1898
Mittwoch den 25. Mai
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Gießener Anzeiger
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Fernsprecher Nr. 51.
Deutscher Reich.
Berlin, 23. Mai. Finaazmtntster Dr. Miquel muß auch heute noch da» Bett hüten. Er hat infolge dessen alle Lonferenzeu und Empfänge abbestrllr. Sein Arzt hat tu Bezug auf da- Sprechen ihm vollständige Schonung auf- erlegt.
Berlin, 23. Mat. Der Kreuzer „Gefion" ist am 21. dS. MtS. in Kt aut sch au etngetrosseu. DaS Schiff „Arco na" ist am selben Tage nach Nagasaki in See gegangen.
Berlin, 23. Mai. Ja militärischen Kreisen erwartet man für diesen und die nächsten Monate besonder- umfangreiche Personalveränderungeu, da zahlreiche Generäle und ältere Offiziere gestorben oder so schwer erkrankt find, daß auch ihre Stellen in nächster Zeit schon neu besetzt werden müssen.
Köln, 23. Mai. Au- Konstantinopel wird der „Kölnischen Zeitung" telegrophirt: Nach Meldungen von zuverläsfiger europäischer Quelle kamen im Nordwesten TheffalieaS Ausschreitungen griechischer Freischaaren gegen Türken vor. Bei Trtkala wurden sech- türkische Einwohner verbrannt, drei andere bet Lariffa ermordet.
Ar»»ta»d.
Wien, 23. Mai. Das offictöse MontagSblatt coostatirt, daß die parlamentarische Situation eine äußerst gespannte ist und daß daS Abgeordnetenhaus sicherlich bewegten Tagen entgegen gehe. Man erwartet eine schwere Krisis und besürchtet, daß die Situation in da- Stadium der letzten Entscheidung getreten ist.
Wien, 23. Mai. Der Direktor de- hiesigen Grand Hotel, Tremmel, ist nach Hinterlaffung von Schulden in Höhe von 100000 fl. flüchtig geworden.
Triest, 23. Mat. Nack einer Depesche de- „Ptcolo" au- Genua hat der deutsche Dampfer „Kranach" dort von einem ungarischen Dampfer 40 au- der Finmer Torpedo- sabrtk stammende, angeblich für Argentinien bestimmte Torpedos übernommen, diefelben aber, trotzdem der Dampfer nur für Bnrno-'Ahre- freie Fahrt erhielt, in einem aweri« kaotschen Hafen adgeliefert, angeblich weil Argentinien diese Torpedo- inzwischen an Amerika verkauft hat.
Graz, 23. Mat. Der die Uebernahme der städtischen Polizei durch die Staatsverwaltung betreffende Regierung», erlab ist bereit- hier etogetroffen.
Budapest, 23. Mai. Der Ftnaozmioister Luca- soll, wie bestimmt verlautet, den Kaiser bei seiner gestrigen Conferenz Über die Unmöglichkeit des Zustandekommen- deS Au-gleich- Vortrag gehalten haben. Wie weiter verlautet, trägt sich die ungarische Regierung mit der Absicht, die Verlängerung de- statue quo bis 1903 zu beantragen, wobei der Kaiser alljährlich die Quoten festsetzen wird.
Rom, 23. Mai. Die Telegraphencensur wird in Italien, besonder- im oberen Theile des Lande-, äußerst streng gehandhabt. Im Ministerium de- Innern wurde eigens ein Bureau zur Lektüre der ausländischen Prcffe eingerichtet. Die Ausweisung zahlreicher ausländischer Correspondeuteu steht bevor. Wegen der Ausweisung deS Korrespondenten der „Daily Mail" und der Behandlung beffeiben wie einen gemeinen Verbrecher wird, wie au- London gemeldet wird, eine Interpellation im englischen Unterhause erfolgen.
Brüssel, 23. Mat. AuS dem bis jetzt bekannten Wahl- res ult ar ist zu ersehen, daß die Socialisten große Fort- schritte gemacht haben. Der Bautenmintster Bruhn kommt in die Stichwahl. In MonS, Charleroi und Lüttich siegten die Socialisten.
London, 23. Mai. Die Leiche Gladstone- wird am Mittwoch nach London gebracht, wo sie Donner-tag und Freitag in der Westminster-Halle aufgebahrt wird. Die Bei- fetzung erfolgt al-dann am Samstag Mittag in der Westminster- Abtei. Die Familie Gladstones hat ihre Zustimmung zu dem StaatSbegräbniß nur unter der Bedingung ertheilt, daß Frau Gladstone einst neben ihrem Gatten ihre Ruhestätte finde, da Gladstone die- in feinem Testament vorgeschrieben. Die Regierung genehmigte diese Bedingung. In seinem Testament drückt Gladstone auch den Wunsch au-, daß sein Begräbniß möglichst einfach sein soll und der Grabstein keine lobende Inschrift erhalte.
Madrid, 23. Mai. Da- Geschwader de- Admiral- Eervera befindet sich noch immer in Santiago de Euba und bleibt dort, bi- die Ankunft deS spanischen Entsatz-Geschwader» in den Antillen-Gewäffern eine Zwei- rheilung der amerikanischen Flotte bewirkt.
Madrid, 23. Mai. Ein osstctöseS Telegramm meldet an- Havanna, daß zwei amerikanische Kanonenboote in den Hafen von Isabela einzulaufen versuchten, waS jedoch von ipantscher S-ite verhindert wurde.
Reto-York, 23. Mai. 500 hier ansässige Franzosen, welche sich al» Freiwillige in die amerikanische Armee hatten anwerben laffen, bi- jetzt jedoch noch nicht einbernfen worden sind, veröffentlichen einen Protestbrief, in welchem sie ihr Bedauern darüber au-drücken, nuthätig bleiben zu müssen. Sie hofften der amerikanischen Nation bald ihre Dankbarkeit für die erwiesene Gastfreundschaft beweisen zu können.
Washington, 23. Mai. Die Situation fängt an, eine prekäre zu werden. Im Marine- und im KriegS-Amt herrscht Kopflosigkeit. Die Bewegungen der spanischen Flotte find vollständig unbekannt- man vermuthet, daß dieselbe nach den Gewässern von Martinique zurückgekehrt ist, um den Kohlenvorrath zu ergänzen. Die Stimmung hat sich gegen die Krieg-Partei gewendet. Eine Vermittelung der Mächte würde, wie noch gemeldet wird, in einflußreichen Kreisen wirksamste Unterstützung finden.
Havanna, 23. Mai. In der Provinz Santiago de Cuba fanden mehrere Scharmützel zwischen Spaniern und Insurgenten statt, bei welchen letztere 72 Todte hatten.
wahlbervegnirg.
• Offenbach, 23. Mai. Am Freitag Abend fand im Kaiser Friedrich Hotel eine Besprechung einer Anzahl national- liberaler und freifinniger Wähler statt behufs definitiver Aufstellung eines liberalen Reichstag» Candidaten für den Wahlkreis Offenbach-Dieburg. Man einigte sich auf Herrn Syndikus Schloßmacher, der fich zur Annahme der Candtdatur bereit erklärte. Man verkannte zwar die großen Schwierigkeiten de» Wahlkampfe» nicht, zumal der Krei» Dieburg mehr Neigung für einen Agrarier hege, aber man war doch der Meinung, daß man von der vornehmsten Bürgerpflicht, dem Wahlrecht, doch Gebrauch machen und durch rege Betheilegung an der Wahl feine politische Heber* zeugung zum Ausdruck bringen müsse. ES wurde ein engeres WahlcomitS gewählt, dem die Vorbereitungen zur Wahlagitation übertragen find. In den nächsten Tagen wird der Wahlaufruf der vereinigten liberalen Parteien erscheinen.
Losstes ««H prwittiieltoo
Gießen, 24. Mai 1898.
• * Kaiserliche Anerkennung. ®e. Maj. der Kaiser hat den Verfasser de» bekannten Prachtwerke» „Da» Großh. Hess. Leibgarde-Regiment", Herrn Lieutenant P h a l a n d, durch Verleihung des König!. KronenordenS ausgezeichnet.
Tagesordnung für die Sitzung der Stadtverordneten Berfammlung Donnerstag den 26. Mar 1898, Nachmittags 31/« Uhr pünktlich: 1. Mittheilnngen. 2. Gesuch der G. gerb. Gail Erben um Erlanbniß zur Anlage eines Rohrcanal- in der Wtlhelrnstraße. 3. Baugesuch der Firma Hehligenstaedt u. Comp. für die Verlängerte Ltebigstraße. 4. Gesuch des M. Abermann um Entnahme von Wasser au» dem Schoorgraben. 5. Gesuch de» Dr. Julius Lasar wegen Ueberlassung einiger Räume im alten Schloß zum Trocknen von Arzneikräutern. 6. Abgabe von Chaussee- Wandsteinen an Philipp Valentin aus Gleiberg. 7. Beschaffung von Baumaterialien auf Lager. 8. Umbau der WieseckbrÜcke in der BiSmarckftraße - hier: Vergebung der Fahrbahnherstellung. 9. ASphaltirung des östlichen Bürgersteig- in der Bahnhofstraße von der Ltebigstraße bi- zum Postgebäude. 10. Erweiterung-bau für das Realgymnafium und die Realschule - hier: BerdunkelungSvorrichtungen. 11. Heizung der höheren Mädchenschule- hier: Projekt über die Einrichtung einer Niederdruck - Dampfheizung. 12. Ausführung der Johanue-straße- hier: Einfriedigung entlang von Schüler- Garten. 13. Regulirung der Löhne der stadischen Arbeiter. 14. Annahme eines Schulärzte- für die Volksschulen. 15. Gesuch der H. C. Werner Ehefrau um Erlanbniß zum Wirthschaftsbetrieb im Hause KaplanSgaffe 18.
• • Severbebank. Gestern Abend fand im „Hotel Einhorn" die 39. Generalversammlung der Gewerbe- bank, e. G. m. b. H., statt. Der Vorfitzende deS Aufficht». raths, Herr C. LooS, erwähnte in der Erstattung de- Rechenschaft-bericht- den großen Umsatz deS letzten Geschäftsjahres, der den deS vorigen um ca. 84000 Mk. Überstieg. Der Betriebsfond hat sich um 14000 Mk. erhöht, wogegen die Verpflichtungen der Bank fich um 215000 Mk. verringerten. Die Mttgliederzahl vermehrte fich um 32. Die Bank erzielte einen feit ihrem Bestehen noch nicht verzeichneten Rein
gewinn von 31424 Mk.. 10000 Mk. mehr wie ;tm Vorjahre. Die Aktiven bestehen in durchaus guten Effecten, Schuldscheine und Wechsel find in bester Ordnung, dank der gewissenhaften Prüfung. Angesichts der Verpflichtungen der Bank hegt der Ausficht-rath die Hoffnung, daß die Mitglieder selbst auf pünktliche Zinszahlung und Abtragung bedacht sein werden. DeS Bankvermögen beläuft fich auf 470 000 Mk. Verluste hat die Bank im vergangenen Jahre nicht erlitten, welcher erfreuliche Umstand mit darauf zurückzuführen ist, daß sie nur kleinere Beträge ausleiht. Der Bericht des Herrn VerbandSrevisorS DiehlS-Caffel äußert fich in hohem Grade befriedigend über die Geschäftsführung. Herr LooS gab dem Wunsche Ausdruck, daß daS begonnene vierte Jahrzehnt ebenso befriedigend abschließen möge wie daS dritte. Bei der hierauf vorgenommenen Wahl des Aufficht-rath- wurden wiedergewählt die Herren Carl Aug. Faber, Dr. Gutfleisch, Carl Loo» mit je 41 Stimmen, Carl Schmitt mit 42 Stimmen und an Stelle des durch Tod au»geschiedenen Herrn A. Scheyda Herr Dan. L. Fuhr mit 27 Stimmen. Der Bericht der Rechnungsrevisoren ergab Richtigbefund der Jahresrechnung, worauf dieselbe unter Entlastung des Vorstandes und Auf- fichtsrathes genehmigt wurde. Der Antrag de» AuffichtSrathes auf vertheilung deS Reingewinnes derart, daß 4032 Mk. 16 Pfg. dem Reservefond, 1100 Mk. dem Dubiosen-Conto, 1006 Mk. 56 Pfg. dem Effecten-Reservefond, 6800 Mk. dem Beawten-PeufionSfond zuzuweisen, ferner den Vorstandsbeamten für außergewöhnliche Arbeitsleistung eine Zuweisung von je 500 Mk. zu verwilligen und den Mitgliedern auf die bis 31. Deeember 1896 eingezahlten Geschäftrantheile 16985 Mk. 28 Pfg. = 6^2 Procent Dividende zu gewähren seien, wurde zum Beschluß erhoben.
• • Städtischer Octtoi. Nach dem Jahresbericht des Octroi Inspektor» Mäser pro 1897/98 beträgt
A. das Octroieinkommen der Stadt Gießen:
in 1896/97 in 1897/98
Mk.
Mk.
1. von Schlachtvieh 33749.55
35096.78
2. „ Fleisch, Fleischwaaren und
5422.62
Wildpret 5915.95
3. „ Brennmaterialien 31007.51
33287.97
4. „ Mehl und Früchten 32934.68
35430.11
6. „ Getränken 29080.71
30528.39
Summa 132688.40
139765.87
Ja 1896/97
132688.40
Daher in 1897/98 mehr
7077.47
B. die Rückvergütungen betragen:
1. Für Schlachtvieh und Fletsch 735.10
743.71
2. „ Brennmaterialien 593.08
524.89
3. „ Mehl, Früchte, Backwaaren 19226.79
20889.31
4. „ Getränke 5590.89
5769.82
5. An d°« Militär 2921.44
2562.82
Summa 29067.30
30490.55
In 1896/97
29067.30
Daher in 1897/98 mehr
C. Abschluß:
1423.25
Bon dem Einkommen 132688.40
139765.87
die Rückvergütungen ab 29067.30
30490.55
Bleibt 103621.10
109275.32
In 1896/97
103621.10
Daher in 1897/98 mehr
5654.22
♦♦ Omnibusverkehr Echiffeubergerwald au Wochentagen. Der Vorstand der OmnibuS-Gesellschaft beabsichtigt, versuchsweise, zahlreiche Betheiligung voraussetzend, auch an Wochen- tagen, und zwar Nachmittags um 3 Uhr, einen Sommer- wagen ab Marktplatz—Ludwig-Platz-Haltestelle nach dem Schiffenbergerwald fahren zu laffen. Um Gelegenheit zu bieten, fich frühzeitig und sicher Plätze zu reserviren, ist ein Fahrschein-Borverkanf eingerichtet, den die Herren A. und G. Wallenfels, Marktplatz, in danken-werthester
Weise Übernommen haben.
Betrug. Gestern wurde der Taglöhner B. au» Alsfeld wegen Betrugs in da» hiesige Provtnzial-Arresthau- eingeliefert. B. kam vor einiger Zeit zu dem dortigen Bürgermeister und meldete diesem, daß ihm ein Kind gestorben sei, er komme jetzt gerade vom Schreiner, habe bei diesem einen Sarg für da» verstorbene Kind bestellen wollen, dieser habe ihn aber bedeutet, daß er ohne vorherige Bezahlung keinen Sarg liefern werde. Der Bürgermeister schrieb hierauf dem B., nachdem dieser ihn darum gebeten hatte, eine Anweisung über 8 Mk. für die Gemeindekaffe. B. erhob die 8 Mk. und machte sich hiermit einen guten Tag- einen Sarg hatte


