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26.4.1898 Erstes Blatt
 
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Nr. 96 Erstes Blatt.Dienstag den 26. April

1S9S

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Deutßche» Leich.

Darmstadt, 23. April. Der Rechtsanwalt Metz, der die ihm angetragene ReichStagßcaodidatur angenommen hatte, ist nachträglich au» GesandheitSrückstchten endgültig zurück- getreten. Die Nationalltberalen stellen nun den Gymnasial, director Nodnagel auf, der sich bereit erklärt har.

Berlin, 23. April. DerRetchSanzeiger" bringt au« läßlich der Jubiläumsfeier des Königs Albert von Sachs en einen in den wärmsten Ausdrücken gehaltenen Slückwunschartikel, in welchem e- u. A. heißt: Wie Sachsens Volk in dankbarster Liebe zu seinem Könige ausschaut, unter besten gesegneter und weiser Regierung sein Land einen so glänzenden Ausschwung genommen hat, so ehrt die gesummte Ration in ihm den Fürsten, der in den Tagen der Be­gründung deS Deutschen Reich» einer der Ersten war, der im Rathe und bet der That hervorragend mttwtrkte und der fich alle Zett als treuer Freund Kaiser Wilhelms deS Großen, Kaiser Friedrich» und Kaiser Wilhelms II. erwiesen hat.

Köln, 23. April. DieKöln. Ztg." wendet fich gegen die Behauptung, daß in zehn Tagen an verschiedenen Punkten die vollständige Zusammenziehung der amertkaniichen Armee vollendet sei und sagt, tu den einzelnen militärischen Lagern seien noch nicht einmal 12000 Mann zusammengebracht, wobei e» keineswegs den Anschein habe, al» besäße man die Transportmittel, um die Armee an einem gegebenen Punkte zusammenzuzteheu. ES stehe fest, daß irgendwelche amerika­nische Operation auf Euba vor einem Monat kaum beginnen könne und dann noch nicht in großem Umfange.

Kola, 28. April. DerÄölu. Ztg." wird au» New- Hork trlegraphirt: Ueber die Abfichten der Regierung ver­lautet, Mac Kinley wünsche, daß der Krieg sofortige Er- gebn ffe habe, wobei jedoch wenig mit entehrenden Mitteln vorgegangeu werden soll. Man hofft, daß daS Geschwader von Ktywest mehr leisten wird, als die Blokade durchzufahren, und nimmt an, daß der Operationsplan darauf hinzielt, die Blokade so lange aufrecht zu erhalten, bis die Vorbere'tungen de» Einfälle» und die Besetzung der Insel vollendet seien.

Dresden, 23. April. Um 5 Uhr empfing der König eine Deputation de» Bunde»rathS unter Führun, des Reichskanzler» Fürsten zu Hohenlohe.Schilling»fürst und bestehend au» dem Staatssecretär Grasen Posadowsky, dem bayerischen BundeSbevollmächtigten und Gesandten Grafen v. Lerchenfeld-Köfering und dem Wirklichen Geheimen Rath Dr v. Heerwart im Marmorsaale de» Schlöffe». Hierbei

hielt der Reichskanzler solgende Ansprache:Euere Majestät wolle mir gestatten, im Namen de» BundeSrath» unsere ehrfurchtsvollen Glückwünsche zur heutigen Jubelfeier darzu­bringen. Mit ganz Deutschland geben wir Ausdruck dem Gefühl der Verehrung für Euere Majestät, den siegreichen Feldherro, drffen kraftvoller Mitwirkung wir die Errichtung des Deutschen Reiche» verdanken, den weisen Monarchen, der allzeit bundestreu mitarbeitet an der Ausgestaltung und Festigung des Reiches. Möge die göttliche Vorsehung Eure Majestät noch lange Jahre erhalten zum Segen Ihrer treuen Unterthanrn und zum Heile deS deutschen Vaterlandes".

Arrstarr-.

Rom, 23. April. Sämmtltche Schüler der hiesigen spanischen Akademie beschlossen, al» Freiwillige in da» spanische Heer, bezw. die Marine einzutreten.

Brüssel, 23. April. Don Carlos unterhandelt mit der belgischen Regierung über den Ankauf dreier, der bel­gischen Marine gehörigen Aviso», welche der Prätendent auf eigene Kosten in Spitalschiffe umwandeln und der spanischen Regierung zur Verfügung stellen will. Ob Belgien auf das Geschäft etngrht, ist noch ungewiß.

Brüssel, 24. April. Hier verlautet, drei spanische Kreuzer hätten im Aermelcanal einen großen amerikanischen Dampfer, Saint Louis", gekapert. Falls die Nachricht fich be- stätigt, wäre der Fang sehr wichtig, da dieSaint LouiS" eine Ladung von 5 Millionen Dollar» führt.

Patt», 24. April. In einem Schreiben an den ameri­kanischen Senator Morgan erklärte Rochefort, alle Repu­blikaner Frankreichs seien mir den Cubanern und deren Befreiung.

London, 23. April. Wie auS New-Kork gemeldet wird, hat mau dort entdeckt, daß die zu den den Hafen vertheidigrndev submarinen Minen führenden Kabel von spanischen Spionen nahe der Küste abgeschnttten find.

Loudon, 23. April. Der Lommandant des amerikanischen Keywest-GeschwaderS, Admiral Sampson, hat die Blokade von Havanna in» Werk gesetzt.

Madrid, 24. April. Auf Veranlassung des Finanz- Minister» hielten die bedeutendsten Bankiers von Madrid gestern Abend eine Versammlung ab. Der Minister hielt I1 e ne Ansprache an die Bankiers und ersuchte fie um ihre Unterstützung zu dem Zweck, die Panik der Börse zum Still­stand zu bringen, da weder die Lage des Staatsschatzes,

noch die politischen verhältniffe die Baiffe der Werthe recht­fertigten. Die Bankiers sprachen fich in ihren Erwiderungen mit größtem Patriotismus aus und schloffen fich den Aus­führungen des Ministers an.

Madrid, 23. April. Der allgemeine Verth ei- digungsplan wurde in Havanna den drei Hafenforts über­mittelt. Im Arsenal und in allen Marinestationen Havannas herrscht fieberhafte Thätigkeit. Dabei platzte im Arsenal der Kessel einer Dynamomaschine, wodurch zwei Arbeiter getvdtet und zehn verwundet wurden.

Washington, 23. April. Dänemark hat dem Staats­departement mitgetheilt, daß cS strikte Neutralität beob­achten werde.

Washington, 23. April. DerPost" zufolge Über­mittelt Prästvent Mac Kinley heute dem Congreß eine Bot- schäft, in welcher er Vorschläge, die Kriegserklärung zu votiren. Diese Maßregel sei durch die Beschlagnahme de» spanischen Kauffahrteischiffe»Buenaventura" und durch den Wunsch veranlaßt, etwaige Verwickelungen zu vermeiden.

Washington, 24. April. Präfident Mac Kinley wird morgen dem Congreß die Botschaft zugehen lassen, t* welchem der Erlaß einer formellen Kriegserklärung gefordert wird. Ein Grund für diese» verlangen sei, daß Spanten durch sein Vorgehen thatsächlich den Krieg erklärt habe. Der Congreß wird schon am Dten»tag hierüber berathen und beschließen.

RevDork, 24. April. Der britische Gesandte in Washington besuchte gestern mit dem Secretär den Präfi- deuten, um auf Abschluß eine» Bündnisse» mit England zu drängen, da» alle Differenzen entscheiden und gleichzeitig einen Defenfivcharacter tragen soll. Die englischen Diplo­maten erklärten, daß der Prinz von Wales, Lord Salisbury und Chamberlain einem solchen Allianzvertrag sehr günstig gegrnüberstehen. Sie versichern gleichzeitig, daß England beiden Krieg führenden Parteien die Kohleoliefernugen ab­schneiden werde.

Key West, 24. April. Der spanische SchoonerMathilde" ist gestern von einem amerikanischen Torpedoboot aufge­bracht worden. Die amerikanische Flotte vor Cuba hat fich getheilt: zwei Kanonenboote find gestern früh nach Westen, zwei Monitor», ein Kreuzer und ein Kanonenboot fiad nach Osten gesegelt. Der Übrige Theil der Flotte bloktrt Havanna.

Feuilleton.

Was ist des Deutschen Watersand?

Statistische Plauderei von Ernst Liebmann -Karlsruhe.

Das deutsche Reich ist ein constitutioneller Bundesstaat und besteht aus vier Königreichen, 6 Großherzogthümern, b Herzogthümern, 7 Fürftenthümern, 3 freien Reichsstädten, und einem Reichsland. Im Bundesrath nimmt Preußen die Präfidialstellung ein. Sämmtliche deutsche Staaten zusammen­genommen bedecken einen Flächeninhalt von 540 483 Quadrat- Kilometer.

Die Einwohnerzahl des deutschen Reiches betrug nach der Volkszählung vom 2.December 1895:52 279 901. Die unter Verwaltung des Reiches stehenden sechs Schutzgebiete Kamerun, Togo, Südwest-Afrika, Ost-Afrika, Reu Guinea und Marschall- Inseln sind zusammengenommen ca. viermal so groß al» Deutschland, dagegen beträgt ihre Einwohnerzahl nur ca. Vs derjenigen des deutsches Reiches.

Nach der Reichsverfaffung soll die gesammte Militär­macht ein einheitliches Heer bilden, das im Krieg wie Frieden unter dem Befehl Sr. Majestät des Kaisers als Bundesfeld' Herrn steht. Dagegen behalten die einzelnen Staaten die Mlitäroberheit für sich allein.

Das bayerische Heer ist ein in sich geschloffener Beftand- theil de» Bundesheeres mit selbstständiger Verwaltung unter Oberhoheit des Königs von Bayern. (Jetzt natürlich des Prinzregenten Luitpold.) Im Kriege, und zwar mit Beginn der Mobilmachung steht das bayerische Heer unter dem Ober- befehl des deutschen Kaisers.

Jeder Deutsche ist wehrpflichtig. Die Wehrpflicht be­sinnt mit dem vollendeten siebzehnten und dauert bis zum vollendeten fünfundvierzigsten Lebensjahre.

Das deutsche Reichs he er besteht aus 20 Armeecorps. Jedes Armeecorps setzt sich aus zwei Divisionen mit je zwei Infanterie- und eine Cavalleriebrigade zu je zwei Regimentern zusammen. **

Außerdem gehört zu jedem Armeecorps in der Regel: eine Feldartilleriebrigade zu zwei Regimentern, ein Fuß- artillerie-Regiment, ein Jäger-, ein Pionier- und ein Train- Bataillon.

Die Dienstzeit der unter dem directen Oberbefehl des Kaisers stehenden Kaiserlichen Marine beträgt zwölf Jahre, und zwar dauert die aclive Dienstzeit drei Jahre, die Reservepflicht vier Jahre. Rach dieser Zeit treten die See­leute in die Seewehr 1. Klaffe. Diejenigen Dienstpflichtigen, die nicht auf der Flotte dienen, gehören bis zum 31. Lebens­jahre der Seewehr 2. Klaffe an, und dienen bei einem Kriege zur Complettirung der Marine.

Die deutsche Kriegsflotte zählt 91 Schiffe und Fahrzeuge mit einem Tonnengehalt von zusammen 276014, ferner 637 größere und ca. 900 kleinere Geschütze mit einer Bemannung von 24 206. Ferner verfügt die Marine über 123 Torpedos mit je 15 bis 30 Mann Besatzung und 557 Kanonen.

Die höchsten Bodenerhebungen über dem Spiegel der Nord- und Ostsee besinden sich im Riesengebirge; daselbst erhebt sich der höchste deutsche Berg, die Schneekoppe mit 1603 Meter.

Der längste, in Deutschland entspringende Fluß ist die Donau, die ein Gebiet von 2860 Kilometer durchläuft.

Unter den zahlreichen Landseen ist der Bodensee mit einem Flächeninhalt von 539 Quadratkilometer der be­deutendste.

An Schulen besinden sich in Deutschland: 56 600 Volks­schulen mit 120100 Lehrpersonen und 7930000 schulbe­suchenden Kindern, ferner höhere Töchterschulen: 481, Mittel­schulen : 1024, Lehrerbildungsanstalten und Seminare: 229 und 22 Universitäten.

Die litterarische Production in den Jahren 1891 bis 1896 erstreckte sich, in Bücherzahlen ausgedrückt, auf: Philosophische Werke: 1134; Handel und Gewerbe: 5746; Kunst: 6441; Geographie: 5284; Geschichte: 4792; Heil- wiffenschaft: 8441; Volksschriften: 8131; schöne Litteratur: 9033; Theologie: 10797. Die höchste Zahl von Werken umfaßte das Gebiet der Jugenderziehung und des Unterricht» mit 14 127 Publikationen.

Die verschiedenen Berussarten der Bevölkerung de» deutschen Reiches setzten sich wie folgt zusammen: Landwirth- schast und verwandte Fächer: 34,8 pCt. Handel, Verkehr und Versicherung: 11,5 pCt.; Baugewerbe: 7,3 pCt.; Maschinen- und Metall - Industrie: 6,3 pCt.; BekleidungS - Industrie: 5,8 pCt.; Künstler, Geistliche und Beamte: 4,1 pCt.; Nah­rungsmittel Branche: 4,1 pCt.; Textil-Industrie: 4 pCt.; Bergbau- und Hüttenwesen: 3,7 pCt. Das active Militär beträgt 1,4 pCt. der Bevölkerung. Personen ohne Beruf, Rentner, Pensionäre gibt es in unserem lieben deutschen Vaterland nicht weniger als 6,5 pCt, also ungefähr 2Vi Millionen.

Die Anzahl der Geschäftsbetriebe beträgt 357 733 mit 7 447 900 Arbeitern.

Man nennt Deutschland mit Recht das Land der Bier­trinker, wurde doch im Jahre 1896 das schöne Quantum vo« 55 243 900 Hectoliter Bier consumirt, dies macht per Kopf der Bevölkerung 105 Liter. Der Weinverbrauch betrug 2 500000 Hectoliter, während sich der Consum an Alkohol auf nahezu 3 Millionen Hectoliter belief.

Es ist intereffant, einen Blick auf das deutsche Po st­und Telegraphenwesen zu werfen. Im Jahre 1896 wurden durch die deutsche Reichspost insgesammt ca. zwei Milliarden Briessendungen befördert. Die Anzahl der Packele betrug 131 Millionen, an Zeitungen beförderte die Post etwas über eine Milliarde, und Telegramme wurden circa 58 Millionen aufgegeben.

Die deutschen Telegraphenlinien hatten im