Rr «48 Zweites Blatt. Dimstag dm 28. Juni
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Amtlichen Theil.
Bekanntmachung.
Die Hauptversammlung des zur Abstellung de- Betteln- -egrüudeten Unterstützungsvereins (ArmenvereinS) in Gießen findet nicht am Dienstag den 28. Juni dS. IS., Vormittag- 11 Uhr, sondern am
Dienstag den 5. Juli ds. Js., Bormittags 11 Uhr, in dem RegieruugSgebäude dahier statt und werden die Mitglieder hierzu eingeladeu.
Tagesordnung.
1. Neuwahl für die ausscheidende Hälfte der Ausschußmitglieder.
2. Vorlage der Rechnung für 1897.
3. Feststellung des neuen Voranschlags für 1898.
Gießen, den 25. Juni 1898.
Für den Ausschuß: v. Gagern, Großh. Provinzialdirrctor.
Bekanntmachung.
Betr.: Walzarbetten auf den KreiSstraßen.
ES wird hierdurch zur öffentlichen Keuntuiß gebracht, daß von Dienstag den 28. Juni ab die Ortsdurchfahrt in Hungen mit einer Dampfwalze eingewalzt wird.
Gießen, den 25. Juut 1898.
Großherzogliches KreiSamt Gießen, v. Gagern.
Gefunden: 2 Portemonnaies mit Inhalt, 1 Brille, 1 Taschenmesser, 1 Brosche, 1 Kneifzange, 1 Geldstück, 1 Schachtel mit Medicament, 2 Taschentücher, 1 Ktnderhut, 1 Kiuderwantel, 1 Schürze, 1 Paar Glacehandschuhe, 1 Laterne und 1 Huudehalsband.
Gießen, den 25. Juni 1898.
GroßherzogltcheS Polizeiamt Gießen, v. Bechtold.
Der Dreibund in Gefahr.
Ein bekannte- belgische- Blatt knüpft an die Meldung von der Anwesenheit deS rusfischen Grafen Jgnatiew in Wien die Nachricht, daß Anstrengungen im Gange seien, eine Drei- Kaiser-Allianz zu verwirklichen, und daß man darauf au-gehe, einen guten Vorwand zu finden, um den Bundesgenossen Italien loS zu werden. Er ist nicht unmöglich, daß diese Nachricht stark commentirt und besonders in Italien Aus- reguog und Mißtrauen erregen wird, weshalb eS angebracht ist, derselben etwa- näher zu treten. Schon mehrsach ist darauf hingewiesen worden, daß Italien kein gletchwerthiger Bunde-genoffe und nicht im Stande sei, diejenigen militärischen Aufwendungen, welche nothwendig seien, um dem Dreibünde daS nothweudige Maß von Ansehen und Macht zu verschaffen, zu leisten. Es ist noch in frischer Erinnerung, daß solche Anschauungen namentlich nach der Niederlage der Italiener im abeffhnischen Kriege laut wurden, wo fich gezeigt hatte, daß daS italienische Heer in Bezug aus seine Organisation nicht auf der Höhe der Zeit stand. Aber schon damals find alle Meldungen, daß die übrigen beiden Dreibuudmächte fich von dem dritten Bunde-genoffen lossagev würden, energisch von berufener Seite dementirt worden, und wir glauben, betonen zu dürfen, daß auch jetzt von einer Auflösung des Dreibunds nicht die Rede ist.
Soweit über die Bedingungen, unter denen im Jahre 1893 die drei mitteleuropäischen Mächte zu einer Allianz zu- sammeulreten, etwas bekannt geworden ist, werden den einzelnen Gliedern in militärischer Hinficht keine besonderen Verpflichtungen auserlegt. Das einzige, was unter allen Umständen verlangt wird und unbedingt innegehalten werden muß, ist Bundestreue, und dazu gehört vor allen Dingen, daß nicht von der einen Seite Anstrengungen gemacht werden, den anderen Buudesgenoffen hinaus zu graulen, um andere Verbindungen anzuknüpfeu. Nach der oben angeführten Meldung des belgischen Blattes sollte dies aber von Deutschland und Oesterreich-Ungarn beabsichtigt sein, welche au Stelle Italiens Rußland in ihren Kreis ziehen wollten. Eine derartige Handlungsweise ist jedoch weder Deutschland noch Oesterreich zuzutrauen, und sie liegt auch gar nicht in deren Jntereffe, abgesehen davon, daß noch in allerjüngster Zeit von den maßgebendsten Stellen au- betont worben ist, wie sehr der Dreibund fich bewährt hat, wie er tu erfolgreichster
Weise für die Erhaltung deS europäischen Friedens thätig gewesen ist, und wie sein Fortbestand im Jntereffe der be- theiligten drei Staaten liegt. Und gerade jetzt liegt gar kein Grund vor, Italien auS dem Bunde zu entfernen. Wohl find die ivnerpolittschen Zustände des Landes ziemlich unsichere - aber blicken wir nach Oesterreich, so sehen wir, daß auch dort die Berhältniffe zu Besorgniffen Anlaß geben, dennoch Niemand wird glauben, daß deshalb dieser Staat ein miuder- werthigerer Bunde-genoffe geworden ist, deffen Austritt aus der Allianz wünscheuSwerth sei.
Zu einem Dreikaiserbünduiß liegt überdies zur Zeit kein Bedürfniß vor- Deutschland sowohl wie Oesterreich- Ungarn leben im besten Einvernehmen mit Rußland, dessen Jntereffen eine Trübung dieser guten Beziehungen widerstreben würde. Ob aber Rußland unter allen Umständen sür die friedlichen Bestrebungen deS Dreibundes zu haben ist, erscheint fraglich, da e» bekanntlich seine Einflußsphäre in Oftafien immer mehr auSzudehnen sucht unb infolge dessen über kurz oder lang mit England colltdiren muß. Jedeufalls ist eS nicht in der Lage, tu so uneigennütziger Weise der Störung des europäischen Frieden- eutgegeuzutreten, wie die- bei den jetzigen Dreibundfiaaten der Fall ist. Deshalb liegt eS im Jntereffe Europa- und auch im Jntereffe der dem Dreibünde angehörigen Mächte, wenn dieser in seinem jetzigen Bestände erhalten bleibt. Im Uebrtgen glauben wir anch gar nicht, daß zur Zett eine Gefahr wegen der Auflösung desselben besteht.__________________________ (xx)
Deutscher Reich.
Berlin, 25. Junt. Der StaatSsecretär de- Auswärtigen Amtes, v. Bülow, hat fich auf Befehl de- Kaiser- heute nach Kiel begeben.
Berlin, 25. Juni. Anläßlich de- gestrigen 80. Geburtstag- des Großherzog- von Sachsen-Weimar find aus dem ganzen Reiche Glückwunsch-Telegramme in Weimar eiogelaufen, u. A. vom Kaiser, dem Prinzen Heinrich, dem Fürsten BiSmarck und dem Papst. Der Geburtstag wurde im engsten Familienkreis auf Schloß Wilhelmsthal gefeiert.
Berlin, 26. Junt. Die Klage der Stadtverordneten- Versammlung gegen den Magistrat in Angelegenheiten de- März-Denkmals wird vor dem Ober-VerwaltuugSgericht am 9. Juli verhandelt werden.
Feuilleton.
Im Iieuer bewährt.
Erzählung von August Schacht.
(Nachdruck verboten).
Doctor Harmsrn stand au der Gartenpforte und sah seiner Verlobten zu, die unter den schattigen Bäumen mit ihren jüngeren Geschwistern spielte. Sie war ein schlankes, hübsche- Mädchen, sah aber in ihrem weißen Kleide und dem großen Strohhut fast wie ein Kind aus. Doctor Harmsen seufzte, al- er sie tu der Schaukel fitzen sah, dann trat er schnell näher.
Al- Käthe ihn erblickte, sprang fie schnell auf ihn zu und begrüßte ihn stürmisch.
„Hermann!" rief sie freudig, während fie ihr wtrres Haar ordnete und ihren Strohhut gerade setzte.
Der Augeredete sah fie unverwandt au, dann sagte er: «Ich habe mit Dir zu reden, schicke die Kinder fort."
Sie befahl den beiden Kleinen, die sich scheu hinter ihrem Kleide verborgen hielten, daß fie allein weüerspielen sollten, dann zog fie ihre Hand durch seinen Arm, nahm einen rothbackigeu Apsel aus ihrer Tasche und erwartete seine Anrede.
Aber Doctor Harmsen schwtg noch immer.
„Nun, was gibts?" sragte fie nach einer Pause. „Es scheint etwa- sehr Ernste- zu sein, da Du solch ernste- Gesicht machst."
„Ich kann von Dir nicht da- Gleiche behaupten," er» widerte er.
Sie biß in ihren Apfel und lachte.
„Nein, ich glaube nicht, daß ich zu den ernsten Menschen gehöre. wäre auch nicht gut, wenn wir alle gleich wären. ES muß lebhafte Menschen geben, damit fie die ernsten ausheitern. Was meinst Du, wenn Du Dich einmal auf die Schaukel setztest?"
„Set doch nicht so unvernünftig. Ich habe wahrhaftig keine Lust zum Scherzen, denn ich bin wegen einer sehr wichtigen Sache gekommen, die un- beide betrifft."
। Sie biß wieder in den Apfel, setzte fich auf die Schaukel und schwang sich hin und her. Ihr Verlobter lehnte fich gegen den moosbewachsenen Baum, steckte beide Hände tn die Taschen, zog den Hut über die Augeubraueu und sah fie schars an.
„Ich habe die Stelle erhalten, um die ich mich beworben habe," sagte er endlich.
„Wirklich, Hermann?"
Er nickte.
„Hurrah!" Sie nahm ihren Hut und schwang ihn. „Ich kann Dir gar nicht sagen, Geliebter, wie glücklich mich da- macht."
„Gewiß, e- ist für mich ein großes Glück, aber e- be- dingt eine andere Veränderung."
„Wa- für eine Veränderung?"
„Im ersten Augenblick dachte ich Dich sofort zu heirathen, aber da kommen doch noch verschiedene Berhältniffe in Be« tracht. Ich weiß nicht recht, ob Du Dich tu dem kletoen Nest wohl fühlen wirst. E- ist eine zu große Veränderung für Dich. Der Ort liegt von der Stadt ziemlich weit entfernt, e- gibt wenig Gesellschaften —"
„Ohne die ich Deiner Meinung nach nicht leben kann."
„Die- ist in der That meine Meinung," entgegnete er mit Betonung. „Du bist die fortwährenden Gesellschaften gewohnt geworden, fie bilden einen Theil Deines Lebens. Du hast den leichten Sinn eine- Schmetterling-, da- Leben wird Dir nie ernst erscheinen, denn Du scheinst nur da zu sein, um in einem Taumel von vergnügen dahtnzuleben. ES würde verwegen von mir sein, Dich auS dieser Sphäre herauSzureißen."
„Willst Du damit sagen, daß ... . daß unsere Verlobung ein Mißgriff war?" murmelte fie und neigte ihren Kopf, so daß er ihr Geficht nicht sehen konnte.
»Ja, zu diesem Schluß bin ich gekommen. Wir find nicht sür einander bestimmt, denn wir paffen nicht zu ein- ander. Unsere Neigungen find zu sehr voneinander verschieden. Du bist nicht im Staude, auf alle meine Pläne einzugehen, während ich mich hingegen nicht für Deine gesell- schaftlicheu Neigungen erwärmen kaun. Ja, es war ein
Fehler, und ich danke dem Himmel, daß er mich den Mißgriff noch zu rechter Zeit erkennen ließ."
Sie sagte nichts, sondern neigte ihren Kopf nur »och tiefer.
„Deßhalb glaube ich, ist eS das Beste, wenn ich Dich von Deinem Versprechen entbinde," fuhr er fort. „Ich kann es nicht vor meinem Gewtffen verantworten, Dich au mich gebuudeu zu haben. Ich gehe schon morgen, deßhalb glaube ich, es ist das Beste, wir sagen uns nun Lebewohl."
Sie sprang von ihrer Schaukel auf und hielt ihm die Hand entgegen.
„Ich bin sehr traurig darüber, daß Du mich für nicht ernst genug hältst," entgegnete sie mit schluchzender Stimme.
„Mir selbst geht e- recht nahe," war seine Antwort. „Aber es geht nicht anders. Für Jemanden, der feine Tage in NtchtSthun hinbringen kann, der fich dem Leben voll hin- gibt, bist Du die richtige Frau, nicht für mich."
„Hermann, willst Du mir noch eine Frage beantworten?"
Sr nickte, deßhalb fuhr fie fort:
„Sage mir, hast Du eine Andere, Bessere gefunden? Gibst Du mich ihretwegen auf?"
„Nein, beim Himmel nicht. Wie kannst Du so etwas denken! Ein Weib, wie ich es brauche, findet fich nicht so leicht."
»Ich hoffe von ganzem Herzen, daß Du eines Tages findest, was Du suchst," murmelte fie. „Wenn Du glaubst, es ist das Beste, wenn wir uns trennen, dann gebe ich nach. Lebe wohl!"
„Lebe wohl!"
So schieden diese beiden Menschen, die für einander bestimmt gewesen waren.
Doctor Harmsen hatte sich fast immer nur von dem Verstand, selten oder nie von seinem Herzen leiten lassen. Eines Tage- war er von dieser Regel abgewtchev, an jenem Tage, als er um die Hand der Tochter des Oberstlieutenants von Waldow augehalten hatte. Schon bald nach der Verlobung waren Bedenken in ihm aufgrsttegeu und heute endlich


