Ausgabe 
29.4.1898 Erstes Blatt
 
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M. 99 Erstes Blatt.

Freitag den 29. April

1898

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Gießener Anzeiger

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Fernsprecher Nr. 51.

Die Folgen des Krieges.

Welche politischen Folgen der zwischen Spanien und den Vereinigten Staaten entbrannte Krieg haben wird, läßt sich natürlich heute noch nicht einmal annähernd sagen- das kommt ganz darauf an, wer Sieger in dem Kampfe bleiben wird. Aber die finanziellen Folgen lassen sich bereits jetzt bemessen, wenigstens erscheint es angezeigt, dieselben in den Kreis der Betrachtunaen zu ziehen. Man muß dabei unter­scheiden, die finanziellen Folgen für die beiden kriegführenden Staaten und für die neutralen Mächte. Mit den finanziellen Verhältnissen Spaniens sieht es bekanntlich jetzt schon sehr trübe aus; das Land kämpft einen Verzweiflungskampf auf Grund einesArmenscheins". Ob Sieg oder Tod, in jedem Falle droht ihm das Gespenst des Staatsbankrotts. Die Anstrengungen, welche Spanien macht, um die Mittel für die Fortsetzung des Krieges aufzubringen, sind gewaltige und erfordern eine Bethätiqung des Patriotismus, wie er nur selten seines Gleichen findet. Es wäre wirklich zu wünschen, daß den Spaniern wenigstens bald ein Erfolg zu Theil wird, der ihren Muth stählt und ihrem Enthusiasmus neue Nahrung giebt; anderenfalls kann die jetzige Stimmung im Lande nicht lange vorhalten.

Anders liegt die Sache bekanntlich in den Verewigten Staaten. Deren Mittel erscheinen schier unerschöpflich, und die Amerikaner können den Kampf um Cuba fortsetzen, bis die Herrschaft Spaniens über die Insel gebrochen sein wird oder bis Spanien zu der Einsicht kommt, daß es doch klüger ist, sich gegen gutes amerikanisches Gold der Colonie zu ent­äußern, die doch nicht auf die Dauer gehalten werden kann oder die wenigstens den Spaniern nicht mehr diejenigen Vortheile bringt, welche eine Aufrechterhaltung der Herrschaft gerechtfertigt erscheinen ließen. Darin liegt eben das lieber« gewicht, welches Amerika seinem Feinde gegenüber hat, daß ihm genügende Mittel zur Verfügung stehen, um den Krieg in die Länge z e^en zu können. Aber auch den Vereinigten Staaten dürfen, im Falle eines Mißerfolgs der Waffen, große Verluste, die weniger in den gewaltigen Kosten bestehen, welche der Krieg verursacht, als in den Angriffen, die dann auf die Währung und in sonstiger Hinsicht auf den Staatsschatz stattfinden werden, erwachsen. Ergeben sich, falls Amerika größere Kriegsverluste hat, umfangreichere finanzielle Störungen, so beginnt aller Voraussicht nach eine gewaltige Agitation gegen das Münzsystem und auf die StaatSwirthschaft.

Stark in Mitleidenschaft gezogen wird durch den Krieg auch das unbetheiligte Ausland. Daß eine Störung im Handelsverkehr eintreten würde, war vorauszusehen, auch wenn die kriegführenden Staaten noch so rücksichtsvoll gegen die Schiffe anderer Mächte vorgehen. Aber schon jetzt machen sich, roietn den beteiligten Kreisen versichert wird, Nachtheile fühlbar, welche nicht ohne Nachwirkungen bleiben durften. Viele amerikanische Käufer, welche regelmäßig Deutschland besuchen, bleiben jetzt in derHeimath- bestellte Waaren werden nicht abgenommen oder wenigstens dre Annahme derselben wird hinausgeschoben. Manche Waare kann m Folge der Blokade einzelner Häfen nicht ihrem Bestimmungsorte zuge­führt werden. Unsere Passagierdampfer müssen therls ihre Routen ändern oder auf anderen Strecken die Fahrten ganz einstellen, jedenfalls aber leiden sie stark an Passagiermangel, da Niemand sich den Gefahren, welche jetzt mit einer Reffe über den Ozean verbunden sind, aussetzt, wenn er nicht burt^ aus dazu gezwungen ist. Alle die Nachtheile, welche auch b?n neutralen Staaten aus dem Kriege entstehen, aufzuzahen würde zu weit führen, aber nach dem, was roir ausgeführt haben, muß es einleuchten, daß alle Staaten ein Interesse daran haben, den Krieg nicht in die Länge ziehen zu lassen.

(xx)

Amtlicher Theil.

Bekanntmachung,

betr. den Verkehr der Radfahrer auf öffentlichen Wegen, Straßen und Plätzen.

Es wird hiermit zur allgemeinen Kenntniß gebracht, daß die Ausgabe der neuen Radfahrkarten und Nummerplatten i» den nächsten Tagen noch nicht erfolgen kann.

Der Termin hierzu wird demnächst veröffentlicht werden.

Gießen, den 28. April 1898.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

I. V.: Roth.

Deutsche* JUid?>tag.

76. Sitzung vom Mittwoch de» 27. April 1898.

Tagesordnung: Nachtrag» - Etat (für Stellen- Verwehrungen im Reichsamt de» Innern, für Erhöhung der Postdampfer-Subvention, für zwei neue ständige Mitglieder de» ReichSverficherungSamteS, für Untersuchungen zur Er­forschung der Maul- und Klauenseuche, für eine biologische Abtheilung im GesundheitSamie, für Kiautschau re.).

Abg. Lieber (Etr.) beantragt die Verweisung an die Budget Commission, weil daselbst die Einzelheiten besser be- ratheu werden könnten. Redner wünscht nähere Angaben über den Vertrag mit Chino und fragt, weßhalb der Nach- tragSetat nicht auch Forderungen enthalte für die Landbrief« träger und Postuuterbramten.

Schatzlecretär v. Thielmann bemerkt kurz, e» fei an­zunehmen, daß die im Nachtragsetat geforderten acht Millionen durch die Uedrrfchüffe, die für das nächste EtatSjahr zu er­warten feien, würden gedeckt werden.

Abg. Richter (frs. Bp ) weist aus die neueren Vor­gänge in China hin und zwar aus die dortige Machterweite­rung RaßlaadS. Wie die Dinge jetzt liegen, könne jedenfalls der Befestigung der Stellung Deutschland» in Kiautschau nicht widersprochen werden. Ob gerade fünf Millionen für Kiautschau nöthig seien, wüffe dahingestellt bleiben- jedenfalls sei noch eine genügende Begründung zu vermissen.

Abg. Paasche (ol.) wünscht gleichsall» Vorlegung mög­lichst eingehenden Materials über Kiautschau in der Com- wisfion, und bedauert, daß die Postunterbeamten nicht berück­sichtigt worden find.

Abg. Liebknecht (Boe) erklärt Kiautschau für werth- loS. Wenn man bedenke, wie China gegenüber die Weg­nahme Kiautschau» begründet worden sei, während ia Deutsch­land selbst deutsche Bürger rechtlos seien, so sei ihm ein ähn­liches Stück Heuchrlkowödie noch gar nicht vorgekommen. Mir der Fahrt de» Schiffe», aus dem fich Prinz Heinrich befinde, nach China sei Deutschland zum Gespött der ganzen Welt geworden. Die kleine Schweiz habe keine Flotte und sei im Auslände m-hr geachtet, al» Deutschland. (Gelächter.) In Kiel sei lediglich CircuSreclawe gemacht worden bei der Abreffe de» Prinzen Heinrich. (Präsident Frhr. v. Buol bezeichnet diesen Au»druck als ungehörig. Er ruft den Redner dafür zur Ordnung.) Redner fährt fort, Weltpolitik wolle man jetzt treiben, aber besser würde e» sein, ttn Innern eine Politik zu treiben, die nicht, wie die jetzige und wie die von 1848, unsere eigenen Leute zum AuSwandern bring'. Sorgen solle man dasür, daß nicht Deutschland eine Kaserne und ein Zuchthaus bleibe. Solle etwa Deutschland in China ein Anhängsel der rusfischeu Despotenmacht werden? Dagegen werde da» deutsche Vo k prorestiren. Hier handele es fich um Flottenschwiudel (Ruse: Oho!), um die Auswerk, samkeit de» deutschen Volke» von den inneren Zuständen ab­zulenken.

Präsident Frhr. v. Buol bezeichnet den Ausdruck Schwindel" als ungehörig.

StaatSsecretär Gras PosadowSky wendet fich gegen den Abg. Liebknecht, der von einer gewaltthäiigen Regierung spreche, während doch gerade die Socialdemokratie selber ge- waltthättg vorgehen würde, wenn fie erst einmal an» Regiment käme, wa» ja nicht eintreten werde. (Heiterkeit). Die Aeuße- rungen de» Abg. Liebknecht bestätigten wieder, daß die Social­demokraten eine revolutionäre Partei seien und biteben. DaS möchten fich die bürgerlichen Parteien bei den Wahlen ge­sagt sein lassen!

StaatSsecretär v. Bülow bemerkt, sobald der Vertrag über Kiaotschau im Wortlaut vorliegr, werde er denselben in der Commission vorlegen. Mit England habe Deutsch­land wegen Weihaiwei keine Abmachungen. Deutschland wünsche nicht und glaube auch nicht an eine Auftheilung China» in absehbarer Zeit. Deutschland habe in Kiaotschau eine strategische und politische Position gewonnen, welche einen Antheil sichere an den künftigen Geschicken OstasienS. Deutsch- land werde ruhig, fest und friedlich bleiben. Den Stören- fried werde eS nirgends spielen, daS Aschenbrödel aber auch nicht.

Abg. Bebel (Soc) wendet fich zunächst gegen den Vor­redner und sodann gegen den Grafen PosadowSky, der an die bürgerlichen Parteien appelltrt habe, daß fie bei den Wahlen gegen die Socialdemokraten znsammrngingen. AngefichtS der jetzigen Angriffe auf die Freizügigkeit würden gewiß selbst die ostpreußischen Landarbeiter zur Befionuvg kommen. Auch werde man im Bolle wissen, wie sehr unser Reichswahlrecht gefährdet sei.

StaatSsecretär Graf PosadowSky bespricht ver­schiedene socialdemokratische Aeußerungen und bestreitet ent- schieden, daß die Socialdemokraten fich, wie man behauptet, gemausert hätten. Dem Abg. Bebel könne er verflchern, daß ein neue» Soeialistengesetz nicht in AuSficht stehe, weil da­durch die bürgerlichen Klassen in Ruhe gewiegt werden würden. Die bürgerlichen Klassen müßten der Gefährlichkeit der Soelal- demokratie fich bewußt werden. Die besitzenden Klassen müßten dabei auch lernen, die Arbeiter gerecht zu behandeln, nicht nur die Dividende Ausschlag geben zu lassen. Er selbst werde stets bestrebt sein, Alle» zu thun, um Mißständen ab- zuhelfen; revolutionären Bestrebungen aber werde er mit aller Macht entgegentrrten.

Abg. v. Kar dorff (Rp.) ist erfreut, daß die jetzige Regierung tn der Bekämpfung der socialdemokratischen Be­strebungen so energisch vorangeht. DeS Weiteren polemifirt er lebhaft gegen die Socialdemokratie.

Abg. Förster-Reustettin (Antif.) wendet fich ebenfalls gegen den Abg. Liebknecht, um dessen Beschimpfungen der deutschen Politik zurückzuweisen (Vicepräfidevt Schmidt erklärt den AusdruckBeschimpfungen" für unstatthaft). Die Tocial- demokratie fei eine Hautkrankheit am Körper DeutfchlandS.

Abg. Bebel (Soc.) polemifirt noch gegen den Abg. Förster und gegen den Abg. v. Kardorff, worauf die Vor­lage an die Budgetcommisfion verwiefen wird.

ES folgt die Vorlage bett. Abänderung der ConcurS- ordnung, und zwar in zweiter Lesung.

Da» Gesetz wird en bloc in der CommisfionSsassung an­genommen.

Nunmehr beginnt dir zweite Lesung des vom Abg. v. Sa lisch und Genossen beantragten Gesetzentwurfs betr. daS BeeidiguugSV erfahren und die Bestrafung wissentlich falscher unbeeidigter Aussagen.

Eine Reihe von Paragraphen wird in der CommisfionS- fassung angenommen.

Beim § 143 beantragt Abg. Rintelen (Centr.) die ausdrückliche Zulassung eine» confeffionellen Zusatze» zum Eide.

StaatSsecretär Rieb erd in g erklärt Namen» der ver­bündeten Regierungen, daß auch ohne solche ausdrückliche Vorschrift, entsprechend der bestehenden Rechtslage und Recht- sprechung, ein conselsioneller Zusatz zum Eide gestattet bleiben wrrde.

Nunmehr vertagt fich daS Hau« aus morgen 1 Uhr. Tagesordnung: Weltpostvertrag- HandelSoertragSprovisotiu« mit England- dann die zurückgestellten Resolutionen und Petitionen zum Etat und Fortsetzung der heutigen Berathuug. Schluß 6 Uhr.

Deutsches Reich

Berlin, 27. April. DerBerl. Corresp." zufolge be­willigte der Kaiser zur Hebung der Leistungsfähigkeit und Erwerbsfähigkeit der schlesischen Weder ein weitere» Geschenk von 45000 Mark aus dem DiSpofitiooSfond der Generalstaat-kaffe.

Berlin, 27. April. DerPost" zufolge ist an maß- gebender Stelle von einer Milfion des KreuzersKönig Wilhelm", nach Cuba zu dampfen, nicht» bekannt.

Berlin, 27. April. DerPost" wird au» Marburg mitgethetlt, daß Geheimrath Pcofrssor Behring bei seiner neuesten Entdeckung festgestellt habe, daß die Vögel in kurzer Zeit ein viel wirksamere» Antttuberkulose-Serum liefern, al» Kühe und Pferde. Auf diesem Wege bewegen fich zur Zeit die Forschungen, welchen Professor Behring und seine Assistenten obliegen. Behring hat fich mit dem Vorstand eine» Beterivär-Jnstitut» in Berlin zu energischer practischer Bekämpfung der Rindvieh-Tuberkulose vereinigt.

Berlin, 27. April. DemLocal Anzeiger" wird au» New-Aork gemeldet, Amerika habe etngewilligt, den Streit mit England wegen Alaska einem Schiedsgericht zu unter­werfen und zwar au» Erkenntlichk.it für Englands jetzige Haltung. DaS Marinedepartement beschloß, alsbald die Lage mit Gewalt aaszuklären und die Fahrtrichtung der spanischen Flotte sestzuftellen.

Berlin, 27. April. Die Zusendung der Pläne über die Ausgestaltung der Weltausstellung zuPariS im Jahre 1900 ist von den französischen Ausstellungsbehörden für Ende Mat dem AuSstellungS-Cowmissariate der einzelnen Länder versprochen worden. ES wird dann auch in Deutschland mit der endgiltigen Vertheilung der Plätze au die verschiedenen Fachgruppen votgegavgeo und die Entscheidung über die Zu­lassung getroffen werden können. Der ReichScommiffar Geh.