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26/01/1898 Erstes Blatt
 
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Nr. 2t Erstes Blatt Mittwoch den 26. Januar_______________ L8M8

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

Amts- und Anzeigrblatt für den Ureis Gieren.

Gratisbeilage: Gießener Familienblätter

Bei Postbezug 2 Mark 50 Pfg. vierteljährlich.

Alle Anzeigen-VermittlungSstellen deS In« und Ausland«» nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger eutgeg«.

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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Vorm. 10 Uhr.

Grfcheint täglich mit Ausnahme des MontagS.

Die Gießener MamikienVkLtter werden dem Anzeiger Wöchentlich viermal beigelegt.

Adresse für Depeschen: Anzeiger Hieße«.

Fernsprecher Nr. 51.

Redaction, Expedition und Druckerei:

Schutstratze Ar. 7.

Amtliche* Tyeil.

Bekanntmachung.

Oberhessischer Obstbauverein, Vereinsbezirk Gießen.

Die Hauptversammlung für den BereinSbezirk Gießen findet am

Touutag den 30. Januar, Nachmittags 2*/, Uhr, auf LonyS Felsenkeller in Gießen mit folgender Tages­ordnung statt:

1. Bericht über die Thättgkeit des ObstbauveretnS im Jahre 1896/97. Referent: der Geschäftsführer des Verein», Herr K. Reichelt-Frtedberg.

2. Welche Resultate wurden durch Anlegen der Leimringe gegen den Frostspanner erzielt. Referent: Herr Obst- bautechuiker Metz.

3. Wie kann man unfruchtbare Obstpyramiden fruchtbar machen? Referent: Herr Obstbautechniker WieSner.

4. Die Obstverwerthung im Haushalt. Referent: Herr R. Reichelt.

5. Berloosung von Obstbäumen, Gerathen und Gemüse« sämereieu,- jedes anwesende Mitglied erhält ein FretlooS.

Die Mitglieder des Oberhesfischen ObstbauveretnS und sonstige Jotereffenten werden hierzu freundlichst eiugeladeu.

Gießen, den 25. Januar 1898.

Der Borfitzende deS BereiuSbezirkS Gießen des Oberhesfischen ObstbauveretnS.

Dr. Wallau.

Gießen, den 25. Januar 1898.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

a» die Großh. Bürgermeistereien des Kreises.

Obige Versammlung wollen Sie in Ihren Gemeinden auf ortsübliche Weise bekannt geben.

v. Gagern.

Deutscher Reichstag.

24. Sitzung vom Montag, den 24. Januar 1898.

Nach Annahme eine« BeschluffeS der Geschäftsordnungs- commisfion wegen einer Privat-Beleidigung-klage gegen den Abg. Bock (Gotha), wonach die Erlaubniß zur Verfolgung desselben nicht ertheilt wird, setzt das HauS die zweite Be- rathung des Etats des ReichSamtS des Innern fort.

Abg. v. CzarlinSkt (Pole) bringt Unzuträglichketten des Gesetzes betr. die Invalidität»- und AlterSvrrficheruug zur Sprache.

An die Ausführungen deS Vorredner« schließt sich eine längere Debatte, in der die Redner der verschiedenen Par­teien ihre Wünsche bezüglich der Reform deS Alter»- und Jnvalidttätsverficherung-gesetzeS Vorbringen.

StaatSsecretär Dr. Graf v. PosadowSky erklärt, er wolle gern bet den BerfichcrungSaustalten erneut in An­regung bringen, daß dieselben ihre Capitalien mehr als bis­her zur Creditgewährung verwenden. Eine Herabsetzung der Altersgrenze von 70 auf 60 Jahre würde eine unge- heure Summe erfordern. Die Regierung halte es für voll­kommen indtScutabel, Kreise der Bevölkerung, wie die land- wirthschaftlichen Arbeiter und die Dienstboten nun wieder von den Wohlthaten deS Gesetzes auszuschlteßen.

Abg. Dr. Hahn (b. k F.) bringt eine Reihe von Uebel- ständen tm Auswandererwesen zur Sprache.

Staatssekretär Dr. Graf v. Posadowrkh bemerkt bezüglich der Rettungsboote bestehe die Bestimmung, daß ein jedes mit vier Ruderkuvdtgen bemannt sein müffe. Was die Jugendlichkeit der Schiffsärzte betreffe, so glaube er nicht, daß viele ältere Aerzte fich bereit finden würden, Seereisen zu machen.

Nach wetteren Bemerkungen der Abgg. Frese (frs. Bg.), Dr. Hammacher (naH.) und Dr. Lieber (Ctr.) wird der TitelAuSwanderungSweseu" bewilligt.

Bei dem TitelBörsenausschuß" bemerkt

Abg. Dr. Barth (frs. Bg.), daS Börsengesetz sei durch­aus verfehlt,- die Beseitigung der Berliner Produktenbörse habe gerade der Landwirthschaft geschadet.

Abg. G amp (Rp.) meint, jedenfalls habe man mit dem Börsengesetz erreicht, daß der Staat Einblick in das Börsen­treiben gewonnen habe und daß das Prtvatpubltkum der Spekulation ferngeblteben sei.

Gegen die Ausführungen des Abg. Dr. Barth wenden fich noch die Abgg. Graf von Arnim (Rp.) und Dr. Paasche (uationalltb.)

Hierauf wird die Weiterberathuug auf morgen 2 Uhr vertagt.

Schluß 6 Uhr 10 Miu.___________________________

Deutsche» Reich

Essen a. Ruhr, 24. Januar. Amtlich wird bekannt gemacht: Der Schnellzug 20 Hanuover-Köln ent­gleiste auf dem Bahnhof Herne. Hierbei wurden vier Personen getödtet und zwar: Oberlehrer Steffen-Bieleseld, GaSdtrector Lilienfeld Wanne, Kaufmann Guerh-Gütersloh, Kaufmann Rotenberg. 11 Personen wurden schwer, 15 leicht verletzt. Die Schwerverletzten wurden in den Krankenhäusern von Herne untergebracht. Der Postwagen und drei Personen­wagen wurden schwer beschädigt. Die Strecke Wanne-Dort­mund war bi» 3 Uhr gesperrt. Der Verkehr wurde durch Umsteigen bewerkstelligt.

Leipzig. 24. Januar. Zur Aachener LandeSver- rathSfache erfährt baßLeipz. Tagebl.", daß vom Reichs- zericht das Verfahren gegen einen in Haft befindlichen Wirth in VervierS, der in Aachen fortgesetzt Militärperfouen zum Verralh militärischer Geheimniffe veranlaßt haben soll, ein­geleitet worden ist. Die übrigen in die Sache verwickelten Personen gehören dem Militärstande au und unterstehen somit dem Militärgericht. Wie baß Blatt ferner mittheilt, ist die vor Kurzem aus Braunschweig gemeldete LandeS- verrathSsache gar nicht an da» Reichsgericht gekommen. Deshalb ist anz rnehmen, daß sich hierbei nur um Diebstahl handelt.

München, 24. Januar. In der Kammer der Ab­geordneten kam heute gelegentlich der Berathung des Eisenbahnetats auch die Marine-Vorlage zur Sprache. Minister Frhr. v. Crailsheim hatte in der letzten Sitzung davor ge- warnt, auf eine so rapide Steigerung der Einnahmen, wie fie in den letzten Jahren erfolgt ist, auch für fernere Zeit zu rechnen und das Budget mit Ausgaben zu belasten, welche nicht nothwendig find. Abg. Dr. Heim (Ctr.) bezeichnete heute diese Aeußerung al» beste Rede gegen die Marine- Vorlage. (Lebhafter Widerspruch.) Minister Frhr. v. Crails­heim tote» die Zusammenstellung seiner Aeußerung mit der Marinevorlage zurück und erklärte, die Forderung für die Marine sei Nicht io hoch und die Steigerung der Ausgaben fei im Verhältnis sehr mäßig.Ferner gehört die Marine- Vorlage", so fuhr der Minister fort,zu den nothwendigen Ausgaben. Da» Reich muß diejenigen Ausgaben machen, die nothwendig find zur Sicherung seiner Größe, Machtstellung und Wohlfahrt. Zur Wohlfahrt de» Reiche» ist die Marine nothwendig, weil sie dazu dient, den überseeischen Handels­verkehr zu schützen, und weil fie ein wesentlicher Factor unsere» Wohlstände» ist. Ich bin der Ucberzeugung, daß daS Deutsche Reich unmöglich so arm sein wird, daß eS die­jenigen Ausgaben, welche für seine Machtstellung, Ehre und Wohlfahrt nothwendig sind, nicht machen könnte." (Lebhafter Beifall.) Abg. Dr. Pichler (Ctr.) erklärt: Auch wir sind bereit, alle Summen zu bewilligen, weiche für die Sicherheit, Größe und Wohlfahrt nothwendig find. Aber wir wünschen, daß bei den Ausgaben baß Wohl und die Rechte des Bolkeß berücksichtigt werden. Abg. v. Bollmar (Soz) erklärt: Nach der Meinung der Sozialdemokratie gehören die Forderungen der Marinevorlage nicht zu den nothwendigen Ausgaben.

Weimar, 24. Januar. Im Landtag wurde angefragt, ob die Regierung geneigt sei, mit den benachbarten thüringi- schen Staaten ein gänzliches Verbot oder doch möglichste Einschränkung des Fange» nützlicher Singvögel zu vereinbaren.

Eisenach, 24. Januar. Eine große Versammlung von 800 Thetluehmeru beschloß nach einem bedeutsamen Vortrage deß Coutreadmiral» Werner ein Danktelegramm an den Staatssekretär Tirpitz für die Flottenvorlage und die Bitte an den Reichstag um unverkürzte Annahme de» Gesetzt».

Ausland.

Zurich, 24. Januar. Der Verwaltungsrath der Schweizer Nordostbahn hat den Beschluß gefaßt, die Gültigkeits­dauer der RetourbtlletS auf zehn Tage zu verlängern und ein Generalabonnement nach der Art desjenigen Württem­bergs einzufübren. ES sollen beide Neuerungtn mit Beginn deS nächsten SommerfahrplanS in Kraft treten. Ferner ist die Vergebung einer Lieferung von Lokomotiven, Schienen

und Schwellen in der Höhe von 1 538000 Frc». beschloss« worden.

Lanfanne, 24. Januar. Der Anwalt und Universität»- profeffor JacqneS Berney und zwei jnngeMädchen brachen gestern beim Schlittschuhlausen auf dem Jouxsee eta uad ertranken. Die Leichen Berney» und eines Mädchen» find geborgen.

Prag, 24. Januar. Landtag. Ja der Debatte über da» Budgetprovisorium erklärt Zdenko SLÜcker, die Finanzlage be» Lande» habe sich, seitdem die Majorität de» Landes eine czechische geworden sei, verschlimmert. Redner beklagt das Zurückdrängen der Deutschen im Landtag und sagt, die Deutschen haben nicht einmal mehr in der Wahl- curie der Handelskammer eine Majorität und seien dadurch auf den Großmurh der Gegner angewiesen. Jede Regierung würde eine solche Lage als unzuträglich erachten, um so trauriger sei es, daß unter der jetzigen Regierung erklärt werde, man könne nicht mehr Herr der Situation bleiben, wenn man die Deutschen in ihren Rechten schützen wollte. Abg. Pipich be­hauptet, die Deutschen verschuldeten die traurige Finanzlage, weil fie an ihrem CentraliSmuS festhalten. Nach weiteren Ausführungen des Abg. Dasaty wird dar Budgetprovisortnm mit den Stimmen der Jungczechen und deS Großgrundbesitze» angenommen. Die Deutschen hielten fich bei der Abstimmung fern. Nächste Sitzung Freitag.

Prag, 24. Januar. Eine etwa tansendköpfige Versamm­lung deutscher Studenten beschloß eine Resolution, in der gegen daS Verbot des Farbentragens Stellung genommen und die letzten Straßenereigntffe schärfsten» verurtheilt werden. Die bereit» begonnene Einstellung der Vorlesungen sei vor­läufig bis zum Leitmeritzer Akademikertag ausrecht zu erhalten, falls nicht früher da» Verbot be» Farbernrageu» aufgehoben wirb, unb bie» um so mehr, al» an der technischen Hoch­schule vom Profefforen-Collegium selbst die Vorlesungen bi» auf Weitere» eingestellt wurden. Die Resolution drückt die Hoffnung au», daß die stet» erprobte Gemetubürgschaft der deutschen Hochschulen auch in dieser Frage fich bewähren werde. Acht socialdemokratische Studenten erklärten, daß fie zwar mit der Resolution nicht ganz einverstanden seien, aber um nicht al» Strikebrecher zu erscheinen, fich gleichfalls de» CollegienbesucheS enthalten werden. Die Resolution wurde mit allen gegen acht focialdemokratische Stimmen ange­nommen.

Gallipoli, 24. Januar. Ungefähr 600 Personen heran* stalteten gestern Abend unter feindlichen Rusen gegen die Staatsverwaltung wegen der Brod frage eine Kund- g ebnng. Straßenlaternen wurden zerbrochen und baß Hau» eines Club» in Brand gesteckt. Ein obrigkeitliches Aufgebot stellte unter Mitwirkung von einflußreichen Bürgern die Ordnung wieder her. 36 Verhaftungen wurden vor- genommen.

Pari», 24. Januar. Deputirtenkamrner. Der Saal ist überfüllt, die Unterhaltung lebhaft. Abg. Saute- gard beklagt fich über baß Eingreifen be» Militärß am Sams­tag. Präsident Briffon erklärt, man habe einige Soldaten eintreten lassen, um die dem Publikum geöffneten Tribünen räumen zu lassen. Abg. Jauröß beantragt, mit der Er­örterung seiner Interpellation fortzufahren. Dem Antrag wird zugestimmt. Jamös macht der Regierung den Borwurf, daß sie Zola nicht auch wegen seiner Anklagen gegen die Generale vor Gericht bringe. Die Regierung müsse ein- willigen, daß vollkommenes Licht in der Dreyfus-Angelegen- heit geschaffen werde. (Beifall auf der äußersten Linken.) Jautös fährt fort, die Regierung könne den Offizieren nicht unterlagen, in dem Prozeß Zola Aussagen zu machen. Redner fragt, ob die Richter de» Kriegsgerichts Schriftstücke in den Händen hatten, welche bie Strafbarkeit beS DreyfnS bewiesen und ob diese Schriftsiücke dem Angeklagten und dessen Ver- theidiger nicht mitgetheilt worden seien. Ministerpräsident Mäline erwidert: Wir wollen diese» auf der Tribüne nicht erörtern. (Beifall.) Jaur4s protestirt gegen die Ungesetzlich­keit, gegen die Verletzung deS Rechte», und sügt hinzu: Ihr werdet die Lösung de» RäthselS nicht durch zweideutige Worte, durch Ausflüchte und Hinhaltungen umgehen. Jaurä» wendet sich gegen die Verhandlung bet verschlossenen Thüren unb sagt: Warum eine Armee unterhalten, wenn nicht gestattet ist, einzugeftehen, daß ein Offizier einer benachbarten Macht Documente mittheiltc. (Beifall auf der äußersten Linken.) JanrsS kommt dann auf Kiel und den äußersten Orient zv sprechen und wirft der Regierung ihren Kleinmuth vor, (Widerspruch), erinnert an den in Deutschland geführten Prozeß gegen Degony und gicbt seiner Verwunderung Aus­druck, daß man in Frankreich nicht mit derselben Freiheit