießener Anzeiger" ferner in der Lage, die Meressanten Vorgänge innerhalb unseres engeren Vaterlandes und der Nachbargebiete so frühzeitig wie möglich zur Kenntniß seiner Leser zu bringen, des­gleichen wird den Begebenheiten in der Stadt Gießen Lie gebührende Besprechung im localen Theile des Anzeigers zu Theil werden. Der in der Provinz Oberhessen betriebenen Landwirthschäft wird der Anzeiger durch Veröffentlichung von allem Wissens- roerthen aus dem Gebiete derselben besondere Berück- Mtigung zu Theil werden lassen, daneben aber auch Äe Beobachtungen und Erfahrungen in Kunst und Wissenschaft, Litteratur, Hauswirthschaft, Handel, Gewerbe und Industrie in den Kreis feiner Besprechungen ziehen. Ein gediegenes Feuille­ton wird neben besonderen Artikeln ernsteren und Weiteren Inhaltes den erwünschten llnterhaltungsstoff Lieten. DieGietzener Familienblätter" aoerden dem Anzeiger wöchentlich 4 mal -(Dienstags, Donnerstags, Samstags und Sonntags) Leigelegt und neben den Erzählungen, Romanen und Novellen beliebter Schriftsteller anziehenden Unter- haltungsstoff aus dem Gebiete des Familienlebens' mnd der Hauswirthschaft bringen, und somit namentlich im Kreise der Familien eine beliebte Beigabe bieten.

Wir ersuchen nun namentlich auswärtige Leser, ihre Bestellung bei der Post baldgefl. aufgeben zu vollen. Neuhinzutretende erhalten vom Tage der Bestellung bis 1. Juli den Anzeiger kostenfrei zu- .gestellt, wie' wir auch gerne bereit sind, Probe- Nummern nach auswärts postftei zu versenden. Den Lesern in hiesiger Stadt werden wir, wie seither, bcn Anzeiger weitersenden und den Abonnements- betrag durch Quittung erheben lassen, falls nicht aus­drückliche Abbestellung erfolgt.

Hochachtungsvoll

Verlag desGießener Anzeiger" Brühl'sche Univ.-Buch u. Steindruckerei (Pietsch Erben).

wendenden Erlaß gerichtet, welcher durch die Vorsteher der Berkehrsanstaltev persönlich sämmtlichen Beamten und Unttrbeamten den neu etntreienben nach der Vereidigung bekanntgegeben werden soll. Ja dem Erlaffe heißt es: Wiederholt ist neuerdings der Versuch gemacht worden, An­gehörige der Reichs-Post- und Telegraphenverwaltung für die Bestrebungen der Socialdemokratie zu gewinnen- auch find mehrere Falle zu meiner Kenntniß gelangt, in denen außer­halb bet Verwaltung stehende Agitatoren in Ver­sammlungen von Beamten dal Wort geführt haben, um Unzufriedenheit zu erregen, die Maßnahmen der Behörden in gehäsfiger Weise zu kritisiren und Zwietracht unter den verschiedenen Beamtenkategorten zu säen. Wenngleich ich Überzeugt bin, daß der Geist der Pflichttreue in der Beamten­schaft auch für die Zukunft ein Bollwerk gegen das Ein­dringen socialdemokrattscher Bestrebungen bilden wird, so halte ich eS doch für meine Pflicht, ausdrücklich darauf hinzuwetsen, daß jede Betheiligung an socialdemokratischen Bestrebungen mit den durch den Diensteid gelobten Amtspflichten unvereinbar ist, und daß deshalb Beamte, die derartigen Anschauungen Ausdruck geben, nicht im Dienst geduldet werden können. Unstatthaft ist es ferner, daß gewerbsmäßigen Agi­tatoren in Beamtenversammlungen Gelegenheit geboten wird, durch aufreizende, die Organe der Retchsregierung und in»- besondere die vorgesetzten Dienstbehörden herabsetzende Reden die EinmÜthigkeit vertrauensvollen Zusammenarbeitens und die Arbeitsfreudigkett in der Beamtenschaft »u untergraben. Wer fich durch solche Agitation beetnfluffen läßt, kann nicht erwarten, daß ihm das Vertrauen geschenkt wird, das für die Verwendung in verantwortlicheren Stellungen unerläßlich ist. Es ist die Pflicht der einsichtsvolleren Elemente in den einzelnen Beamtenklaffen, allen die Dienstzucht lockernden und die Interessen des Standes schädigenden EinflÜffen energisch entgegenzuwirken und in ihren Kreisen mit allem Ernste dafür einzutreten, daß der Beamtenschaft daS gegenseitige Vertrauen und die Berufsfreudigkeit erhalten bleiben, die zur Lösung der großen und wichtigen Aufgaben der RetchS-Post- und Telegraphenverwaltung unentbehrlich find.

Berlin, 27. Juni. Die Vorarbeiten für die Neuorganisation der Feldartillerie find nunmehr, wie tu Berliner militärischen Kreisen bekannt geworden ist, endlich so weit gediehen, daß das bezügliche Gesetz mit dem neuen Etat tnS Leben treten bezw. dem neuen Reichstage zur Beschlußfassung vorgelegt werden kann. Analog der Eavallerie werden nach derA. N. K." bei jedem Armee- corpS zwei Brigaden, jede zu zwei Regimentern, formtrt werden. Von den reitenden Batterien werden sovtele Ab- theilungen eingehen, daß nur für jede im Kriegsfälle aufzu- stellende Cavalleriedtvtfion eine Abtheilung verbleibt, sodaß die eigentliche Vermehrung an Geschützen und Gespannen im Berhältnih nur eine unbedeutende sein wird. Zwecks Be­schießung verdeckter Ziele wird bet jedem Armeecorps eine Feldhaubitzbatterie formtrt werden, und eS ist die Abficht, die Granatgeschoffe wegen ihres geringen Streuungskegels eingehen zu laffen.

Berlin, 27. Juni. Das Deutsche Reich hat für die Pariser Weltausstellung denselben Raum erhalten wie England und die Vereinigten Staaten, nämlich zwei Hektar oder acht preußische Morgen. Sämmtliche anderen Länder, welche die Ausstellung beschicken, müffen sich mit Ausnahme von Frankreich mit einer geringeren Fläche begnügen.

Berlin, 27. Juni. Reserve-Offiziere der Schutz- truppe. Die Beförderung von deutschen RetchSangehörigen aus den deutschen Schutzgebieten zu Reserveoffizieren der Schutztruppe würde nicht nur den vielen aus diesen Reihen hervorgehenden Wünschen entsprechen, fie würde auch in hohem Grade im Jntereffe beß Schutztruppen-Commandos wie der Gouvernements liegen. Diese würden bei den meist gänzlich unerwartet und überraschend entstehenden Aufständen einzelner Stämme allezeit sofort eine, wenn auch nur kleine Zahl von Offizieren zur Verfügung haben, die vermöge ihrer genauen Kenntniß der Eigentümlichkeiten von Land, Leuten und Ber- hältniffen, und an das Klima bereits gewöhnt, werthvolle Dienste zu leisten vermöchten und zur schnelleren Unterdrückung eines solchen Aufstandes wesentlich beitragen könnten. Im eigensten Jntereffe dieser RetchSangehörigen toürbf es aber liegen, fich bei solchen Aufstänben bem Gouverneur sofort »ur Verfügung zu stellen. Eine Nachsendung von Offizieren auß Deutschland erfordert immerhin, selbst bei telegraphischen Gesuchen und sofortiger Absendung von hier, eine Frist von mindestens 6 bis 8 Wochen, die einen Mangel an Osfizieren recht fühlbar machen könnte. Unter Umständen werden da­durch bedenkliche Zustände hervorgerufen werde«. Es wäre

daher sehr wünschenswerth, wenn die Entscheidung in dieser Frage in dem angedeuteten Sinne recht bald erfolgen würde.

Berlin, 27. Juni. Prinz Heinrich vonPreußen. Nach einer auß Shanghai stammenden Nachricht soll, wie es heißt, Prinz Heinrich seine Fahrt nach Japan wahrscheinlich aufgeben, da die japanische Regierung zweifle, ob fie den Prinzen in genügender Weise gegen Fanatiker schützen könne. Es wird die Bestätigung, dieser Nachricht, deren Quelle nicht fianz klar ist, abzuwarten sein. Die Mittheilung der durch ihr Erfindungs-Talent hinreichend bekannten englischen Zeit­ungen, daß ber Prinz Heinrich Sr. Majestät bem Kaiser einen Bericht eingesanbt habe, in welchem baß Ktautschou- gebiet als werthlos hingestellt wurde, ist nun von verschiedenen Seiten in wohl allzu feierlicher Weise widerrufen worden. Für alle mit den Verhältniffen einigermaßen vertrante Personen bedurfte diese Mittheilung gar keiner Entgegung. Der Prinz hat fich während seines Aufenthalts im Ktautschou- gebiet so offen über seine Beobachtungen und seine Beurtheilung aller Berhältniffe ausgesprochen, daß gar kein Zweifel darüber bestehen kann. Rach den Mittheilungen von verschiedenen Offizieren ist ber Prinz Heinrich von seinem Aufenthalte tu Ktautschou außerordentltch befriebigt. Die Berhältniffe und Zustänbe daselbst haben offenbar seine Erwartungen übertroffen. Das ist gerade baß Gegentheil dessen, toaß britische Blätter behaupten.

Berlin, 27.Juni. Bekämpfung der Großbazare. Am Mittwoch Abend tagte in Berlin eine von dem Bund der Handels- und Gewerbetreibenden einberufene gutbesuchte Versammlung, die folgende Resolution beschloß:Der Bund der Handels- und Gewerbetreibenden hält für dringend er­forderlich: 1) Die Umgestaltung ber Gewerbesteuer auf progressiver Unterlage, burch welche die oberen Gewerbe­steuerklaffen zur Entlastung ber unteren mit steigenden Steuer­sätzen herangezogen werden. 2) Zur Einschränkung der Con- currenz der Großbazare und Ftlialgeschäste eine Branchen- Umsatzsteuer, die bet einer gewiffen Anzahl geführter Branchen, sowie bet einem je nach der Einwohnerzahl ber Stabte fest­zusetzenden Minimalumsatz beginnt und sich mit der Zahl der Branchen und der erzielten Umsätze progressiv erhöht. 3) Die Heranziehung der Consumvereine, Beamten- und Offiziers-Waarenhäuser, Rabatt-Sparvereine n. s. w. zur Gewerbesteuer und Einkommensteuer, sowie zur Branchen- Umsatzsteuer. ______________

Arrslavd

Prag, 27. Juni. Der Congreß der flavifche« Techniker, welcher demnächst hier stattfinden sollte, ist'.vou ber Polizei verboten worden. Der russische Fürst Andro- nipew hatte eine Unterredung mit dem Rector der tschechischen Universität, in welcher derselbe fich Über die geringe Religiofität der Tschechen beklagte. Rußland und die Ruffen dächten niemals an die Bereinigung aller Slaven.

Rom, 27.Juni. General Pelloux Übernahm definitiv die Bildung de» Eabiuets uud erklärte dem Könige, das neue Cabtuet heute vorstelleu zu wollen.

London, 27. Juni. Der englische Dampfer .Priuce osWales", welcher von Port Said kam, hat das spanische Geschwader (Samara» 50 Meilen östlich von Malta gesehen.

Madrid, 27. Juni. Zum spanisch-amerikantfcheu Kriege. Die Madrider Blätter schreiben, die europäischen Mächte ließen Spanten allein, während e» ihre Sache in Amerika verficht. England, behaupten fie, ermuthige die Unionstaaten, Frankreich sei gleichgültig geworden, nachdem e» commerzielle Vortheile in Washington erlangt hätte, Deutschland bleibe im Schatten und Rußland mache aus Spanien ein Werkzeug der Diplomatie. Man dürfe auf keinen Fall die Vermittelung Europa» annehmen. Erforder­lichen Fall» sei vorzuziehen, sich direct an den Feind zu wenden. Für die Madrider Meldung, daß die Bereinigten Staaten Friedensverhandlungen in Anregung gebracht, besteht keinerlei Unterlage. Sagasta erklärte die für den Frieden einlaufenden Gerüchte für unbegründet. Der Augenblick für die Unterhandlungen sei noch nicht gekommen. General Lachawbre erklärte einem Berichterstatter gegenüber, Spanien sei augenblicklich nicht in so günstiger Lage, daß e» um Frieden nachsncheu könnte. Später dagegen würde e», selbst im Falle einer Niederlage, beffere Ausfichten haben, da eine solche die Waffenehre unberührt laffen werde. Die spanische Regierung ergriff dringende Maßnahmen infolge der Nachricht, daß amerikanische Schiffe nach Spanien kommen würden. Die Leuchtfeuer in verschiedenen Häfen wurden gelöscht, Torpedos gelegt und neue Batterien errichtet.