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«t. 21 Zweites Blatt. Mittwoch dm 26. Januar I8»8
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Prügeleien zwischen Volksvertreter«.
Die Gesetzbücher aller Staaten sehen für Körperverletzungen schwere Strafen vor, und di- Richter ahnden Fälle, in denen Körperverletzungen mit Vorbedacht beigebracht worden, sind, an den Misiethätern gewöhnlich sehr hart. Nur in einem Falle werden Beleidigungen in Wort und That, selbst Angriffe auf Leben und Gesundheit meist nicht verfolgt: wenn sie innerhalb des Sitzungsraumes der Volksvertretungen sich ereignen. Daraus geht aber zur Evidenz hervor, daß die den Abgeordneten durch die Verfassung gewährte Immunität auch ihre Schattenseiten hat, daß sie Gefahren in sich birgt, denen sich der Einzelne gar nicht zu entziehen vermag. Wenn wir früher in Berichten aus amerikanischen Parlamenten lasen, daß dort vielfach der Revolver eine Hauptrolle spielte, daß Drohungen der einzelnen Deputaten gegen- einander an der Tageso dnung seien, dann fühlte sich wohl jeder Europäer hoch erhaben und sagte sich: „Gott, wie danke ich Dir, daß wir nicht sind wie andere Leute!" Aber die Zeiten haben sich geändert. Von Europa aus ist den Amerikanern und anderen Naturvölkern Cultur und Sitte übermittelt worden; untere Pioniere haben ihnen den Weg geebnet zu Wohlstand und Freiheit bis sie ihren eigenen Weg gehen konnten, bis sie sich ihre eigene Cultur gebildet hatten und ihren eigenen Sitten folgten. Dar Wort von den „freien Amerikanern", wie oft mag es nicht der Anlaß gewesen sein zur Auflehnung gegen die gesellschaftliche und gesetzliche Ord- nung in den europäischen Culturstaaten! Es fand dann auch bald ein Rückstrom statt, amerikanische Sitten fanden Eingang bei uns und machten sich übermäßig breit, errangen Beifall und Anhänger. Das ist namentlich in den Parlamenten der europäischen Staaten zum Ausdruck gekommen, wo der Ton immer ungezügelter geworden ist, und Gewohnheiten Platz gegriffen haben, die uns aufs Tiefste beschämen und dringend einer Remedur bedürfen.
Gott fei Dank, daß wir in dieser Beziehung vor unserer eigenen Thür den Besen noch nicht wirken zu lasten brauchen und vorläufig noch von anderen Staaten reden dürfen! Die Ereignisse im österreichischen Parlamente sind noch in zu frischer Erinnerung, als daß wir hier näher auf eine Beschreibung der ©eenen eingehen dürften, welche jeder parlamentarischen Sitte Hohn sprechen. Und außerdem sind unsere Sympathien bei den dort an die Wand gedrückten und gemaßregelten Deutschen, welche sich auflehnten gegen die Uebermacht und unter Anwendung aller Mittel ihren Platz beanspruchten an der Sonne, deren erquickende Wärme ihnen
entzogen werden sollte. Die Scenen selbst zu billigen, fühlen | wir uns außer Stande, wir können nur begreifen, daß sie vorkommen konnten, und ihnen infolgedeffen mildernde Umstände angedeihen lasten. Doch nicht von den Vorgängen im österreichischen Parlament wollen wir hier sprechen sondern von den Prügeleien, die am Samstag in der Kammer der an der Spitze der Civilisation marschirenden grande nation zu Paris vorgekommen sind.
Wir haben schon wiederholt auf die Erregung hiage- wiesen, die sich der Franzosen bemächtigt hat, seitdem die Dreyfus-Affaire von Neuem aufs Tapet gebracht worden ist. Die Verhälln ste liegen heute ganz anders als zur Zeit des Procestes selbst; damals rief ganz Frankreich wie aus einem Munde: „Tod dem Verräther"! Heute aber hat eine große Partei sich gebildet, welche die bisher nur vom Auslande verfochtene Ansicht, daß der Excapitän Dreyfus unschuldig verurtheilt worden sei, zu ihrer eigenen gemacht hat und dieselbe nun mit echt französischer Lebhaftigkeit verficht. Die SamStagSsitzung der französischen Kammer ist von uns schon als eine solche angekündigt worden, welche sehr erregt verlaufen und vielleicht einen Wendepunkt in den politischen Zuständen Frankreichs herbeiführen würde. Daß wir uns in der ersten Beziehung nicht getäuscht haben, lehren die Thatsachen. Der Faustkampf zwischen den Abgeordneten wird voraussichtlich der Anfang viel erregter Scenen fein, und den Schlag, durch welchen Graf Bernis den socialistifchen Abgeordneten JaurSs niederstreckte, giebt vielleicht das Signal zu ernsten Unruhen im Lande. Denn es ist erklärlich, daß die Arbeiter die Sache ihres Deputirten Jaurös zu ihrer eigenen machen werden. Auch in Frankreich stehen Neuwahlen bevor, sobald die jetzige Session beendet ist; die That vom Samstag — mag sie auch in der Erregung des Augenblicks eine Entschuldigung finden — wird eine Wahlparole werden, welche der jetzigen gesellschaftlichen Ordnung in Frankreich zum Verderben gereichen kann.
Möchten bei uns niemals solche Zustände einkehren! Das muß der Wunsch aller Vaterlandsfreunde sein.
(xx)
Deutsches Reich.
Berlin, 24. Januar. Die Bu dge tco m m i ssi o u deS Reichstages trat heute in die Berathung deS Etats für das Auswärtige Amt ein. Die Einnahmen wurden bewilligt. Bei den fortdauernden Ausgaben für Besoldungen brachte der Referent Prinz Arenberg bei der Position für
Athen die Verhältnisse der griechischen Gläubiger zur Sprache. StaatSsecretär von Bülow erklärte, daß auf Grund der Artikel 2 und 6 deS griechisch-türkischen FriedeuSvertragcs aus drn Verhandlungen der Gesandten mit Griechenland zwei Gesetzentwürfe hervorgegangen sind. Die internationale Courtoifie verpflichte ihn aber, diese Entwürfe noch nicht vorzulegen. Redner hofft, daß die griechische Regierung und Volksvertretung im eigenen Interesse die beiden Gesetzentwürfe annehmen werde, weil ste sonst feint Gelder erhalten werde, ihre Verpflichtungen zu ordnen. Weiterhin wünscht Abgeordneter R chter zu wissen, ob bezüglich Kreta unsere Stellung eine andere geworden sei, und ob eS wahr sei, daß der Kader nach Jerusalem zu reisen beabfichtige, worauf StaatSsecretär v. Bülow erklärt, daß wir an Kreta nur daS Interesse hatten, daß eS nicht zu internationalen Verwicklungen Veranlassung giebt. lieber eine Reise des Kaisers nach Jerusalem set ihm nicht« bekannt. Abg. Bebel griff die deutsche Orientpolitik an, Dr. Hammacher dagegen dankte der Regierung für ihr Verhalten in dieser Angelegeoheit. Bei dem Posten sür Paris wies Abg. Richter auf die Zeitungsnachricht hin, wonach DreyfuS bei seinen früheren Reisen im Elsaß von der deutschen Regierung begünstigt worden sei. Er stelle anheim, ob der StaatSsecretär in dieser Angelegenheit Auskunft zu geben wünsche. StaatSsecretär v. Bülow lehnt solche Auskunft ab, erklärt aber, daß die deutsche Regierung niemals mit dieser Sache zu thun gehabt habe. ES set viel Staub aufgewirbelt worden mir dieser Affaire. Die Beziehungen der französischen Regierung zur deutschen feie» aber dadurch in keiner Weise gestört worden. Bei der Position.für Peking wünscht Referent Prinz Arenberg Auskunft über die Ermordung der Missionare und über die Sühne für jene Schandthateu. StaatSsecretär von Bülow gab folgende amtliche Eiklärung zu Protokoll: Die Verhandlungen mit China wegen Genugthuung sür die an deutschen Missionen in Süd'Schantuvg verübten Unthaten find abgeschlossen und haben zu folgenden Ergebnissen geführt. Der Gouverneur von Schantung ist abgesetzt- sechs von uns bezeichnete Beamte sollen auS der Provinz Schantung versetzt und bestraft werden. Gegen die Attentäter selbst ist daS Strafverfahren im Gange. 2. Für die katholischen Miisionen ist eine Entschädigung von 3000 TaelS zu zahlen. 3. Zur Sühne sollen drei Kirchen errichtet und mit einer kaiserlichen Schutztafel versehen werden. Die chinefischeRegierung verpflichtet sich, fürjjede Kirche 06000 Taels anzuweisen und freie Baufläche zu gewähren. Für sieben sichere Wohnhäuser sür die katholische Mission in der Präfectur Tao-Tschoufon find 24000 TaelS
Feuilleton.
Ihr erstes Ballkleid.
Novellette von H. v. Schandow.
(Nachdruck verboten.)
„Mütterchen, soll ich denn mein erstes Ballkleid auch in diesem Jahre nichr haben?“
Die zarte Gestalt in dem weiten Lehnstuhl neben dem Fenster neigt fich vorwärts, die marklosen Hände falten fich bittend. Matte Röth? tritt in das blaffe, verzehrte, vom Tode geküßte junge Gesicht. „Zwei Wochen find- noch hin bis zum Ball beim Onkel. Bitte, bitte, laß mich gehen, Mütterchen, ich fühl- mich wirklich ganz kräftig." Und ihre Schwäche besiegend, strebt sie, sich zu erheben.
Erschrocken drückt die Mutter fie in den Lehnstuhl zurück.
„Bleib' fitzen, Irene, erreg Dich nicht. Gleich muß der Arzt kommen. Ich will ihn fragen —"
„Unb ich ihn bitten —,!”
Irene neigt fich über die Hyacintheu auf dem Fenster- brett, die melancholisch ihre porzellanblauen Glocken zu schütteln scheinen: „Frag' ihn nicht — bitte ihn nicht —**
Unten vor dem Hause hält ein Wagen. Irene fängt an zu zittern, kleine rothe Flämmchen entzünden fich unter ihren Augen. Wie flehend fie den Blick auf die Mutter heftet! <
Der Arzt tritt ein. Rauh, unzugänglich erscheint er, gepanzert gegen jede weichere Empfindung, doch in seiner Brust klopft ein Menschenherz. Mit knappem Nicken nimmt er den Bericht entgegen, fühlt feiner Patientin den Puls, blickt ihr messend und prüfend in das abgemagerte Gesicht. Danach ändert er irgend eine Kleinigkeit an dem zuletzt verschriebenen Recept, wünscht in seiner abgerissenen Sprechweise guten Erfolg und empfiehlt fich.
Irene har eS nicht gewagt, das Verlangen auszusprechen, da- durch ihr ganzes Wesen fiebert, daS Verlangen, jenes Fest zu besuchen. Ein schluchzender Seufzer steigt auS ihrer kranken Brust empor, vor ihren Blick legen fich Schleier. Sie steht die Sonne nicht mehr, die mit goldenem Licht den blendenden Winterhimmel erleuchtete.
Die Mutter hat dem Arzte das Geleit gegeben, jetzt tritt fie ins Zimmer zurück. Ihre Augen glänzen von hastig weggewischten Thränen, die Hände, hält fie fest ineinander geklammert.
Irene bemerkt es nicht. Zusammengesuvken fitzt fie da, betrübt, hoffvungSarm.
Da streifen der Mutter Lippen ihre Stirn.
„Mein Kind, Dein Wunsch soll erfüllt werden, Du wirst Dein erstes Ballkleid haben, — bald — sehr bald —"
Ein helllvnender Freudenschrei. Die leicht umflorte Stimme Irenes klingt filbern:
„Mein erstes Ballkleid! Mutter, Mutter, wie glücklich ich bin! — Und ich darf zu des Onkels Fest gehen? Darf tanzen? Mtch freuen?"
Die alte Frau nickt. Strenger, durchdringender duften die Hhactnthen.
„O Mutter, jetzt bin ich gesund! Warum habt Ihr mich auch so lange eingesperrt gehalten? GS hat mich krank ge- macht! Das allein!"
Und ein trügerischer Schimmer von Gesundheit breitet fich über die durchfichtigen Züge auS. Blut füllt die bleichen Lippen, die nun schwatzen und lachen, so froh, so heiter!
„Unb nicht wahr, Mütterchen, heut noch fährst Du iu die Stadt und holst mir den Stoff zu meinem Kleid, zu meinem Ballkleid! Gott, wie da- klingt! Mathilde und Thekla und Elli, fie alle haben schon seit Jahren ihre ersten Tanzschuhe vertreten, und ich habe noch niemals einen Ball besucht. Aber nun hol ich das Versäumte nach! Nun bin
ich ja gesund V* Ihre Hand berührt liebkosend die Hyaeinthen. „Ob ich roth nehme zu meinem ersten Ballkleid, rosenrothk Oder blau, Mütterchen, da« Du so liebst sür mich?"
„Wähle blau, mein Kind, wähle blau."
„Ltla ist auch schön, oder gclb, wie die goldenen Narcissen —"
„Ich werde lila tragen, Herz —"
Irene thut einen tiefen Athemzug.
„ES ist ja noch Zeit bis zur Entscheidung, Mütterchen. Jetzt werden wir erst zu Mittag essen und dann leg ich mich nieder. Ach, wie gut ich heute schlafen werde! Und wenn ich wieder wach bin, dann sag ich- Dir, welche Farbe ich tragen will auf meinem ersten Ball."
In der vierten Stunde richtete fich Irene auf vom Ruhebett mit seltsam flackernden Blicken. „Mutter", ruft fie, „Mutter!" Und fich an der alten Frau Schulter lehnend, erzählt sie ihr mit geheimnißvollem Flüstern den wunderschönen Traum, welcher soeben an ihr vorübergeflogen sei. Einen großen, Hellen Saal mit breiten Spiegeln habe sie gesehen, und in jedem dieser Spiegel sich selber im schneeweiße« Kleid und Gürtel, einen Kranz von weißen Rosen im Haar! Viele Menschen seien auf fie zugetreten. — Irene versteckte ihr Gesichtchen an der Mutter Brust, „auch Bekannte —! Und plötzlich errötheten meine weißen Blumen, immer tiefer, immer dunkler, — herrliche rothe Rosen wurden's. — Ach, Mütterchen, ich möchte wohl ein Kleid haben, ganz weiß, wie frischgefallener Schnee, und weiße Rosen dazu--"
Die Mutter wendet fich ab. „Wie Du willst, Liebling." Durch ihren Sinn geht das Wort des Arztes, der unter einem selsarnen Aufblicken seiner finsteren Augen z» ihr gesagt hat: „Schlagen Sie ihr nichts mehr ab, gar nichts mehr."
Die Glieder zittern der alten Frau, als fie fich zum Aufbruch rüstet.
In fieberhafter Ungeduld bleibt Irene zurück. Sie späht


