Gefangene nach Deutschland, die abgelieferten Geschütze und Feldzeichen mehrten die unermeßliche Kriegsbeute der Sieger.
Zur Stadtverordnetenwahl
geht uns von betheiltgter Seite folgende Auslassung zu: Gießen, den 21. November 1898.
Zufällig kommt uns heute die Nummer 269 der dahier erscheinenden „Hessischen Landeszeitung" zu Gesicht. In dieser Zeitung, welche es sich immer mehr zur Aufgabe macht, die freifinnige Partei zu bekämpfen und die Interessen der Sozial, demokratie zu vertreten, wird angeblich von einem bekannten hiesigen Bürger geschrieben; es sei nicht zu verwundern, daß sich entschieden frei gesinnte Männer, wie z. B. Herr Rechts« anwalt Grünewald, ganz von der hiesigen politischen Bewegung fern hielten, und wird dann in der von der letzten Reichstag-wahl her bekannten Weise weidlich über das Ver« halten der Gießener Freisinnigen, die keinen Führer hätten, der befähigt sei, politisch klug zu handeln und im richtigen Augenblick das richtige Wort zu sagen, geschimpft.
Diese Melodie ist nun nachgerade zu abgeleiert, um noch irgendwie zu wirken. Man wundert sich eben in allen Kreisen unserer Stadt nur darüber, daß die Weise so lange, d. h. seit vollen 4 oder 5 Monaten nicht mehr ertönt ist, und genügt es, diesen Angriff aus angeblich eigenem Lager, wie hiermit geschieht, etwas niedriger zu hängen und einem größeren Kreise von Wählern zugänglich zu machen.
Auf Einiges aus dem Gezeter des fraglichen Artikels in der „Hessischen Landeszeitung" muß jedoch eine Erwiderung erfolgen.
Zunächst gibt man dem Einsender fraglichen Artikels gern zu, daß es kein Unglück wäre, wenn außer dem einen Sozialdemokraten, welcher bereits in der hiesigen Stadtver« tretung sitzt, noch 2 oder 3 weitere Sozialdemokraten in die Stadtverordnetenversammlung gewählt würden.
Wenn aber der bekannte hiesige Bürger, der sich als freisinnig gerirt, sich nicht beharrlich von jeder Thätigkeit in der freisinnigen Partei fern hielte, so würde er wissen, daß gerade die dermalige Gießener Parteileitung von jeher darauf gedrängt und es auch durchgesetzt hat, daß auf den eigenen Partetzettel Candidaten. welche nicht zur Partei gehörten, kamen. Er würde weiter wiffen, daß auch bei der diesmaligen Stadtverordnetenwahl im Vorstand der Partei die Berücksichtigung sozialdemokratischer Candtdaten erörtert wurde, und daß man lediglich deshalb die Aufstellung von Candtdaten dieser Partei unterließ, weil die Sozialdemokraten von vorn- herein selbständig vorgegangen waren und ihrerseits nur eigene Candidaten aufgestellt hatten, und zwar in einer Weise, bte ganz deutlich erkennen ließ, daß sie die Ueberzeugung haben, aus eigener Kraft Candidaten durchbringen zu können, daß sie ihrerseits die Wahl als Probe für die Stärke der eigenen Partei ansahen und nicht daran dachten, ihrerseits andere als sozialdemokratische Candidaten irgend zu berücksichtigen. Wenn man bei diesem Verhalten der Sozialdemokratie dennoch entgegengekommen wäre, dann hätte der bekannte hiesige Bürger mit mehr Recht der Parteileitung den von ihm in seinem Artikel in geschmackvoller Weise erhobenen Vorwurf schlappen Verhaltens machen können.
Wenn aber der wackere Bürgersmann den freisinnigen Wählern den Rath giebt, dieselben möchten gleich ihm den Treubruch begehen, auf dem Wahlzettel nationalliberale Namen zu streichen und solche durch Namen von Socialdemokraten zu ersetzen, so zeigt er eben ganz deutlich, daß er
systematisch bemüht ist, den Gießener Freisinn zu discrebitiren unb biß Interessen ber Socialbemokratie zu fördern. Oder sollte er wirklich nicht zu beurteilen vermögen, daß e» erste Pflicht eines wirklich freisinnigen Mannes ist, ein gegebenes Wort einzulösen?! Sollte er wirklich nicht begreifen, daß eine Partei, welche bei einem Compromiß eingegangene Ver- pflichtungen nicht halten kann, auf die Dauer jeden Einfluß verlieren muß?! Daß aber die Partei auf ein Zusammengehen mit anderen Parteien angewiesen ist, führt der Herr Artikelschreiber ja selbst aus, indem er — u. E. allerdings mit Unrecht — die socialdemokratische Partei als die stärkste unserer Stadt bezeichnet. Das Bestreben, die freisinnige Partei zu discreditiren unb ble Geschäfte ber Socialdemo- kraten zu führen, geht weiter ganz deutlich daraus hervor, daß ber Herr Artikelschreiber ausführt; nur wenn weitere Socialbemokraten in bte Stadtverordnetenversammlung kämen, würde ab unb zu in ber Stabtverorbnetenversammlung einmal bas gesagt werben, was die große Mehrheit der Gießener Einwohnerschaft fühle und denke. Oder fühlt der Herr Ver- fasser gar nicht, welch schweren Vorwurf er bewährten, frei» finnigen Führern, die größten Theils heute noch an der Spitze ber hiesigen Partei stehen, wie z. 23. bem Beigeordneten Georgi, den Stadtverordneten vr. Gut fleisch, Scheel, Haubach, Habenicht u. A. sowie dem doch auch nach Ansicht der Artikelschreibers wahrhaft freisinnigen Stadtverordneten Grünewald macht, wenn er behauptet, es bedürfe der Wahl von Socialdemokraten, damit im Stadthaus dem Ausdruck verliehen werde, was die Mehrheit ber Gießener Einwohnerschaft beule.
Sollten biete sämmtlich ber freisinnigen Partei angehörigen Männer unb sollten ebenso bie verschiedenen angesehenen nationalliberalen Mitglieder der Stadtverordneten- Versammlung wirklich nicht den Muth unb bie Fähigkeit haben, in ber Stabtverorbnetenversammlung zu rechter Zeit bas rechte Wort zu finben. Wer allerbings mit bem Ver- fasser bes Artikels in ber Lanbeszeitung bie Ansicht hat, baß bte liberale Bürgerschaft Gießens keine Leute mehr in ihrer Mitte habe, bie im Stande unb gewillt sinb, ihre lieber» zeugung offen unb unabhängig von allen Seiten zum Aus- druck zu bringen, baß vielmehr nur Vertreter ber Socialbemokratie bazu befähigt seien, unb wer gleichzeitig leichten Herzens ein gegebenes Wort verletzen kann, ber möge bem Einsenber jenes Artikels folgen.
Wer aber noch etwas mehr Vertrauen in bie freisinnige Bürgerschaft setzt unb wer Gewicht barauf legt, baß auch im politischen Leben Treu und Glauben hoch gehalten werden, der wird dem von den beiden bürgerlichen Parteien nach ordnungsmäßiger Anhörung der Generalversammlungen beider Vereine getroffenen Abkommen treu bleiben und für alle gemeinsamen Candidaten mit Entschiedenheit eintreten.
Zum Schluß aber noch Eins:
Warum tritt denn ber auf bas Wohl ber freisinnigen Partei so bedachte bekannte hiesige Bürger, ber an allen i feigen Stadtverordneten auszusetzen hat, baß sie nicht bas richtige Wort für bie wahre Meinung ber Gießener Bürgerschaft hätten, nicht in ber Generalversammlung des freisinnigen Vereins, zu der jeder freisinnige Mann Zutritt hat, dem Vorstand und der schlappen Parteileitung entgegen?! Warum gibt er nicht in der Generalversammlung der der- maligen Parteileitung Rathschläge, wie sie da» Jntereffe ber Partei besser wahren soll?! Warum bekämpft er nicht mit offenem Vifir bas Zusammengehen mit ben Nationalliberalen?! Warum endlich theilt er dem Vorstand und der General-
Versammlung nicht bie haarsträubenden Mißstände mit, die nach seiner Ansicht in unserer Stabt herrschen müssen, wenn e» nöthig sein soll, en blich Männer zu wählen, bie da» sagen, was bie gesammte Bürgerschaft fühlt unb beult?!
Wir waren seither bet Meinung, daß unsere Stadt unter Verwaltung eines zielbewußten, thatkräftigen und energischen Oberbürgermeisters und einer umsichtigen, die Interessen der Stadt nach jeder Hinsicht fördernden Stadtverordnetenversammlung in den letzten Jahren eine durchaus erfreuliche Entwickelung genommen habe. Die Leitung der hiesigen freisinnigen Partei, welche mit ber national- liberalen Partei biefe Meinung theilt, hat es seither stets für richtig gehalten, alle wesentlichen Angelegen- heiten ber Partei demokratischen Grundsätzen entiprechenb m der Generalversammlung zu erörtern. Dort ist einstimmig das Zusammengehen beider Parteien sowohl bei ber Reichstags- wie bei der Stadtoerordnetenwahl gebilligt worden. Dort in der Generalversammlung gilt e», entgegengesetzte Anschauungen zur Sprache zu bringen.
Wenn dies der belannte hiesige Bürger unterlassen hat und jetzt unter dem Schleier der Anonymität die Mitglieder der freisinnigen Partei zum Treubruch zu veranlassen und gleichzeitig im Gewände eines Förderers der freisinnigen Sache den gewählten Parteivorstand durch giftige Nadelstiche zu verletzen sucht, so lann man darauf nur den belannte« Ausspruch anroenben: „Gott beschütze mich vor meinen Freunben, mit meinen Feinden will ich schon selbst fertig werden."
Aeaest« Nachrichten.
Depesche» bei »urct* .Herold*.
Fünskirchen, 23. November. 25 Offiziere ber hiesigen Garnison erkrankten nach dem Mittagessen im hiesigen Offiziers-Casino. Die Untersuchung ergab, baß ber Fleisch- speise giftige Pilze beigegebe« waren.'
Paris, 23.November. Picquart soll heute, sowie a« nächsten Montag und Dienstag weiter vernommen werbe». Der CaffationShof hält el überhaupt für nothwendig, baß Picquart fortan stets zu seiner Disposition bleibe, gleichviel, ob Zurlinbeu da» Kriegsgericht über ihn für den 12. Deeember oder später einberuft. Cavaignae und Chanoine sollen vo, dem CaffatiooShose anSgesagt haben, baß gegen keinen anderen GeneralstabS Offizier so viel belastende Aussagen ber Kameraden Vorlagen, wie gegen DreyfuS, dessen Uebereiser «er- dacht erweckte. Zurlinden stützte seinen Glauben vornehmlich aus die Gutachten der Experten, legte dagegen de« sogen, geheimen Doffier geringere Wichtigkeit bei.
Pari», 23. November. Aul Toulouse wird gemeldet, daß auf dem Mittelmeer ein gewaltiger Stur« herrscht. Mehrere SchtffSnnsälle wurden bereits fignalifirt.
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Für das städtische Gas- und Wasserwerk wird auf 15. Januar oder 1. Februar l. Js. zur Unterstützung des Materialverwalters ein tüchtiger, in der Gas- und Wasferleitrrugsbrauche vertrauter, in einschlägiger Buchhaltung und Correspondenz gewandter jüngerer Mann gesucht. Fertigkeit in der Stenographie (am liebsten Gabelsberger'schen) ist erwünscht. Der AnfangSqehalt beträgt 1200 Mark
Die Annahme erfolgt zunächst auf Probe und ist bei zufrieden- stellenden Leistungen Aussicht auf dauernde penfionsbercchtigte Anstellung nach Maßgabe der „Satzungen, betr. Die dienstverhältniffe der Gemeindebeamten der Stadt Gießen" gegeben.
Bewerber wollen ihre Meldungen unter kurzer Darlegung ihres Lebensganges, Vorlagen von Zeugnissen unb Gesundheits-Bescheinigung, bis zum i. December an das städtische Gas- unb Wasserwerk Gießen einretchen.
Gießen, den 19. November 1898.
Großherzoglich Hessische Bürgermeisterei Gieße«.
11612 ________Gnauth._______________________
Bekanntmachung.
Aus der Friedrich Bückiug'scheu Stiftung sind für das Jahr 1898 an zehn bedürftige und würdige Bewohner Gießens, Familien Häupter oder einzeln stehende Personen, Unterstützungen zu vergeben unb zwar zwei mit je 150 Mark unb acht mit je 100 Mark. Bewerbungen haben bis längstens 30. November d. I. bei der unterzeichneten Behörde, Zimmer Nr. 3, zu geschehen.
Gießen, den 21. November 1898.
Großherzogliche Bürgermeisterei Gießen.
11618 Gnauth.
Bekanntmachung.
Unter Hinweis auf das Ausschreiben Großh. Kreisamtes Gießen vom 3. November 1898 in Nr. 258 des „Gießener Anzeiger" fordern wir hierdurch die Baumbefitzer dec hiesigen Gemarkung zur Vertilgung des Frostnachtspanners durch Anlegung von Kleberingen unter dem Anfügen auf, daß der Stadtgärtner unb die Feldschützen zur Ertheilung von Auskunft und bie Geschäftsstelle des Oberheffischen Obstbauvereins in Friedberg zur Vermittelung des Bezuges der erforderlichen Materialien bereit find.
Gießen, am 23. November 1898.
Großherzogliche Bürgermeisterei Gießen.
11617 Gnauth.
Bekanntmachung.
Wir bringen hierdurch zur öffentlichen Kenntniß, daß auf Beschluß )er Stadtverordneten-Versammlung und mit Wirkung vom 24. d. MtS. )ie Leitung unserer gesummten Schlachthausverwaltung einschließlich der dortigen Fleischbeschau dem seitherigen Schlachthosthierarzt Liebe als Schlachthofdirector übertragen worden ist, welch letzterer dabei im inneren Dienst von dem seitherigen Schlachthausverwalter Möhl unterstützt werden wird.
Gießen, den 22. November 1898.
Grobherzogliche Bürgermeisterei Gießen.
11616 _______________ Gnauth.
Bekanntmachung.
Der Voranschlag der Gemeinde Lollar pro 1899/1900 liegt ;Dom 25. November bis 3. December d. I. auf dem Bürgermeisterei-Bureau dahier offen.
Lollar, den 22. November 1898.
Großherzogliche Bürgermeisterei Lollar.
C Geißler 11633
Akeischverdinguug.
Am 1. December 1898, Vormittags 10 Uhr, wird im diess. Geschäftslocal — Licherstraße 23 — der Bedarf an Fleisch- und Wurstwaareu für bie Garnison Gießen auf die Zeit vom 1. Januar bis 30. Juni 1899 verdungen. Die Lieferungsbedingungen liegen im Geschäftslocale auf, dieselben können auch gegen Zahlung der Selbstkosten bezogen werden. Schriftliche und versiegelte Angebote sind im Geschäftslocale vor Beginn des Termins mit der Aufschrift .Angebot auf Lieferung von Fleisch- und Wurstwaaren' versehen, abzugeben.
Großh. Garnisonverwaltung. 11589
Karl Heinrich Halter« be treibt dahier unter der Firma ,,C H. Haltern" ein Handelsgeschäft mit Colonial, Korb- unb Porzellan- waaren. Eintrag in das Handelsregister ist erfolgt. 11610
Hungen, 21. November 1898. Großh. Amtsgericht.
Am Montag, Den 28. d. Nits., kommen im Bahnhof Gießen 1800 Stück abgängige hölzerne Bahuschwellen zur Versteigerung.
Anfang Vormittags 8 Uhr am ehemaligen Oberhessischen Güterschuppen.
Gießen, 22. November 1898. 11614
Großh. Betriebs-Jnspection 1
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