Ausgabe 
26.5.1898 Erstes Blatt
 
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M. 121 Erstes Blatt. Donnerstag den 26. Mai_______________________L8V8

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Amtlicher Theil.

Bekanntmachung.

Dir am 3. L M. ungeordnete Sperre der Kirchstrahe Hwischen Kirchenplatz und Burggrabeu wird hiermit auf» gehoben.

Gießen, den 25. Mai 1898.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

I. V.: Roth.

Deutsche» Reich.

Berlin, 24. Mat. Der Reichskanzler Fürst Hohen­lohe ist gestern Abend in Baden-Baden eingetroffen.

Berlin, 24. Mat. DerReichSanzeiger" veröffevilicht eine Darstellung de» in der Nacht vom 21. zum 22. d. MtS. auf dem SteinkohlenbergwerkZollern" stattgefundeaeu Grubenunglück», welche sich mit den bereit» bekannten Mittheilungen drckc.

Berlin, 24. Mat. DieNordd. Allgem. Ztg." schreibt: Nach einer telegraphischen Meldung de» stellvertretenden Gouverneur» von Kamerun hat der Aufstand der Baue und Bolt im südlichen Theile de» Schutzgebiete» mit der völligen Unterwerfung dieser Etugeborneuftämme geendet. Der Lommandeur der kaiserlichen Schutztruppe, Hauptmann v. Kamptz, ist mit derselben bereit» nach Kamerun zurück« gekehrt.

Berlin, 24. Mai. Die M ilitär-Str afproc« or dnuog soll, wie derAugsb. Abendztg." dieser Lage ge« schrieben wurde, tm BuudeSrath nicht einstimmig erfolgt sein. T» heißt, Bayern und Braunschweig hätten dagegen ge­stimmt. DieNatiouallib. Corresp." stellt sich dieser Nach» richt zweifelnd gegenüber. Sie schreibt:Wir glauben kaum, daß die Abänderungen, welche der Gesetzentwurf tm Reichstag erfahren, da» Sttmmenverhältniß verschoben, da» fich bet der Abstimmung über die Vorlage vor deren Einbringung im Reichstag ergeben. Damals stimmten allerdings auch zwei Staaten dagegen- außer Bayern aber nicht Braunschweig, sondern Reuß 8. 2.*

Hamburg, 24. Mai. ES ist gelungen, 24 Personen zu verhaften, die fich seit vier Jahren Beraubung en an Gütern, welche für den kaiserlichen Hof in Berlin bestimmt waren, haben zu Schulden kommen lasten. Die Thärer sind Schauerleute und andere am Hafen beschäftigte Personen.

Hamburg, 24. Mat. In den letzten fünf Tagen fuhren vom hiesigen Hauptpostamt zahlreiche je von einem Schutz« mann eScortirte Wagen zum Hafen. Diese enthielten Geld tm Gesammtbetrage von 23 Millionen Mark, welche von in Deutschland lebenden Spaniern gesammelt und mittelst Dampfer nach England überführt wurden, von wo sie der fpanischeu Regierung übermittelt werden.

Köln, 24. Mat. DerKöln. Ztg." wird aus Madrid telegraphtrt: Die Amerikaner find vor Havanna, Eien- fuegoS, Sardeua» und Santiago vertheilt. Vorgestern lagen 19 große amerikanische Schiffe vor Havanna. So viel bekannt, ist da» spanische Geschwader noch in Santiago. Zwischen Sagasta und Castillo finden fortwährend Berathungeu statt. ES verlautet, der Borfchafter sei ermächtigt, wichtige Verhandlungen in Pari» fortzuführeu. Spanien fei angeb« lich gewillt, in Bezug auf die internationale Frage einen neuen, die politische und die finanzielle Lage verbesternden Cour» eiuzuschlageu, wenn Frankreich eine bestimmte Jnitia« tive ergreifen würde

Tlu-Urud»

Pari», 24. Mai. In einem Briefe, welchen Esterhazy an den Obersten Picquart sandte, nannte er diesen einen Feigling.

Loudon, 24. Mai.Standard" meldet, daß Oberst Corte ja und Julian, welche an Bord de» Schiffes Argonaute" gefangen genommen wurden, am Montag gegen die beiden amerikanischen Journalisten ausgetauscht worden seien.

London, 24. Mai. Gladstone al» Redner. Ein Mitarbeiter desDaily Chrontcle" urtheilt über die Glad- stoue'sche parlamentarische Rhetorik:ES ist unmöglich, Jemandem, der Gladstone nicht persönlich gehört hat, einen Begriff von der außerordentlichen Vielseitigkeit seiner Fähig- keilen als Redner betzubrtngen. Ich habe ihn häufig in ein und derselben Rede in jeder parlamentarischen Redekunst glänzen hören. Auf seiner Höhe stand er in jenen Reden, welche 'ihm freien Spielraum gewährten, vom Ernsten zum Heiteren,

vom Lebhaften zum Strengen überzugehen. Jemand, der Gladstone nicht al» Redner kannte, mochte das erste Mal einen Ausbruch der Leidenschaftlichkeit von einem Manne mit solch lebhaftem Temperament erwarten. Welche Enttäuschung! ES mußte ihm dünken, al» ob er nur gebildeter Unterhaltung lauschte. Gladstone ging niemal» über den Ton guter Wechsel­rede hinaus, wenn er da» Höchste leistete. Gewiß, er kam manchmal erhitzt und erregt inS Hau». Aber da» Höchste erreichte er bann in seiner Rede nicht. Eine schlechte Rede hat er nie gehalten. DaS wäre unmöglich gewesen. Am größten aber war er stet», wenn er fich still erhob, im Con- vrrsationStone begann und dann schrittweise ruhig seine Argumente entwickelte. Selbst wenn er leidenschaftlich be­gann, gelang e» ihm gewöhnlich, die ruhige GemüthSart und den Gleichmuth bald wieder zu finden. Dann floß der Rede­strom so ruhig, daß mau fast vergaß, daß Jemand eine Rede, hielt. Man bekam den Eindruck, al» ob mau einem melodischen Instrument oder einem vollendeten Sänger lauschte. Später wird mau fich darum streiten, ob dieser oder jener unter seinen Rrdeu die Palme zu geben ist. Mau wird An­fänge und Schlüffe citiren, um die Ueberlegenheit des einen über den anderen zu beweisen. Die Wahrheit ist, daß Glad­stone» unendlicher Zauber nicht sowohl tu dem oder jenem Paffa» zur Geltung kam, sondern in unvorbereiteten, extempore gehaltenen Reden, welche die Eingebung de» Augenblick» schuf, über unwichtige Gegenstände."

Havanna, 24. Mat. Die Insurgenten haben in einer Stärke vou 500 Manu einen Ansturm gegen Palma- sortano ausgeführt. Sie wurden aber nach heftigem Kampfe zurückgeworfeu. 20 Insurgenten wurden dabet getödtet und zahlreiche verwundet. Die Spanier harten 14 Verwundere.

Key West, 24. Mai. Nach einer Meldung au» Havanna verfügen die Spanier auf Cuba über 130000 Manu gut bewaffnete Soldaten- außerdem soll Marschall Blanco co. 85 000 Mann gut dtSciplinirte Freiwillige haben.

wahlbervegrrng.

Berlin,24. Mai. Zwischen der freisinnigen Volk»- Partei und der freisinnigen Bereinigung ist folgende Vereinbarung für die ReichStagSwahlcn getroffen worden: 1. In allen Wahlkreisen, wo bisher nur ein Candidat einer freifinutgen Richtung aufgestellt ist, keinen zweiten freifinuigeu Candidaten aufzuftellen, sondern den Candtdateu der verwandten Richtung bei der Wahl zu unterstützen. 2. Sofern in einzelnen Wahlkreisen neben dem Candidaten der freisinnigen BolkS- partei ein Candidat der freisinnigen Vereinigung aufgestellt ist und eine Möglichkeit besteht, daß infolge deffen beide Candidaten von der Stichwahl auSgeschloffen werden, sich auf denjenigen Candidaten zu einigen, der größere Aussichten har, da» Mandat für den Freisinn zu gewinnen. 3. Wo noch kein fretfinniger Candidat aufgestellt ist und beide Richtungen im Kreise vertreten find, fich nach denselben Gesichtspunkten auf einen gemeinsamen freifinnigen Candidaten einerlei welcher Richtung zu einigen. 4. Eine verbitterte Preß-Polemik allent- halben zu vermeiden, auch dort, wo zwei fretfinnige Candi- baten einander gegenüberstehen. Die Vereinbarung ist unter­zeichnet Seitens der freifinuigeu Deretuiguug vou Dr. Barth und Schrader, Seitens der freifinuigeu Volkspariei vou Fischbeck und Eugen Richter.

Der natioualliberale Verein für da» König­reich Sachsen versendet seinen Wahlaufruf, tu dem darauf htugewieseu wird, daß auch diesmal in der großen Mehrzahl der Wahlkreise gemeinsam ordnungsparteiliche Candidaten aufgestellt seien, ohne daß die Selbstständigkeit der national- liberalen Partei darunter gelitten hat. E» sei Pflicht der uationalliberalev Wählerschaft, Alle» aufzubteteu, um den gemeinsamen Candidaten überall zum Stege zu verhelfen. Wo dte örtltcheu Berhältniffe eine Einigung unmöglich gemacht hätten, müffe wenigsten» für dte Stichwahl da» Zusammen« gehen mit den befreundeten Parteien gesichert bleiben.

Die Verstaatlichung der Reichsbank.

(Fortsetzung.)

Schwerlich wird es offen ausgesprochen werden, daß man den Actionären diese Ecträgniffe mißgönnt, aber es ist nicht unwahrscheinlich, daß die Gegner der Privilegiums- Verlängerung die Tactik anwenden werden, von Neuem in Bezug auf die Gewinnbetheiligung so große Opfer von den Actionären zu verlangen, daß auch hieran eine Verlängerung scheitern könnte. Ich weise daher ausdrücklich darauf hin, daß die Opfer, die von den Antheilseignern, die 130 pCt.

eingezahlt haben, gefordert werden können, ihre Grenzen haben. Hat nun die Reichsbank in Bezug auf ihre ziffern- mäßigen Ergebniffe ihre Aufgabe glänzend erfüllt, so hat sie es nicht minder gethan in Bezug auf ihre mehr idealen und nicht so rechnungsmäßigen Aufgaben. Als die vornehmste solcher Aufgaben wurde ihr durch § 12 des Bankgesetzes zu- gewiesen:den Geldumlauf im gesammten Reichsgebiet zu regeln." In Erfüllung dieser Aufgabe wurde die Reichsbank zu der viel berufenenHüterin unserer Goldwährung". Und wahrlich auch in dieser Beziehung hat sie ihres Amtes mit großem Erfolg gewaltet. Man muß bedenken, daß die Reichsbank vom 1. Januar 1876 in den Metallbeständen der Preußischen Bank noch so große Mengen von Thalern vor­fand, daß diese minderwerthigen Silberbestände in den ersten Rechnungsjahren überhaupt nicht specificirt aufgeführt wurden. Die Reichsbank hat es verstanden, dieses Silber zu seinem größten Theil noch rechtzeitig und zu guten Preisen abzu­stoßen; und die wenigen 200 Millionen Mark in Thalern, welche heute noch in dem Metallbestand enthalten find, können der Reichsbank niemals Schwierigkeiten bereiten, sondern dürfen wie alle anderen Scheidemünzen behandelt werden. Die Reichsbank hat es aber auch verstanden, ihren Gold­bestand in früher ungeahnter Weise zu verstärken. An un­gemünztem Golde befanden sich 1876 nur 43 Millionen Mark in der Reichsbank, 1897 aber rund 300 Millionen Mark. Ihren Metallbestand hat die Reichsbank von im Ganzen etwa 500 Millionen Mark in 1876 auf annähernd 900 Millionen Mark in 1897 erhöht. Sie kann, da sie bekanntlich das Dreifache ihres Bestandes an Metall und Reichskaffenscheinen in Noten emittiren darf, zur Zeit etwa 2700 Millionen Mark Banknoten ausgeben, gegen nur 1500 Millionen Mark in 1876- sie hat demnach ihre Noten- Emissionsfähigkeit sehr erheblich erhöht. Trotzdem nun der von ihr zu regelnde gesammte Geldumsatz im Deutschen Reich in diesen 22 Jahren eine enorme Ausdehnung erfahren hat (der Umsatz der Reichsbank allein ist von 36 Milliarden auf 142 Milliarden Mark im Jahr gestiegen), hat die Reichs, bank und dar ist die Hauptsache ihren durchschnittlichen Notenumlauf längst nicht in dem Maße auszudehnen gebraucht, wie sie ihren Metallbestand vergrößert hat. Ihr Notenum- lauf betrug im Durchschnitt auch 1897 nur 1085 Millionen Mark gegen 685 Millionen Mark 1876; und die Reichsbank hatte 1896 sogar einen kleineren ungedeckten Notenumlauf als 1876, nämlich nur 104 Millionen Mark gegen 120 Mill. Mark. Dieses bewundernswerthe Resultat hätte aber die Reichsbank nicht erzielen, und sie hätte auch nicht so viel Gold ins Land ziehen können, wenn nicht die Bankleitung mit richtigem Blick und großem Geschick dem Giro-Verkehr ganz neue Bahnen eröffnet hätte. Die Giro-Guthaben find seit 1876 von 140*/2 Millionen Mark auf annähernd fünf- hundert Millionen Mark gestiegen und haben für dieReichs- bank den doppelten Nutzen, daß sie einerseits den Geldumlauf wesentlich verringern uno den Bedarf an auszugebenden Banknoten einschränken, während sie andererseits der Reichs­bank die Mittel für ihre großen Goldbezüge in die Hand gaben. Wenn nun, wie wir gesehen haben, die Organisation der Bank schon so staatlich ist, daß für eine Veränderung in der Organisation Verstaatlichungswünsche vernünftigerweise hinfällig werden sollten, wenn andererseits die Resultate für die Reichseinnahmen glänzende und auch für die Actionäre befriedigende gewesen sind und wenn vor allen Dingen die Allgemeinheit den größten Nutzen aus der Wirksamkeit der Reichsbank gezogen hat: wogegen richten sich denn eigentlich die Vorwürfe der Gegner des jetzigen Privilegs! Nun diese Vorwürfe sind auch in der Thal nur höchst persönlicher und durchsichtiger Natur! Es lassen sich die Vorwürfe in drei Categorien zusammenfassen: 1. Die Reichsbank hält den Zinsfuß im Lande zu hoch. 2. Die Wohlthaten der Reichs­bankeinrichtungen kommen nur dem Handel und der Industrie zu Gute und nicht auch den anderen Erwerbsständen und Personen. 3. Die Mittel der Reichsbank werden der Land- wirthschaft vorenthalten. Was den ersten dieser Vorwürfe anbetrifft, so geht er schon von einer ganz falschen Voraus- setzung aus. Es ist nämlich keineswegs die Reichsbank, welche den Zinsfuß im Lande bestimmt. Der Zinsfuß richtet sich nach einer Nachfrage und einem Angebot, die viel stärker sind, als irgend eine Reichsbank es sein kann. Die Reichs- bank hat die Ausgabe, dem Geldmarkt vorsorgend und nach­helfend zu folgen, sie kann ihn niemals monopolisiren. Für die dauernde Gestaltung des Zinsfußes in einem Lande sind ganz andere Factoren als die Reichsbank maßgebend, nämlich: 1. Der Reichthum des Landes und zwar namentlich der überschüssige nach Anlage suchende Theil des Capital».