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Nr. 200 Zweites Blatt. Samstag den 27. August
1898
Eichener Anzeiger
Heneral-Anzeiger
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Fernsprecher Nr. 51.
Deutsche- Reich.
Berit*, 26. August. Die Abreise de» Kaiser- paare» von WilhelmShöhe erfolgt heute Abend. Die Kaiserin begibt sich sofort nach de« Neuen Palais bet Pot»da«, »er Kaiser nach Münster (Hannover).
Berlin, 26. August. Das Staat-Ministerium trat heute Nachmittag 3 Uhr norer dem vorfitz de» Finanz- Ministers Dr. Miquel tu seinem DteastgebLude zu eiuer Sitzung zusammen.
Berit*, 26. August. Dte ,W* erfährt von unter- richtete« Seite, daß ein Dermin für die Landtags- mahlen endgültig noch nicht festgesetzt ist, daß aber dte Wahlen vorausfichtlich Ansaug November stattfioden werden.
verlta, 26. August. In den nächsten Tagen sollen Kommissare der betheiligteu RefiortS wieder zu eiuer Soufereuz gusawmeotreteu, um über dte Abtretung der Medt- rinal - Abthetlung de» Lultu» - Ministerium» »ad deren Überweisung an da» Ministerium de» Jnueru zu Lerathen.
verlta, 26. August. Der .Berliner Loeal-Anzetger" meldet aus Loudon: während Signor Mareoai, der Gr- fnder der drahtlosen Telegraphie, von der irischen Küste au» mit seinem auf der Insel Rathlin befiudltcheo »sfisteoteu Glauville experimentirte, stürzte Glanville eine 300 Fuß hohe Klippe hinab und wurde getvdtet.
Arr-Krnd
Budapest, 26. August. Infolge de» Beharren» de» Grafen Thun auf dem bt»herigen bereits tu Ischl vertretenen Standpunkte find dte M t n t st e r - S o n f e r e v z r a abgebrochen worden. Dte österreichischen Minister kehren noch heute nach Wien zurück. Baron Banffy und Gras Thun werden fich nunmehr mit den hervorragenden Parteiführern in Verbindung setzen, um durch deren Beihilfe gegenseitige Looeesfioueu wachen 411 können.
No», 25. August. Präsident Mac «iolrh ließ de«
Feuilleton.
Die Arandsiifterin.
Criminal-Novellette von Rudolf Papendtck.
(Nachdruck verboten.)
Fröhliches Leben herrschte aus dem Rauschbacher Hof, denn Michael Staatslaus Rauschbacher, etu stattlicher junger Mann, feierte heute srtue Hochzeit mit Rose Herbst, der hübschen Lehrerstochter aus dem benachbarten Waldrode. A« vormittag hatte die Trauung in der hübschen Dorskirche zu 'Waagen stattgefuaden. Ja mit Sutrlondeu uod Blumen geschmückten Booten, vorauf eine Gondel mit Musikanten, mar die fröhliche Festgesellschast über dte lichtblaue Fluth des waldiees dahingefahren zum klrtueu Gotteshaus am jenseitigen Ufer. An der Pforte der Kirche hatte fich dte Bewohnerschaft von waldrode, uad utcht am wenigsten von Wangen selbst versammelt, um Zeuge dieses freudigen „Ereignisses" zu sei», denn die Verwählvng des reichsten MaoueS auf Meilen io der Runde mit der blutarmea „Schulmeisters Rose" war für die guten Dörfler eia Eretgntß.
Aller Pomp, wie er bet HochzeitSfestea aufgebotev wird, war hier tu doppeltem Maße eatfaltet. Dte Kirche glich einem Hain, das Portal schon war mit Laub- und Blumen- zewiadtu geschmückt, der Weg zum Altar mit Rosen und Tannen bestreut. Auf dem Altar braanteu vier mächtige Kerzen. Dte biederen Waldroder uad Waoger stecktta dte Köpfe zusawmeu und unterhteltrn fich tm Flüstertoae, um ganz zu verstummen, ol» der Pfarrer au» der Thür seine» Hauses trat uad die Menge, die ihm ehrerbietig, die Mütze m der Hand, Platz «achte, durchschritt. Einher wehtea die Klänge der Mufik über das Waffer, dte bauten Gondeln vurden sichtbar, da» junge Paar saß unter setaem Taaueo- baldachia uad schien dte Umgebung rings zu vergessen. Da» lemeitte besonder» Raute Möricke, dte glathäugtge Tochter re» reichen Ftscherwlrth». Sie hatte dte Hoffnung, fich den schmucken Michael Rauschbacher zu errtngea, «it aller Leiden- schäft in ihrem Herzeu genährt. Daß er eine Andere vorzog, Var mehr, als fie zu verwinden für deakbar hielt. Gin furchtbarer Ka«pf tobte tu ihrer Brust, etoe unfaßbare Fülle fcon Haß gegen dte „Andere", ein Durst nach Rache gegen Michael, «in — ein--Ihr Herz droht zu zerspringen-
Fe preßte die Hände gegen dea wogenden Busen . . .
Der Hochzeitszug ist gelandet. Die Orgel erbraust durch
Papst durch den Erzbischof von Ireland «ittheilev, daß dte katholtsche Kirche auf Luba alle Rechte und Güter fortbebalteu werde.
Mailand, 25. August. Bei der Ausfahrt aus dem Hafen von Genua stießen zwei Dampfer, eiaer mit Auswanderern, der andere mit Weia beladen, zusammen. Der Schreck unter den Auswanderern war ein ungeheurer. SS tarnen jedoch nur zwei Verletzungen vor. Beide Dampfer wurden in den Hafen zurückgeschleppt.__
Locale- und provinzielle-.
0 Ober Ohmen, 25. August. Ein schwerer Unfall trug fich gestern in einem hiefigev Steinbruch zu. Zwei hiesige Maurer, jüngere Mäuuer, waren in dem Steinbruch mit Sprengung voa Steinen beschäftigt. Sie hatte» eine Mine gelegt und waren mit deren Verkeilung und Verstopfung beschäftigt, al» die Ladung auf noch unaufgeklärte Weise zu frühe loSgiog. Beide Steinbrecher wurden unmittelbar am Kopf schwer getroffen, namentlich an den Augen. Bet dem einen befürchtet man den Verlust de» einen Auge»- diesem wurden weiter die zwei Mittelfiager der einen Hand ab- geriffeu. Der andere ist gleichfalls schwer an eine« Auge und am Hiuterkopf verletzt. Beide verunglückte wurde in die Klinik nach Gießen verbracht.
△ von der oberen Ohm, 25. August. Bor zwei Jahreu wurden im oberen Ohmlauf von Großh. Oberförsterei Nieder- Ohmen mehrere Tausend Stück Forellenbrut eingesetzt. Mau setzte damals wenig Hoffnung auf das Emporkommeu der eiugesetzteu Brut, zumal in manchen Gemarkungen die Gaten, bekanntlich große Feinde junger Fische, ungehindert Zutritt zu den Gewäfferu haben. Auch im vorigen Jahre sah oder gewahrte man noch weniger von den eingesetzten Forellen. In diesem dritten Jahr der Giusetzung aber zeigt da» häufige Vorkommen ganz prächtiger Forellen im oberen Laus der Ohm, daß das Gtusetzrn der jungeo Brut von beste« Gkfolg begleitet gewesen ist. So find dte Fangergebviffe au Forellen tu der Gemarkung Ober-Ohmen als ganz vortreff-
das GotteShans, das fich nun bis in den serasten Winkel gesüllt hat. Der Trauuogsaet ging an. In zu Herzeu dringender Rede feierte der Geistliche die schöne Stunde. Klar und fest lautete das „Ja" der holden Braut- kraftvoll ertönte es von des jaogeu Mannes Munde. Da — ein gellender Schrei, alles drängt nach einer Stelle- eine förmliche Panik entsteht. Raute Möricke ist ohnmächtig zusammen- gebrochen.
Unter minder fröhlichen Tönen als bei der Hinfahrt geht es zurück nach dem Rauschbacher Hof. Rose ist still und nachdenklich geworden, ihr ist nicht wohl, fie kann fich ihres Glückes nicht aus vollem Herzeu freueo, seit fie weih, daß sie gehaßt wird um seine» Besitze» willen. Und fie fürchtet fich geradezu vor der Zukunft, denn fie fühlt, daß etwas geschehen wird. Michael aber ist so zärtlich und lieb, daß fie fich schließlich etwas beruhigt. Auch er kann sich eines eigenen Gefühls doch nicht ganz erwehren. Gr weiß, daß Raute seiu junges Weib haßt, weil er ihre Blicke nicht verstanden, ihre Leidenschaft nicht erwidert, sie nicht statt der „armseligen Schulmeister-Rose" geheirathet. Roch tönt ihm jener gellende Aufschrei in den Ohren. Aber was kann denn er dafür, daß ihm ein Herz voll glühender Liebe entgegen- gebracht wird, wo er keines dagegen zu gebeu hat. Innig drückte er seine« jungen Weibe dte Hand, vorne schmettern die frohen Weisen in den sonnigen Maientag hinaus. Fröh- lich plaudert die GSsteschaar. Der Vorfall in der Kirche ist vergeffen. Schon tauchen die mächtigen Pappeln des Rauschbacher Hofes auf. Am Ufer harrt die jubelnde Menge. Durch eine schnell errichtete Shrenpsorte schreitet das junge Paar und die Gäüe, vorauf die Spielleute, und fröhlich schmettert es:
„Wir winden Dir den Jnugfernkrauz
Aus veilchenblauer Selbe *. . ."
Belt geöffnet find olle Fenster des geräumigen HauseS, das mttteu in blühenden Büschen und rauschenden Bäumen gleichsam wie ein verzauberte» Schloß verborgen liegt. DaS Licht fluthet durch den weiten Garten und schimmert auf den leicht bewegten Wellen des Sees. Die Musikanten haben berettS tüchtig aufgespieli und flott haben fich die Paare i« Regeu gedreht. Jetzt fitzt man an der reichbesetzten Tafel uod die Mufikanten oben auf der Estrade, die sich bereit» gestärkt haben, geben jetzt ein Eoncertftück zum Besten, bet welche« die Schalmei mit ihrem durch Mark uod Bein
liche zu bezeichnen. Der größte Feind aller Fischzucht, die Fischotter, kommt aber leider nach zu häufig im oberen Ohm- gebiet vor. Wenn io einzelnen Gemarkungen über da- ver- schwinden der Fische bezw. Verminderung de» Fischbestaude» Klagen geführt werden, so ist die Fischotter die Ursache davon. So hatten jüngst in der Gemarkung Ruppertenrod badende Knaben kaum daS Waffer verlaffen uod waren i« Ankleiden begriffen, al» eine Fischotter mitten durch den Vach geschwommen kam. Soll der Fischbestand eine- Bachbezirk» erhalten bleiben, so muß vorerst diesen Fischvertilgern de, SarauS gemacht werden.
Vermischt-».
• Trouetträoze. Dte „Hamb. Nachrichten" find in den Stand gesetzt für ihre Leser ein vollständige» verzeichniß der Trauerkränze znsammenzustellen, die bi» zum 19. August In Friedrich-roh eingetroffeo find — eS find ihrer nicht wenige, al- 1292 —um am Sarg des Altreichskanzlers niedergelegt zu werden.
* Kraft- und ArbeitSmaschiuen-AuSstellnug München 1898. Um den Fremden ein besonder» seltenes Schauspiel zu bieten, wird fich die Ausstellung jeden Samstag und Sonntag zu Ehren der Fremden in festlicher großartiger Beleuchtung darbieteu. Möge Niemand, der an den Fortschritten de» menschlichen Geistes regen Anthell nimmt, den Besuch der höchst sehenSwerthen Ausstellung versäumen und die günstige Gelegenheit, die fich jetzt darbietet, unbenützt verstreichen lasten. Den außerhalb München Wohnenden ist der Besuch sehr erleichtert durch dte auf allen bayerischen, «ürttembergischen, badischen und pfälzischen Eisenbahnstationen jeden Samstag und Sonntag zur Ausgabe gelangenden sogen. „Ausstellung»- karten" zum etnsachen Fahrpreise, welche, wenn fie to der Au»stellung abgestempelt worden find, zur freien Rückfahrt innerhalb zehn Tagen berechtigen.
♦ ElektrischeLeichrnzüge gibt e» schon jetzt in den Bereinigten Staaten. Der Leicheozug besteht au» mehreren
dringenden Gequieke die Hauptrolle spielt. Draußen io den Lauben, zwischen den Ginster- und Fliederdüschen zecht die Schaar der Knechte und Mägde und auf der Tenne, wo die Ziehharmonika in iotenfiver Thätigkeit ist, wirbeln die Röcke der Dirnen nur so und da» ansgelaffeoe »Juch!" der Tänzer, da» Stampfen der Holzschuhe zeugt von toller Lust.
Tiefe Dunkelheit liegt über den Hecken, den Wipfeln und dem Waffer, die Düfte der vlütheo ziehen darüber hin. Nur ein einsamer Nachen gleitet durch die Wellen und landet am Rauschbacher Hof. Drinnen im Hause fingt man Ruod- gesäuge und bringt Hoch» au». Eben hat der Förster von Waldrode sein Glas erhoben uod bringt es dem jungen Paare, deo Segen des Himmels und ungetrübte» Glück für alle Zeiten wünschend. Da plötzlich ein vielstimmiges Ge- schrei von außen her, markerschütternde Rufe, die Musik bricht schrill ab. — „Feuer! Feuer!" schallt es In wildem Durcheinander.
Entsetzt stürzt Alles an die Fenster. Barmherziger Gott, die hellen Flammen schlagen aus de« Dache der großen Scheune, uod auch die flbeigen Gebäude find im Nu von de« Feuermeer ergriffen, praffelod schlägt die Lohe zum Nacht- Himmel empor. Balken stürzen und in kurzer Zeit der gräß- lichsteo Verwirrung ist Alles dahin- an ein Retten war hier nicht zu denken. Händeringend steht Michael Rauschbacher au den rauchenden Trümmern. Er ist wie gelähmt. Dann entringt fich ein furchtbarer Schrei seiner Brust: „Wehe, wer hat mir da» gethani" Sein junges Weib hängt laut schluchzend an seine« Halse.
Da bringen fie ein Weibsbild, daS fie aus de« See aufgefischt. ES ist Raute. Sie hat ihr Werk vollbracht und wollte es mit de« Tode sühnen — fie wollte nicht ioS Zucht- Haus, aber ihn und — fie wollte fie unglücklich wissen. Sie wollte ihnen daS „Hochzeitsmahl würzen".
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Die Verhandlung ist geschloffen. Tiese Stille folgt de« Plaidoher des Staatsanwalts. Raute kla«merte fich ao die Anklagebank, um nicht wie damals zusammenzubrechen. Ihre Blicke streifen das Rauschbacher Paar. Ihr Rachewerk ist mißlungen. Die Feuersocletät hat Alles bezahlt. Der UrthellSspruch deS Schiedsgerichts lautet aof das Höchstmaß von zehn Jahren Zuchthaus. Die Mutter rührte daheim der Schlag, der alte Möricke ertränkte sich noch io derselben Stunde im Waoger See.


