Nr. 98 Zweites Blatt. Donnerstag den 28. April 1S9S
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Gießener Anzeiger
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AmtUrher Tbeil.
Nr. 16 bei Reichs-GesetzblattS, onßgegeben den 23. d. M., enthält:
Nr. 2465. Verordnung, betreffend die Wahlen zum Reichstage. Bom 22. April 1898.
Gießen, den 26. April 1898.
Grohherzogliches Kreisuwt Gießen. _________________p Tonern._________________
G'ie ßen, den 26. Aprtl 1898.
Vetr.. Die Ablieferung bet Bacauzüberschüffe erledigter Schulstellen an den Provlnziaischulfonds.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
MM die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreise-.
Wir erinnern diejenigen von Ihnen, welche mit der Einsendung der Nachweisung über Bacanzüderschüffe oder mit den Berichten, daß solche nicht einzureichea sind, noch im Rückstände sich befinden, an die Erledigung unserer Verfügung vom 29. März 1898, Anzeiger Nr. 77 binnen 8 Tagen. __________________v. Gagern.__________________ Gießen, den 26. Aprtl 1898.
Betr.: Statistische Nachweisungen über das volkSschulwesen. Die
Großh. Kreis-Schulcommission Gießen MM die Schulvorstände, die Dirigenten der höhere» Bürgerschulen und die Borsteher von Privat- schulen im Kreise Gießen.
Wir sehen Ihren Berichten in rubr. Betreff innerhalb acht Tagen entgegen über:
I. Stand der einfachen Volksschulen nach Beginn des Schuljahres 1898/99.
a. ohne Schulgeld, b. mit Schulgeld.
Zahl der Schulkinder:
1. nach Klaffen (nicht Abtbeilungeo) getrennt, a. im Ganzen, b. Knaben. c. Mädchen.
2. nach dem Bekenutniß:
a.vehanfl. b. röm. kath. c. isr. d. anderer Confesfion.
II. Staus der Fortbildungsschulen nach Beginn der Schulpertode 1897/98.
a. einklassig, b. zwetklasfig. c. dreiklasfig usw. Zahl der Schüler nach dem Bekenutniß:
a. evang. b. röm. kath. c. isr. d. anderer Tonfesfiou. e. im Ganzen.
m. Stand der höheren Bürgerschulen nach Beginn des Schuljahres 1898/99 (wie unter I.)
IV. Stand der Privatschulen nach Beginn des Schul, jahres 1898/99 (wie unter I.)
Die Berichte find genau nach vorstehendem Schema unter ^Beibehaltung derselben Bezeichnungen adzufaffen.
v. Gagern. — _______. -
Co«aU* m*» proeiMjiea«*
+ Nidda, 26. April. Die vor acht Jahren gegründete Actievgescllschaft ^Vorschuß- und Eredtt-Berein Nidda" hielt gestern Abend unter Leitung ihres Ausfichts- rath-vorfitzeudeu, Herrn Stadtmüller E>k, dahier im Gast- Hause .Zur Traube" ihre diesjährige General-Bersammlung ab. Nach dem Geschäftsberichte betrug der Gefammtumsatz pro 1897 --- 1 696 687 Mk., die Acrioa und Passiva je 1 064 978 Mk. 48 Psg., Soll und Haben je 47 841 Mk. 09 Pfg., sowie der Reingewinn 8787 Mk. 36 Pfg. Aus dem letzteren kommen laut versamwlungsbeschluß 5 pttt. Dividende zur vertheilung an die Actionäre, sow e 6000 Mk. zu dem Reservefonds, während je 50 Mk. dem Vereine Krankenpflege und der freiwilligen Feuerwehr dahier als Subventton überwiesen worden find.
Lanterbach, 23. April. Gestern Abend ertränkte fich in dem Bach unterhalb der Stadt ein l9jährige- Dienstmädchen aus Eogelrod, baß bei einem diesigen Kaufmann seit Weihnachten in Diensten stand. Das Mädchen hatte einen Fehltritt gethan, und da es achtbare, aber strenge Eltern und zahlreiche Geschwister besitzt, so mag es gestern Abend der Umstand, daß eß von seiner Herrschaft eine Entdeckung seines Zustandes und iofolgedeffen eine Kündigung befürchtete, tu den Tod getrieben haben. Die Unglückliche wurde gestern Abend noch in die Molkerei geschickt, kehrte aber nicht zurück und wurde heute Morgen als Leiche aus dcm Bache gezogen, wobei sie noch krampfhaft daS Geld für bie Milch in den erstarrten Fingern hielt.
* Nachforschungen nach Andree. Aus Stockholm ist am 20. ds. Mts. eine unter Leitung deS Journalisten I. Stad- liog stehende Expedition obgegangen, um in den Küstengebieten Ostsibirtens, die sonst weder von Expeditionen noch von Fangschiffen berührt werden, nach Andree und feinen Begleitern zu suchen. Sie reist von Petersburg mit der Eisenbahn nnch Irkutsk und sährt aus der Lena bis zur Mündung inS Eismeer. Im Lenadelta spielte sich bekanntlich der Schlußakt der ^Jeannette"'Expedition traurigen An- gedenkens ab, denn hier fand der Führer De Long mit einem Thtile der Mannschaft, nachdem sie den Weg von der bet den Neufibtrtscheu Inseln gesunkenen „Jeannette" bis zum Lenadelta glücklich zurückgelegt hatten, nach langen Leiden den Tod. Sollten an der LenomÜndung keine Spuren der Luftschiffer zu entdecken sein, so soll versucht werden, die zur Gruppe der Neuflbirtschen Inseln gehörige Insel Kotjelnoi zu erreichen. Danach ist dann eine Absuchung weiter Gebiete östlich und westlich von der Leuamündung geplant. Mit de» ziemlich zweifelhaften Suchen nach Andree verbindet die Expedition gleichzeitig wiffenschaftliche Forschungen, insbesondere botanischer Art. Die Mittel wurden von P^vatleuten auf» gebracht.
CUcwatu* Knnft.
— Dem Bedürfnisse nach guten authentischen PortraiiS, welches in Lehranstalten, Bibliotheken und in der Familie vielfach empfunbe* wird, kommt mit ihrem reichhaltiaen Materiale die schöne Publikation »Dal neunzehnte Jahrhundert in BUdnisskft", heraus- gegeben von Karl Werckmeister (Berlin, Photographische Sefell- schaft), entgegen, von der bie jetzt Lieferung 1 bie 5 vorliegt. In der eben erschienenen fünften Lieferung finden wir auS dem Freundeskreise der Humboldts zunächst das schöne sogenannte Orinokodild Al.xanderS nach dem Originale in der Nationalgalerie reproducirt, das noch unbekannte Selbstbildnih auS der Pariser Zeit und den sympathischen Kopf ouC den letzten Jahren, in denen er den „Äoemoß" schrieb. Don feinem Bruder Wilhelm ist daS Bildniß von Krüger gewählt, dessen Original in Tegel hängt. Von ihm nahestehenden Personen erscheinen hier noch der Physiker Arago, der Zoologe Cuoier, während für die nächste Lieferung der Geograph Karl Ritter und Geologe Leopold v. Buch in Aussicht genommen sind. ES schließen sich an Alfred Rethel, Zeichnung von Karl Sohn, Gottfried Schadow, gemalt von Hübner, Meyerbrer von Gustav Richter. Die biographischen Würdigungen sind in großen Zügen schwungvoll geschrieben.
Feuilleton.
Aus geweihten Lande».
Von Karl Böttcher.
(Originalbericht unseres Special -Korrespondenten).
(Nachdruck verboten.)
XI. Damaskus.
Damaskus, 28. März.
Seit einigen Tagen durchstreife ich unter wolkenlosem, reingefegtem Frühlingßhimmel die GebirgSeinsamkeit des Libanon. Von erhabenem Gefelse geht mein Blick tief hinunter auf die unendliche, blauglitzernde Fläche des Mittelländischen Meeres, welches fich weit hinemdehut in den Horizont, bis dahin, wo in duftigem Gedämmer Himmel und Waffer zusammen hauchen.
Dann in stillen Hochthäleru ober auf gewundenen Fels- graten weiter. So oft fich der Gebirgspfav auch wendet — immer erglänzen tief unten am Rande des Meeres als Mitel- punkt dieser zaubervollen Sceuerie die weißen HSusermaffen von Beirut.
In weltvergeffeneu Dörfern, welche zumeist aus Lehmhütten bestehen, spähen mir manch sonnenverbrannte Grfichter der Drusen oder Menouiteu neugierig entgegen. Schwervereinsamte, schweigsame Menschen find es, die keine Ahnung davon haben, weßhalb man fich draußen in der herrlichen Gotteswelt Herumkratzbalgt ober was man in großen Städten alles zusammenschwadronirt.
Tiefer im Gebirge ein anderes Bild. . . . Oben auf FelShöhen, ba schneit el; weiter unten fällt Regen- ganz unten aber schimmert wohl bie Sonne auf blauen Wogen und Orangebäume duften In schwüler Blü'henpracht . . .
Im muslimischen Dorfe Muallaka besteige ich die E,seu- bahn. Eine Fahrt von vier Stunden — ich bin In Damaskus, im Frühliugsprangeu des Orients, umgarnt und nmbaftet vom blühenden Rausch einer saftgrünen Oase, hinter welcher die ewig stumme, tigergelbe Wüste lauert.
Wo ich auch in den Straßen hcrumziehe, fast immer
höre ich Waffer rieseln, Waffer murmeln, Wasser rauschen. Damaskus ist eben bie Stadt der fließenden Wasser, btr sprudelnden Quellen, der plätschernden Brunnen. Aus den Wüstenöden des Aiti-Libanou, wo blenbentc Schneestreifen in bergabziehenden Schluchten ruhen, stürzen durch eingeengte FelSufer bie Wogen bei Baraba in wildem Gebrause auf Damaskus los. In der ganzen Stadt, sowie in ihrer gartengrünen Umgebung oertbeilen fle fich in zahllose Eanäle, Rinnen, Schleusen, deren Wasser bie Marmorbasfins inmitten der Höfe und der großen orientalischen SalovS durch, fließen. So hat in jedem Hause immer das Rauschen des Wassers baß Wort.
Ich stürze mich in baß tolle Gewoge von Menschen unb Dinge unb lasse mich von ihm tragen wie ein ins Meer geworfenes Stück Holz, baß vom Schäumen ber Brandung ober von ben langen Athemzügen ber Wellen halb hierhin, balb dorthin geworfen wird. Hin gehtß durch wildlärmende ©affin und Gäßchen, Winkel uud Winkelchen, durch holzüberwölbte Bazare, vorbei an Spelunken, Nischen, Löchern, alle erfüllt von Waareu, Menschen, Kisten, Hunden, Skandal unb Getöse jeber Art. Oft bichtes Gebrärge von astatischem Pöbel, ber tn Kleidern steckt, von denen jtbeß Stück auß unzähligen Fetzen zusammengeflickt ist, wie eß nur ein genialer Stratege ber Nabel fertig bringt. Gewirr von Pferden und Kameelen unb Eseln unb unermüdliches Tosen dieser unruhigen Stabt mit ihrem scharf ausgeprägten orientalischen Antlitz, mit den vielen, beinahe aufeioanderhockeuden Moscheen, wo von den Gallerten der Minarets die Gebetsrufer schon beim Morgengrauen ihre melancholischen Gesänge hinwimmern über das Häusermeer.
Gar oft flammen mir fanatisch giftige Blicke entgegen. Mau schlendert mir rauhe Worte nach — Kolhwürfe von Schimpfreden, welche ich nicht verstehe. In der Nähe ber großen Moschee plötzlich burchdringeudeS Gekreisch, wie ein Signal. Augenblicklich sahren einige zwanzig herumlteg-nbe Straßenhuobe auf mich zu und ich melke, daß ein heim- tückischer Muhamedaner diese schmutzigen, ausgehungerten, rothgelbeu Bestien auf mich loshetzte Fester packe Ich meinen Eichenstock, den allezeit getreuen, unb gehe durch
wüthenbes Zähuegefletsch ruhig weiter. Doch schon empfängt mich an der vetflallemn Mauerecke eine andere Heranstützet-Le Hundemeute, ober noch wütheuder und kläffender. Ich denk,, ich bin in dal Kreuzfeuer gewisser friudlicher Journale geraden. Doch tapfer vorwärts — und bas Wuthgeheul erstirbt in staubiger Ferne.
Auf einmal schlägt mir eine bicke, mächtige Dunstwolke heftig an die Nase. Hu! Arabiens Wohlgerüche sind baß nicht, wohl aber das höllische Gegentheil. Ich verirre mich in ben Bazar ber Kleibettiödler unb Lumpenhändler, tu jene Schauerhöhlen, wo alle alten, ausgedienten Sachen auf etwa hundert Meilen tn der Runde ihre Geueralversammluug ad- halten unb dann geduldig warten, dis sie in ihren alten Tagen durch bie Gnade irgend welcher armen Teufel von Käufern nochmals mitthun dürfen im Kampf des Lebens. Alle Wetter, dieser in die Nase stechende dumpfe Geruch! Ach, wenn ich mir sofort einen gediegenen Stockschnupfen zulegen könnte! Mir ist, als befinde ich mich tn einem Stapelplatz ber Eholera, einer Brutstätte von allerhand lauernden Epibemten, einer Eugros-Niederlage vom reichlich fließenden Schweiß des Orients. . . .
Da langweilen fich alte seidene Beduinenwäntel, cofettiren alte verblichene Sammctmleder, hergeweht auß irgend einem Harem, büftern alte Mönchskutten, ach wer weiß aus welchem Kloster, parabtren alte türkische MllttSranzüge, machen fich alte rothsetbeue Gürtel, alte 6apUänßuntformtn, alte Kaftane, alte Scheikcostüme breit, fehlen sogar zerlumpte Kameeldecken nicht — aber Alles zerrissen, verstaubt, zersetzt, oft sogar zerschnitten von Dolchen, durchlöchert von Kugeln, und ich glaube, bet näherem Zusehen würde man noch verblaßte Blut- spuren finden, die bet heißen Kämpfen einst tn diese Lumpen sickerten. . . .
Und vor diesem Königreich der Lumpen blüht eine traute türkische Ehe-Idylle. Da fitzt mit untergeschlagenen Beinen der dicke, graubärtige Verkäufer, koranlesend, betend mb dazwischen wacker nach Kunden außlugeud. Und tiefoerschleierc und unbeweglich wie Bildsäulen hocken vor ihm tn langen weißen Gewändern feine vier Frauen. Gewiß, daß unter ihren Schleiern ein kleines Wetterleuchten thesinehmender


