Ausgabe 
28.1.1898 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

ante

em

'enen.

21/>ühr) vom

958

v-itat«.

lltwe Weit 1,6

lvlüng

>»» 811 Uhr, in bet «dgaffe.

«IaN der Skchmr»

Tet Vorstand.

!mnlvehr.

e°ds 8 Uhr:

lng hör».

Ter Vorstand.

\y

itnU 8 Ubr: m Saale des Hotel

Ter Vorstand.

LDZ.

IltiH Präeis 9 Uhr:

Ter Vorstand.

Anstichs a Jltil 6 Ul- qdig*

nur

r-, «3 Zweites Blatt. Freitag den 28. Januar 18»8

Weßener Anzeiger

General-Anzeiger

Bei Postbezug Mark 50 Pfg. iertcljährlich.

Alle Anzcigen.Bermittlungsstellen deS In» und Auslandes nehmen Anzeigen für sen Gießener Anzeiger ntgegm.

Bezugspreis

vierteljährlich .

2 Mark 20 Pfg. monatlich 75 Pfg. mit Bringerlohn.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag« für den felgenden Tag erscheinenden Nummer bis Sonn. 10 Uhr.

Erscheint tägNch mit Ausnahme deS Montags.

Die Gießener MamiklenStätter werden dem Anzeiger Wöchentlich viermal beigelegt.

Amts- tmb Anzeigeblatt für den Alreis Gietzen.

Redaelion, Expedition und Druckerei:

Kchntßrage Nr. 7.

Gratisbeilage: Gießener Familienblätter.

Adresse für Depeschen: Anzeiger Olegt«.

Fernsprecher Nr. 51.

Anrtlitche» Theil.

Bekanntmachung.

Oberhessischer Obstbauverein, Vereinsbezirk Gießen.

Die Hauptversammlung für den VereinSoezirk Gießen findet am

Sonntag den 30. Januar, Nachmittags 2V1 Uhr, auf LonhS Felsenkrllrr in Gießen mit folgender TageS- ordnung statt:

1. Bericht über die Thätigkeit des Obstbauverein- im Jahre 1896/97. Referent: der Geschäftsführer deS Verein-, Herr K. Reichelt«Friedberg.

2. Welche Resultate wurden durch Anlegen der Leimringe gegen den Frostspanncr erzielt. Referent: Herr Obst- bautechniker Metz.

3. Wie kann man unfruchtbare Obstpyram'den fruchtbar machen? Referent: Herr Obsttautechniker Wiesner.

4. Die Obstverwerthung im Haushalt. Referent: Herr R. Retchelt.

5. Berloosung von Obstbäumen, Geräthen und Gemüse« sämereten- jede- anwesende Mitglied erhält ein FreilooS.

Dir Mitglieder des Oberhesfischen Obstbauveretns und sonstige Jutereffenten werden hierzu freundlichst etngeladen.

Gießen, den 25. Januar 1898.

Der Vorsitzende deS DeceinSbrzirk« Gießen des Oberhesfischeu Obstbauvereins.

Dr. Wal lau.

Gießen, den 25. Januar 1898.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

<m die Großh. Bürgermeistereien deS Kreise-.

Obige Versammlung wollen Sie in Ihren Gemeinden auf ortsübliche Weife brkauut geben.

v. Gagern.

Bekanntmachung,

betr.: Feldberetnigung in der Gemarkung Staufenberg.

In der Zeit vom 29. Januar I. I. bis einschließlich

4. Februar I. I. liegen auf dem Amtszimmer Großh. Bürger« meisteret Staufenberg folgende Verzeichnisse, nämlich:

1. DaS GeldauSgleichungSverzetchniß über den Zuviel« oder Zuwenig Empfang an Odstbaumwerrh im 2. und 3. Feld,

2. das GeldauSgletchungSverzeichntß über den Zuviel« oder Zuwenig-Empfang an Geländewerth irn 3. Feld, 3. daS Berzeichniß über die pro 1897 zu gewährenden Pachtrutfchädigungen im 2. Feld,

4. daS verzetchntß Über Entschädigungen sür nachträg­lich abgetretenes Gelände zu Weganlagen rc.,

5. daS Berzeichniß über die in die BereinigungSkaffe zu leistenden Vergütungen für nachträglich zugefallenes Gelände in Folge von Weganlagen rc.

zur Einsicht der Betheillgten offen.

Einwendungen hiergegen find bei Meldung des Au«' schluffeS innerhalb oben angegebener Frist bei Großh. Bürger­meisterei Staufenberg schriftlich etnzureichen.

Friedberg, den 24. Januar 1898.

Der Großh. Beretnigungs-Commiffär.

Dr. (Nöttelmann, RLgterungSrath.

Bekanntmachung.

Wir bringen hiermit zur öffentlichen Kenntniß, daß die Bismarekstraße zwischen Ludwig- und Stephanstraße von morgen an bis auf Weiteres für den Wageuverkehr gesperrt ist.

Gießen, am 26. Januar 1898.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

v. Bechtold.

Die auswärtige Politik Deutschlands. ii.

Schon mehrfach ist gegenüber den Derdächtigungen der franzöfischen Chauvinisten die Frage erörtert worden, weshalb denn nufere Regierung nicht klar und ganz unzweideutig officiell erklärt, sie habe in keiner Weise mit dem Excapitän Dreyfus in Verbindung gestanden. Wir haben ja im Laufe der letzten Zeit so oft die Wahrnehmung machen müffen, daß viele Franzosen fest davon überzeugt find, die Regierung, mit welcher Dreyfus Beziehungen gepflogen, sei die deutsche ge­wesen. Staatssekretär v. Bülow hat in der MontagSfitzung der Budgetcommisfion des Reichstages auch über diesen Punkt | Aufklärung gegeben, die hoffentlich genügen wird, alle Ber« dächtiguvgen gu zerstreuen.Unser Schild ist rein", daS klang aus den Worten des Ministers deutlich heraus, und

wrnn Jemand noch Zweifel daran hegen sollte, dem müffen sie genommen werden durch die wettere Versicherung, daß anläßlich der DrehfuS-Affaire die guten Beziehungen zwischen unS und Frankreich niemals irgendwie gestört worden find. Wenn vom Regierungstifche aus auf die Angelegenheit nicht weiter etngegangen wurde, so finden wir daS leicht eiklärlich, weil eS immer intime verhältniffe Frankreichs betrifft, auch wenn das Jntereffe daran über seine Grenzen hinausgeht.

Daß die ostafiatische Angelegenheit im verlaufe der ReichStagSsession zur Sprache kommen würde, dürfte al- selbstverständlich angesehen werden, da ja die Affatre ganz Deutschland in besonder- hohem Grabe bewegt hat. Wir haben vor einiger Zeit darauf aufmerksam gemacht, daß eS wegen Leistung von Genugthuung für die Ermordung deutscher Mtsfiouare in China ganz still geworden war, aber gleich­zeitig unserer Ueberzeugung Ausdruck gegeben, daß unsere Regierung die Sache ficherlich weiter kräftig betreiben werde. Daß wir uns darin nicht getäuscht haben, bestätigte Herr v. Bülow, welcher bereits die sämmtlichen Bestimmungen de- mit Cyina über jene Frage getroffenen UebereinkommeuS mit- zutheilen in der Lage war. Der Tod ber Missionare läßt sich ja leider nicht ungeschehen machen, aber waS unsere Re­gierung machen konnte, um die Thai moralisch und materiell zu sühnen, das haben wir erlangt. Bei dieser Gelegenheit berührte Herr v. Bülow auch die dauernde Besetzung der Rtao Tschau-Bucht durch deutsch- Marinetruppen und sagte die Ausarbeitung einer Deukschrist Über die Angelegenheit zu. Nach seiner Ausführung ist daS Fleckchen Erde, welches wir in China besetzt halten, ein von der Natur ganz besonder- bevorzugtes, welches für unsere handelspolitischen Beziehungen die größten Bortheile bietet und einer starken Entwicklung fähig ist.

Ueber die durch unsere Action in Oftafien entstehenden Kosten ist schon viel gesprochen worden. Daß mit Forder­ungen an den Reichstag herangetreten werden wird, ist selbst­verständlich und auch gerechtfertigt, da keine Bortheile ohne Auswendungen errungen werden können, und eS steht zu hoffen, daß der Reichstag den richtigen Weg finden wird, um die Angelegenheit in würdiger Weise und In nationalem Sinne zu erledigen.

Die Haltung Deutschlands im chinesisch-japanifcheu Kriege zu Gunsten Chinas ist bekanntlich vielfach Gegenstand der Erörterung gewesen. Man konnte es nicht begreifen, daß wir unS die Sympathien der Deutschen verscherzten, ohne daß unS eine Gegenleistung gemacht worden wäre. Vielfach hat man gemuthmaht, daß uns damals für spätere Zeiten

Bichs«

7.

lobt

11

' urh oofinW- gu

[nbJ'rnek-r«!

Feuilleton.

Goldene Hochzeit.

Novelleite von AgneS Schöbel.

(Nachdruck verboten.)

Die feierliche Einsegnung deS greisen Paare« war vor­über. Mau hatte sie etwas früh am Tage angesetzt, weil die alten Leute eS nicht mehr vertragen konnten, zu ungewohnter Zeit die Ruhe auszusuchen.

Nun begab sich der ganze Zug in die Wohnung deS Jubelpaares, voran die beiden Gefeierten

Er, immer noch stramm; Niemand würde bemerkt haben, daß der Tod ihm vor ein Paar Monaten auf die Schulter geklopft und gefragt hatte, ov es denn immer noch nicht Zeit fei. Nur war ihm die Gegenwart seit dem kleinen Schlag, ausall etwas gleichgtlttg geworden, «ein Denken wurzelte «ehr in der Vergangenheit. Und so streichelte er, Erinne« ruugen nachhängend, heimlich die Goldblumen in seinem Koopfloch, wie er vor 50 Jahren da« Myrthensträußchen geliebkoset hatte, welches ihm von der Auserkorenen seines Herzens gereicht worden war.

Jetzt schritt fie neben ihm, etwas kleiner geworden, die Schultern nach vorn gebeugt vom Druck der Lebenslasten, ein wenig trippelnd aus den erschöpften Füßen. Mit der Linken hielt fie den Arm des Gatten umfaßt, die Rechte trug steif und zierlich da« abgegriffene Gesangbuch. ES war sorg­fältig in ein seines Taschentuch eingehüllt, daS seit dem Tage der Silberhochzeit zusammevgefaltrt im Kasten geruht hatte. Leicht, einem filbernrn Wölkchen ähnlich, quoll das Haar der Greisin unter dem Schimmer des GoldkranzeS hervor. Ihre Augen waren klar und hell und scharf geblieben, wie der fast fiebzigjährtge Verstand, aber daS Gesicht ihrer Jugend hatte sich immer mehr zurückgezogen unter Falten und Fältchen.

Mit summendem, beschridenem Lärm, anfathmend nach der ergreifenden Feier in der Kirche, welche sich unter Schluchzen und dem Dröhnen der Orgel abgespielt hatte, ver­breitete sich die Gesellschaft durch die sonst so stille Wohnung, durch diese altmodischen Räume mit ihren verbrauchten Möbeln, ihren eingeseffenen SophaS, den thörtchten billigen Andenken, mit ihrer freundlichen Wärme, die viele Jahre eines guten Leben- ihnen eingehaucht hatten.

In dem blitzblanken StaatSzimmer, das sich gedehnt zu haben schien, war dir Haupttafel aufgestellt. Die Kinder und Enkel des Jubelpaare« hatten zu dem Feste alle« her« geliehen, was der W^rthschaft von ihnen nach und nach ent­zogen worden war an brauchbarem Porzellan« und Glas­werk. Große Sträuße blauen Flieder- prangten in den Vasen zur Erivnerung an die 50 Jahre zurückliegende Früh­ling-Hochzeit der Beiden. Durch die offenen Fenster schwebte die Luft herein, mild, weich und betäubend, auf goldenen Strahlen, auf dem Gezwitscher der hetmgek-hrten Singvögel.

Da« alte Paar saß so recht mitten im Sonnenschein, gleichsam eingehüllt in eine Atmosphäre von Liebe, erwärmt von den langen zärtlichen Blicken, welche sich auf die welken Gesichter hefteten.

Ueber ihnen hatte man die messingene Lichterkrone an- gezündet. Einem Kranze von Märchrnblumen gleich schwebten die rothen Flammen auf den langen weißen Stengeln, un­irdisch, seltsam feierlich und durch die Sonnenstrahlen hindurch merkwürdige Rrfirxe über die vier Generationen ougehörende Versammlung streuend.

Da waren ein paar erschöpfte, zitternde Mütterchen, die letzten übrig gebliebenen Bekannten au« der abgeklungenen Jugendzeit des alten Paares. Sie wackelten mit den Köpfen und erschienen so klein, als seien fie schon halb in die Erde hineingesunken, welche ihrer mit dem offenen Grabe harrte.

Sodann hatten fich alle Kinder der Gefeierten ein­gefunden, die meisten bereits selber gealtert und von einer Schaar von Nachkommen umgeben. Nur Fritz, der einzige Sohn und Spätling, der in dieser Wohnung seine Kinder­schuhe vertreten hatte, war in der ganzen Pracht seiner 26 Jahre gekommen. Mathilde, des Vater- LieblingStochter, welche einst daS erste Snkelchen gebracht, erschien besonder- gerührt und vermochte keinen Blick von den Eltern zu wenden. Ihr Sohn, Emmerich, war gerade früh genug von einer Durchquerung de« dunklen ErdtheilS zurückgekehrt, um sein broncebraune- Gesicht als Ueberraschung durch die Thür stecken zu können.

Und dann war da Jugend! Jugend! Ein ganze- Bouquet! Lauter kleine Enkelchen und Urenkelcheu, darunter zwei putzige Zwillingspärchen, die fortwährend prusteten vor Vergnügen über dieOßi" im Goldkranz und dem gleißenden Kleide, das fie nicht aufaffen dursten. Nach der langen Rührung in der Kirche kam da- Festmahl bald in Gang. Braten und Sompott dufteten, die Weinflaschen wurden ent­korkt. Bei der Jugend ertönte lautes Lachen und Geschrei. Man gab fich dort der prahlerischen Vorstellung hin, Cham­pagner zu trinken, weil man in den Weinfingeudes Wasser" schüttete, wie die großäugige Irene das SelterS zu neunen beliebte.

Das Jubelpaar genoß fast gar nicht-.

Die Jubelbraut feintet freundlich und mechanisch feie eine Königin, der daS Grüßen schon zur Gewohnheit ge­worden ist, und nippte von Zeit zu Zeit an ihrem Glase mit Rothwein, der ihr eigentlich zu trinken verboten war. Sie litt nämlich seit Jahren an heimtückischen Anfällen, die ihr daS Leben oft recht verbitterten, weil sie fich jeden Augen­blick bereit halten mußte, zu gehen, während fie doch gern noch recht lange geblieben wäre.

(Fortsetzung folgt.)