18»8
Mittwoch den 24. August
Erstes Blatt
Nr. 197
Gießener Anzeiger
ser.
831J
ellung
General-Anzeiger
79lf
Zlints- und Zlnzeigeblatt für dsn Nreis Giefzen
vikNeltLhrlich
2 Mark 20 Pf«, monatlich 7b Pf^ mit vringerloh».
Bei PostbrjUg 2 Mark 60 Pf«. -nrrlkltShrlich.
Allr Anzeigrn-Dermittlung«ft<llrn bt« In« unb Äuiiaebti nkhmrn Anzeigen für bett Ließ euer Anzeiger •nt«e«c»
|n0n( eee Anzeigen zu brr Nachmittags für den (»Igrubni Tag erlcheinenden Nummer bis vorm. 10 Uhr
Grscheink tägNch mit Ausnahme bei Montags.
Sw Sießener J«mttt«>ststter ■erben dem Anzeiger Wöchentlich viermal betflrie«L
I««.
Krr-
mb« i898
9,eil
KW
S"u°° 7LUlb
| Gratisbeilage: Gießener Familien blätter.
Kcbacttea, Expebitton unb Srndrrti:
*
?l->resse für Depeschen: Anzeiger chietze«.
Fernsprecher Nr. 51.
12452 normalen HP, ick.
MO HP
mitt.
' ^d^knechltreigeg u-
l, Mannheim;
Deutsches Reich.
Berlin,22. August. Da« Kaiserpaar weilte Samstag nab Sountag io Cronderg zu Bksnch bei der Kaiserin Friedrich. Sonntag um 12 Uhr besuchte der Kaiser die alte Burg, in der die Kaiserin Friedrich ein AlterthumSmuseum einrichten läßt. Nachmittags 4 Uhr 20 Mio. traf das Kaiser, p-ar tu Nauheim ein. Der Ort hatte reichen Flaggenschmuck angelegt, io den Straßen und auf den Tribünen der Hotel- gärten hatten fich Tausende zur Begrüßung eiogefuoden. Die Majestäten wurden bet der Ankunft auf dem Bahnhofe von der Badedirection, dem Bürgermeister und dem Poltzeicomistar einpsangrn. Der Kaiser trog die Untsorm seines österreicht- scheu Infanterieregiment« mit Generalsabzeichen. Nach Begrüßung der zum Empfange Erschienenen bestiegen die Maje* stiten den offenen Wagen- das Gesolge blieb auf dem Bahnhöfe zurück. Auf der Fahrt zur Villa »Kracht", in welcher die Kaiserin Elisabeth Wohnung genommen hat, wurden Ihre Majestäten von der Bevölkerung stürmisch begrüßt. Am (Sartenthor der Villa wurde das Katserpaar von der Kaiserin Elisabeth empsaogev. Kaiserin Auguste Victoria küßte Kaiserin Elisabeth aus beide Wangen und überreichte ihr einen Strauß mit schwarzgelber Schleife. Kaiser Wilhelm küßte Kaiserin Elisabeth die Hand. Die Herrschaften begaben fich hierauf in die hinter der Villa gelegene Laube, wo fie bis nach 5 Uhr in angeregtem Gespräche verweilten. Kaiserin Elisabeth geleitete die Majestäten sodann wiederum bis zum Gartenthor. -Nach herzlicher Verabschiedung begaben der Kaiser und die Kaiserin fich nach der Villa „Goswin" zum Besuche der Prinzessin Christian von Schleswig-Holstein und von dort nach kurzem Aufenthalte nach dem Bahnhöfe. Die Abreise nach Wtlhtlmshöhe erfolgte gegen 51/, .Uhr.
— Ueber die Ortentretse de« deutschen
W>!
ter Auswahl und g»
Preisen, auf -lager. 50 an.
[4423
$5.70
35.95
38.-
38.
24.30
äjj!
167'„ 11250
S» <
tiV«:ad*
-Donau-*
S-d^'iöö
«u^*5j'tt2O SrlMio Freiburg ' j0
SZ S'
2650 13.60
Lrr.MigS-u.
Lama ■ • ■ tzsktt-'M' nrft. Staatsb.
Mardbah"'
Princ henrf -
20/8. [UL, , 208.40 207.5<
Kaiser « theUt die „Frkf. Ztg.- aus Eonstantivopel mit: Namens des SultavS wird nicht Schakir Pascha, sondern werden Abdullah Pascha sowie der türkische Botschafter in Berlin den Kaiser begleiten. Die kaiserliche Yacht „Sultanie" txtt einem Gefolge von 60 kaiserlichen Adjutanten wird für diese Reise io Dienst gestellt. Der Landungsplatz Haisa wird nlt einem Kostenaufwand von 50000 Mk. fertiggestellt- die drei Brücken zwischen Jaffa und Jerusalem sind bereits fertig. Der Bau der Straßenbahn in Palästina, der zuerst stockte, rimmt jetzt raschen Fortgang. Kleinere Aenderungen des Srogramms fiod wahrscheinlich, da der Flugsand dem Straßen- tau zwischen Haifa und Eäsarea die größten Schwierigketteo bereitet und für Wagen, da die Kaiserin die ganze Reise in
Feuilleton.
Wetterschießen und künstlicher Wegen.
Sine brennende Frage der modernen Wetterkunde.
Von Rudolf CurttuS.
(Nachdruck verboten.)
In Frankreich, nicht gar weit von den Küsten des Atlantischen Ozeans, wandelt eine feierliche Prozession von Wallfahrern unter Vorantritt ihrer Geistlichen durch den Wald zu einer wunderthätigeu Quelle. Dort angekommrn, schöpften die Gläubigen mit geweihten Gefäßen das Wunder wirkende Nah, um es auf großen, flachen Steinen auS- zugießen, und die Gebete, welche während dieser seltsamen Eerewooie zum Himmel emporsteigro, flehen um Regen, den die vom Sonnenbrände ausgetrockaeten Gefilde schon gar zu lange entbehren wüsten.
Wir fiod bei Barrodon io der Bretagne, an der heiligen Reger q uelle im Walde Breziliane, um welchen die Dichtungen der wtttelalterlicheo Heldensagen von König Artus und Jweio vnd Gawein einen magischen Schleier weben, an einer Stätte, wo die religiösen Gebräuche der alten heidnischen Kelten, deren Nachkommen noch jetzt diese« Land bewohnen, ein christ. liches Colorir angenommen und fich bi« in unsere, aus ihre Ausklärung so stolzen Zeiten erhalten haben. WaS dort der fromme Glaube vom gütigen Himmel erhofft, finden wir io den Naturreligiooeo fast aller Völker, und man könnte ein dicke« Buch zusommrnschreibrn, wollte man die Cerrmontell oufzeichnen, welche zu diesem Zwecke bei den Ureinwohnern Afrika« und Amerika« ebenso in Uebuog warea oder noch sind, wie bei den alten Germanen nvd noch jetzt bet den slavischen Völkern.
So verwegen e« nach allen Erfahrungen und nach der Geringfügigkeit unserer menschlichen Hilf«wtttel im vergleich mit den gewaltigen Kräften der Natur erscheinen muß, da« Wetter beeinflvffeo zu wollen, das wir trotz hunderter voo
solchem zurücklegt, kaum pasfirbar sein wird. In Merasfim ist der Kiosk fertiggestellt und wurde kürzlich vom Sultan ein- gehend befichtigt. In der kaiserlichen Tepptchfabrik arbeiten hundert Personen seit Monatsfrist buchstäblich Tag und Nacht an der Herstellung eine« Rieseoteppich«,- doppelt so viel Frauen find beschäftigt in der kaiserlichen Weberei und Stickerei io Pankaldi, um die kostbarsten, vom Harem deS Sultan« der Kaiserin zugedachten Gewebe anzusertigeu.
Berlin, 22. August. Der Heere«-Ltat für 1899 soll, wie der „National-Zettung" zufolge zuverläsfig verlautet, sehr beträchtliche Mehrforderungen aufweisen. Die Neubildung eine« Armee-Lorp« mit dem Sitze in Mainz, von der schon mehrfach die Rede war, scheint von der Militär- Verwaltung endgültig in Ausficht genommen zu sein. Ferner find erhebliche Neu Organtsationen bet der Artillerie zu erwarten und auch die Bildung der dritten Bataillone bet den neuen Jnsauterie-Regimentern, welche anläßlich der Um- Wandlung der Eaprivi'schen Halb-Bataillone in Ganz-Bataillone zunächst nur auS zwei Bataillonen zusammengesetzt wurden, soll beabsichtigt sein.
Berlin. 22. August. Eisenbahnen in China. Nach Meldung eine« Blattes neigt die chinesische Regierung dem Vorschlag de« deutschen Gesandten von Hrhktng zu, daß die bedingungsweise dem Doctor Yang Wing gewährte Loncesfion zum Bau der Tientfio-Tschinkiang-Bahu einem englisch-deutschen Syndikat überwiesen werde. Der deutsche Loncesfionär Carlowttz und die britische Firma Jardine Natheson und Lompagny, unterstützt von einflußreicher Kapitalkraft, find bereit, ans den Plan einzugehen, falls Wing dazu unfähig sein sollte. DaS britische und das deutsche Element ganz Chinas ist der neuen Idee entschieden günstig. Die Nachricht wird auch von anderer Seite auS London bestätigt.
Berlin. 22. August. Schulärzte. Die in Wiesbaden dargebotene Gelegenheit, an der Vervollkommnung der Schularzteinrichtung mitzuarbeiten, hat fich die Unterrichtsverwaltung zu eigen gemacht; auch wird von ihr anerkannt, daß die Anstellung von Schulärzten geeignet ist, die Behörden in den ihnen pflichtgemäß obliegenden Bestrebungen für die gesund- heitsgemäße Gestaltung des Schulwesens zu unterstützen. Unter Hinweis auf die Unterschiede zwischen den höheren Schulen und den Volks- und Mittelschulen wird aber eine naheliegende Verpflichtung zum behördlichen Eingreisen sÜr I dte ersteren zur Zeit nicht angenommen. Dagegen wird für Volks- und Mittelschulen die Nachfolge in der Schularzt- einrichtuvg zunächst bei Städten mit gleichen oder ähnlichen
meteorologischen Stationen noch immer nur sehr ungenügend und nur nach seinem allgemeinen Charakter für große Landstriche, aber keineswegs in seiner Besonderheit sür einen einzelnen Ort Voraussagen können, so deuten doch verschiedene Umstände darauf hin, daß unter gewiffen Umstanden da« atmosphärische Gleichgewicht ein so labile« ist, daß nur ein kleiner, von unseren Kraftanstrengungen erreichbarer Anstoß erforderlich, um einen gewiffermaßen schon von der Natur vorbereiteten Umschlag deS Wetters in beschränkten Distrikten herbeizusühreu.
Es find nun zwei, für den Laudwirth allerdings hochwichtige Punkte, in welchen man fich mit der Hoffnung trägt, den launischen Wettergott den menschlichen Zwecken dienstbar zu machen, nämlich die künstliche Herbetsührnog eines Regen« nach langer Dürre und die Verhinderung deS vom Laudwirth mit Recht so gefürchteten Hagelschlage«.
Jo der südlichen Steiermark, deffen gesegnete wein- districte fast alljährlich von vernichtenden Hagelwettern heim- gesucht werden, fing man vor zwei Jahren an, bei heran- nahenden Unwettern aus die hageldrohenden Wolken an« Mörsern blinde Schüsse mit starker Pnlverladnng abzngebea und glaubte feststtllen zu können, daß statt de« erwarteten Hagel« fich jedesmal an« den Wolken nur ein starken Regen- gnß entlud, dessen Jntenfität nach jedem Schüsse vorübergehend zunah«, ebenso wie man dies nach jedem Donnerschlage eine« Gewitter« beobachten kann. W e so die Erschütterung der Luft durch die Schallwellen die Entstehung der Hagelkörner verhindern könoe, blieb dabei gänzlich unaufgeklärt und der Spott Über da« Unterfangen, die Wolken zerschießen zu wollen, blieb nicht au«, umsomehr, al« man in wissenschaftlichen Kreisen die Sache ziemlich ignorirte. Unter den Interessenten fand bi« Wetterschiehen dagegen großen Anklang und in den österreichischen Kronländern südlich der Alpen find jetzt an« öffentlichen und privaten Mitteln auf den Anhöhen Hunderte von Böllerbatterien er«
Verhältnissen wie Wie«baden angeregt und weiterhin be abfichttgt, die Unterlagen für die Beurtheilung einer Ein- führung de« Schulärzte« in ländlichen Orten auf dem Wege der praktischen Erprobung in den verschieden gearteten Lande«, theilen zu beschaffen. Den Schulärzten ist die Wichtigkeit deS Gelingen« oder Mißlingen« der ihnen zugefallenen Aufgaben an« Herz gelegt und der Rath ertheilt, fich in weiser Mäßigung in dem zugewteseuen Pflichtenkrei« zu halten und fich da« vertrauen der Lehrer als gern gesehene Mitarbeiter zu erwerben.
Berlin, 22. August. Soziale Thätigkeit der Geistlichen. In der Pfalz hat fich vor einiger Zett ein Verein gebildet zur Errichtung und Erhaltung einer für die Pfalz, das Saargebiet und Elsaß Lothringen bestimmten Arbettercolonie. Zu thatkrästiger Förderung diese« Unter* nehmen« will ein soeben ergangener Erlaß de« Confiftorium« Speyer die protestantische Geistlichkeit der Pfalz heravgezogen wiffen. Es heißt u. A.: ,®or Alle« ist es Sache unserer Geistlichen, die fich gerade in den letzten Jahren der sozialen Nölhe einzelner Stände so warm und so wacker angenommen haben, auch diese« jüngste Kind der inneren Mission in der Pfalz liebevoll zu pflegen unb den Pfälzer Arbeitercolouie- Verein ihren Gemeinden dringend zu empfehlen." An diesem Erlaß ist zweierlei erfreulich, einmal die Weitherzigkett, mit der den Geistlichen von Amt«wegeu die Betheiligung an einem interkonfessionellen Ltebe«werk empfohlen wird, und sodann der warme Ton der Anerkennung sür die bt«herige soziale Thätigkeit der Geistlichen. Bon den antisozialen Le- laffen norddeutscher Kirchenbehörden sticht da« Vorgehen be« Pfälzer Confistorium« wohlthuend ab.
Berlin, 22. August. Die innere Lage Spanien« wirb in einer Drahtmelbung aus Mabrib besprochen. Dortige unterrichtete Kreise erklären, so heißt es darin, die Nachrichten vom Auftreten earltstischer oder republikanischer Banden für vollkommen unbegründet. Unwichtige Ereigniffe würden unverhäitnißmäßig aufgebauscht. In Spanien herrsche voll- kommene Ruhe. Don Carlo« habe seinen Parteigängern jede« ausrührertsche Vorgehen untersagt. Die Republikaner seien durch Spaltungen zur Ohnmacht verurtheilt. — Etwa« spricht bei dieser rosigen Schilderung sicher der leicht begreifliche Wunsch mit, den finanziellen Credit Spaniens, das demnächst ein sehr starkes GeldbedÜrsniß zeigen dürste, dem Auslände gegenüber zu steigern.
— Recht geheimnißvolle Truppenübungen werden sür diesen Herbst in der Nähe der deutsch-sranzöfischen
richtet, auS welchen lustig aus die gelbgrauen Wetterwolken kanonirt wird.
Um die Wirksamkeit deS Wetterschießen« glaubhafter zu machen, berief man fich auf die Jahrhunderte alte Gewöhn- heit der Alpenbewohuer, bei schweren Wettern mit den Kirchen- glockeo zu läuten, denen man ja, wie die häufige Glockeninschrift „fulgura frango* beweist, fett jeher und überall eine wetterbrechende Kraft zutraut, obwohl jedes Jahr gar mancher Glockenthurm durch Blitz tu Flammen aufgeht. So- gar die Chinesen, welche allerdings seit Jahrtausenden eine Art Wetterschiehen betreiben, wurden als Gewährsmänner herbetgezogen, obwohl man fich sagen muhte, daß dieses Volk, welches bei Mond- und Sonnevfiasterntffen mit Tam Tam- schlagen und Schießen den genannten Gestirnen zu Hilfe zn kommen sucht, die es durch einen Drachen bedroht glaubt, nicht gerade auf dem Gipfel logischer Naturerkenut- utß steht.
Wichtiger als dieser blinde Autorttätsglaube find physikalische versuche, mittelst welcher man einen Hagel in kleine« Maßstabe irn Laboratorium erzeugen kann und die eine ge* wichtige Stütze für die Nützlichkeit des Wetterschießens find. Wenn man nämlich die beiden Poldrähte einer starken elektrischen Kraftquelle so anordnet, daß der eine von unten in ein Wasserbecken eintritt unb bis nahe an die Oberfläche reicht, währenb der anbere dem Wafferspiegel von oben ge- nähert wird, und nun einen Strom von außerordentlich hoher Spannung durchsendet, welcher die Lücke zwischen den beiden Polen überspringen muß, nm fich mit dem entgegengesetzten Strome auszugleichen, so entsteht an der betreffenden Stelle des Wasserspiegels eine Anfangs kleine, später fich mehr einsenkende Vertiefung, au« welcher kleine Waffertröpfchen hervorspritzen - binnen kurzer Zeit aber bildeten fich die fortwährend emporspritzenden Tröpschen durch die zwischen beiden Polen anftretende Abkühlung zu ächten Hagelkörnchen nm.
(Schluß folgt.)


