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27.4.1898 Zweites Blatt
 
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Nr. 97

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Zweites Blatt. Mittwoch den 27. April______________________

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Hmtlid?er Tbeil.

Bekanntmachung.

Mit Allerhöchster Genehmigung Seiner Königlichen Hoheit bei Großherzogs ist dem Müntterbanoerein in Frei bürg i. B. die Grlaubniß ertheilt worden, die Loose der zum Zwecke btr Wtederh rstellung deS dortigen Münsters zu veranstaltenden PrSmtenlotterieen vorläufig bis zum Jahre 1901 einschließlich innerhalb des GroßherzogthumS zu ver­treiben.

Indem wir dies zur öffentlichen Kenntuiß bringen, be- merken wir, daß nach de« von der zuständigen Behörde ge- vehmtaten verloosungSplan für jede Ziehung 260,000 Loose zu 3 Mark au-gegeben werden dürfen und 322,000 Mark zu Prämien verwendet werden müsien.

Gießen, den 23. April 1898.

GroßherzogltcheS Kretsamt Gieße«.

v. Gagern.

Zu den bevorstehenden Reichstagswahlen.

Am DtenStag ist der Reichstag zu seiner vorausfichtltch letzten Tagungsperlode zusammrngetretev, um die noch restireu- den Vorlagen zu erledigen. Daß el mit der Srffion zur Rüste geht, ersteht man auch aus der Publikation des Ter­mini für die Neuwahlen zum Reichstag, die am 16. Juni stattfindeu sollen.

Mit großen Hoffnungen steht mau dem künftigen Reichs« tage entgegen, dem freilich weniger wichtige Aufgaben ob­liegen werden, all ste der nun kurz vor der Verabschiedung stehende Reichstag zu erledigen hotte. Schon die drei vor- lagen: Bürgerliches Gesetzbuch, Flottengesetz und Militär« strafproceßreform erheben die verfloffene ParlamentSsession »der daS DurchschnittSuiveau und wachen es den folgenden schwer, bezüglich der Wichtigkeit der BerhandluogSgegenstävde mit derselben zu concurriren.

Es könnte eigentlich müßig erscheinen, schon jetzt Be« trachtungen anzustellen über daS vorauSstchtliche Ergebniß her künftigen RetchStagSwahlen, insbesondere weil darüber noch niemals so völlige Unklarheit geherrscht hat, wie dies« «al. Der gegenwärtige Reichstag ist bekanntlich unter dem Eindruck del Kampfes um die HeereSverstärkuug gewählt worden, aber es machten stch doch schon die wirthschaftlichen Gegensätze in hohem Grade bemerkbar. Dies wird noch

mehr der Fall sein bei den bevorstehenden Reichstagswahlea, und man darf mit Recht behaupten, daß die WirthschaftS- politik das Feld vollständig beherrschen uud alle! ändere in den Hintergrund drängen wird.

Noch gar nicht lange ist es her, all der Mtquel'sche Ruf zur Sammlung erging. Noch konnte die Probe nicht auf da- Exempel gemacht werden, und die Frage, ob die Politik der Sammlung Erfolg haben werde, beschäftigt unaus­gesetzt alle Parteien. ES gab eine Zett, da man stch frohen Hoffnungen hingab und glaubte, der Erfolg könnte nicht aul- bleiben, aber die zweifelnden Stimmen haben zugenommen, während die zuversichtlichen sich schon jetzt In der Minderheit befinden. Die Gegensätze haben sich aber so thurwhoch auf­gehäuft, daß eS eine Riesenarbeit sein würde, dieselben rasch uud gründlich auS dem Wege zu räumen.

Sehen wir uns um im Kreise der Parteien, an welche vornehmlich der Ruf zur Sammlung erging. Können wir da einen uenvenswerthen Erfolg verzeichnen, dürfen wir hoffen, daß bet den nächsten RetchStagSwahlen dtese Parteien sich zusammenschlteßeu werden zur Bekämpfung des gemein­samen Feindes? SS müßten Zeichen und Wunder geschehen, wenn ein solche! Resultat einträte. Aber wer offene Augen hatte, der rechnete auch wohl kaum auf einen schnellen Er­folg, der mußte fich auf eine lange Vorarbeit gefaßt machen, und Alle, denen eS mit einer wirklichen Sammlung ernst ist, werden sich nur doppelt angespornt fühlen, daS Werk der Einigung weiter zu betreiben.

Wie schon oben gesagt, werden bet den nächsten Wahlen die wirthschaftlichen Rücksichten ausschließlich maßgebend sein, aber um so härter dürfte der Kamps werden. Wir sehen schon jetzt, daß die Gegensätze wirthscktastlicher Natur Gpal- tungen innerhalb der regierungstreuen Parteien hervorbrtugeo, die diesen letzteren gefährlich werden können. Hoffentlich kommt noch tu letzter Stunde dte Einsicht, daß, wo zwei sich streiten, der Dritte lacht, und dieser Dritte in den weitaus meisten Fällen der erbttterste Feind der beiden ist. Deshalb fei hiermit zur Borficht in dem bevorstehenden Wahlkampfe ermahnt. (XX)

Dcutfdpe* tUid?«

Berlin, 25. April. Das StaatSmtnisterium trat heute Nachmittag 3 Uhr tu (einem Dtenstgebäude unter dem Vorsitz des Reichskanzlers Fürsten Hohenlohe zu einer Sitzung zusammen.

Berit*. 25. April. Dal Abgeordnetenhaus haß heute in dritter Lesung das Eomptabilttätsgesetz definitiv an­genommen und iodaun dte erste Lesung der Secundärbahn-- Vorlage begonnen, deren Fortsetzung auf morgen 11 Uhr vertagt wurde.

Bertt*, 25. April. Die deutsch« chinesische Gesell­schaft tst nunmehr tnS Leben getreten. Zahlreiche hervor­ragende Mitglieder der hohen Aristokratie haben fich an be« Btlbung bteser Gesellschaft bethetligt. In bcn leitenden Aus­schuß wurden gewählt: daS Mitglied des Herrenhauses^ ReichStagsabgeordueter Graf Dönhoff-Frtebrtchstein, be« chinesische General v. Hanneken, der Präsident Heuttg-Donau- Eschtngen, der Generalbevollmächtigte der Fürstlich Fürste*- bergischen Güter Graf Ttele Winkler, der bekannte Groß- Grundbesitzer und Groß-Industrielle in Oberschlesteu, und Andere.

Berlin, 25. April. Liner Bekanntmachung bei Ministers beS Innern zufolge hat bte Auslegung be« Wähler­listen für die RetchStagSwahlen am 18. Mat b. I. zu beginnen.

Berlin, 25. April. Der Gefetzentwnrf betreffend bte Handelsbeziehungen zum britischen Reiche ist heute bem Reichstage zugegangen. Derselbe lautet: De« Bundesrath wird ermächtigt, den Angehörigen und den Er- zeugniffen deS vereinigten KöntgretcheS von Großbritannien und Irland sowie den Angehörigen und Erzeugntffen britischer Colonien und auswärtiger Besitzungen für die Zett btS zu« 80. Jult 1899 dtejentgen vorthetle etnzuräumen, bte SetteoS be« Reiche« ben Angehörigen oder ben Erzeugnissen bet meistbegünstigten Länder gewährt werben.

Berlin, 25. April. DerPost" zufolge wirb eine Reurralerklärung von Seiten DeutschlanbS Angesicht« be« spantsch-amertkantschen Kriege« nicht erlassen werben und zwar weil sich Deutschlaub burch irgend eine Form die Hände nicht binden taffen wolle.

HusUrab»

»er*, 25. April. Die spanische Regierung hat bem Bunb e«rath ein Memoranbum zugestellt, tn welche« sie bte Auffassung vertritt, Nordamerika habe da« Richt verletzt, indem e« eine gewaltsame Lösung beS spanisch-amerika­nischen CovfltcteS herbetführte.

Venedig, 25. April. An Bord de« Kriegsschiffe« Amphitrite- trafen der griechische Kronprinz mit

Feuilleton.

In Macht und in Wacht!

Zar 50. Wleeerkehr bc« GrburtSrage« de« König« £)-to I. von Bayern.

Don Dr. L. Müller.

(Schluß.)

Prinz Otto fehlte auch hier nicht. Mit Genehmigung feine« königlichen Bruder« und tn Vertretung deffelben begab er fich mtt dem Hauptquartier be« König« Wilhelm I über die französische Grenze unb war namentlich bei Seban am 1. September Augenzeuge ber unüberwindlichen Tapferkeit seiner Bayern, welche vor vazetlle« über die Hälfte ihrer Mannschaft in erbittertstem, todte«muthigstem, wiederholtem Ansturm und darauf folgende« mörderischem Straßeukawpf auf bem Dchlachtfelde ließen. Ganz im Beobachten ber Helbeothaten seiner Truppen verloren, sah mau ben jungen Prinzen Otto in ber Nähe be« preußischen König« auf ber Höhe von Frönot« stehen unb mit seinem Krtmstecher ben Gang ber einzigen Schlachr der Weltgeschichte versolgen. Seine Augen lenchteten auf, al« dte weiße Fahne auf beo Wällen bet Festung ben Sieg bet Deutschen verkündigte, unb herzlich erwiderte er den Händedruck de« alten Preußen- köntg«, bet dem Waffenmuthe bet Bayern vollste Gerechtigkeit widerfahren ließ.

Al« bann ber große 18. Januar 1871, der Tag ber Kaiserkrönung tu Versailles, die Fürsten unb Abordnungen ber Truppen im Sptegelsaale vereinigte, da erscholl de« Prinzen Otto kräftiges Hurrah mtt bem grandiosen Choru« durch bte wetten Räume des Schlaffes htn und weckte selbst rin Echo im Bayerolande am Throne Ludwigs II., der den Antrag zur Krönung gestellt hatte.

Dann kam der glorreiche Friede im März uud später unter nicht enden wollendem, frenetischen, an Raserei streifenden Jubel unb Beifallsjauchzeu der Einzug der sieg- reichen Boyern in München. Prinz Otto ward von Kränzen

und Sträußen förmlich überschüttet und ganz Bayern hätte sich für ihn und seinen König in Stücke reißen lassen, so enthufiaSmirt war man allerorten. Höher uud höher schlug da« Herz deS Prinzen und er fühltedie hohe Wonne ganz", einem Volke anzugehörea, au bet Spitze eines Volke« zu stehen, das ihn vergötterte.

Doch:

Noch Niemand sah ich fröhlich enden, Auf den mtt immer vollen Händen Die Götter ihre Gaben streu'n!

Die Vorsehung hatte e« ander« beschlossen. Aus da« Jauchzen der Freude sollte gar bald die tiefe Wehmuth, die Todteustille be« Schmerze« folgen.

Durch die Straßen der Städte, vom Jammer gefolget, Schreitet daS Unglück. Bald an dieser Thüre Pocht eS, Bald an jener, Aber noch Keinen hat es verschont'.

Auch an die Thüre des Münchener Schlosse« pochte da« Unglück. Durch die Straßen der Stadt schlich e« ungesehen dahin, bi« e« vor dem Sitze be« Prinzen Halt machte unb mtt seiner knöchernen Faust ben ehernen Thürklopfer hob. E« war Zett. DaS Glück war zu groß gewesen, ber Schmerz mußte e« dämpfen, ach, und für immer kämpfen!

Wa« war denn geschehen? Prtuz Otto von Bayern, ber schöne, herrliche Heldenjüngltng, war im Jahre 1872 als Wahnsinniger nach Schloß Rymphenburg bei München gebracht worben und wurde dort unter strenge ärztliche Auf­sicht gethav. Dort saß er in Pracht uud doch tn Nacht! O, schrecklicher, entsetzlicher Absturz! König Ludwig II. war aufs Tiesste erschüttert von der unglückseligen Kunde, eilte herbei, um seinen Bruder, seinen unglücklichen, armen, in der Nacht, in der fürchterlichsten, de« Wahnsinne«, da- fitzenden Bruder zu sehen. Er sah iHv, umarmte ihn und eilte, stumm vor Schmerz, verfolgt vom wirren Gelächter de« Irren, hinfort, um sich und sein Weh vor ber Menschheit

zu verbergen tn ber Einsamkeit, wo baS Herz, auch da« eine« König«, sich auswetuen und au«schreieu kann. Sech« langt Jahre vergingen, nie sahen sich bte betben Brüder tn btt Zwischenzeit wieder, da brachte man ben inzwischen von ben Aerzten für unheilbar erklärten Wahnsinnigen nach Schloß Schleihhei«, etwa« übet 14 Km. von München. Diese« Schloß, eine« ber schönsten und prächtigsten tn ganz Europa, umfing mit seiner Pracht einen tn ewiger Nacht de« Geiste« Dahinwandelnden und gab ihn kurze Zeit darauf an Schloß Fürstenried ab, wo der Unglückliche noch heute weilt.

Da kam da« Jahr 1880 unb am 24. und 25. August bte 700jährige Jubelfeier bet Regierung be« WittelSbach scheu Hause« unb würbe in München unb tm ganzen Lanbe festlich begangen. Welch eine bittere Ironie be« Schicksal«! Vor 700 Jahren war e« ein Otto von WtttelSbach, der bte Herr schäft be« bayerischen Köuig«hause« begründete, und jetzt ist e« ein Otto, der sie, wenigsten« tn der Hauptlinie, de- enden wird.

Doch e« war da« Maß noch nicht voll. Im Jahre 188t ergriff auch ben regierenden König der Wahnsinn. Wenige lege nach ärztlicher Feststellung der Unheilbarkeit der Geistes­störung gab er sich ben Tod in den Fluthen be« Stareuberger See« am 13. Juni. Prinz Luitpold, bet jüngere Brnber be« König« Maximilian II., hatte schon am 9. Juni btt Regentschaft für ihn übernommen unb führt nun dieselbe bi« auf ben heutigen Tag für ben tn Pracht unb doch in Nacht dasitzendea König Otto I. Mehrfache Anregungen, ba« Königthum von be« als hoffnungslos erklärten Geistes- kranken auf den Regenten zu übertragen, scheiterten bisher an ben Bestimmungen der bayerischen verfaffung.

Die Geschichte Bayerns enthält nichts Tragischere«, al« ba« Schicksal bteser betben herrlichen, tbeal angelegten, ewig unsterblichen, auch in ihrem Elende noch der Bewunderung wertheu WittelSbachet Ludwig II. unb Otto I.

In Pracht und und in--

--Nacht!