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25.1.1898 Erstes Blatt
 
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Nr. 20 Erstes Blatt Dienstag den 25 Januar

1SO8

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Deutsche* Reichstag.

23. Sitzung vom SamStag, den 22. Januar 1898.

Tagesordnung: Fortsetzung der Berathuug de- Etats. Etar de- RetchSamtS des Jauern. Titel Staats» secretar.

Staatssekretär Graf Posadowskh wendet fich zu» rtächst gegen die gestrigen Ausführungen de» Abgeordneten Warm, die Thätigkeit der GewerbeauffichtSbramten und das Verhallen der Arbeitgeber betreffend, und vertvelst badet auf zahlreiche Stellen in den Berichten, in welchen die Aufsicht»- thätigkeit al» eine sehr ausgedehnte bezeichnet, von Entgegen« kommen der Arbeitgeber gesprochen, ein reger Verkehr zwischen den Aufsichtsbeamten und Arbeitern constaltrt wird rc. Tine Vermehrung der Zahl der AuffichtSbeamten sei ja erwünscht, doch sei damit schon bisher ständig vorgrgangen worden. WaS die Zulaffang weiblicher Jnspectoreu anbelange, so sei deren Zahl auch tu England keineswegs eine große. Jeden« 'falls handele die RetchSregtrrung richtig, wenn sie mu An­stellung weiblicher Inspektoren nicht selber vorgehe, sondern dies den Eiazelstaaten überlaste. Unbegründet sei die Be­hauptung de» Abgeordneten Wurm, daß die RetchSregterung Aicht unfalloerhütend vorgehe, nicht einmal mit Vorschriften Hegen Unfälle infolge AuSsprtugeuS von Weberschiffchen. Tatsächlich habe die Regierung fich mit dieser Frage sehr lebhaft beschäftigt, 500 Modelle geprüft, aber noch keine zu» Derläsfige Vorrichtung ausfindig gemacht. Redner tritt noch verschiedenen ferneren Anklagen de» Abgeordneten Wurm ent­gegen, dabei auch betonend, daß eine erhebliche Anzahl Un­fälle ja doch durch die Unachtsamkeit der Arbeiter selber ver« ,anlaßt werde.

Abg. Wurm (Toc.) bestreitet, nicht objektiv zu ver- "fahren, wenn er e» als seine Aufgabe ansehe, fefizustellen, wie oft von den Arbeitgebern gegen die Schutzvorschriften gehandelt werde und wie milde in der Regel, Ausnahmen zugegeben, die Bestrafung ausfalle.

Abg. Legten (Toc.) führt aus, die BerufSgeooffen« fchaft thue auf dem Gebiete der Unfallverhütung nicht ihre Pflicht. Die Bauarbeiter ermangelten eines Schutze- durch die Gewerbeaufficht vollständig.

TtaatSfecrrtär Graf Posadowskh entgegnet, über die Unfallverhütung im Baugewerbe fei eine Enquete an- gestellt worden. WaS speciell die BerufSgeuoffenschaft an­lauge, so könne er derselben daS Zeuguiß ausstrllen, daß fie mit redlichstem Bestreben auf Verhütung von Unfällen hinwirke.

Abg. Werner (Ants.) wünscht, daß bet den Handels­verträgen daö Jntereffe de- Bauernstandes tu erster Ltnte gewahrt werde. Auf den Arbeiterschutz eingehend, betont Redner, daß eS ja gewiß auch inhumane Arbeitgeber gebe, aber im Allgemeinen seien die Unternehmer für daS Wohl ihrer Arbeiter besorgt. Die Arbeiter wüßten auch sehr wohl, daß ihre und die Interessen der Arbeitgeber solidarisch seien. Er bedauere das zu häufige Vorkommen von TtrikeS und beharre dabei, daß die Arbeiterfrage nur in Verbindung mit der Mittelstandsfrage zu lösen sei.

Abg. Lieber (Ceotrum) wendet fich gegen einen vom Abgeordneten Legien erhobenen Borwurf, daß der christliche Bergarbetterveretn im Ruhrrevter die christliche Nächstenliebe außer Acht gelaffen habe, als er seinen zweiten Borfitzeudeu, der zu dem soctaldemokcattscheu verbände hiaueigte, aus- geschloffen habe.

Abg. Peu-,,(Soc.) streift die Ktnderschutzfrage, die Ueberanstreuguog der Kinder auf dem Laude mit täglich zehnstündigem Rübenztehen und tadelt de» Weiteren da- Entgegenkommen der Polizeibehörden gegenüber den Arbeit­gebern bei den Ziegeletbetrteben, sowie die übermäßige Arbeitszeit, bi- zu 17 Stunden, in den Bletbetrieben und den Ehromatbetriebeu.

StaatSsecretär Graf Posadowskh erwidert, Herr PeuS hätte die Zustände in den Ehromatfabriken ihm (dem Redner) schriftlich mittheileu sollen- er würde dann sofort eine Untersuchung augestellt haben, denn auch er wolle eine Mißachtung der Arbeiterschutzvorschriften keinesfalls dulden. WaS die Ziegeleien b treffe, so werde er im Laufe des nächsten Sommers eine eigene Commtffion au Ort und Stelle senden, um die Zustände zu untersuchen.

Abg. v. Kar dorff (Rp.) drückt seine Meinung dahin auS, daß die sozialdemokratischen Abgeordneten diese Klagen hier nur deßhalb vorbrächteu, um zu agitireu.

Abg. PeuS (Soz.) bestreitet die».

Die Debatte wird geschloffen. Titel Secretar wird be­willigt. Die Resolution Hitze, betr. Vorlegung einer Zu- sammeustellung der Verfügung betr. die Betriebe mit Wind

und unregelmäßiger Wafferkraft, wird angenommen, desgleichen die Resolution Lieber Hitze betr. eingehendere amtliche Be­richterstattung über Fabrtkarbeit von Ehefrauen.

DaS HauS vertagt sich nunmehr auf Montag 2 Uhr. Tagesordnung: Forsetzung der Etattberathnug.

Schluß 51/2 Uhr.____________________________________

Deutsche* Reich

Berlin, 22. Januar. In der Budgetcommission deS Reichstage» erklärte StaatSsecretär v. PodbielSki, die Tariferhöhung der Fünf-Kilo-Pa ckete sei nicht beabfichtigt und würde auch tu ganz Deutschland auf Wider­stand stoßen.

Berlin, 22. Januar. Ueber die Reise deS Kaiser» nach Jerusalem schreiben dieBerl. Reuest. Nachr.", es stehe nur soviel fest, daß die Reise im Herbst stattfindet. Wann fie erfolgt, wie lange fie dauern werde und an welchem Tage die Einweihung der Erlöferktrche vorgeuommen werden solle, wiffe noch Niemand. Ungewiß sei ferner, ob die Kaiserin die Reise mttmachen werde. Nach den ursprüng­lichen Dispositionen sollte der Kaiser allein reisen, da aber die Kaiserin, dem vernehmen nach, den Wunsch hat, Jerusalem auch zu besuchen, so könnte vielleicht darin eine Aenderung eintreten. _____________________________

Attrlarrd.

Hermaunstadt, 23. Januar. Eine Deputation hiesiger Frauen begab fich nach Wien, um den Kaiser zu bitten, daß er dem Gesetz betreffend die Magyasiruug der Ortsnamen seine Sanctiouiruug verweigere.

Paris, 22. Januar. General Metzinger ist zum Commandeur des 15. Armeecorp» ernannt worden.

Pari», 23. Januar. Der Socialist Gerault Richard erzählte den Hergang der Prügelei zwischen den Socialisten und dem Grafen Bernis. Schon während MöliueS Rede suchte Bernis Händel mit unseren Genossen, kam aber an den Unrechten. Einige kräftige Aus­drücke FaberotS genügten, Bernis verstummen zu machen. Als Möline sagte, wir haben nicht einmal .daS Preßgesetz verschärft und unser Genoffe Grouffet dazwischen rief, daS hätte noch gefehlt, erhob sich Bernis mit großer Erregung von Neuem. Daun kam MslineS Aeußerung von der Ehre der Generale und ein Zuruf unseres Genoffen: Warum haben die Generale kein vertrauen zur Jury? In diesem Augen­blick verließ Bernis seinen Platz, näherte fich der Tribüne und rief schon bet JaureS Worten: Die find vom Shndicat bezahlt. Jetzt stürzte ich mit den Genoffeu Touffaint und Contant auf Bernis loS und versetzte ihm einen Fanstschlag. Anstatt ihn zu erwidern, sprang BeruiS seitwärts auf die Tribüne und versetzte JauröS einen Schlag auf den Hinter­kopf. Maa rief von allen Setten: Hoch Jaure». Im Tumult verschwand Bernis. Bernis, so heben deffen Freunde hervor, der nahezu 70jätzrtge Mann, werde in letzter Zeit häufig von Nervenanfällen heimgesucht und als Date : zweier Offiziere sei er fett Wochen in beständiger Aufregung. Im Namen Jau.e» begaben fich Millerand und vtrtant zu BerniS, um ihm mitzutheileu, Jaure» würde auch mit einem Fleischer- knecht einen Ehrenhandel auSfechten, aber BerniS Benehmen gehe tief darunter. Ja der Kammerfitzung am Montag wird die Aushebung der Immunität BerniS und Gerault Richard verlangt werden, da auf Anzeige BriffonS eine gerichtliche Verfolgung der Gewaltacte eintreten soll. Man erwartet für die nächste Sitzung heftige Scenen.

Paris, 23. Januar. Nach Räumung des Kammersaales fand man einen Damrnhut in der Nähe der Rechten- zwei Gattinnen von Deputtrten hatten sich auf der Gallerte gerauft. Die Eine hatte Jaurö» applaudirt, die Andere rief:Elende Creatur!" worauf Beide aneinander geriethen.

Madrid, 22. Januar. Im gestrigen Miuisterrath be­richtete der Justizminister über da» Ergebniß der Unter­suchung, welche wegen der im Gefängniß Mont Juich gegen Anarchisten begangenen Grausamkeiten augestellt worden war. An den vernommenen Anarchisten seien die Spuren von Mißhandlungen wahrzunehmen gewesen.

Petersburg, 22. Januar. Der russischen Telegraphen« Agentur wird von besonderer Seite aus London gemeldet, daß laut amtlicher Meldung die Schiffe der englischen Flotte, die fich in Port Arthur befinden, den Befehl erhalten hätten, diesen Hafen unverzüglich zu verlaffen.

Athen, 22. Januar. AuS Petersburg ist beim hiefigen Hofe die telegraphische Mittheilung eingegangeu, daß an der I Wahl des Prinzen Georg zum Gouverneur von

Kreta kein Zweifel mehr bestehe. Die Mächte, auch Deutschland, hätten infolge der persönlichen Bemühungen des Zaren bereit» zugestimmt- e- werde nun von Berlin und Petersburg au» ein Druck auf den Sultan auSgeübt werde». Um deffen Zustimmung zu erleichtern, werde ein tu türkische« Diensten stehender deutscher Offizier zum stellvertretende« Gouverneur ernannt werden.

Locale* und provinzielle*.

Gießen, den 24. Januar 1898.

Die Ueberreichuug der von Sr. Majestät de« Kaiser feinem Infanterie-Regiment Rr. 116 verliehenen Fahuendautzer fand heute Vormittag 101/* Uhr statt. Zu diesem Zwecke war daS Regiment in offenem Viereck auf O-walt- Garten aufgestellt. Wie bereit» gemeldet, fand die Ueberretchung der Fahneuschletfen durch einen eigen» nach hier entsandten Adjutanten des Kaisers statt. Derselbe richtete an da- Regt- ment eine Ansprache, verlas den die Verleihung der Fahnen« bänder betreffenden Tagesbefehl und befestigte hierauf dir Bänder an die drei Fahnen. Herr Oberst v. Madai richtete hierauf ebenfalls eine Ansprache an daS Regiment mit dem Ausdrucke der Hoffnung, daß fich daffelbe allezeit der hohen Auszeichnung würdig zeigen werde. Herr Oberst v. Madai brachte hierauf das Hurrah auf Se. Majestät den Kaiser und Se. Köntgl. Hoheit den Großherzog au-. So­dann fand einmaliger Parademarsch des Regiment-, daS zum ersten Male in grauen Mänteln angetreteu, in Zügen statt. Die Stadt war festlich beflaggt.

* Empfang. Seine Königliche Hoheit der Groß- Herzog empfingen am 22. Januar u. A. den Forstmeister Karl Weigand von Botzbach.

Ernennung. Sr. Kgl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigft geruht, den dritten Arzt bei dem Lande-- Hospital Hofheim, vr. KarlOßwald, zum zweiten Arzt bei dieser Anstalt zu ernennen.

* » Kirchliche Dienstnachrichten. Ernannt wurden: Pfarr- amt-candidat Schrimpf zu Butzbach zum Pfarrvicar in Jrei-LauberSheim, Decanat Wöllstein- Heinz, Verwalter der ersten Pfarrstelle zu Beerfelden, Decanat Erbach, zum Ver­walter der zweiten Pfarrftelle daselbst.

Mililär-Dieustnachrichten. Hoffmann, Zahlmeister, bisher beim 4. Bat. Jnf.-RegtS. Kaiser Wilhelm (2. Großh. Hess.) Nr. 116, zum 3. Bataillon desselben Regiment- versetzt.

Parade. Zur Feier deS Geburtstages Seiner Majestät des Kaisers und Königs findet Donnerstag den 27. d. Mt-., vormittag- 111/» Uhr, auf dem Hofe der neuen Kaserne Parade statt. Im Anschluß an dieselbe spielt die Musik. Bon 11 Uhr vormittags ab steht der Zutritt zu« Kasernhof allen Zuschauern frei.

Bom Berwaltun-SgetichtShof. Se. Kgl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigft geruht, den Wirklichen Gehetmerath im Ministerium de- Innern, vr. Heinrich Knorr v. Rosenroth, für die Dauer de- dermalen von ihm bekleideten Amte» zum Präsidenten des Verwaltung-« gerichtShofeS zu ernennen.

BortraglcurS für praktische Landwirthe -n Darmstadt. Nach dem veröffentlichten Stundenplan verthetlen fich die Vorträge wie folgt: Montag den 31. Januar, 10 bi- 12 Uhr:Der landwirthschaftliche Betrieb im Zeichen der Neuzeit" (2 Std.). Geh. Reg.-Rath Prof. vr. Werner- Berlin. Dienstag den 1. Februar, 9 bi» 12 Uhr:Die landwirthschaftliche Arbeiterfrage" (1 Std.). GutSbefitzer Schade-Altenburg.Kritik der neueren landwirthschaftltchen Arbeitergesetzgebung (Unfall-, Alters-, Invalidenversicherung)" (1 Std.). KreiSrath Fay Erbach i. O.Züchtungsgrund, fätze" (1 Std.). Geh. Reg.-Rath Prof. vr. Werner- Berlin. Mittwoch den 2. Februar, 9 bis 12 Uhr: Fortschritte auf dem Gebiete der Düngerlehre" (2 Std.). Geh. Hofrath Prof. vr. Wagner-Darmstadt.Praktische Fragen aus dem Gebiete des LandwirthschaftSrechteS" (1 Std.). LandgerichtSrath vr. M eise l-Darmstadt. Donnerstag den 3. Februar, 9 bis 12 Uhr:Organisation deS BezugS der landwirthschaftlichen Hilfsstoffe" (1 Std.). Anwalt- fchaftSsecretär vr. Thieß-Offenbach.Organisation des Absatze» und der Berw^rchung der landwirthschaftliche« Erzeugniffe" (1 Std.). Generalsekretär vr. Müller- Offenbach.Welche landwirthschaftliche Maschinen find zur Einführung besonders zu empfehlen" (1 Std.). Oeconomte- rath Han ter-Speyer. Freitag den 4. Februar, 9 bis 12 Uhr:Organisation zur Hebung der Rindvieh- zücht" (1 Std.). Generalsekretär vr. Müller-Offenbach. Welche Maßregeln sind zur Hebung der Erträge der Feld-