Pari», 26. December. Frankreichs auswärtige Politik am Scheidewege. Unter dieser Ueberschrift läßt sich der „Hamburger Correspondent" aus Paris schreiben: Die französische auswärtige Politik ist an einem jener für die Geschicke der Völker verhängnißvollen Scheidewege angelangt. Die Beziehungen zu Spanien, zu Italien, zu der Türket rc. kann man füglich bei Seite lasten- das sind für die große französische Politik Fußwege, die sich an den großen Heerstraßen entlang ziehen. Der Straßenknotenpunkt, an dem die französische Politik angelangt ist, zeigt uns eine dreifache Gabelung. Sozusagen in der Mitte führt der W g nach Petersburg weiter; er ist glatt und schön und bequem, aber er führt in die Abhängigkeit; es steht über seinem Eingangs- thor wie über der Dante'schen Hölle: „Lasciate ogni speranza voi eh’ entrate". Zur Linken liegt der Weg nach London, zur Rechten der nach Berlin. Frankreichs diplomatische Truppen können entweder, wie während der letzten Jahre mit so viel Selbstverleugnung und mit so wenig Erfolg geschehen ist, auf der russischen Alltanz-Straße weiter mar- schiren; dann muß Frankreich sich aber gefallen lasten, auch wenn es darauf verzichtet, weiter „unfreundlich" gegen England zu sein, daß die Engländer die begonnene Abrechnung mit ihm fortsetzen Deutschland befindet sich in diesem Falle Frankreich gegenüber in der Lage eines Corsen, dem ein lieber Landsmann mit der bekannten Formel: „Garde-toi, je me garde" die Vendetta angesagt hat: es bleibt „Gewehr bei Fuß" stehen, „pour se garder". Will die französische Diplomatie hingegen darauf verzichten, ausschließlich aus der russischen Bündnißsiraße weiter zu marschiren, so wird es angesichts der großen Schwierigkeiten, die es haben dürfte, gleichzeitig den Weg nach London und den nach Berlin eiu- zufchlagen, entweder die Straße nach London oder die Straße nach Berlin wählen müsten. Vor beiden freilich steht — die Schuld daran trifft Frankreich allein — wenn auch kein „eandinisches Joch", so doch nicht gerade ein „Triumphbogen". Der Bogen, der den Weg nach London ziert, zeigt die Inschrift „Faschoda" und zügt damit an, daß die Annäherung an England nur zu haben ist um den Preis zahlreicher Demüthigungen, großer materieller Opfer, unter denen die Preisgabe aller Ansprüche auf Aegypten sowie noch manches Andere, was namentlich den französischen Colonialpolitikern lieb und werth ist, obenan steht, und über dem Eingongsthor nach Deutschland ist zu lesen: „Verzicht auf Elsaß-Lothrtngen für alle Zett und ohne Vorbehalt". Wie man sieht, ist die Wahl weder leicht noch angenehm. Es handelt sich um eine Entscheidung, die ein hohes Maß politischer Einsicht und sittlicher Kraft erfordern würde. Namentlich von letzterem Artikel aber ist in den leitenden politischen Kreisen Frankreichs nicht viel zu finden, „und thät man auch hundert Laternen anzünden".
Loudon, 20. December. Hebet die Delagoa-Bat- Frage will die hier erscheinende „Fiuanzchronik" von „ausgezeichneter Seite" Information erhalten haben, die Im Wesentlichen Folgende» besagt: Da» Abkommen mit Portugal ist im Grunde nur eine Erneuerung einer Vereinbarung, die Im Jahre 1842 zwischen England und Portugal auf 50 Jahre abgeschlossen wurde und 1891 ablief, ohne erneuert zu werden. Nun ist — und zwar trägt die Acte da» Datum eine» Tages im März 1898 — jener Vertrag auf wettere 50 Jahre wieder in Kraft getreten. Laut der Best mmuog oder Abmachung garaurirt England, Portugal sowohl gegen eine etwaige Jnvafiou Spanten», wie auch tu allen seinen colonialen Jntereffen zu decken. ES erkiä't sich bereit, die vöthigen Mittel, die Portugal au» dem Berner Schiedsspruch in Sachen der Delagoa- Bat- Bahn zu zahlen verpflichtet ist, vorzuschießeu, Portugal verpachtet dagegen den Hasen und die Bahn von Delagoa Bai au England. Der Vertrag tritt sofort nach seiner Genehmigung durch die zwei Parlamente iu Kraft. E» wird nicht bezweifelt, daß die EorteS, denen er tm Februar zngeheu wird, ihn mit erheblicher Majorität genehmigen werden, und der Versuch de» Herrn vr Leyd», ein Tyadicat zusammen zu bringen, um Portugal die erforderlichen Mutel gegen Ueberlaffang de» Hasen» und auf Grund anderer Eon- cesstoueu vorzuschiehen, darf deßhalb schon heute al» gescheitert gelten. Daß der Berner Schiedsspruch noch immer auf sich warten läßt, liegt vornehmlich au der von England Portugal gegebenen Instruction, die Sache hinauszvzögetn, bis alle anderen Borbedingungrn de» Vertrages complett find. Die Entscheidung ist erst im Frühjahr, d. h. zu derselben Zeit zu erwarten, da die portugiesischen (Sorte» den Vertrag rat-ficireu Manen. Die Unterhandlung, die zu dem deutsch-englischen Abkommen führte, ist unmittelbar im Anschluß an jenen englisch portugiesischen Vertrag gepflogen worden. Die Initiative ging von England au» und mußte umsomehr al» ein deutlicher Beweis de» Wunsche» der britischen Regierung, mit Deutschland in ein freundliche» Verhältniß zu gelangen, aufgefaßt werden, al» eine Verpflichtung England» schlechterdings nicht vorltegt. Für die Zustimmung zu dem Abkommen hat die deutsche Regierung sehr werthvolle Zngeständuiffe erlangt. Da» Blatt glaubt in der Lage zu fein, darüber demnächst weitere Informationen zu veröffentlichen. M. N. N.
Konstantinopel, 26. Decemver. Die Gerüchte von der angeblichen Flucht von vier Palast-Secretären nach Genf beruhen auf E findung.
Locales unb Provinzielles.
Gießen, den 27. December 1898.
• * Ernennung. Seine Königliche Hoheit der Groß- Herzog haben Allergvädigst geruht, am 14 December den provisorischen Lehret an der Höheren Mädchenschule zu Gießen, vr. Ferdinand Markert, zum Lehrer au dieser Schule zu ernennen.
* • Ordens-Verleihung. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben «üergnädtgst geruht, am 23. December bem Redakteur Rudolf Ramspeck zu Darmstadt das Ritter- kreuz 2. Klaffe de» Verdienstorden» Philipp» de» Großmüihigen j« verleihen.
* • Stadttheater. Fräulein Clara Drucker vom Lesffngtheater tn Berlin spielt morgen (Mittwoch) al» zweite Gastrolle die „Grille" in Birch - Pfeiffer» fünfactigem Characterbilde gleichen Namen». Am Freitag den 30. d». verabschiedet sich die Künstlerin vom hiesigen Publikum in der Rolle des Vicomte tn dem Lustspiel „Der Vicomte von LvtotiAce»" von Blum.
* • Glaser arbeit. In der Samstag-Nacht wurde ein Arbeiter adgefaßt, al» er seinem Arbeitgeber in böswilliger Absicht eine Fensterscheibe einschlug.
Die Biergeister. Am ersten Feiertage ging e» in den hiesigen Wirtschaften recht lebhaft zu, an mehreren Stellen fanden Raufereien statt, wo die Polizei einschreiten mußte.
♦ * Einen schauerlichen Tod fand in der Nacht vom 24. zum 25. d. Mts. der al» Handwerksbursche umherziehende, taubstumme Ernst Kettler aus Schönhagen. Derselbe war am 23. l. Mts. hier zugereist, bi» zum 24. auf der Herberge zur Hetmath verpflegt worden und hatte dann an diesem Tage die Richtung nach Marburg eingeschlagen. Abends ober erschien er wieder in angetrunkenem Zustande in hiesiger Stadt, und da er in den Straßen da» Publikum belästigte, dmch Hervorstoßen unartikulirter Laute einen Mcuschen- avflauf verursachte, mußte er in Polizeigewahrsam genommen und in einer Zelle de» alten Arresthauses untergebracht werden. Am anderen Morgen fand man die verkohlte Leiche des Kettler in der Zelle vor. Die Holzpritsche, der Strohsack, Polster und alles Mobiliar in der Zrlle war zu Asche verkohlt. Durch die gut schließende Thürs der Zelle war nicht der geringste Rauch ober Geruch hrrauSgedrungev, so daß nicht einmal die direkt der Zelle gegenüber schlafenden sechs Insassen beS Filial-AebeirshauseS etwas von dem Brande b-merkten. Wie das Feuer entstanden ist, darüber haben die etugeleiteten Ermittelungen keinerlei Anhaltspunkte ergeben. Wahrscheinlich hat Kettler ein in einer versteckten Stelle seiner Kleider verborgenes Streichholz eivzuschmuggeln gewußt.
W. Bad-Nauheim, 27. December. Am 1. Januar 1899 feiert der Vorsitzende der Badedircction zu Bad-Nauheim, Geh. Bergrath Otto Weiß, sein 50jährige» Dienst- jubiläum. Der Jubilar ist 1825 zu Altengronau in Kmhrffen geboren. Sein Vater kam 1826 an bie Saline Bad Nauheim, wo er im Jahr? 1833 die erste Anregung zur Gründung der „Soolbad-Anstalt Nauheim" gab, die auch 1835 gegründet wurde. Der Jubilar war kurze Zeit an anderen Salinen al» SalzamtS-Affeffor und Inspektor thätlg, und kam am 28. August 1856 als Inspektor hierher. In den 70er und 80er Jahren weilte er abermals an anderen Salinen und kam am 1. März 1891 als erster Beamte des Salinen- und Bergamts, sowie als Vorstand der Badedirection wiedrum nach Nauheim. Am 25. November wurde ihm der Charakter al» Geheimer Bergrath verliehen. Der Jubilar hat tm Jahre 1868 den KarlSbrunnen, eine beliebte Trink- qurlle, zu Tage gefördert, und im Jahre 1872, nach Auf- Hören der französischen Spielbank, mit Erfolg dafür gewirkt, daß aus dem Üeberschuß der Badekaffe ein CurfondS gebildet wurde, aus dem alle Ausgaben für die Erhaltung und Vergrößerung de» Bade» bestritten werden. Auch einige Werke über Nauheim hat er verfaßt. Die meisten Kurgäste kennen Herrn Weiß durch die Sprechstunde, die er täglich im Bade- hause I abhält, und wo der liebenswürdige alte Herr allen Wünschen in freundlichster Weise eutgegenkommt.
+ Büdingen, 24. December. Bei den tm Laufe dieser Woche vorgenowrnenen Ersatzwahlen zum Kreistag des hiesigen Kreise» wurden die Herren Bürgermeister Erk zu Nidda und Reitz zu Echzell wieder- und Herr Bürgermeister Wolff zu Daueruheim neugewählt.
-e- Stockheim, 25. December. Der hiesige Bürgermeister | May hat sein Amt ou» Gesundheitsrücksichten niedergelegt, | und versieht bis auf Weiteres der Großh. Beigeordnete die 8 Dirnstgeichäftt. j
r. Nieder-Wollstadt, 25. December. Gestern Nacht um c t/,3 Uhr, tönten bte Allarmglocken durch unfern friedlichen 3 Ort. Ein großes Bauerngehöfte war in Brand ge- 8 rathen, es brannte au allen vier Ecken zugleich, sodaß '« mit Recht Brandstiftung vermuthet wird. Zwei Scheuern, ein Kuh- und ein Ziegeustall find Flammenraub geworden, j und nur durch energische» Eingreifen unserer Dorfbewohner ä und deren rühmliches Verhalten ist mit aller Anstrengung da» Wohngebäude gerettet worden. Ein Schwein und zwei Schafe sind in den Flammen umgekommen.
A Mainz 26. December. Die am Samstag Vormittag aus dem hi.sigen Friedhöfe vorqenommeue gericht»- ärztliche Sektion der Leiche de» KtudeS der Kastelet Familie, welche in ihren sämmtlicheu Mitgliedern unter den Symptomen einer Vergiftung erkrankte, ist resultatloS geblieben, bezw. e» konnte vorerst nicht ermittelt werden, auf welche Ursache die Vergiftung zurückzuführen ist. Eine Aufklärung de» räthfrlhasten Falle» läßt fich jetzt nur noch in der noch ausstehenden chemischen Unterfuchung an den Exkrementen des verstorbenen Kinde» erwarten. Die durch das Vorkomwniß hcimgefuchte, mit itbif len Gütern durchaus nicht gesegnete Familie ist indeß wieder vollständig genesen, doch ■ wendet sich derselben noch immer das allgemeine Mitgesühl \ zu, was vielfach au Geschenken an bte mtterkrankteu Ge- / schwister des verstorbenen Kinde» zum Ausdruck gebracht wird. :
A Mainz, 26. December. Der nochmalige versuch, die . Liquidation deS Mainzer Schleppjch'fffahrtSveteiuS durch s eine Sautruug der Gesellschaft abzuwenden, ist alS gescheitert \ zu betrachten, und zwar hauptsächlich, um deßwtllen, weil ' man allgemein zu der Ueberzeuguug gekommen ist, daß, um ; daS Unternehmen wieder lebens- und coocurreuzfähig zu machen, bedeutende Geldmittel erforderlich find, zu deren Beschaf- - fuug die Neigung der Jnterrffeuten fehlt. ES wird jetzt tn > Kürze eine zweite General Versammlung stattfinden, in welcher ■ man fich definitiv entscheiden muß, ob man da» Kaufangebot j
de» Mannheimer FinauzconsortiumS änuehmeu will, ober die L quidation auf anderem Wege bethätigt werden soll.
Mainz, 22. December. Neuerdings gibt e» auch „Möbels chwl udler". Ein junger Mann mit günstigem Aeußereu, etwa 25 bis 28 Jahre alt, erschien in hiesigen Mödelhandlungen, gab fich daselbst für den nahen verwandte» geschäftsbekannter Persönlichkeiten aus dem R^eiugau au» und wußte durch genaue Angaben von Verhältnissen fich da» Zutrauen derjenigen Leute zu erringen, die er zu betrügen gedachte. In einer hiesigen Möbelhandlung kaufte er für einen ziemlich hohen Betrag eine Partie Möbel, ohne dieselbe zu bezahlen- einige Tage später erst machte der Möbelhändler die Erfahrung, daß er betrogen wat. Bei einem anderen Möbelhändler hatte et weniger Glück, dieser „pumpte" nicht) um aber nicht als Schwindler zu erscheinen, ließ er fich bie Möbel nach Biebrich senden, wo natürlich der Besteller unbekannt war, so daß der Möbelhändler seine Maare mit bedeutenden Kosten zurückerhielt. ES hat den Anschein, al» ob auch der Schwindler in unseren Nachbarstädten sein Unwesen treibt.
Ams bew fctU fOv Me Seit,
Vor 100 Jahren, am 28. December 1798, wurde Stettin der Psychiatriker Heinrich Philipp August Damerow' geboren, der sich auf dem Gebiete der Seelenheilkunde namhafte Verdienste erworben hat und den Kranken ein vortrefflicher und humaner Arzt gewesen ist. Damerow war seit 1836 Director der Provinzial Irren-Anstalt zu Nietleben bei Halle a. S., wo der Tod am 22. September 1866 seinem segensreichen Wirken ein Ziel setzte.
Vermischtes.
* Bamberger über Bismarck. In der neuesten Nummer der „Nation" setzt Ludwig Bamberger seine eindringliche Analyse der Bismarck'schen Persönlichkeit fort. Dabei sind wieder allerlei intereffante Reminiscenzen aus eigenen persönlichen Beziehungen zu Bismarck eingestreut. Ueber die Busch'fchen Momentphotographien urtheilt Bamberger folgendermaßen: „Gegenden rücksichtslosen Naturalismus, mit dem er vorgeht, hat man mit Recht eingewandt: Welcher Mensch könnte es vertragen, daß Jeder Alles erfahre, was er in Anwandlungen des ersten Augenblicks über sich, über Andere, über feine besten Freunde über die Lippen brachte? Es wäre nicht auszuhalten in der Welt, wenn dies allgemeiner Brauch würde. Und nun gar, wenn es fich um eine vulkanische Natur wie Bismarck handelt! Man denke erst, wie schrecklich es wäre, wenn wir die Monologe der von uns bewunderten oder geliebten Menschen, die laut oder nur im Gehirn ausgesprochenrn, vernehmen könnten! Der Phonograph, der diesen Dienst leisten wollte, würde mit Recht in tausend Stücke geschlagen. Und die allgemeine Empfindung, die deutsche wenigsten», soweit sie verlautete, kam ungefähr auf ein solches Urtheil gegen Busch'S Werk hinaus. Und dennoch: Empfindung bei Seite! wenn heute ein Phonograph entdeckt würde, in dem Bismarck'» Selbstgespräche aufgespeichert lägen, wäre es nicht ein Verbrechen, ihn zu zerstören, und wer würde der Lust widerstehen, ihm zu lauschen? Hier liegt eben der Unterschied. Gerade die Bedeutung des Manner macht, daß für das Studium seiner Persönlichkeit und seiner Handlungen nicht» klein ist. Die dem Kanzler bei Busch nachgesagten Aeußerungen tragen durchweg bett Stempel der Echtheit. Sie widersprechen auch durchaus nicht solchen, die anderen näheren Beobachtern längst nicht neu waren. Man kann nicht einmal sagen, daß sie dem Prestige von Bismarck» gewaltiger Persönlichkeit in der Hauptsache Eintrag thun. Ihre störende Wirkung trifft nur die banale unbedingte Schwärmerei, die mit der historischen Würdigung nicht» zu thun hat... So wenig im Großen und Ganzen alle neueren Beiträge für den genaueren und unbefangenen Kenner neue Aufschlüffe über Bismarck'» Character geliefert haben, so wenig haben sie im Grunde auch selbst seine nicht kritiklosen Bewunderer an ihm irre machen können. In der Hauptsache steht die Größe seiner Persönlichkeit nicht auf dem Postament psychologischer Werthschätzung, sondern vollzogener Thatsachen. Was unter seiner Führung geworden und wie es geworden ist, das ist es, was ihn zu einer Heroengestalt geschaffen hat. Wieso und warum, ob mit Recht ober Unrecht, ja, ob er Alles, was man ihm zuschreibt, wirklich so vollbracht, oder nur in letzter Form vollendet hat, da» Alles ist nebensächlich. So, wie es nach außen in der Geschichte dasteht, muß es behalten werden. Alles hinterherkommende Wenn und Aber fällt dagegen ohnmächtig zu Boden. Wird doch sogar die Legende eine Wirklichkeit, wenn sie sich fest in die Vorstellung der Menschen eingewurzelt hat. Mose», Buddha, Mohammed — von Anderen nicht zu reden — find rückwirkend lebendig geworden, so wie die Legende sie gestaltet hat, und die Schweizer haben recht gcthan, sich ihren Wilhelm Tell und sein Geschoß nicht von den Philologen nehmen zu lassen. Die fable convenue steht über der Thatsache. Qu’est ce qu*il y a de plus mtiprisable qu’un fait? (Was ist verächtlicher als eine Thatsache?) — lautete der Ausruf de» Philosophen Royer Collard. Bamberger legt diesen vorur- theilslosen Maßstab auch an die Bismarck'sche „Lästerzunge". „Bismarck", so heißt es, hatte immer einen malitiösen Ge- danken auf der Zunge, und wa» er auf der Zunge hatte, konnte er im unbewachten Augenblick nicht hinunterschlucken, im bewachten um so besser. Busch, dessen naiver Cynismu» ein dem Original für solche Zwecke wohl angepaßter Sptegel ist, berichtet unzählige Male, wie er rectificirt wurde, weil er tn seinem Diensteifer wörtlich das verbreitete, was der „Chef" zwar in Wirklichkeit geäußert hatte, aber doch später bedenklich fand, wenn es gedruckt dastand. Trotzdem er ein Junker war, hatte er gar keine aristokratischen Vorurtheile. Er kannte nur einen Unterschied zwischen den Menschen: ob sie fich ihm anpaßten oder nicht; daher war er Jedem gegenüber, wenn er ihn nicht als verdächtigen Feind behandelt», rückhaltlos gesprächig und unbedacht, feinen kaustischen Witz


