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Freitag den 26. August
Nr. 199 Erstes Blatt.
1808
Gießener Anzeiger
General -Anzeiger
Amts- und Zlnzeigeblatt für den Kreis Gieren.
Expedition and Drodrrri:
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Bei«N»< »en Anzeigen zu der Nachmittag» fir den falyubm Tag erscheinenden Nummer bi» Bar». 10 Uhr.
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Fernsprecher Nr. 61.
Die preußischen Landtagswahlen und die I Sozialdemokratie.
Wir haben bereits vor einigen Tagen bei Besprechung des künftigen preußischen Abgeordnetenhauses darauf hin- gewiesen, daß die Sozialdemokraten den Beschlüssen des Hamburger Parteitage» entsprechend diesmal ihre Kräfte messen müffev. Aber schon damals, gleich nach Fassung jenes Beschlüsse» machte sich eine starke Opposition gegen denselben geltend, und mehr oder weniger offen wurde Widerstand proclawirt. Nun ist der Zeitpunkt nahe herangekommrn, und es muß sich jetzt bald Herausstellen, wie stark die Di»- eiplin innerhalb der sozialdemokratischen Partei ist. In denjenigen Bezirken, wo die Sozialdemokcatie besonders domiuirt, d. h. io den großen Städten, nimmt sie Stellung zu den bevorstehenden Wahlen. Auch in der Reichshauptftadt hat bereits zu diesem Zwecke eine Versammlung stattgefuudeu, die in mancher Hinficht demerkeoswerth ist. Zunächst zeigte U sich, daß im Lager der Genossen über ihre Stellungnahme keineswegs schon Klarheit herrscht, daß vielmehr die Un- entschiedeobeit noch sehr groß ist. Da es aussichtslos erscheint, daß die Sozialdemokraten in Berlin mit einem eigenen Eaudidaten durchdringen werden, so wurde von einer Seite vorgeschlagen, daß man gleich von vornherein für die frei- sinnigen Caudidatev eintreten solle. Dagegen erhob sich aber entsch ebener Widerspruch, weil man bekanntlich in Berliner sozialistischen Kreisen auf den Freisinn nicht gut zu sprechen ist, und es wurde nach lebhafter Discusfiou ein Antrag angenommen, wonach von der Brtheiligung au den Wahlen z m preußischen Abgeordnetenhause diesmal Abstand zu ntQUun fei.
Hierdurch wird unsere bereits mehrfach ausgesprochene Ansicht, daß die Landtagswahlen keine wesentliche Verschiebung in den Parteiverhaltnissen ergeben würden, nur bestätigt. Freilich ist mit dem Berliner Beschluß keineswegs gesagt, daß demselben nun auch Folge gegrben werde. Etwa 2000 Personen haben sich an jener Versammlung brtheiligt, und die übrigen Tausende stehen entweder der Sache gleichgiltig gegenüber oder sie werden ihre eigenen Wege gehen. Und die Gevoffen im Lande, werden sie sich der in Berlin gefaßten Resolution fügen? Es kommen vielleicht locale In- tereffen tu Frage, welche ein werklhätiges Eingreifen tu die Wrhlbrwegung nö.hig machen. Jedenfalls hat die Versammlung in Berlin schon gezeigt, daß kaum auf ein geichloffeoes Dor- gehen der Sozialisten gegenüber den preußischen Abgeordorteu- hauswahleo gerechnet werden kann, und daß die Organisation der Partei in dieser Hinsicht völlig versagen wird. Es ist also begründete Aussicht vorhanden, daß wir vor der großen Umwälzung, welche die Sozialdemokratie so gern in der Zweiten Kammer Hervorrufen möchte, noch mindestens fünf Jahre verschont bleiben. (xx)
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2 Mark 20 Pi» monatlich 76 ffe- mit Brmgrrlotz».
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Aurlaud
Wien, 24. August. Wie der „Politischen Correspondenz" aus Sofia gemeldet wird, erhält Fürst Ferdinand nächsten Monat den Besuch der Königin von Rumänien und von Griechenland.
Olmutz, 24. August. Ju der Wallfahrtskirche auf dem heiligen Berge brach infolge falschen Feuerlärms eine große Panik au». Mehrere Wallfahrer wurden schwer verletzt, ein Kind wurde erdrückt.
Budapest, 24. August. Die Ausgleichs-Verhand- luugeu haben heute vormittag 11 Uhr begonnen. Beide Regierungen haben sich verpflichtet, über die Berathungeu strengstes Stillschweigen zu beobachten. Bor Allem soll dem Kaiser Bericht erstattet werden. Sobald derselbe das voraus- sichtlich progressive Ergebniß genehmigt haben wird, soll dasselbe in Gesetzesform umgewandelt, de« ungarischen Reichs- rathe unterbreitet und publicirt werden.
Nom, 24. August. Das Befinden des Papstes ist fortgesetzt ein günstiges. Er macht häufig längere Spazier- gäuge in de« vaticavischen Parke. Die in den letzten Tagen eiugetroffruen katholischen Matrosen von dem englischen Ge-
frf4clal ILgNch ■ui Ausnahme de» Montag».
Die Gießener yemUteeiratKr »erden dem Anzeiger »scheutiich viermal dergelegt.
schwader wird der Papst persönlich empfangen und bet dieser Gelegenheit in der fixtintschen Lapelle eine Mrffe lesen.
Athen, 24. August. Bisher ist dem hirsigen Hofe keine Nachricht zugegangen, daß Ka ise r Wilhelm anläßlich seiner Palästinarrise hier zu Besuch eintrrffen wird.
Athen, 24. August, »ine thessalische Deputation ist hier eingetroffeu, um der Regierung und der Kammer sür die vertheilung von 8 Millionen Drachmen au die theffalischr Bevölkerung zu danken.
Hongkong, 24. August. Die hiesige Regierung bewilligte den amerikanischen Kriegsschiffen die Vornahme von Reparaturen im Hafen.
Havanna, 24. August. Eta neuerliches De miss ton«- gesuch des Generals Blanc» wurde von der spanisch« Regierung angenommen.
New-York, 24. August. General Augustin hat sich au Bord des Dampfer- „Baben* begeben Die Zahl der Erkrankten im amerikanischen Heere auf Portorico beträgt etwa tausend. Die meisten liegen an Typhus darnieder. Der Gesuudheitsrath verlangt die sofortige Einschiffung der Kranken nach den vereinigten Staaten. Admiral Schley ist ebenfalls erkrankt.
— Wirklich wunderbar ist e-, auch bei den jüngsten Erwerbungen in Ostasieu wieder Rußlands Geschick zur Besiedelung zu beobachten. Der Ruffe ist an alle Arten Anstrengungen und Entbehrungen gewöhnt,- er ist mit dem Allerwenigsten zufrieden und äußerst lenksam, bereit, jedem Führer zu folgen, wohin er auch immer geführt werden mag. Auf diese Weise bietet daS russische Volk prächtigen Stoff für die Befiedluugspläue in China dar. Außer daß die Klein Rusien (da- ist der Volksstamm, aus welchem die Don- und Sapasojtfi-Kosacken hauptsächlich genommen werden) vor- treffliche Ackerbauer find, geben sie auch gute Soldaten ab. Es ist daher nicht verwunderlich, daß die russische Regierung Denjenigen, welche nach Taltenwan und Denjenigen, welche in das Innere der Mandschurei answandern wollen, große Bortheile verspricht. Und wenn die russische Regierung etwas vor hat, so thut sie eß ganz, bleibt nicht auf halbem Wege stehen, namentlich wenn es sich um Reichspolttik handelt. Die russische Regierung hat jedem Auswanderer nach China die nöihige Ausrüstung, d. h. Kühe, Pferde und Ackerbau- geräthe und außerdem ein Darlehen von baarem Gelde, das in leichten Abzahlungen zurückerstattet werden soll, versprechen. Im ersten Jahre wird die russische Regierung den russischen Bauern mit der nöthigen AuSiaat versehen. Jeder solche Auewanderer erhält kostenfreie Fahrt nach China. Tausende von „Muschick»", welche ihre dreijährige militärische Dienstzeit vollendet Haden, find bereit, nach China zu gehen. Sie liefern natürlich einen prächtigen Menschenstoff, falls es zum Kriege im fernen Osten kommen sollte. Die Schiffe der so- genannten Freiwilligen-Flotte und die der russischen „Dampf- schifffahrtS- und Handels-Gesellschaft* schaffen fie nach de« fernen Orient.
— Auf den Philippinen haben die Nordamerikaner die Aufständischen, welche die Borstädte im Osten und Norden Manilas besetzt hielten und Neigung zur Festsetzung in Manila selber zeigten, dazu aufgefordert, fich nach ihrer ursprünglichen Stellung zurückzuziehen, so daß zwischen ihrer (der Aufständischen) Stellung und der Stadt ein neutraler Gürtel bleibe. Nach einer weiteren Drahtmeldung hat nun Aguinaldo den Ausständischen befohlen, bte Waffen nieder- zulegen. Der nordamerikanische General Merritt hat die Geschäfte als Gouverneur übernommen. In Madrid erklärte Ministerpräsident Sagasta, da Jaundenes in Manila kriegs- gefangen, sei General Rios General - Gouverneur der Philippinen. — Welchen Antheil die Nordamerikaner von den Philippinen haben wollen, wird jetzt bekannt. Nach einer Meldung des „New-Uork Herold" aus Washiugton wies Mac Kinl'y die Friedeuscowmisfion dahin an, wenigstens die Insel Luzon für die vereinigten Staaten zu fordern. Auf Lazon findet fich bekanntlich die Hauptstadt Manila. ES scheint fich sonach mehr und wehr zu bestätigen, daß Nordamerika zwar nicht gleich förmlich die ganzen Philippinen verlangen, aber fie doch in der That beherrschen will. — Zu« englisch-amerikanischen Zwischenfalle, bei dem angeblich die Schiffe klar zum Gefecht gemacht haben sollten, schreibt die „Köln. Ztg.", weder die Deutschen noch die Franzosen hätten Grund gehabt, die Beleidigung des englischen Kanonenbootes zu rächen. Daß sie gegen das unrichtige Verhalten der Amerikaner Einspruch erhoben hätten, fei möglich. Eine besondere Bedeutung sei de« Zwischenfall nicht beizumeffen.
Deutsches Ueieh.
Darmstadt, 24. August Aus Jagdschloß Wolfsgarten, 23. August, wird der „Darnist. Ztg." gemeldet: Seine Königliche Hoheit der Großherzog begaben Sich gestern nach Frankfurt und trafen dort mit Ihren Königlichen Hoheiten der Großherzogin und der Prinzessin Ferdinand von Rumänien, Allerhöchstwelche von Langen-Schwalbach kamen, zusammen. Die Allerhöchsten Herrschasten begaben Sich alsdann nach Homburg v. d. H. und kehrten Abends nach Jagdschloß WolfSgarten zurück, während sich Ihre Königliche Hoheit die Prinzessin Ferdinand von Rumänien nach Langen Schwalbach zurückbegab.
Berlin, 24. August. Die Mainzer Kaiserrrde. Nach dem „Rh. Cour." hat fich der Kaiser in Mainz über die Entstehung des Reiches etwas abweichend von der bis- berigen Lesart folgendermaßen geäußert: „Das neue Deutsche Reich ist entstanden ans dem gemeinsamen Drang des druts^n Volkes nach Zusammenhang und Oberhaupt. ES baute fich auf der Grundlage der Vaterlandsliebe auf. SS ist ihm Form und Kraft gegeben durch Meinen Großvater und seine Räthe. Ich bin fest eutschloffeu, da» Erbe Meiner Väter und den Frieden, der Mir so theuer ist, mit allen Meinen Kräften zu erhalten. DaS werde Ich aber nur können, wenn ti un* gelingt, unser Ansehen bei unser» Nachbarn aufrechtzuerhalten.*
tßielbabtn, 24. August. Sestern hat sich hier ein junger Doetor der Chemie au» Königsberg i. Pr. mittelst Cyankali vergiftet. Da» Motiv zum Selbstmord find leichtsinnige Schulden.
Breslau, 24 August. Wie der „BreSl. Ger-eral-Auz.* berichtet, wurde der Breslauer Privat-Briefbeförde-
rungS-Anstalt von Seiten der kaiserlichen Oberpostdirection der Fernsprechanschluß entzogen, weil die Anstalt die Nachrichten-Vermittelung unter Benutzung de» Fernsprechanschlusses gesetzwidrig gegen Entgelt betrieben habe. Die Maßnahme der Oberpostdirection hat hier da» größte Aufsehen hervor- gerufen.
Königsberg, 24. August. Da» in der Nähe der Stadt gelegene Laboratorium von Albert Alexander ist gestern Mittag io die Luft geflogen. Der Besitzer de» Laboratorium» und ein Gehilfe wurden weit weggeschleudert und durch Brandwunden verletzt. Die Stelle, wo da» Laboratorium gestanden hat, zeigt nur noch eine schwarze verkohlte, mit Trümmern bedeckte Fläche an.
— Zur nächsten Papstwahl schreiben die „M. N. N.": Die „Dresdener Zeitung" veröffentlicht einen römischen Bericht, wonach diesmal bei der kommenden Papstwahl von deutscher Seite mit aller Energie auf die Wahl eines deutschen Papstes, de» Cardinal» Kopp, htngewirkt werde und wonach in römischen Kreisen die Neigung bestünde, den Cardinal Kopp zu wählen, wenn man deutscherseit» bereit wäre, da» Jeiutteugesetz aufzuheben. Wir glauben, daß diese Ansicht auf einer optischen Täuschung berühr. Wir würden e» sehr bedauern, wenn die deutsche Politik sich amtlich für die Wahl eine» deutschen Papste» einsetzen würde- denn die Niederlage wäre sicher. Nur zu Zetten des großen Kanzler» wäre ein derartige» Beginnen vielleicht erfolgreich gewesen, «eit der Wahl de» Holländer» Hadrian VI. im Jahre 1522 hat kein Angehöriger der germanischen Raffe mehr den Stuhl Petri bestiegen. ES ist eine allbekannte Thatsache, daß die italtenijcheu Cardmäle tm CardluulScoUegiUm die Mehrheit haben. Bei einer deutschen Candtdatur haben sie sicher die Stimmen der franzöfischen Cardinäle für sich und ihren italienischen Candidaten, und auch die spanischen Cardinäle werden in der gleichen Linie maxschiren. Darum ist e» gleich- gülttg, ob die österreichischen Cardinäle ihre Stimmen einem Deutschen geben würden. Wir zweifeln übrigens, ob der czechenfreundliche Cardinal Fürsterzbtschof von Prag, Gras v. Schönborn, von einer Candidatur Kopp besonder» entzückt wäre. Inzwischen kann da» Räthseliptel ruhig weiter gehen, wer al» Papabtle gilt, ob Cardinal Sguamba oder einer der Cardinäle Jakobint ober der Feind de» Dreibundes, der ver- hältnihwäßig junge Sicilianer Rawpolla. Bor kurzer Zeit hieß es, daß der Cardinal Giotti, der aus dem Orden der uubefchuhteu Karmeliter hervorgrgaugcn ist, Aussicht hätte, nach dem feinen Diplomaten Leo XIII. den päpstlichen Stuhl zu besteigen. Der Beisatz aber, bah Cardinal Giotti schon wiederholt der Aussöhnung mit Italien da» Wort geredet hat, macht die Nachricht so verdächtig, al» ob fie nur den Zweck hätte, den Cardinal bei Zeiten für die Wahl unmöglich zu machen. Wir Deutsche müfleu un» stet» vor Augen halten, daß fich die nächste Papstwahl unter zwei Zeichen vollziehen wird: der Feindschaft gegen den Dreibund und der Herrschaft de» Jesuitismu», vielleicht nicht unter der direktesten Einfluß- nähme de» schwarzen Papste», des Jesuttengenerals, der auf ber Höhe von Fiesole thront, sicher aber unter dem Zeichen be» JesuitiSmu», den Emile Zola in seinem „Rom" so treffenb in ber Person des Monsignore Nani verkörpert hat. Darum muß unseres Trachtens die deutsche Politik so gestellt sein, daß fie von der nächsten Papstwahl nicht» zu hoffen, ober auch nicht» zu fürchten hat.
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