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28.12.1898 Zweites Blatt
 
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Nr 304 Zweites Blatt Mittwoch den 28. December HS.jS

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Gießener Anzeiger

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General-Anzeiger

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Amts« und Anzeigcblatt für den ICrci» Gieszen.

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Kommunique derWiener Abendpost".

Die am htllgen Abend von der amtltten ..Wiener Abendpost" flcbrodjtc längere Auslaffung über die D fferevzen, welche zwilchen Wien und Berlin bestanden haben, stellt de» Frieden vollständig wieder her. Wir haben erst vor wenigen La,en unser verhältniß zu Oesterreich näher beleuchtet, so b>6 wir uni bei Besprechung del amtl'chen Wiener (Som- Zuunlqnes kurz sossen können. Mit Genvghuung ist zunächst ttul der Veröffentlichung zu ersehen, weichen großen Werth «3a an der Donau aus ein gutes E noernehmen mit Deutsch­land leg». Nicht allein w rd der Auffassung entgegengetreten, all hade ®raf Thun im östeire'ch'schen ReichSrathe gegen- über Deutschland eine drohende Sprache gesührt, man geht an amtl'cher Wiener Stelle noch weiter und leugnet entschie­den, daß Gras Thun nach seiner Gesinnung sich al» ein Politiker darstrlle, welcher drm verhältnih zum deutichen Äd he nicht mit der ersorderltcheu «ufrichigkelt und Wärme anhänge. Diese letztere B haup'ung ist eigentl ch von keiner Seite ansgestellt worden. Dag Graf Thnn den Deutschen nicht freundlich gesinnt »st, hat man au» seinem Verhalten in der innervsterretchtichen Politik geschloffen, da er die vom Grafen Badens etnoeschlagene Bahn ruhig w,itec wandelt nnb den slov'schen Eu flaffeu eben so »»bänglich ist, wie seine Vorgänger. Ader irgend welche Wirkung auf die inter­nationale» Beziehungen zwischen De tschland und Oesterreich hat man dem Grafen T ui kaum zugeschrieben, da dem Aa'serstiate an der Do^au an einem Fortbestehen del guten Verhältnisse« selbst zu viel gelegen sein muß und da überdies brr österreichische Ministerpräsident nur wenig Enflaß aas be» Gang der auswärtigen Angelegenheiten auSÜbr» Lun.

Ueberdie» spielt U garn in der benachbarten Doppel- Monarchie eine zu große Rolle, al» daß man etwa in Wen einseitig die Beziehungen zu Deutschland lockern könnte. Und selbst wenn man in Wien an der Z orckmaß'gkett inniger Verbindung mit Deutschland zweifeln würde, in Budapest ist «an sest davon überzeug», daß das Heil Oesterreich Ungarn» im treuen Festhalten an den BünbnißvertrLgen, im nnge- schwächten Fortbestände bt» Dreibünde» liegt.

In dem Kommunique liegt übrigen» ein vollständiger Rückzug de» Grasen Thun und der von ihm beliebten Politik.

Und wenn noch so oft betont wird, daß nur mißverständliche Suffaffang in den Worten de» Grafen einen Anlaß zur Trübung der deutsch österreichischen Beziehungen staden konnte, wir lesen darin doch noch mehr, was etwa in die Worte ge­kleidet werden könnte: ,8« soll nicht wieder geschehen". Unter allen Umständen aber ist es mit großer Freude zn begrüßen, daß der politische Himmel zwischen Berlin »nd Wen wieder klar ist, daß die Wolken verscheucht find und daß wieder onget'üdte, aufrichtige Freundschaft besteht -wischen den beiden Reichen, die e» fich zur vornehmsten Aufgabe gemacht haben, der Welt den Frieden zu erhalten, (xx)

Deutsches Keich.

Berlin. 24. December. Die Eröffnung de» preußische» Landtag» am 16. Januar wird ficherein Vernehmen nach 11 Uhr vormittag» »m Weißen Saale de» königlichen Schlöffe» stattfinden. Der Eröffnunglfeter werden tu üblicher Weise Gotte»dienste in der Schloßkapelle und Hedwigsk rche vorangehen. Der Kaiser wird den Etöffnung»act selbst vollziehen.

Berlin. 24. December. Finanzminister Miquel wird im Abgeordnelenhause in einer größeren Etatrede die Aus­weisungen aus Nordschleswtg vertreten.

Berlin. 24. December. Criminal-Commiffar Tausch, welcher von dem Dtrciplinar-Richter in erster Instanz zur Strafversetzung verurtheüt worden ist, wurde durch den Spruch des Staats Ministeriums demLocal-Anzeigei* zu­folge, mit/utel der ihm zustehenden Pension in den Ruhe­stand versetzt.

Berlin. 24. December. DieVossische Zeitung" meldet aus Wien: Baron Banffy erklärte nach der gestrigen Audienz beim Äatfer, daß die Lage in Ungarn keine Aenderung aufweisen werde. Ter Monarch halte an der Ansicht fest, daß Banffy, gestützt auf das Vertrauen der überwiegenden Mehrheit des Parlaments, auf seinem Posten ausharren solle, zumal keine Bürgschaft dafür vorliegt, daß die Fortführung der Obstruction nach kurzer Uebergangszeit nicht wieder au», brechen würde. Abends kehrte Banffy nach Budapest zniück.

Berlin, 26. December. Die »W euer ttllgtm. Z g." bezeichnet bte Blättk'Meldungen von angeblichen Sprachen

Verordnungen ti» Justizminister» für die schlesische» Gerichte al» unrichtig. Es handle sich vielmehr um die Entscheidung de» Justizminister» tu einem corc<eten Falle. Bon einer neuen B 'vrdnung könne ke n» ?Reb» sein.

Berlin. 24. December. Die Gerüchte über die Gefahr neuer Unruhen auf Samoa bestätigen sich Die Haltung der Anhänger Mataafa» ist mit Rücksicht auf die Königswahl keineswegs Vertrauen erweckend. Gleichwohl hofft man, daß es gelingen roe:be, die Regierungslage zu ordnen, ohne daß e» zu ernsten Unruhen kommt. Im Hafen von Apia befinden sich je ein deutscher, ein englischer und ein amerikanischer Kreuzer zum Schutze der Ausländer.

DerRussische Invalide" gibt bekannt: Bald »ach der Thronbesteigung sprach der Zar bte Nothwendivkeli vo» der Ausbesserung der Verhältnisse 6t» r» Nischen Ofsizter- corps aus. Er hege den Wunsch der Frage näherzutrete». Die zu diesem Zri'cke eingesetzte Eowmisfion hat be chloffen, den versüobaren Mitteln gemäß zu, ächst von der M>tte de» Jahre» 1899 ab 11 Millionen Rudel zur Erhöhung der Gehälter oller in Front stehenden Oifiziere zu verwende». 6 pL'. dieser Summe dienen zur Erhöhung der Gehäleer vo« Regiwiatlcowmandenr abwärts, so daß dal niedrigste G halt für die S-coi-blt utenanst 660 Rub l beträgt Die Erhöhung der Gehälter der nicht in Front stehende» Offiziere ist für da» Jahr 1900 in Aussicht genommen.

Aus dem Etat der Retchs-Etsenbahne». Der Erat der R^ichs-Et-enbahaen weist in diesem Jahre folgende Personal Vermehrungen auf: 2 Mitglieder der Ge- neral-Direction, 1 Vorstand, 4 technische, 20 nichttechoische Eisenbahn Sekretäre, 3 S'aiton» Vorsteher 2. K affe, 6 Sta- t onskaffrn Rendanten und Güter E-pedtevten 2 Klaff , 7 Werk­meister, 4 Z ichner 1. Klaffe, 7 Kanzlisten 1. Klaffe gegen Wegfall von 7 KaNtlistenstellen, 29 Bureau-Asfistemen, 81 Station» Verwalter und Stailonsa fistenten, 1 Telegraphen- Lontrvlleur, 60 Zugführer, 20 Lademeister, 83 Rangier­meister, 15 Werksüh'er, 1 Fahrkartendrucker, 1 Magazin- Aufseher, 40 Haltestellen Aufseher und Weichensteller 1. klaffe, 2 Bureau- uad Havpikaffendtener, 150 Schaffner, Bremser und Wagenwärter, 100 Weichensteller 2 Klaffe, 16 Bahn­wärter. Die Gehalt» Erhv-ungen, die der Etat der Retch»- E senbahnen enthält, find folgens: 1. Lokomotivführer: 15002500 Mk. und 240 Mk. Zuschuß in Abstufungen vo»

^«rrilleton.

Briefe aus der Htesideuz.

v.

(Originolberichi für den .Gießener Anzeiger".) (Nachdruck verboten.)

Darmstadter Sompootsten. Der Richard-Wagner-Zwelgveretn. Die Weihnachllpnppe de« Pttvzeßche».

vom Kirchenmufikdtrector Arnold Mendel»soh» gelangte im zweiten Soncert des Musikverein», unter de» Eomponisten eigener Leitung, eine Hymne für zwei Solostimmen, Chor und Orchester zur ersten Aufführung. Da» Chorwerk, welche» fich auf der »lopstock'fchen Ode »Die Frühling»feter" erhebt, ist bi» setzt noch nicht im Dri.ck erschienen. Bon ihrer poetischen Grundlage macht die Mufik den weihevollsten und glücktchsten Gebrauch, indem fie die in der Ode aufgithürmten «ogenberge ekstatischer Gefühle in Einzelne Ströme und Bäche sondert, solche weise an Chor- nnb Einzelstimmen vertheilenb. So ist der Anfang, gleichsam al» die Betrachtung einer Einzelpersönlichkeit, dem Tenor auf die L pven gelegt. Die Stelle: »Nur um den Tropfen am (ftmer, um die Erde nur w.ll ich schweben . . athmet inbrünstige Andacht. Hierauf setzen, wie um den anbetenden Staabgeborenen freudige Glauben»gewißheit zu leihen, die Ch orsttmmeu forte ein: »Der Tropfen am Etwer ravn au» der Hand be» Allmächtigen auch " Bei den Worten: »Die Ströme be» Licht» rauschten nnb Siebengestirne wurden werden alle polyphonen Ktäste entfeflelt. Da» Nahen be» Donner», die Ankunft JehovahS im zuckenden Schein der Bl'tze erhält im Orchester ein sehr ausdrucksvolle» Leben. Die Strophe 6: »Ader du Frühlingswürmchen, da» grünlich- golden neben mir sptelt . . ist stnnigerweife de« Sopra» übergebe» worden.

Die Einzelstimmen stellten Frl. v. Trützschier (Berlin), eine Schülerin der Frau Amalie Joachim, und Herr Hof- oprrnsänger vafferman» von hier. .

Obgleich die Mendelssohn',che »Frühlingsfeier »wische» Beethoven» »Meeresstille" nnb seiner Neunte» einen

nicht leichten Staub hatte, sprach fie ob ihrer plastische» Klarheit und der in ihr zu Tage tretenden sicheren Be- herrschung der mufikaltschen Äulbrudtnmtd, die Hörer ungemein an. Gleichzeitig kommt aus Köln die Nachricht, daß von Mendelssohns Oper »Der Bärenhäuter", von welcher wir schon im Frühjahr in einem Cocerrt des Richard- Wagner-Vereins Bruchstücke hörten, bte Jnstrumeutalvorspiele zum 2 und 8. Act im Gürzenich Coneert gespielt »nd sym­pathische Aufnahme gefunden hätten.

Da» erinnert uns daran, daß hier in Darmstadt noch eine Reihe Compontsten leben, die fich um das Tonleben verdient gemacht haben und vorausfichtlich ihren Namen In weitere Kreise tragen dürfte». Das Ist vor Allem der Hof- capellmtister Willem de Haan, der Autor zweier Oper» »nb ansprechender Jnstrumentalstücke und Lieder- ferner Richard Sen ff, der Letter des »Mozart-Vereius", gleich­falls L'edercomponist und Berfaffer des Chorwerks »Gesang der Geister auf den W^fferu", Wenzel Petr, der Som- pomst des für die E Sffuung des N ubaues der Victoria- schule gedichteten Festspiel» und eines Operueinacters »Die hohe Schule", Ernst Otto Nodnagel, gegenwärtig In Berlin lebend, bekannt durch seine Symbolte »Das tcpfere Schneiderletn", Karl Hallwach», derzett Eopllmetster in Wiesbaden, der fich durch bte Vertonung Conrab Ferdlnanb Meherischer Lyrik recht verheißungsvoll In bte musikalische Welt eingeführr hat, Carl Fllnsch, Urheber ansprechender valletmufiken (»Ein Süostlerabenteuer), »nd endlich noch zwei Orchestermitglleder, bte Herren Oelsner und L. Zimmer- wann, von welchen ersterer am Hoftheater schon zwei Opern kleineren Umfang» zur Aufführung gebracht, während fich letzterer kürzlich an einem der Abende de» Wagner-Verein» als feiner und gediegener Compouist für «ammermuflk ver- nehmen ließ.

Der Richard Wagner Zwetg-Veret» hat es in den Jahren seine» Best her» nicht nur zu einer ansehnlichen Zahl Mitglieder gebracht, was immer schon ein äußerer Erfolg wäre, sondern fich z» einem bedeutsamen Factor 'm mufikaltschen, geistigen Leben der Refidenz entwickelt Der Lesezirkel nmfaßt eine Wenge vornehmer Zeitschriste»,

w'e: »Bayreuther B ätter", »Musikalisches Wochenblatt", »Allgem-inr Mufik Z'ituag", »Die redenden Künste", »Ber­liner Slc'ale", »Kunstwart", »Bühne und Welt", »Le monde artiste", «Detwche Bühnen - Genvffenschafe", »Der Thü'wer", »Da» litterarisch- Echo" rc. rc.

Die Aufstellung bei Programms bedingt vielfach bte Heranziehung auswärtiger Kräste. von berühmten Solisten ten wir tn bem Abschnitt von OktoberDecember Aloy» Burgstaller und Dr. Ludwig All n et. L tzterer hatte auf sein 26 Nummern zählendes P-ogramm Lieber von Schubert, Hnolb M-ndelslohu und Jod Bradws gesetzt. Zwei Mendelssohn Cowpofitionen wurden da capo begehrt.

Der gefüllte Saal beim Wülluer Coneert oeaiete kaum auf die Nähe de» Festes, bet dem Jeder »alle Hände voll zu thnn" hat. Aber Weihnachten machte fich selbstverständlich fühlbar. Da» k ark, h-lle Frostwetter, das fich noch zu gut erlebt eingestellt, kam Käufern nnb Verkäufern gleicher­weise zu Gute, nnb ließ da» Bild de» weihnacht»markte» doppelt freundlich erscheinen.

Man konnte letzthin sehr viel das kleine Prinzeßche» ausfahien sehe», das nun so alt geworden «st, um etwa» von der Bed-ntung des schönsten Feste» zu verstehen, und da» auch bereit» in» Theater zu dem WeihnachiSstück mit­genommen wurde.

Prtnzeßchens Weihnachtspuppe ist diesmal ein PrachtfiÜck eigener Bit: eine tu oberhessische Tracht gekleidete stattliche Gliederpuppe, und etwa nicht aus einer Fabrik ober einem sogenannten Pupprnatelier hervorgegangen, sondern echte Handarbeit. Hier tn Darmstadt lebt bei einer ä tere» Dame ein Dteustwä chen ans Oderh'ffen, da» im Puppen- ankleiden eine außerordentliche Geschicklichkeit entwickelt, nnb im Laufe be» Jahres ungefähr zwei Dotzend Puppen im Stil Ihrer länblichrn He math und mit sorgfältiger Berück- fichttgnng jeder Swzelhett angeputzt hat. Als da» große Fa x' che SpielwaarengeschSft von dieser Kunstfertigkeit zu- fällig Kenvtniß erh'elt, gab e» de» Mädchen ein ixtra schöne» Puppengestell tn Arbeit und daran» wurde die Weih- nachtspuppe für» Prinzeßchen. -seh.