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Der Vorstand.
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»anknoten öto.
Nr. 250 Zweites Blatt Dienstag den 25. October
1898
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Gießener Anzeiger
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General-Anzeiger
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Die Kaisertage in Konstantinopel.
Alle Erwartungen wert übertreffenb, ist der Besuch des deutschen Kaiserpaares in Konstantinopel überaus glänzend ausgefallen. Es ist nur allzu selbstverständlich, daß dieser Erfolg im Auslande stark commentiit wird, unb ba ist es denn besonders interessant, was man in Rußland zu dem Besuche sagt. Bis jetzt liegt nur die Aeußerung des offiziösen „Twist" vor, welcher ein Anwachsen de» politischen und wirth» schaftlichen Einflusses Deutschlands im Orient Voraussicht. Anscheinend befürchtet man in Rußland, daß wir darauf aus- gehen, in der Türkei jeden anderen Einfluß zu verdrängen; darin hat man sich aber geirrt, wir stehen noch immer auf demselben Standpunkte, den Staatssecrctär v. Bülow gelegentlich der Erörterung über die Erwerbung von Kiautschou mar tu le: Deutschland beansprucht seinen Platz in der Sonne, ohne daran zu denken, dic berechtigten Interessen Anderer zu schädigen ober biefe von bcm ihnen gebührenben Platze zu verbrängen. Bisher haben bie Großmächte an ber Türkei »freien Wettbewerb" betrieben, woran sie Deutschlanb auch künftig sicherlich nicht Hinbern wirb.
Wir haben bereits vor einigen Tagen ausgeführt, baß die Anwesenheit unseres Kaiserpaares im Orient nur bazu beitragen kann, unsere wirthschafklichcn Beziehungen zu jenen Gebieten wesentlich zu beleben, unb insofern hat jeher Deutsche noch ein weiteres Interesse an ber Orientfahrt seine» Herrscher». Auf biefe» wirthschaftltche Interesse weist auch bie Antwort hin, welche Kaiser Wilhelm aus bie Abresse ber unter deutschem Schutz stehenden Schweizer gab. Deutschland und bie Türkei stehen in einem freundschaftlichen Verhältniß „zu gegenseitiger Förderung", sagte ber Kaiser, unb er kann damit nur bie Förberung ber wirtschaftlichen Interessen gemeint Haden. Denn bie politischen Beziehungen zur Türkei werben gemeiniglich nicht von einer einzelnen Macht geregelt, fonbem dem Bebürsnisse be» europäischen Conzerte» angepaßt. Daß ber politische Einfluß Deutschlanb» auf bie Pforte schon jetzt sehr weitgehenb ist, braucht nicht mehr betont zu werden, unb er bürste auch nach dem Besuche de» Kaiser» in Konstantinopel mindesten» nicht geringer werden. _____
E» ist schon betont worben, baß bie Anwesenheit Wilhelm» II. in Konstantinopel unb Palästina keineswegs eine Verminderung des Ansehens ber nicht evangelischen Religionen im Gefolge zu haben braucht. Nur bas darf als sMchend angesehen werden, daß bie ganze christliche Religion im Orient durch den Kaiserbesuch eine Stärkung erfährt, die ihre Früchte tragen wird auf lange Jahre hinaus. Tausende von Christen haben bisher beim Ausbruch des muhamedanifchcn Fanatismus ihr Leben eingebüßt, weil bie türkischen Behörden I» gleichgültig waren. Jetzt, wo bie letzteren mit eigenen üugen gesehen haben, welchen Werth der Padischah auf bie Freundschaft de» christlichen deutschen Kaiser» legt, werden sie uich den Wünschen der Christen mehr al» bisher entgegen» lammen unb zu ihrem Schutze bereit fein. Da» ist auch ein Erfolg ber Äaifertage für bie gefammte Christenheit! xx
Vor 250 Jahren.
Zum 24. Oktober.
Von Han» von Basedow (Dessau).
(Nachdruck verboten.)
Frieden, Frieden, Frieden — wie ein Zauberwort flog i» durch die deutschen Laude, schier unglaublich nach all Oe», was geschehen war, waS da» Bolk zu erdulden hatte. Bin Menschenalter hindurch hatte die KriegSsurie gewüthet, ö.rörne von Blut waren geflossen,- da, wo blühende Städte zestaoden, fenb man rauchende Trümmerhaufen, üppige Felder uxtn verwüstet, die Früchte der Weinberge am Rhein tiedergetreten, die Gespenster Armoth, Roth, Hunger und LsdeSfurcht schlichen durch die Lande, Greuel, die nur an. Deuten sich die Feder sträubt, waren etwa» Alltägliche», Iti Bestie im Menschen war eben entfesselt und tobte zügel- j», getrieben von der KriegSsurie, die ihre entsetzliche Geißel chaavg. Und da» sollte nun Alle» zu Ende sein, so mit tinrm Schlage? Unmöglich — so herrlich war e». Rach Ite dreißigjährigen Kampse glaubte man nicht» mehr, hatte ■an doch Glück nicht kennen gelernt, war doch die junge Generation in stetem Kampfe ausgewachsen unb bie alte fmjjpl geworden. Unb boch — e» war so Frieden, grieben, Friebeo läuteten bie Glocken, unb wie Erlösung zog rt in bie Herzen ber Menschen ein, bie wieber einmal frei eihmen konnten, ohne bie schwere Angst, ob fit anberen r,zc» ihr Hab und Gut, ihr Leben noch besäßen. Freilich, ter in Münster und Osnabrück geschlossene Frieden war wch kein reiner Frieden, er war von Kaiser Ferdinand ge
schlossen worden, ,btr Roth gehorchend, nicht dem eigenen Trieb*, eine siegreiche Schlacht seinerseit» hätte ihn wieder in weite Ferne rücken können, verhandelte man doch schon dreizehn Jahre um diesen Frieden, den ba» wechielobe Krieg»- glück immer wieber hinau»schob. Rach dem 1635 geschloffenen Prager Friebeu hatte man Frieden»conferenzen in Lübeck unb Köln, später In Regen»burg unb Hamburg zusammengerufen — zu eine« Resultat kamen sie nicht — ba» brachte erst ber 24. Oktober 1648, unb nicht nur einen Frieden für deutsche Lande, sondern für ganz Europa.
Unb doch war, wie gesagt, der Frieden kein reiner. Der äußere Frieden unter den Völkern war nothdürstig her- gestellt, am socialen Frieden mangelte eS noch, um so mehr, al» durch den Frieden und einzelne Bestimmungen beffelben, wie da» sogenannte Normaljahr 1624 — ba» heißt, in religiösen Dingen sollte nach dem Frieden Alle» so bleiben, resp. wieder zurück« ober umgebtldet werden, wie es im Jahre 1624 war — und durch da» Stmultaueum den Streitigkeiten und der Willkür Thür unb Thor geöffnet war. Die Herren hatten eben noch nicht bie Etnficht gewonnen, baß ba» Volk durchaus nicht nur ihretwegen da war — und da» prägte fich in den FrtedenSbedingungen und ber Ans« theilnng der Landstriche recht deutlich au». Da» Volk mußte trotz der Verwüstungen be» Kriege» unter Scepter wie unter Kruwmstab die drückendsten Steuerlasten tragen und war in GlaubenSdingeu unselbständiger und beschränkter denn je.
Unb bennoch, wenn ber westfälische Friebeu auch kein reiner war, er ist einer ber Momente in ber Weltgeschichte, bie zu ben „großen* gehören, denn er ist nicht nur ber Schluß be» furchtbaren dreißigjährigen Kriege», sondern auch die B-fi», auf ber fich ein neue» Europa aufbaute. Unb bie» Ausbauen war kein so leichte». Nicht wie ein Phönix au» ber Asche erstanb e» — langwierige innere Kämpfe kostete e», denn bie (Kultur war herabgebrückt durch bie ver- rohevben EivflÜffe ber SolbateSka, bie schließlich von ihren Führern nicht mehr beherrscht wurde, sondern diese beherrschte, und nm die fich Alle» schaarte, um nicht von ihr ruinirt, gemordet und ost unter den furchtbarsten Foltern gemordet zu werden. Plünderung, Raub waren dem Soldaten harmlose Dinge, fie waren sein Erwerb, denn nur durch Raub vermochte er fich bezahlt zu machen — da» hatte ManoSseld, da» hatte mehr noch der furchtbare Wallenstein gelehrt. Di'jenigeo nun, bie im Kriege jebe» Gefühl von Menschlichkeit unterdrücken muhten, bie ta Blut wateten, Raub, Mord unb Schändung für ihr gute» Recht hielten, konnten nicht mehr al» friedliche Bürger leben, mit socialen unb kulturellen Ausgaben sich beschäftigen. Und gerade Diejenigen, auf denen die Zukunft beruhte, die Studenten, hatten fich mit Feuereifer dem Kriegshandwerk hingegeben. Die Pflanzstätten der Wissenschaft standen verwaist, die Pro- fefforen, die fast Niemand hatten, den fie belehren konnten, gaben fich fruchtlosen und oft lächerlichen Streitigkeiten über seroabliegende Probleme hin, ta GlanbenSsachen herrschte nicht nur Streit zwischen Katholischen und Evangelischen, sondern auch zwischen Lutherischen und Resormirten. So war an eine schnelle innere Entwickelung nicht zu denken, um so weniger, al» die an die Universitäten zurückkehrenden Studenten die wüsten Sitten de» Krieg»handwerk» beidehielteu und ihren jüngeren Kameraden eioimpften. So stiftete ber furchtbare Krieg nicht nur Verbeiben während seiner Dauer, sondern auch noch nach seine« Ende.
Die Reformation haue der kulturellen Eutwickelnog Thür und Thor geöffnet, e» war ein neuer Geist über bie Menschheit gekommeu, Kunst unb Wissenschaft begannen aus- zuleben, Irr- unb Aberglauben würben in ben Hiutergrunb gebrangt, wenigsten» bet ben Gebildeten — ber breißig- jährige Krieg «achte all' diesen Fortschritten ein Ende, der westfälische Frieden konnte e» nicht neu beleben, io vieler Hinficht wirkte er geradezu reaktionär. Zwar da», wa» die Reformation geschaffen, eine neue Glauben», und Weltanschauung, konnte er nicht zerstören, aber ihre Ausführung, Betätigung, SuSlebung hindern. Wie sehr die cutturelle vast» zurückgeschraubt war, lehrt ein Beispiel: die Hexen- Prozesse lebten wieder auf, Folter, Verbrennungen re. grasfirten mehr berat vor be« Kriege, bebeutenbe Gelehrte schrieben über ba» H'xenwesen, an da» fie fest glaubten, unb von den Kanzeln unb Altären würbe gegen ba» Hexeuthu« gepredigt, also ber Irrwahn verbreitet.
Aber gerabe der Unfrteben i« Frieden sollte Deutschland erheben. Da» Volk besann fich auf fich selbst, entwickelte fich in sich selbst, langsam, stetig — und nur bie Nation ist gesuvb, deren Entwickelung au» dem Volke heran» vor sich geht. Daß die» geschehen konnte, ist eine der größten Errungenschaften be» westfälischen Frieden».
Diese Selbsterziehung be» Volke» würbe lehr erschwert durch die Eil flösse de» Su»laode». Die vornehme Welt nah« nach Fliedensschluß französische» Wesen an —, ein Aufenthalt in Pari» gehörte zu« guten Ton, franzöfische Costüme waren die nottzwendige Voraussetzung eine» vornehmen Menschen. Franzöfliche EivflÜffe waren in Kunst und Wissen- schäft au»drücklich fühlbar —, die starken gefunden Instinkte unsere» deutschen Volke» gehörten dazu, nm fich nicht von diesen Einflüffen unterjochen zu laffen und fich eben zu einer deutschen Nation hindurchzuringen. Und da» ist da» Größte am westsälischen Frieden, er war da» Geburt»jahr dieser deutschen Nation, die allerding» erst voll und ganz da» geworden, wa» fie ist, im reifsten Alter, al» fie bie Kraft hatte, Europa ben Stempel auszubrücken.
Ein welthistorischer Moment, ber feinen Einfluß noch heute bethätigt, ist ber westfälische Friebeu burch diesen letzt genannten Umfinud geworben. — Unb gerabe jetzt, Wo ber schöne Frieden»ruf von Rußlanb» Kaiser aufgegangtn, thut e» gut, fich an biefen Frieden und ben vorhergegangenen Krieg zu erinnern. 250 Jahre sinb verflossen, 250 Jahre hat fich bie Welt weiter entwickelt, äußerlich unb innerlich, unb bie innere Entwickelung bringt nach Frieden. Wir wollen nicht nur den westsälischen Frieden, trotz seiner Mängel, feiern, wir wollen den Frieden an fich feiern, und Paul Gerhardt» schöne Verse, die er dem westfälischen Frieden weiht, haben Gültigkeit für alle Zeiten:
Gottlob, nun ist erschollen Da» edle Fried- und Freudenwort, Daß nunmehr ruhen sollen Die Spieß unb Schwerter unb ihr Morb.
Wohlauf unb nimm nun Wieber Dein Saiteuspicl hervor!
O Deutschland, finge Lieber
__________Im hoben, vollen Ehor!_______________________
Deutsche» Reich.
Berlin, 22. October. Der „Reich-anz." veröffentlicht heute eine kaiserliche Urkunbe vom 1. Dctober 1898 betreffenb bie auf Snorbnung ber Kaiserin erfolgte Stiftung ber Rothen Kreuz-Mebaille. Die Medaille besteht an» drei Klaffen unb soll an Personen, bie sich um bie Bestrebungen be» Rothen Kreuze» verdient gemacht haben, verliehen werben. Der „Kren- Zeitung" zasolge ist bie erste Klaffe be» Orbeu» dem Ober-Leremonienmeister von dem Knesebeck, Borfitzenden be» Central Comitö» vom Rothen Kreuz unb ber Gräfin von Itzeuplitz, Vorsitzenden be» vaterländischen Frauenverein», verliehen worden.
Berlin, 22. Ocioder. Der .Reichs-Anzeiger" repro- dneirt die gestrige Mittheilung der „Norbd. Allg. Ztg." über ben Alexandriner Mordanschlag gegen ba» bentsche Kaiserpaar und fügt hinzu, daß die gerichtliche Untersuchung vor dem italienischen Consulargericht in Alexandrien weiter geführt wird.
Berlin, 22. October. Die Mittheilung über einen angeblich bevorstehenden Wechsel in der Besetzung be» Ober- präfidium» von Posen beruht bei „Nordd. Allg. Ztg." zufolge auf Erfindung.
Berlin, 24. Oktober. Zur Handelsgesetzgebung. Im preußischen HaudelSmlnisterium wird ein Gesetzentwurf zur Ausführung deS Handelsgesetzbuches vorbereitet. Die Handelskammern find bereit» zn gutachtlichen Aeuheruogen aufgefordert worben. De» Weiteren find bie HanbelSkammern ersucht worben, fich gutachtlich zu äußern, ob und inwieweit zur Verhütung unrichtiger Eintragungen unb zur Berichtigung und Vervollständigung de» Handelsregister» ben Register- richtern eine Mtttheilong ber Eintragungen an bie Hanbel»- Vertretungen vorzuschreiben unb diesen letzteren die Verpflichtung aufznerlegen wäre, die zu ihrer kenntniß gelangenden Fälle unrichtiger und nuvollständtger Eintragungen ober unterbleibender Anmeldungen den Regtsterrichtern anzuzeigen.
Berlin, 22 Oktober. Die Ansprache de» Kaiser» an bie Abordnung der dent'chen (Kolonie in Konstantinopel bei Überreichung ihrer Adresse hatte folgenden Wortlaut: „Meine Herren! Für die Worte, die Sie an mich richteten und für die Adresse, welche Sie mir überreicht haben, sage ich Ihnen meinen besten Dank. Zu «einer Freude habe ich in bet knappen Zett, wahrend welcher ich hier bin, schon von verschiedenen Seiten und nicht zum Mindesten auch von dem Herrscher diese» Landes erfahren, welche geachtete Stellung die deutsche Colonie hier in Stambul einuimmt, und daß fie fich dieselbe durch eigene Kraft erworben hat. In bet Adresse haben Sie auf bie Politik meine» verstorbenen Herrn Großvater» hiogewiesen. Ich kann sagen, baß ich bie Wege


