Rr. 124 Zweites Blatt. Sonntag dm 29. Mai
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Thierschutz-Verein in Gießen.
(Rechenschaftsbericht.)
In der am 24. Mai d. Js. stattgehabten Generalversammlung erstattete der Vorsitzende, Lehrer i. P. Herr H. Curschmann den nachstehenden Rechenschaftsbericht:
„Hochgeehrte Versammlung! Unser Verein, der im Jahre 1882 von dem verstorbenen Herrn Polizeirath Fresenius in das Leben gerufen wurde, blickt heute wieder auf ein Jahr seines Bestehens und Wirkens zurück, und wieder ruft mich heute zum zehnten Male das mir seit einer Reihe von zwölf Jahren anvertraute Amt als Vorsitzender auf diese Stelle, um vor Ihnen Rechenschaft abzulegen von der Thätigkeit des Ausschusses in dem vergangenen Jahre. Ohne irgend ein Lob aussprechen zu wollen, darf ich wieder meinen Bericht mit der Versicherung beginnen, daß der Ausschuß auch in diesem Jahre nach Kräften bemüht war, die schütz- und wehrlose Thierwelt vor Mißhandlung zu bewahren, und das Barmherzigkeitsgefühl für dieselbe in weiteren Kreisen zu wecken und zu pflegen.
Der Ausschuß hat in diesem Jahre acht Sitzungen, die gut besucht waren, im „Hotel Schütz" abgehalten, und die anwesenden Herren haben mit großem Interesse und großer Umsicht die Tagesordnung, die oftmals 21/3 Stunden in Anspruch nahm, erledigt. Wichtige, den Thierschutz betreffende Fragen wurden einer genauen Prüfung unterzogen, und wenn es als wünschenswerth und gerecht erschien, so wurden dazu sogleich die nöthigen Schritte zur Verhinderung des Nebels veranlaßt. An gutem Willen und ernstem Bestreben hat es — das darf ich demnach getrost sagen — dem Ausschüsse des Vereins auch im abgelaufenen VereinS- sahre nicht gefehlt, und er suchte das Mandat, das ihm «»vertraut war, im Geiste unserer Statuten und nach dem Sinne seiner Mitglieder gewissenhaft zu erfüllen. Wollte ich über sämmtliche in den Sitzungen gepflogene Berathungen referiren, so würde dies zu weit führen, und Sie erlauben mir daher, nur einige Punkte, die von allgemeinem Interesse find, herauszugreifen.
In dem vergangenen Jahre ist die Mitgliederzahl unseres Vereins leider ein wenig zurückgegangen; es traten dem Vereine nur 10 neue Mitglieder bei, dagegen schieden durch Tod aus 6, denen der Verein ein gutes Andenken bewahren wird, 7 in Folge Wegzuges, und 3 Mitglieder
find ausgetreten, so daß die Mitgliederzahl nur noch 436 beträgt. Wir haben jedoch Hoffnung, in diesem Jahre für unsere wichtige Sache wieder eine ziemlich große Anzahl von Mitgliedern zu gewinnen, denn von einer von unserem Herrn Schriftführer Straub angefertigten Liste, die wir nächstens in Umlauf setzen werden, erwarten wir zuversichtlich den besten Erfolg.
In der Sitzung vom 28. September referirte Herr Lehrer Lehr über den Thierschutzkalender vom Verbände des Deutschen Reiches, sowie auch über den Berliner Thierschutzkalender sehr eingehend und ausführlich und für den ersteren Kalender so günstig, daß einstimmig beschlossen wurde, 3000 Stück von demselben zur Vertheilung an die Schulkinder anzuschaffen. Dieser Beschluß ist gewiß von allen Freunden der Thierwelt mit Freuden zu begrüßen, denn der Ausschuß befördert dadurch wesentlich den Thierschutz, indem er sich bemüht, die Jugend für unsere heilige Sache zu gewinnen. Die Kalender wurden in gewohnter Weise vertheilt: Die Mitglieder unseres Vereins erhielten je ein Exemplar, dem Gymnasium wurden 100, dem Realgymnasium und der Realschule 300, der höheren und erweiterten Mädchenschule 500 Stück zugewiesen, und den Rest erhielten zu gleichen Theilen die Herren Oberlehrer Fuhr und Hahn zur Vertheilung an die Schulkinder. Dieses kleine Geschenk berührt selbst viele unserer Mitglieder höchst angenehm; die Kinder sind stets hoch erfreut darüber, und der Ausschuß kann sich getrost der angenehmen Hoffnung hingeben, daß die hierfür verwandten Mittel sehr gut angewandt sind, und der durch diese Büchlein ausgestreute Saamen sicherlich gute Früchte tragen wird. Dieses herrliche Ziel wird aber nur dann erreicht, wenn die Herren Lehrer sich ernstlich bemühen, die Kinder mit dem schönen Inhalte der Kalender vertraut zu machen, und ein jeder Lehrer, in dessen Brust ein warmes Herz für die gequälte Thierwelt schlägt, wird gewiß noch Zeit finden, ohne seine übrigen Stunden zu schädigen, in die Herzen seiner Kinder Barmherzigkeit und Mitleid für die armen Thiere tief einzupflanzen. Da der Ausschuß der Meinung ist, daß durch die Schule gar nicht genug für unsere stummen, gequälten Mitgeschöpfe, die ebenso, wie wir, den Schmerz fühlen, gethan werden kann, so wurde auf Anregung des Vorsitzenden in der Sitzung vom 15. Februar beschlossen, 200 Stück Lesebüchlein von dem Berliner Thierschutzverein zu beziehen und zur Vertheilung an die diesjährigen hiesigen Confirmanden
den Herren Oberlehrern Hahn und Fuhr zu übergebe«. Ferner wurden noch von denselben Herren 20 Bücher, verfaßt von Otto Voigt und betitelt „Unsere nützlichen Gartenvögel und deren Hegung", an brave Kinder abgegeben. Es ist dies ein Buch für Vogelliebhaber und Freunde der Natur, und die Kinder finden in diesem Buche sehr viele herrliche Lehren, und, wenn sie daraus erfahren, wie höchst nützlich diese Vögel für Wald, Feld und Garten sind, so werden sie gewiß dieselben in Schutz nehmen und zu hegen und zu pflegen suchen.
Von vielen Seiten wurden dem Vorstande mündlich und schriftlich Anzeigen von Thierquälereien erstattet, uud wir sahen uns daher genöthigt, wieder die Unterstützung der Behörden, insbesondere der öffentlichen Aufsichtspersonen in Anspruch zu nehmen. Der Ausschuß hielt es daher in der Sitzung vom 16. November für geboten, auch in diesem Jahre wieder Prämien an Gensdarmen und Schutzmänner, die sich um den Thierschutz verdient gemacht haben, zu verabreichen, und der Vorstand wandte sich nun au die Herren Oberstlieutenant Cullmann und Polizeiamtmann von Bechtold mit der freundlichen Bitte, uns diejenige« Gensdarmen resp. Schutzmänner zu bezeichnen, die im laufenden Jahre zur Bestrafung führende Fälle von Thierquälerei zur Anzeige brachten. Beide Behörden beantworteten unser Gesuch rasch und ausführlich, und ich spreche hiermit denselben für dieses Entgegenkommen unseren wärmsten Dank aus. Aus dem uns zugeschickten Verzeichnis erfuhren wir, daß das öffentliche Aufsichtspersonal auch im vergangenen Vereinsjahre in Beziehung auf den Thierschutz seine volle Schuldigkeit gethan hat, und wir waren daher in der Lage, folgende Herren Gensdarmen und Schutzmänner zu prämiiere»: Hansel, Mecks, Heppner, Heinrich, Becker, Henn, Buchhammer und Egly. Polizeiwachtmeister Kasper, Pfeffer, Schmid, Dönges, Kimmel, Ott erb ei», Göbel, Schäfer, Krause, Lang, Gemmecker, Erb, Schädel, Zink, Link, Müller und Wolf. Die Summe der Prämien im Betrage von 108 Mk. wurde denselben einige Tage vor Weihnachten von unserem Thierschutzdiener eingehändigt. Nach Beschluß des Ausschusses wurde auch eine erfolgreiche Anzeige mit 2 Mk prämiiert.
Was den Vogelschutz anbelangt, so haben wir in der früheren erprobten Weise weitergearbeitct. Die Fütterung der Vögel nahm im vergangenen, gelinden Winter weniger Tage in Anspruch als in vorhergehenden Jahren, aber es
Feuilleton.
$)te Slromöeltmädchen.
Hine Pfingstmär von L. Albert.
(Nachdruck verboten.)
KO. Wie mit der zunehmenden Verderbtheit der Menschen die alten Götter sich von der Erde nach dem Olymp zurückzogen, so sivd auch manche jener Wesen verschwunden, die unseren Altvorderen noch bekannt gewesen find, die Zwerge und Feen, die Nixen rc., die auf das Gemüthsleben des Volkes im Ganzen einen wohlthätigen Einfluß ausübten, sind wie die Nymphen und Pane der Berge und Thäler so ziemlich verschwunden.
In den Orten am Fuße der Schneekoppe, am Bober, aiR Hain- und Kochelfall, am Kynast odrr auf dem Gebirge am Elbfall, im Koppengrund weiß man noch von manchem Seift zu erzählen. Zu den intereffanteften Wesen dieser Art gehören zweifellos die Strombettmädchen im Ural. Sie wohnen in prächtigen Palästen in den Tiefen der Gewäsier, fleigen am Pfingstsamstag zum Lande empor und kehren am Johannistage wieder in ihre unterseeische Behausung zurück. Der Volksmund sagt: Sobald der Frosch zum ersten Male im Frühling sich dreht, laffen die Strombettmädchen ihre Jauchzer hören und wenn der Kuckuck ruft, steigen sie an die Oberfläche.
Ihrem Wesen nach sind die Strombettmädchen Frühlings- najaden und verwandt mit den Geistern der alten Germanen »der denen des alten Griechenland. Das Interessanteste ist, daß sie im engsten Zusammenhänge stehen mit dem geflügelten Genius des Frühlings, dem Kuckuck.
Er, der das Signal zum Frühlingsanfangs giebt, wird auch zum Rufer der Najaden, und dieser Zusammenhang giebt uns auch einen Fingerzeig, was es dem mythologischen Si«ne nach mit diesen Wesen für eine Bewandtniß hat. Aan kann mit Sicherheit annehmen, daß man in den
Strombettmädchen nichts anderes als allegorische Gebllde vor sich hat.
Ihre Entstehungsgeschichte klingt an die Sage an, die wir aus der germanischen Mythologie über die Kinder der Elfen kennen. Wie diefe im Taufwaffer gebadet werden müffen, um ihre Seelen unsterblich zu machen bezw. zu erhalten, so kommen auch die Seelen der Strombettmädchen von den Kindern, die entweder tobt zur Welt kommen, oder doch stcrben, bevor sie getauft wurden; ebenso aus den Seelen oller derjenigen Mädchen, die beim Baden verun- glückten.
Bezüglich ihres Characters find die Najaden gutartige Wesen, selbst dann, wenn sie zuweilen durch ihren Uebermuth gefährlich werden. Am meisten ist das in der Pfingstwoche der Fall, wo sie eben erst auftauchen. Ihre Anzahl ist besonders groß in den Abend- und Nachtstunden, zu welcher Zeit sie die Ufer der Flüffe dicht bevölkern. Es sind reizende Mädchengcstalten in blühender Jugendfrische und bezauberndem Liebreiz. Ihre Kleidung besteht nur aus einem leichten Gewand. Das Haar ist von meergrüner Farbe und so stark und lang, daß es bei einer schwimmenden Flußnymphe aussieht, als ob ihr ein aus Seegras gebildeter Schweif nachfolgte.
Die sich mit Fischerei beschäfiigenden Bewohner wissen nicht genug von dem Unfug zu erzählen, den sie von den Najaden zu erdulden haben. Man iucht sich unter allerlei Kniffen an die Nymphen heranzuschleichen doch vergeblich — zu sehen bekommt man sie nicht. Kühne Menschen haben versucht, das Wesen der Strombettmädchen näher zu studiren, was — selbstredend!! — völlig mißlungen ist. Als man näher kam, erwiesen sie sich so schlau, daß man fürchtete, es könne dem Beobachter ergehen, wie dem Bewunderer der badenden Artemis — man nahm von weiteren Studien Abstand. Alles, was man entdecken konnte, waren zahlreiche Fußspuren, die sich mit Tagesanbruch im weichen Boden vorfanden. Das war wenig, aber man ersah daraus, daß die Strombettmädchen an den Füßen, und wahrscheinlich auch
an den Händen zwischen den Gliedern Schwimmhäute hatten. Einige wollen ja auch wisseG daß die Füße überhaupt nur aus einem Fischschwanze beständen.
Man ist möglichst bestrebt, die Strombettmädchen versöhnend zu stimmen, wie z. B. die zum Pfingftfeste veranstaltete Taufe der Najaden dazu dient, diesen Zweck zu erreichen. Es werden Wagen und Karren bekränzt und Burschen und Mädchen begeben sich in buntem Zuge in den Wald. Dort wird auf einem freien Platz abgestiegen, ein auf einer Stange aufgepflanzter Kuckuck ausgestellt und um denselben werden Reigentänze ausgeführt. Das Küssen spielt bei diesen Tänzen, die man „die Taufe der Strombettmädchen" nennt, ein große Rolle. Den Schluß der Be» lustigung bildet eine von den Dirnen bereitete Eierkuchenspeise. Nach dem Essen gehts mit Vorantragen des Kuckucks wieder heim. Im Ölte angelangt, wird bei den verschiedenen Dorf- schönen vorgefahren und diese werden abgesetzt.
Man hat sich vielfach den Tanz um den Kuckuck und das Essen des Eierkuchens nicht enträthseln können, noch weniger das Küssen. Aber das ist alles sehr naheliegend: der Kuckuck rief die Geister des Frühlings; er ist somit daö Sinnbild des Lenzes und der symbolische Prophet der Genien des letzteren, dem zu Ehren man auch den Tanz aufführt7' Den Kuß mag man als Versöhnungskuß auf f aff en, durch den man den Friedensvertrag sanctioniren will — mit den Nymphen nämlich. Es giebt ja so viele Erklärungen über die Bedeutung des Kusses. Was aber den Eierkuchen betrifft, so soll er doch wohl nichts anderes als ein Opfermahl bedeuten, und da sich im Ei der Keim alles Lebens verbirgt, so ist als Opferspeise wohl kaum eine sinnreichere Erstlingsgabe zu finden.
An diese Feier anschließend, hat man eine solche auf Johannis verlegt, eine „Feuertaufe". —
Bei uns heißt es : der Kuckuck hat gerufen, und der schöne Lenz ist gekommen, um Einzug zu halten und mit ihm die Hexenschaar mit ihrer Oberin WalpurgiS an der Spitze zum großen Frühlingsritt auf den Blocksberg.


