Rr. 146 Erstes Blatt.
Samstai, dm 25. Juni
1898
Erscheint tägNch mit Ausnahme des Montags.
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Gießener Anzeiger
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Umtlidjcr Theil«
Bekanntmachung,
brtr.: Die AuSsührung der Allgemeinen Bauordnung.
Da die Bestimmungen über die Anzeigen von der ganzen i ter theilweisen Fertigstellung eine» Neubaues oder einer Lauveräuderung häufig außer Acht gelassen werden, bringen vir das Nachstehende zur Kenntniß der Betheiligten:
1. ZveckS Prüfung des Bauwesens ist schriftlich oder mündlich Anzeige hierher zu machen:
a bei Bauten au der Straße nach A«f- ftelluug des Schnurgerüstes nnb nach dem Versetzen der ersten Sockelschicht,
b. nach Vollendung des Rohbaues, o. nach Fertigstellung des ganzen Banes.
Wer die unter a — c aufgeführten Anzeigen nicht oder zu spät erstattet, verfällt in die im Art. 80 der Allgemeinen Einordnung angedrohte Strafe (Geldstrafe bis zu 150 Mk. ober Haft.)
2. Bon besond'rer Wichtigkeit ist die Revision des Rohbaues und darf vor deren Beendigung au dem Bau mit verputzarbeilen u. dergl. nicht be- gönnen werden.
Daß die Revision stattgefundeu hat, wird von tnm au dem betr, Bauherrn, bezw. Baumeister oder Bau» Handwerker durch eine schriftliche Bescheinigung der ,Lterzeichueteu Behörde mltgetheilr. Erft nach Za- strllung einer solchen Bescheinigung und eventuell erst nach 8 rseitigung der bei der Revifion zu Tage getretenen Anstände ist dar Weiterarbeiten zulässig.
2. Neu angelegte oder wesentlich veränderte Kamine dürfen nicht eher benutzt werden, als dies von der unterzeichneten Behörde gestattet worden ist.
Gießen, den 23. Juni 1898.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
v. Bechtold.
Die Lage in der Türkei.
Im Südosteu Europas beginnt es wieder unruhig zu «irden- an manchen Punkten scheinen sich dort ernste Dinge «o-rzubereiten, die wahrscheinlich daS Eingreifen der europäi- itim Diplomatie erforderlich machen werden. Wir wissen ja, lug die Großmächte mit gespanntester Aufmerksamkeit die Dinge auf dem Balkan verfolgen, uud bet jeder sich dar- iinteuden Gelegenheit auf den Sultan einzuwirken suchen. S'iit Kurzem gährt rS gewaltig in Albanien, wo iS fast iS glich zu Reibereien au der montenegrioischen Grenze kommt. D'ie Albanesen find bekanntlich einer der unruhigsten uud Ikßegerischsteu Volksstämme der Türkei,- sie haben fich freilich in letzter Zett ziemlich friedlich verhalten und große Zurück» mituvg geübt, die fie aber jetzt bei Seite zu werfen beab- iRtigeu.
Wie schon gesagt, haben au der albanisch montenegrinischen S-ieuze ernste Zusammenstöße stattgefunden, für welche beide Heile die Verantwortung von sich abwälzen wollen. Jeder K schuldigt den andern dar Karnickel zu fein, welches den Iireit angefaugen hat. Der Vertreter des Fürsten der Schwarzen Berge hat bei der Hohen Pforte bereits Recla- xettonen erhoben, denen sich auch der serbische Gesandte au- ,schloffen hat — freilich aus ganz anderen Gründen. Seitens *n Türkei wird vermuthet, daß Montenegro die Unruhen in Manien selbst angezettelt hat und bet dieser Gelegenheit im lettben fischen und die mazedonische Frage wieder auf- :o'len wolle.
Bekanntlich hat man den Fürsten Nikita bereits seit iugerer Zeit im Verdachte, Pläne auf dem Balkan zu ver- tilgen, die der Erhaltung des Frieden» auf der Halbinsel richt förderlich sein würden. Seine letzte Reise iuS Ausland, eih Aufenthalt tu Loudon und die Conferenzeu, welche er ait Lord Salisbury halt-, wurden mit größtem Mißtrauen -l folgt, uud wenn es auch hieß, daß der Fürst für seine Wchteu Seitens de» englischen leitenden Staatsmannes tfae Grmuthigung erfahren hat, so kann man dem doch nicht bedingt trauen, weil bekanntlich England ebenfalls ganz ssme im Trüben fischt und seine Soaderinterrssm allen au- >wrn vorauzustellen pflegt. Selbstverständlich wird über die vchren Absichten Montenegro» kaum etwas bekannt werden, eem es der Pforte gelingt, die Albanesen wieder zur Ratson ll bringen.
Die Albanesen, welche bereits jetzt eine verhältnißmäßig weitgehende Autonomie genießen, beanspruchen die Ausdeh
nung derselben auf die in Mazedonien lebenden albanefischen Stämme. Darauf kann selbstverständlich die Pforte nicht eingehen, weil dann die übrigen Christen Mazedonien» mit derselben Forderung herantreteu würden. Jedeaf.ll» setzt der Sultan dem Verlangen der Albanesen beharrlichen Widerstand entgegen uud hat jetzt Maßnahmen getroffm, um die Ruhe in Albanien wtederherzustellen. Ob ihm daS für längere Zrit gelingen wird, steht dahin; die Albanesen find äußerst hartnäckig uud haben bisher noch immer die türkische Regierung gezwungen, Concesfionen zu machen.
Allem Anscheine nach wollen die Großmächte jetzt auch die Kretafragc wieder anschuetden. Sie haben dem Sultan mit- getheilt, daß eine provisorische Verwaltung der Insel etvge- führt werden solle unter einem (Komite der kretenfischeu Nationalversammlung, über welches die Admirale der in den Kretagewässeru ankernden Flotten eine gewisse Oberausficht auSzuüben hätten. Wohlbemerkt, diese Verwaltung soll nur eine provisorische sein- die definitive Regelung der Gouverneurfrage wird damit wiederum hinauSgeschoben werden. Allem Anschein nach halten Rußland und die in dieser Angelegenheit mit diesem übereinstimmenden Mächte an der Candidatur des Prinzen Georg von Griechenland fest- aber der Widerstand des Sultans dürfte immer noch nicht gebrochen worden fein. Aus diesem Grunde hat man wohl zu einem Provisorium gegriffen uud die eudgiltige Regelung auf einen geeigneteren Zeitpunkt vertagt.
Im Allgemeinen kann man dem Auswege nur beipfl'chten, falls derselbe eine Handhabe dafür giebt, daß Rahe und Ordnung auf Kreta hergestellt werden, ehe ein Gouverneur die Regierung der Insel antritt. Von besonderem Werthe würde dies sein, wenn Prinz Georg von Griechenland der künftige Geueralgouderneur ist, dem oer muhamedanische Theil der Bevölkerung von vornherein jedenfalls keine Sympathieen ent» gegenbringi. Soweit man nach den türkischen Verhältnissen beurtheilen kann, dürfte übrigens noch manche Zeit vergehen, ehe ein Einvernehmen zwischen dem Sultan und den europäischen (Kabinetten bezüglich de» kretenfischeu Gouverneur» erzielt sein wird. (xx)
Deutsches Reich.
Berlin, 23. Juni. Die „Hohenzollern" mit dem Kaiser an Bord lief Donnerstag um 12 Uhr 50 Min. aus dem Kaiser-Wllhelm-Canal in den Kieler Hafen ein. Albte kaiserliche Archt in Sicht kam, feuerten sämmtliche Kriegsschiffe den Kaisersalut, die Mannschaften standen in Paradestellung. Prinzesfiu Heinrich mit dem Prinzen Joachim und der Prinzessin Victoria Luise hatten fich kurz zuvor an Bord der „Hohenzollern" begeben.
Berlin, 23. Juni. Der „Reichsanzeiger" theilt heute berichtigend mit, daß entgegen seiner gestrigen Angabe im Wahlkreise Oitweiler-Sanct Wendel-Meisenheim nicht Freiherr v. Stumm gewählt ist,sondern Stichwahl zwischen diesem und dem Candidaten de» CentrumS, Dr. Hille, stattzufinden hat.
Berlin, 23. Juni. Die Arbeiten für die Organisation der Colonial-Schutztruppen find jetzt beendet, sodaß die betreffenden Mittheilungen zur Veröffentlichung gelangen werden. Neuformattonen oder Neuforderungen bedingende Aenderungeu find nicht dabei vorhanden.
Berlin, 23. Juni. Die Stadtverordneteu-Versammlung wählte heute Nachmittag den bisherigen zweiten Bürgermeister Kirschner mit 76 von 95 Stimmen zum Ober» bürgermeister von Berlin.
Berlin, 23. Juni. Die Vorarbeiten für die Neuorganisation der Feldartillerie find nunmehr, wie eine militärische Correspoudenz berichtet, soweit gediehen, daß das bezügliche Gesetz mit dem neuen Etat in» Leben treten und dem neuen Reichstage zur Beschlußfassung vorgelegt werden kann. Entsprechend der Cavallerie werden bei jedem Armee Corps zwei Brigaden, jede zu zwei Regimentern, formtet werden. Von den reitenden Batterien werden soviel Abtheilungen eingehen, daß nur für jede im Kriegsfälle aufzustellende Cavallerie-Divifion eine Abtheilung verbleibt, sodaß die eigentliche Vermehrung an Geschützen und Gespannen im Verhältniß nur eine unbedeutende sein wird.
Berlin, 23. Jvnt. Sämmtliche Bäcker-Innungen Deutschland» haben beschlossen, alle verfügbaren Kräfte sofort den Bäckermeistern in Hamburg-Altona zu Hilfe zu senden. Seiten» der Bäcker-Jnuungen Concordia und Germania gehen heute Abend von hier eine Anzahl Gesellen nach Hamburg ab. Die Gesellen erhalten freie Fahrt und auskömmliche Löhne und treten nach Beendigung de» Strike» wieder in ihre alten Arbeitsstellen ein.
Berlin, 23.Juni. Um die Lage de» Kleingewerbes zu ftubhen, ist ein preußischer Ministertalvertreter nach Oesterreich gesandt worden. Es heißt, daß auch noch nach anderen Staaten hin Sachverständige ausgesandt werden sollen. Jedenfalls steht die Frage, ob e» Möglichkeiten gebe und welche, um das Kleingewerbe dem Anwachsen des Waaren- hauS- und GroßbazarwrfeuS gegenüber besser zu schützen al» bisher, weit im Vordergrund des Interesses der deutschen Regierungen.
Berlin, 23. Juni. Da die Besetzung vouKiautschou in ihrer gegenwärtigen Stärke erhalten werden soll, stellt fich die Nothwendigkeit der Ablösung deS ältesten Jahrgang» de» 3. SeebataillonS heraus. Hierzu ist der Uebertritt von 40 Unteroffizieren und 270 Mann au» der Armee beantragt worden. Zur Zeit finden Umfragen nach fich freiwillig Meldenden bei sämmtlichen ArmeecorpS statt.
Berlin, 23. Juni. Zur Erleichterung de» Packet- annahmeverkehrS sollen jetzt, wie der „Sonfecrionär" erfährt, die großen Geschäfte ihre eigenen Packet-Aunahnre- stellen erhalten. Der erste versuch ist bei einem der größten deutschen Versandtgeschäfte in Dessau gemacht worden. Bet dieser Firma ist nach langwierigen Verhandlungen, die beinahe 28/< Jahre gedauert haben, in einem vom Geschäft»» Hause der Firma an die Postverwaltung abgetretenen Rau« eine Packet Annahmestelle geschaffen worden, in welcher die Post die Packete der Firma annimmt, um sie direct zum Bahnhof zu befördern. Die Gegenleistungen find allerdings nicht unbedeutend. Außer der Hrrgade des Raume» muß die Firma die sämmtlichen Bureau- und Materialkosten tragen, sowie al» Entschädigung sür Beamten- und Transport- kosttn eine Gebühr von l1/» Pfg. sür daS Packet entrichten, was bei einem verkehr von 300000 Packeten jährlich 4500 Mk. auSmacht.
Hannover, 22. Juni. Der deutsche Fleischer- verbandStag lehnte mit großer Mehrheit eine Resolution zur Bildung von Zwangsinnungen ab. Einstimmig wurde ein Antrag angenommen: „Der Verbandstag möge beim Reichskanzleramt darum ersuchen, daß Seiten» de» ReichSgesundheitSamte» festgestellt werde, welche der fetther gebräuchlichen ConfervirungSmittel bezw. welche Mengen derselben zur Conservirung von Fletsch, tnSbesondere als Zusatz zu Hackfleisch zulässig sind. Da nach Anficht eine» Theil» der Chemiker keine» der bis jetzt gebräuchlichen Mittel als ganz unschädlich bezeichnet werden kann, wird der verbands- vorftand gleichzeitig beauftragt, wenn nöthig durch Preis- ausschreiben, zur Herstellung eines wirksamen, unschädlichen Mittel» aufzufordern." Weiter sprach fich der verband»tag für die Besteuerung der Consumvereine au».
Ausland
Budapest, 23. Juni. Infolge der Theilnahme ungarischer Staatsbürger an den Prager Demonstrationen beschloß die Regierung gegen alle staatsfeindlichen Umtriebe im Wege bei Gesetzgebung Remedur zu schaffen.
Lemberg, 23.Juni. Die aufstänbische Bewegung scheint unterdrückt zu fein. Die Ruhe wurde gestern nirgend» gestört.
Lemberg, 23. Juni. Heute Abend reist der Statthalter nach Wien ab, um über die Situation in Galizien Bericht zu erstatten.
London, 23. Juni. TS wird gemeldet, der Insurgenten- sührer Garcia habe den Admiral Sampson benachrichtigt, daß General Pando mit Verstärkungstruppen vor Santiago eingetroffen fei.
Washington, 23. Juni. Die Landung der Ameri> kau er auf (Kuba erfolgte gleichzeitig an drei Punkten, nämlich bei Jaragua, Daiguivi und Aguadore» westlich von Santiago unter dem Schutze der Kanonen der Kriegsschiffe. Die bereit» gelandeten Pioniere errichteten Erdwälle.
Washington, 23. Juni. Mac Kinley erhiett von General Shafter eine Depesche au» Guautanama, wonach die Landung der Truppen mit Hilfe der Insurgenten an allen Punkten gelungen sei. Der Landung wohnten nur englische und deutsche Militär-AttachSs bet. Sobald da» noth- wendige Geschütz und die Transportmittel auSgeschifft sein werden, wa» zwei Tage dauern dürfte, soll der Abmarfch der Truppen auf Santiago erfolgen.
RewYotk, 23. Juni. Die Landung der In- vasionStruppen auf Cuba begann am Mittwoch früh bei Daigniri. Die 300 Mann Marine-Soldaten landeten in früher Morgenstunde, ohne ernste Verluste zu erleiden, weil fie geschützt waren durch das furchtbare Feuer der Flotte. Sobald die aurgeschifften Truppen Cabana» und Aguadore»


