Ausgabe 
26.5.1898 Zweites Blatt
 
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Nr. 121 Zweites Blatt. Donnerstag den 26. Wm

1898

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Amtliche»' Theil

Bekanntmachung.

betreffend die Ernennung von Sachverständigen zur Ab­schätzung von Wildschaden.

Herr GutSpachter O. Klingelhöffer zu Hof Graß ist -um Mitglied und Vorsitzenden der Sachverständigen-Eommis- ston für die Abschätzung von Wildschaden im vierten Bezirk deS Kreises Gießen ernannt, und als solcher verpflichtet worden.

Gießen, den 23. Mai 1898

Großherzogliches KreiSamt Gießen.

I. V.: Dr. Wagner.

Gießen, den 23. Mai 1898.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Grosth. Bürgermeistereien Hungen, Bellersheim, Bettenhausen, Birklar» Inheiden, Langd, Langsdorf, Nouueuroth, Mufchenheim mit Hof - Güll, Obbornhofen, Rabertshausen, Rodhetm mit Hof Graß, Röthges, Steiuheim, Trais-Horloff, Utphe und Villiugeu.

Dir vorstehmve Bekanntmachung wollen Sie ortsüblich veröffentlichen.

I. 93.: Dr. Wagner.

Was soll uns der nächste Reichstag bringen?

Nach und nach kommt in die Wahlbewegung ein frischer Zug. Die Klärung über die Stellung, welche die einzelnen Parteien zu den schwebenden Fragen etnzuuehmen gedenken, hat in den Wahlaufrufen ihren Ausdruck gefunden, welche nunmehr von allen Seiten einer Kritik unterzogen worden find. Broschüren und Flugblätter werden zu Tausenden und Abertausenden vertbeilt, und wenn mau den Versprech­ungen Glauben schenken könnte, die an die Person der em­pfohlenen Candidaten geknüpft werden, so würde Deutschland nach deren Wahl zu einem wahren Paradies umgewandelt werden. Aber ebenso wie nicht Alle- Gold ist, was glänzt, ist auch ein großer Theil der gemachten Versprechungen eitel

Tand und Blendwerk, insbesondere wenn dem Volke goldene Berge in Bezug auf Verbesserung seiner sozialen Lage bei der Wahl unbedingter Oppofitiousmäuuer in Aussicht gestellt werden.

Die Wünsche, welche an die Volksvertretung gestellt werden, find vielfach so unklar, daß dieselben schon aus diesem Grunde schwer erfüllt werden können. Wenn wir hier uns darüber auSlaffev wollen, was wir von dem nächsten Reichstage verlangen, so haben wir dabei natürlich keine Sonderwüvsche und Sonderimereffen im Auge, sondern nur solche Forderungen, welche die Allgemeinheit betreffen und das Wohl des ganzen Reichs und Volks berühren.

Der letzte Reichstag hat mancherlei Phasen durchgemacht, die wir schon mehrfach einer Besprechung unterzogen haben. Während der ersten Sessionen hat er fich manchen Forder­ungen, die die Regierung gestellt hatte, widersetzt, so daß die Bezeichnungdieser Reichstag" nicht al» ein besonders gute» Epitheton angesehen werden konnte. Zum Schluß kam aber die Einsicht noch zur rechten Zeit, daß mau auch auf nationale Wünsche Rücksicht zu nehmen hat, ohne immer den Geldbeutel im Auge zu haben. Und daS verlangen wir auch vom nächsten Reichstage. Selbstverständlich müssen wir gewissenhaft haushalten, da Deutschland keine reichen Mittel zur Verfügung stehen, und Sparsamkeit ist eine Tugend, die nicht nur bei dem einzelnen Staatsbürger sondern auch in dem großen Staatshaushalte gewürdigt werden muß. Aber des­halb dürfen doch nicht der Regierung die Mittel versagt werden, welche dieselbe für erforderlich hält, um den Staat auf der Höhe der Zeit zu erhalten.Willst Du Frieden, rüste zum Kriege", heißt e- bekanntlich, und Deutschland ist eine Friedensmacht ersten Ranges deshalb muß cs auch ein kräftiges Heer haben, um ein gewichtiges Wort führen zu können, wenn e« gilt, Störenfrieden da» Handwerk zu legen. Das Heer und die Marine bilden den festen Stütz­punkt, auf den fich Staat und Volk lehnen können, und ihn zu erhalten, muß unsere und de« nächsten Reichstages erste Aufgabe sein.

Eine weitere Fürsorge wird der letztere unseren wtrth- schaftlicheu Fragen zu widmen haben. Der Handelsvertrag mit England, für den bekanntlich ein Provisorium geschaffen worden ist, wird eine Debatte eiuleiten, die den künftigen Reichstag überdauern und ihre höchste Entwickelung im Jahr 1903 erfahren wird, wo diegroßen" Handelsverträge erneuert

werden müffeu. Hoffentlich zeigt fich der Reichstag dieser Aufgabe gewachsen und handelt nach dem Grundsätze: Nie­mand zu Leide, Allen zu Liebe. Schwer ist das Werk, welches dann zu lösen ist, aber schließlich ist der Gegensatz, in welchem fich Landwirthschaft und Industrie zu einander befinden, nur ein scheinbarer, und ein Ausgleich der Differenzen ist nicht unmöglich. Ueber das Wettere, was wir von dem kommenden Reichstage verlangen, werden wir in einem späteren Artikel sprechen. (xx)

Deutsches Reich.

Berlin, 24. Mai. Da die ungünstigen Grundwaffer- Verhältnisse im Neuen Palais dem Kaiserpaar den Auf­enthalt daselbst unmöglich machen, wird dasselbe wahrschein­lich schon in nächster Zeit nach WtlhelmShöhe bei Kassel mit den kaiserlichen Kindern überfiedeln, um dort einen längeren Aufenthalt zu nehmen. Der Kaiser begiebt fich, wie auS Kiel gemeldet wird, am Abend des 18. Juni mit dem Aviso Grille" vom Altonaer Hafen nach Brunsbüttel, wo die Ein­schiffung auf dieHohenzollern" erfolgt. DieGrille" wird den Kaiser nach Helgoland begleiten.

Berlin, 24. Mai. Der Kronprinz und Prinz Eitel Friedrich werden noch einige Zeit in Potsdam verweilen und dann nach Plön zurückkehren. Der GaruisovSpfarrer Keßler in Potsdam ist vom Kaiser anläßlich der Konfirmation der beiden ältesten Prinzen zum Hofprediger ernannt worden.

Berlin, 24. Mai. Im Befinden des FinaozministerS v. Miquel ist den Abendblättern zufolge eine leichte Besse­rung eiugetreren. Derselbe konnte bereit» heute daS Bett verlassen, muß sich aber noch längere Zeit Schonung auf« erlegen. Im Gegensatz hierzu meldet dieNordd. Allg. Zt.g", daß eine Aeuderung im Befinden nicht eingetreten sei.

Ausland.

Wien, 24. Mat. Erzherzog Leopold ist heute Vormittag 10 Uhr gestorben.

Rom, 24. Mai. Der Marinemintster Brin ist heute Vormittag gestorben.

Brüssel, 24. Mai. Die Socialdemokraten in Charlerot feierten gestern Abend ihren Wahlsieg, indem fie eine nationale Fahne verbrannten. Die belgische Presse ist über diesen Vorgang äußerst entrüstet.

Feuilleton.

I)ie verhängnisvolle Maibowle.

Humoreske von Friedrich Thieme.

(Schluß.)

Döllinger blinzelte unwillkürlich mit den Augen. Den Mann mußte er tödtlich beleidigt haben.

Darf ich um die Namen Ihrer Secnndanteu bitten?"

Halb gedankenlos nannte der arme RittergutSbefitzer die Namen des Bürgermeisters und seine» GutSnachbars Hartwig, worauf die Herren fich unter höflichen Som- pltmenten empfahlen.

Mit der Ausfahrt war e» nun vorbei. Sie war auch gar nicht mehr nöthig, denn der Schreck hatte dem armen Döllinger alle Spuren de» Katers mit einer gehörigen Portion Angstschweiß zugleich auS dem Körper herauSgetrieben. Geknickt an Leib und Seele schlich er hinunter tn da» all­gemeine Wohnzimmer, um seiner lieben Alten die entsetzliche Botschaft mitzutheileu.

Riekchen befand fich im Speisezimmer, so trat er in diese» ein.

Nanu, was ist denn hier los?"

Frau Döllinger war mit ihrer Tochter Alma und einem Mädchen eifrig beschäftigt, da» Speisezimmer^ für ein Gast­mahl herznrichten. Schon zeigten fich die Wände mit Guir- lauden und Kränzen decorirt, die große Tafel prangte im Schmuck eines schneeweißen Tafrltuche», der Kronleuchter war mit Blumen überzogen.

Was macht Ihr denn, Riekchen?"

Für heute Abend," entgegnete die Hausfrau lächelnd.

Heute Abend? Wak ist denn da lo»?"

Aber Väterchen"

Ich h«"

Das böse Gewissen hieß ihn schweigen. Gewiß wieder -rine Maibowlen-Affaire. Leise rief er seine Frau hinaus,-

da trat ein Herr ein, elegant gekleidet, von sympathischem Aeußereu, lang, schlank, stattlich.

Guten Abend, Papa"

Mein Herr!"

Der junge Manu blickte betroffen auf.

Was fällt Ihnen ein?" herrschte ihn Döllinger, der ohnehin nicht tn bester Laune war, zornig an.Hab ich Ihnen nicht gesagt, ich hätte andere Pläne mit meiner Tochter? Hab ich Ihnen nicht mein Hau» ein für allemal verboten?"

Der Herr schaute bestürzt auf feine vermeintliche Schwiegermutter, diese auf Alma, welch Letztere athemloS herbeikam.

Aber Papa, Du hast doch gestern Abend, als Du nach Hause kamst und ich Dich weiuend bat, Deinen Sinn zu ändern, mir unter Thränen Deinen Segen gegeben und auch Hermann, den ich herbeirief, au die Brust gedrückt! Heute Abend soll Verlobung sein, hast Du bestimmt. -

Also deßhalb Eure Vorbereitungen?" meinte Döllinger verdutzt, indem er betrübt mit dem Kopfe nickte.

O, dieser unglückselige Maiweiu! Wa» für Streiche hatte er ihm gespielt! Aber dies war der tückischste von allen. Hermann Pohle war zwar ein braver junger Mann, ein geschickter Ingenieur, aber arm, und deßhalb hatte er ihm seine Tochter nicht geben wollen, obgleich die jungen Leute fich innig liebten. Väter find einmal so. Und nun ---Sollte er seinen gestrigen Entschluß deSavouiren oder ratifizireu? Erstere» war nicht wohl angängig, denn die Liebenden hatten die Freudenbotschaft sicher schon in alle Welt getragen und Freunde und Verwandte waren bereits für heute Abend eingeladeu.

Na ja, 'S ist ja nur mein Spaß," brummte Herr Döllinger deßhalb, worauf er dem Schwiegersöhne nochmals die Hand drückte. Mit einiger Reserve allerdings aber Döllinger gehörte zu den gutmüthigen Naturen, und da Hermann wirklich ein patenter Mensch genannt werden mußte, so war nach kurzer Zeit da» beste Einvernehmen zwischen ihnen hergestellt.

Der Abend brach herein, die Gäste erschienen, die Ver­lobung wurde proclamirt. Alles eitel Freude und Lust, nur Herr Döllinger blieb etufilbig und tu fich gekehrt. In einem Nebenzimmer gestand er endlich seiner Frau den Grund: da» fürchterliche Duell.Wenn ich nur wüßte, warum," fügte er klagend hinzu.

Riekchen rief die Tochter und den Schwiegersohn. Letzterer hörte kaum den Sachverhalt, al» er lachend rief: Was, mit Baron Wolf? DaS ist ja wein Intimus von der Uuiverfität her. Ach, jetzt fällt mir ein, was er mir heute Mittag erzählte. Er gerieth gestern Mittag im Gast­hofe zu Krippeudorf mit einem alten Herrn in Streit, weil dieser ihn auf den Fuß trat und fich nicht entschuldigen wollte, sondern fürchterlich bramarbafirte so sagte Wolf und von seinen einstigen Heldenthateu in Göttingen und Jena sprach. Den Namen hat mir Wolf verwuthlich absichtlich, weil er von meiner Verlobung hörte ver­schwiegen. Also Du bist da» gewesen, Papa? Nun, das wollen wir bald aus der Welt schaffen. Ich werde morgen früh mit ihm reden und ihm Alle» erklären."

Thu das, mein Sohu."

Ich darf ihm doch Deine Entschuldigung überbringen?" Ach ja so viel Entschuldigungen Du willst* Gut, dann ist die Sache abgethan."

Dem guten alten Papa Döllinger fiel ein wahrer Ehtm- borasso vom Herzen. Nun erst war der status naturalus seines Ich» vollkommen wieder hergestrllt. Kreuzfidel kehrte er in die Gesellschaft zurück, erzählte, schnitt auf, sang, und trank. Nur von der köstlich duftenden Maibowle, die zuguterletzt noch auf dem Tische erschien, genoß er keinen Tropfen, zur Verwunderung aller Gäste.Ich kann Maibowle nicht ersehen," erklärte er kategorisch.Ts ist ein heimtückisches Getränk." Und innerlich setzte er refignirt hinzu:Brüderschaft mit dem Kutscher, Erhöhung des Schreibergehaltes um da» Doppelte, Duell mit dem Baron von Wolf, Verlobung einer Tochter wider Willen da» ist für einen Tag gerade genug."

Herr Döllinger hat nie wieder Maibowle getrunken.