Freitag den 27. Mm
1898
Nr. 122 Zweites Blatt.
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Gießener Anzeiger
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Amtlicher Theil.
Nr. 20 bei ReichS-GesetzblattS, ausgegeben den 21. d. M., enthält:
Nr. 2471. Gefetz, betreffend die Feststellung eines Nachtrag» zum ReichShauShalt-Etat für das Rechnungsjahr 1898. Vom 17. Mai 1898.
Nr. 2472. Bekanntmachung, betreffend die Einfuhr von Pflanzen und sonstigen Gegenständen des Gartenbaues, vom 17. Mat 1898.
Gießen, den 25. Mai 1898.
Großherzoglichei KreiSamt Gießen.
v. Gageru.
Die Candidatur des Prinzen Georg.
ES war recht still geworden betreffs der Kretafrage, insbesondere seitdem der spanisch-amerikanische Krieg dal Jn- tereffe ganz Europas in Anspruch nimmt. Deutschland hatte sein Kriegsschiff auS den britischen Gewässern zurückgezogen, und Oesterreich war bald diesem Beispiele gefolgt; beide hatten „die Flöte bet Seite gelegt". Die Regelung der Kreta-Angelegenheit hatte bekanntlich durch den Aulbruch del türkisch-griechischen Lonflict» eine Unterbrechung erfahren, »ud alle Pläne zur Einführung definitiver und geregelter Zustände auf der Insel mußten hinauSgeschoben werden. Inzwischen hat die Besetzung deS GouverueorpoftenS eine Zeit lang die öffentliche Meinung bewegt, und wir erinnern uns noch, daß ein Name dem anderen folgte, deffeu Träger all künftiger Gouverneur genannt wurde. Aber die Sache war nicht fo einfach, da die Mächte den Candidaten präsentiren und der Sultan ihn bestätigen muß. Die Anfichten der beiden zur Besetzung del Posten! uothwendtgeu Faktoren gehen aber bezüglich der Qualifikation del Bewerber! wett auseinander, «ud bisher hat es noch nicht gelingen wollen, die Aufichten unter einen Hut zu bringen.
Als zuerst der Plan auftauchte, den zweitältesten Sohu de! König! von Griechenland, den Prinzen Georg, zum Gouverneur von Kreta zu ernennen, da fand man diesen Vorschlag so kühn, daß an der Realifirung desselben ernstlich gezweifelt wurde. Man verhehlte sich zwar nicht, daß diese Candidatur erheblich dazu beitragen würde, die christlichen Bewohner Kretas zur Ruhe zu bringen und die Ordnung auf der Insel wieder herzustellen, aber man konnte einmal
nicht glauben, ag ein Prinz aus einem regierenden Hause den Gouverneurposten annrhmen, fich also unter die Suzeräuttät del Sultans stellen würde, andererseits sah man voraus, daß der Padischah dieser Candidatur gegenüber fich erst recht ablehnend verhalten und sie als Einleitung zur Annexion Kreta! seitens Griechenlands betrachten würde. Jedoch war e! Rußland, welches den Plan unterstützte und auf die Pforte einen erheblichen Druck auszuüben vermochte. Die! veranlaßte bekanntlich Deutschland und Oesterreich, fich um die kretenfische Frage nicht weiter zu kümmern, da ihnen die Sache ohnehin ziemlich gletchgilttg war, fie aber uicht zuzugeben vermochten, daß dem Sultan da! ihm völkerrechtlich zustehende Recht der Bestätigung verkümmert wurde.
Die Angelegenheit ist jetzt in ein andere! Stadium getreten, insofern, al! der Sultan fich bereit erklärt haben foll, den Prinzen Georg zum Gouverneur von Kreta ernennen zu wollen, bez«. ihm die Bestätigung nicht zu verfageu. Bewahrheitet fich diese Meldung, so liegt für die übrigen Großmächte kein Grund mehr vor, fich gegenüber dieser Art der Regelung ablehnend zu verhalten, vielmehr Beranlaffuug mit allen Mitteln dazu beizutragen, daß die kretenfische Frage endlich au! der Welt geschafft wird. Diel würde zur Aufrechterhaltung de! Frieden! wesentlich beitragen, da, so lange im Güdosteu Europa! nicht Ruhe »ud Ordnung herrscht, der europäische Friede stark gefährdet erscheint. Deshalb steht zu wünschen, daß die Angelegenheit nunmehr schleunigst geregelt wird.
(xx)
Deutsche* Reich,
Berlin, 25. Mai. Wie da! „Militärwochenblatt" meldet, ist der General der Cavallerie von der Armee, v. Krosigk, unter Belaffang äla suite de! Leib-Garde-Husaren Regiment!, mit Penfion, und v. Müller, General-Lieutenant und Inspekteur der 4. Caoallerte-Jnspection, tu Genehmigung feine! Abschiedsgesuches, mit Penfion — zur Disposition gestellt.
Berlin, 25. Mat. Dem „Reichsanzeiger" zufolge tst dem ersten Dragowan der Botschaft zu Konstantinopel, Testa, der Rothe Adlerorden zweiter Klaffe mit Eichenlaub und dem chinefischen Gesandten Lti Hat Hwan der Kroneuordeu erster Klaffe verliehen worden.
Kiel, 22. Mat. Die acht neuen Torpedoboote unserer Marine, welche den jüngsten Zuwachs der deutschen Torpedobootsflotte bilden, weichen in Form und Conftruction von den oiSherigeu Torpedobooten ab. Die
wesentlichen Unterschiede der neuen Boote find ein größere! Deplacement und eine erhöhte Fahrgeschwindigkeit. Die großen Fortschritte, die auf dem Gebiete bt! Torpedoboot- baue! namentlich in England gemacht worden find, veranlaßten die Marineverwaltuog, einen Wettbewerb tm Bau dtefer Boote einzuführen. Bisher war bekanntlich die Schichau- Werft in Elbing die alleinige Lieferantin. Die letzten, tm Jahre 1896 vom Reichstag bewilligten acht Torpedoboote wurden nun an zwei Werften vergeben; sechs sollten von der Schichau-Werft und zwei von der Germania-Werft erdaut werden. Die aus dieser Concurreoz hervorgegangenen Boote find nun in der That den früheren Bauten ganz bedeutend überlegen. Bei einem Deplacement, das bet voller Ausrüstung 155 Tonnen beträgt, besitzen die neuen Boote eine Fahrgeschwindigkeit von 25 Seemeilen in der Stunde, während bisher 21 bi! 23 Seemeilen die höchste Geschwindigkeit war. Zum Bau der Boote tst ausschließlich deutsche! Material verwendet wordrn. Der Bootskörper besteht au! Nickel- bezw. Spectalstahl, einem bei Marinebauten zum ersten Male verwendeten Material, da! dem früher verwendeten Viemeul-Martin-Stahl an Festigkeit und Dehnbarkeit bedeutend überlegen und namentlich auch gänzlich rostficher tst. Die ,Te,mania"-Boote find etwa! länger und tiefer, dagegen nicht ganz so breit al! die ,Schichau"-Boote; fie find 49 Meter lang, 5 Meter breit und 2,8 Meter tief. Die Armtrung ist bet allen Booten gleich, fie besteht au! einer 5 Centimeter Schnellladekanone und einem 8 Millimeter Maschinengewehr, sowie au! einem Ueberwafferbugrohr und zwei auf dem Verdeck eingebauten Brettfeitrohreu für Torpedo!. Die „Germania"-Boote haben Wafferrohrkeffel nach dem System Schulz, die „Schichau"-Bovte Shornhcroft-Kessel. Neben der Kohlenfeuerung haben alle Boote Einrichtungen für Theerölheizung. An FeuerungSmaterial können sie 30 Tonnen Kohlen und 7 Tonnen Theeröl mit fich führen. Die Kosten der Torpedoboote, einschließlich der Ausgaben für Armtrung und Probefahrten, belaufen fich auf 8 472000 Mk. Im kommenden Monat werden alle acht Boote zum aktiven Flottendieoft herangezogen sein. Sech! derselben find bereit! von der Marineverwaltung übernommen worden.
BreSlau, 25. Mai. W'e au! Ratibor gemeldet wird, vernichtete et« über die dortige Gegend viedergegangene! Hagelwetter die Saaten vollständig.
Marburg, 25. Mai. Ein tm Wohrathal gestern otedergrgangener Wolkenbruch hat großen Schaden an-
Feuilleton.
eint Wanderung durch Ipessart uud Rhön.
Reisesktzze von G. I O. Schm and t. *)
(Nachdruck verboten.)
„Wenn nur dal abscheuliche Regenwetter endlich etnmal aufhörte! Meine Gchweizerretse wird sonst ganz zu Wasser!" — ,Ja, und ich wollte nach Tyrol, damit wird! am Ende auch nicht!." — So kann man alljährlich viele Hunderte derjenigen Deutschen hören, welche e! in der Zeit der sauren Gurke nach dem Süden treibt. Sie alle wtffen zu erzählen von den schneebedeckten Bergen, den grünen Matten, der balsamischen Luft der Alpenländer. Fragt mau fie aber nach den Bergen der Heimath, dem Odenwald, dem Speffart, der Rhön, dem Vogelsberg, dem Taunus u. a., so kennen fie diese oft nur dem Namen nach, — fie find stet! „dran vorbei gefahren". — Und e! sind diese deutschen Wälder und Berge doch so schön! Sie bieten zur Sommerszeit eine solche Fülle reizender Aussichten, idyllischer Winkel, rauschender Wälder uud grünender Thäler, die Luft auf den Bergen ist ebenso kräftig und rein, die sonnigen Matten duften ebenso stark, wie in der Schweiz! Und mit leichter Mühe, mit geringen Kosten find alle diese Schönheiten unsere! Vaterlandes zu erreichen. Drum sollten alle Diejenigen, welchen Zeit uud Mittel Reisen nach der Schweiz, nach Tyrol und Italien erlauben, wenigstens einen Theil derselben dazu verwenden, Land und Leute der Heimath kennen zu lernen; fie werden nicht weniger befriedigt au! den deutschen Gebirgen heimkehreu, wie von einer weiten Reise. Denen aber, welchen der Kampf um! Dasein nur wenig freie Zeit übrig läßt, deren Kräfte bei dem rastlo! jagenden Treiben der
•) Dem Wuufche der Sektion Gießen deS D. u. £). A.'D. entsprechend, übergebe ich den tm vergangenen Winter in derselben gehaltenen Vortrag hiermit weiteren Kreisen, mit der Bitte an die geneigte Leserin und den aufmerksamen Leser, fich mit mir in den Sommer des Jahres 1890 zurückzuverfetzen. D. B.
Gegenwart vorzeitig erlahmen, kann nicht genug empfohlen werden, ab und zu die Berge und Wälder der Heimath zu besuchen, fie werden daun, ueu gestärkt, um so freudiger zu ihrer Arbeit zurückkrhren.
Der Speffart mit seinen endlosen grünen Wäldern, die herrliche Rhön mit ihren eigenartigen, oft phantastischen Fellbilduogeu find diesmal da! Ziel unserer Wauderuug. Bon Aschaffenburg, berühmt durch sein Schloß, die herrliche Stiftskirche und da! reizend gelegene, nach römischem Vorbild erbaute Powprjanom, brechen wir auf und erreichen durch da! Thal de! Gailbachs über Bad Sodeuthal oder auf der Höhe bleibend, über DürrmorSbach, nach mehrstündiger Wanderung da! schön gelegene Waldhau« der Aschaffenburger Spefsartfreunde „gur hohen Warte". Hübsche Anlagen — ein Spielplatz, Tische und Bänke unter schatten- spendenden Bäumen, eine Kegelbaba u. a. — umgeben da! Haus und dienen mit diesem den Bewohnern de! Städtchen! zur Raft uud zu beschaulichem Genießen de! herrlichen Waldes bei den zeitweise dorthin unternommenen Ausflügen. Die zahlreich vorhandenen Wegweiser (offen uni leicht den Pfad von der Hohen Warte nach Melpelbruun finden. Wir durchwandern herrlichen Buchenwald und kommen au eine reizende kleine Waldwiese, deren saftige! Grün dal Auge erfreut. Wieder eine kurze Strecke durch Wald und wir erblicken die fcheinbar h einem Kessel liegenden ersten Häuser von „Neudorf". Bald ist da! liebliche Thal der Llfava erreicht, welche! wir abwärts, Unter-Neudorf pasfirend, verfolgen. Schon von ferne grüßt die romanische Gruftcapelle herüber, welche die Grafen von Ingelheim an der Au!- münbung del kleinen Seitenthale! von Melpelbrnnn auf der Höhe dicht am Walde erbaut haben. Die mit schönen schlanken Eichen besäumte Straße führt uni tm Veiten- thälchen aufwärts nach Mespelbruun, welche! mit Recht als die Perle del Speffart bezeichnet zu werden pflegt. Bom Elfavathale kommend, erblicken wir zunächst oberhalb kleiner Weiher die Orcanomiegebäude sammt dem Forsthanl, dahinter, durch den Dchloßhof getrennt, da! inmitten etne!
künstlichen See! gelegene Gräflich Jogelhetm'sche Schlößchen, welche! fich von den üppig grünen Wiesen und dem dunklen Waide scharf abhebt — ein überaus liebliches Bild. Zwischen Birke und Ahorn treten wir in den Schloßhof — üverrascht bleiben wir stehen! Bor uns liegt der smaragdgrün schillernde See, au! welchem fich der altersgraue hohe Thurm, btc giebelbekrönten Schlohgebäude au» rothem Sandstein uvö der niedrige, runde Eckrhurm erheben, in welch letzterem der Fürstbischof Jnltul Echter von Würzburg im Jahre 1544 das Licht der Welt erblickt hat. Zwischen dem südlichen, erkergefchwückten Giebelbau und dem Havptthurm spannt fich eine Brücke, deren Bogen vom inneren Schloßhofe an» freien Blick über den See und den Zugang zu diesem gewährt. Zur Linken liegt, zwischen Bäumen ganz versteckt, da» kleine Wirthßhau», dessen Fenster au» der grünen Epheuwand traulich hervorlugen, während zu beiden Seiten hoch aus- strebende Tannen und Buchen mit ihrem gesättigten Grün einen wirkiam-u Hintergrund bilden. Die geschickte archi- tectouische Gruppirung der Gebäude — der Gegensatz der Farben von alter»grauem Gemäuer und leuchtenden Walde»- grün, rothem Sandstein und schillerndem Wasser — find von solch packender Wirkung, daß selbst der gerade grau in grau gefärbte, Regen spendende Himmel den Eindruck kaum zu beeinträchtigen vermag, welcher sich unserer hier im Schloßhofe zu Melpelbrunu bemächtigt.
Da» gut erhaltenen Schlößchen wird zeitweise bewohnt. Besonder» sehenswerth ist der Speisesaal mit der auf den See gehenden Loggia und den wappengeschmückten Fenstern au» Gla-mosaik. MeSpelbrunn, tu früheren Zeiten „ESpel- born" genannt, war lange Zeit Sitz der Fürstbischöfe von Würzburg und wurde von diesen erbaut. In seiner traulichen Umgebung und Abgelegenheit bietet e» dem Besitzer al» Sommerfrische die beste Zuflucht. In dem bescheidenen Wtrth»hause erhält man ei» gute» Glas Bier, auch Wein und kräftigen Imbiß. Zu längerem Aufenthalt ist e» jedoch nicht eingerichtet.
(Fortsetzung folgt.)


