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27.3.1898 Drittes Blatt
 
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Nr. 73 Drittes Blatt._______Smntag den 27. März

1898

Gießener I nzeiger

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Politische Wochenschau.

DaS Jutereffe für die innere Politik coocentrirle sich im Laufe der letzten Woche fortgesetzt auf die Flotteuvorlage und drängte alle anderen Fragen zurück. Wrnn nun auch die Annahme deS Gesetzes nicht mit einer überwältigenden Majorität erfolgte, wie es die Regierung wohl gewünscht hätte, so hat die letztere doch immerhin einen großen Erfolg zu verzeichnen, der davon Zeuguiß ablegt, daß das vertrauen im Volke za der heutigen Regierung im Steigen begriffen ist. Daß dieses vertrauen fich auf daS feste und entschlossene Auftreten der jetzigen leitenden Persönlichkeiten gründet, haben wir bereits früher erwähnt. Und trotz dieser Energie läßt eS die Regierung nicht an Entgegenkommen fehlen, wie man an verschiedenen Beispielen darthun kann. So ist be­kanntlich bei der Postgesetznovelle der Wunsch überwiegend, daß die Privatuvternehmungrn im Falle einer Ausdehnung des Postregal- angemessen entschädigt werden. Trotzdem die Regierung einer solchen Forderung gegenüber fich zuerst durch­aus ablehnend verhielt, hat StaatSsecretär von Podbielski fich jetzt bereit erklärt, Vorschläge nach jener Richtung hin auszuarbeiten und dieselben dem Reichstage zu unterbreiten.

Zu einer Handel-vertragSdebatte dürfte es tu nächster Zeit kommen, wrnn daS provisorische Uebereinkommen mit England, welches im BundeSrath fertig gestellt wird, an den Reichstag gelangt. Man wird dann schon einen kleinen Dor» geschmack erhalten von den Verhandlungen, die im Jahre 1903 vor der Erneuerung der großen Handelsverträge stattfiudeu werden. Welchen Standpunkt die Regierung bei der bevor­stehenden Debatte einnehmen wird, darauf dürfte man ge­spannt sein.

Auf dem Gebiete der inneren Politik dominiren bereits die Vorbereitungen für die Wahlen- auf zwei Seiten wird jetzt eifriggesammelt". Nicht zu unterschätzen wäre e- ja, wenn künftig nur noch zwei Parteien einander gegenüber- stehen würden, aber es ist doch fraglich, ob die Eintracht lauge anhalten wird.

DaS österreichische Parlament hat am Moutag seine Sitzungen wieder aufgenommeu. Die Wahl des Ab- geordneten Dr. FuchS zum Präsidenten hat bekanntlich neuerdings Scandale der Schönerer-Partei hervorgerufen - trotzdem darf man der Hoffuung Raum geben, daß eine Be­ruhigung der Gemüther eintritt und eine parlamentarische

Thätigkeit ermöglicht wird. An Stürmen dürste eS ja auch ferner nicht fehlen, dazu werden schon die Anträge auf Ver­setzung Badeuts in Avklagezustaud, auf Regelung der Sprachen- frage Veranlassung geben, aber der gesunde Menschenver­stand muß doch wieder einmal Oberhand gewinnen. Die Deutschen Oesterreich- mögen bedenken, daß ihre Handlung-- weise, so manche Berechtigung fie auch haben mag, dem Um­stürze Vorschub leistet.

Ein neuer Confllct steht der Pforte bevor durch die Ermordung des Priester- iu volo Seiten- türkischer Sol- baten. Da die Geistlichkeit iu Macedonien unter franzöfi- fchem Schutze steht, so dürfte Frankreich ein ernste- Wort mit dem Sultan sprechen und ihm eine angemessene Ent­schädigung sowie sonstige Genugthuung abverlaogen. Iu letzter Zett ist wieder viel von der Candtdatur de- Prinzen Georg von Griechenland zum Gouverneur von Kreta die Rede gewesen - wir wollen an diese Frage hier keine weiteren Erörterungen knüpfen, ehe dieselbe nicht entschieden ist.

Widersprechend lauten fortgesetzt die Meldungen aus Oftasien und über daS Vorgehen Rußlands. Noch immer steht eiue Antwort Chinas auf da- russische Ultimatum an-; die chinefische Regierung windet fich und möchte den Armen Rußlands gerne entfitehen, waS ihr aber schwerlich gelingen wird, vielfach mißt man einer Nachricht, die au- Ostafien eingelaufen ist, größere Bedeutung bet. Es hieß nämlich, die Häupter der Mongolenstamme würden eine Versammlung ab- halten, um Über ihre Stellung zur jetzigen Maudschu-Dhnastie zu berathen. Ist e- so ganz unberechtigt, wenn man au- nimmt, diese Versammlung finde auf Betreiben Ruß­lands statt?

Durch die Erkrankung Lord Salisburys gewinnen die Meldungen, daß der englische Premierminister fich inS Privat­leben zurückzuziehen wünsche, an Wahrscheinlichkeit. England würde damit eineu seiner bedeutendsten Staatsmänner ver­lieren, und man wird bei seinem Rücktritt vergessen müssen, daß die englische Politik in den letzten Jahren nicht allzu er­folgreich war.

Zum Schluß wollen wir noch einen Blick werfen auf Spanten und die Vereinigten Staaten. Wir haben immer den Standpunkt eingenommen, daß die Angelegenheit viel zu sehr aufgebauscht worden ist. Wie Recht wir hatten, beweisen die Thatsachen, denn an den AuSbruch eines Krieges ist wohl nicht mehr zu denken. (xx)

Feuilleton.

Aus grweihtrn Landrn.

Von Karl Böttcher.

(Origtnalbericht unseres Special-(Korrespondenten).

(Nachdruck verboten.)

VIII. Jerusalemer Touristeu-Typen.

Jerusalem, 7. März.

Nun steckt Jerusalem, da- weihevolle, mitten iu seiner Hochsaison. Täglich keucht die Eisenbahn dichte Menschen- Hausen herbei, am Bahnhöfe erwartet von sämunlicheu Jerusalemer Hotelwageu. Die Gesammtheir dieser tapferen Orieutreiseuden, was ist fie zumeist? Ein rtefigeS Packet, da- geschickte Reiseunternehmer von einer Station des Mittel- «eereS zur anderen schubsen- bald rollt e- in gehöriger Pressung auf der Eisenbahn dahin, bald wird eS iu qual­volle Euge der Schisse verstaut, bald möglichst flott vou einer SeheuSwürdigkeit zur andern gekugelt. Je mehr Geld bei diesem Transport durch die mangelhafte Verpackung fickert, desto besser.

Während fich der Meuscheustrom in die ernste Stadt ergießt, während er in den nächsten Tagen die Straßen, Restaurant-, heiligen Orte, Hotel-, Spelunken durchfluthet, stürze ich mich mitten hinein in seine Brandung, um einige besonder- characteristische Touristen-Typen herau-zufischen.

Wie? Kommen nicht Alle mit gleichem Empfinden? Wurden fie nicht herangezogen von den mächtigen, über der Stadt schwebenden Erinnerungen? Erscheint ihnen nicht die Verwirklichung der Jerusalemfahrt wie ein Feenmärcheu? , . . Ach, die Meisten kommen ohne Weihe, ohne Ehrfurcht, ohne Begeisterung, nur überfrachtet vou blafirter Gleich­giltigkeit ! i«.

Wie unternehmend fich aber auch Mancher von ihnen außrüstete! Er steckte wie ein Salontyroler die dürren Beine tu großcarrtrtr Wadenstrümpfe, hängte gleich einem Wüstenreiseudeu ein weißleuchtende» Tuch gegen diefurchtbar heruiederbrenneude Sonne" üder den Kopf, bewaffnete fich

mit einer blaueu Schutzbrille wie unter dem Aequator, schob einen blitzblanken sech-läufigen Revolver iu die mattgelbe Ledertasche, versah fich mit etuer kräftigeu Reitpeitsche und merkt jetzt gar nicht, daß er in solch martialer Aus­stattung bei den Jerusalemer Arabers, welche auf kletueu Stühlen vor den.CafSs herumhocken, eine derb humoristische Figur spielt. Ach, nicht einmal im Traume werden diesem wackeren Helden solch graudtösen Gefahren bescheert, gegen die er fich so überschwänglich wappnete!

Ja etuer jener zuvorkommenden Kneipspelunkeu, welche den Ortentreiseuden einige Tonnen Münchener Bier voraus­fahren laffeu, nehme ich einige unserer deutschen Landsleute auf» Korn. Ja der von Tabaksgewölk erfüllten Atmosphäre der Fässer legen sie fich bis in die tiefe Nacht vor Anker, trinken den infolge mangelhafter Pflege recht mäßig ge­wordenen Stoff au- kleinen Gläsern für große- Geld, igno- rtren vollständig die vorzüglichen billigen einheimischen Weine und krttifiren dazu da- fremde, ihnen bereit- seit der Ewig­keit von mehreren Stunden bekannte Land in abspcecheudster Weise.

Was?" näselt Einer,tu einem solchen Loch wie diese- Jerusalem kann doch ein anständiger Mensch nicht länger als zwei Tage leben!"

Schüchtern spricht ein Einheimischer dagegen.

Nanu!" ruft wieder der Erste,da find Sie wohl aus diesem Neste noch gar nicht herau-gekommen?*

Doch! Und wie! Ich bin geboren in Newyork, ge­tauft in London, confirmirt iu Part-, sonst aber ein Kölner Junge!"

Trotzdem dieser Jerusalemer mit internationalem Gepräge spielt iu seiner Bescheidenheit gegenüber dem robusten Austreten jene- Manne- aus Trruenbrtetzen au der Knatter nur eine untergeordnete Rolle.

Kennen Sie Lichterfelde?" Eiu anderer Reisender wirft mit dieser aufregenden Frage nur so um fich. Wer da mit seiner Geographie Schiffbruch leidet, finkt ganz erficht- lich hundert Proceut in der Achtung diese- Biedermannes. Wie kann ein Mensch aber auch die Weltstadt Lichterfelde

Aus de« Verhandlungen der Zweite« Kammer der hessischer« Stünde.

G. Darmstadt, 25. März 1898.

Nach Genehmigung einer Regierungsvorlage aus Ver­kauf eine- fircalischeu Steiubruche- tritt die Kammer in die Berathung der s.Z. zurückgrstellten Cap. 5556, LaudeS- hospital uud LandeS-Jrrenaustalteu, ein.

Der Ausschuß hat in ttx Anficht, daß der Staat fich der denkbar humansten Behandlung der Irren, dieser Un­glücklichen der menschlichen Gesellschaft, die außerdem durch ihren Zustand eine langwährende drückende Belastung ihrer eigenen Familien, ja mitunter deren Verarmung verursachen, nicht entziehen kann, den geforderten Betrag der Regierung ohne Strich bewilligt. Die Großh. Regierung schlägt noch weiter vor, den jetzigen Aufnahme-Modus zu verlaffeu und dafür zu bestimmen: a. die Armeuverbäade werden in der Regel bis zu einer Höhe zwischen dem untersten und mittelsten Satz, in besonderen Fällen auch bi- zum vollen Mittelsatz der 3. Pflegrklaffe herangezogen- b. da- Pflege­geld wird in der Regel dementsprechend auf 320 Mk. fest­gesetzt. Hierdurch würde erreicht, daß nach der Anficht Großh. Regierung eine Summe von 99 825 Mk. für die Fioauzperiode mehr vereinnahmt werde». Wetter schlägt die Regierung noch vor, die Vergünstigung der freien Verpflegung für Pfleglinge der 3. Klaffe, welche erweislich innerhalb der ersten zwei Monate nach Eintritt der Geistesstörung in die Anstalt gebracht wurden, fallen zu laffeu und dafür zu be­stimmen, daß den weniger Bemitteltrn, wo es die Umstände erheischen, sogar bi- zu einem Sechstel de- niedrigsten SatzeS da» Pflegegeld erlaffen, und wo auch dieses nicht geleistet werden kann, der Armenverband für den vollen Pflegesatz einzutreten habe. Gegen diesen Antrag wenden fich die Abgeordneten Köhler, Erk, Schönfeld u. A. Besonder- die geplante Abwälzung von StaatSlasteu auf die Kreise führte zu einer lebhaften Debatte. Sämmtliche Redner waren der Anficht, daß eine gerechtere Dertheilung der Pflege- kosten der Landarmen erfolgen möge. Die Abgeordneten Köhler, Ulrich und Kramer stellen einen Antrag, wo­nach fämmtliche Kosten dieser Anstalten auf die Staatskasse übernommen werden.

Der Antrag des Au-schuffe-, für Capitel 55 den Be­trag von 167 385 Mk. und für Capitel 56 134000 Mk.

nicht kennen, zumal wenn der Fragende dort etwa Weißbier- wirth, Häuservermiether, wohl gar Reserveoffizier ist oder eine ähnliche Würde in der Welt herumkutschirtl

Da ist gleich noch Einer, der seinen schönen Titel nach Jerusalem spazieren führt, den klangvollenKammerherr Seiner Majestät". Bei jeder passenden und nicht passenden Gelegenheit kleckert er diese blitzende Titulatur herum, trumpft er allergnädigst diese strahlende Würde aus. Ein Eseljunge zeigt mir rriumphirend sein Zeuguißbuch derKammer­herr Seiner Majestät" hat fich in schwungvollen Zügen ein­getragen. Ein Spelunkeawirth will den Arabern durch Vor- legen seine- Tagebuches iwponiren derKammerherr Seiner Majestät" ist auf der ersten Seite mit einem genialen Schnörkel vertreten. Der sonnenverbrannte Kutscher Abdallah mußte mit seinem Dreigespann bereit- allerhand hohe Herr­schaften tranSportireu derKammerherr Sr. Majestät" hat fich bet dieser schönen Gelegenheit in Abdallah« Notizbuch verewigt. Hoffen wir zuversichtlich, daß der Herr ^Kammer- Herr Sr. Majestät seinen strammen Titel trotz aller Fähr- lichkeiten der Reise glücklich wieder nach Hause bringt.

Weiter kommen wir die allelneuesten Touristen-Thpeu in Sicht solche, welche fich nur für eine Stadt interesfiren, sofern fie ein brauchbare-, Sujet für illustrirte Postkarten bildet. Einer dieser Braven, der etwa infolge seine- glück­begünstigten, schwungvollen HäringShandel- bi- zum wirk­lichen Präfidenten einer Stammtisch-Gesellschaft avancirte eine zu Kopf steigende Würde, die er auf seiner Btfitenkarte anbringen ließ erledigt am einsamen Kneipttsche seine Riesen-Correspondenz. Bor ihm erhebt fich ein babylonischer Thurm von AnfichtSkarten, auf die er jetzt in fliegender Hast alle möglichen Bleistift-Adressen kritzelt. . . . So, da« wäre geschehen! . . . Nun beginnt ans der Rückseite da- Schreiben des Texte- nein, da- Beklexen sämmtlicher Karten mit einem großen Gummistempel:Besten Gruß sendet Friedrich Müller, Senior derStadt Pilsen", Leipzig, z. Zt. Orientreisender."

Nun gar die Frauen, welche soeben gestieulirend und schwatzend eintreteu! Sie find auf dem Oelberg herum-