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24.5.1898 Erstes Blatt
 
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Wahrung der Interessen von Landwirthschaft, Handel und Gewerbe, daS Eintreten für ein Reichsvereinsgesetz auf der Grundlage vollster Verein-- und Versammlungsfrei­heit, das Eintreten für Aufrechterhaltung der Freizügig­keit, Gewerbefrei heit und der CoalitivnSfreiheit der Arbeiter. Schwieriger als die Aufstellung de» Programm» fei die Lösung der Candidateufrage gewesen, die seit Wochen, al» nach dem Urtheil übereifriger Parteifreunde die Parteileitungen zu schlafen schienen, tu aller Stille eine sehr erhebliche Thätigkeit der Parteivorstände in An­spruch genommen habe. Man habe zunächst dem früheren Vertreter des Wahlkreise», dem ersten gemeinschaftlichen Caudtdaten der Liberalen Gießens, Herrn Rechtsanwalt Dr. Gutfleisch da» Mandat angeboren. Derselbe habe au» beruflichen Gründen abgelehot. Dann habe man sich an den früheren nationalliberalen Candidateu, Herrn Commer- ztenrath Hehligeustädt gewendet. Derselbe war nach wiederholten dringenden Anforderungen nicht abgeneigt, daS Mandat anzunehmen, mußte aber au» Gesundheitsrücksichten zurücktreteo. Mau wandte sich dann nach einander an die Herren Oberbürgermeister Gnauth und Stadtverordneten Schwall, auch diese waren aus sachlichen und persönlichen Gründen nicht in der Lage, die ihnen angetrageuen Eandidarureu anzunehmen,- sodaß man nach den letzten Besprechungen der Deputirten der beiden Vereine auseiaandergegangen sei mit der Verabredung, daß von den beiden Vorständen Versuche gemacht werden sollten, nunmehr, nachdem e» nicht gelungen, einen einheimischen Candidateu zu finden, eine tüchtige auswärtige Kraft aufzu­suchen. Der Borfitzeude habe dieserhalb tu Darmstadt und Frankfurt verschiedene Besprechungen gehabt, die zu einem defiuittven Vorschlag noch nicht geführt gehabt hätten, al» r» Herrn Dr. Fuhr am Himmelfahrttag gelungen sei, mit einem au» dem Wahlkreis stammenden entschieden liberalen Herrn in Unterhandlungen zu treten, der geeignet und geneigt gewesen sei, die Caudidatur der beiden liberalen Parteien anzu- uehmeu. Da er, der Dorfitzende, durch Krankheit verhindert ge- wesen sei, an den Verhandlungen mit dem Herrn Candidateu theilzunehmen, bitte er die Herren Dr. Fuhr, Georgi und Commercienrath Koch, die die Verhandlungen geführt hätten, hierüber daS Nähere zu berichten. Herr Dr. Fuhr theilte hierauf mit, daß ihm am Mittwoch vor Himmelfahrt von Herrn Professor Frank mitgetheilt worden sei, daß diesem in der Person eines Onkels von ihm, eine» Herrn Dr. Frank in Enger» eine Persönlichkeit bekannt sei, die in jeder Beziehung nach ihrer politischen und wtrth- schaftlichen Avffaffung wohl berufen sei, als gemeinsamer Candidat der Liberalen Gießen» aufzutreten. Dieser Herr, in Ltch al» Sohn de» damaligen dortigen Pfarrers F. ge­boren und au» einer alrangeseheneu hefitschen Familie stammend, sei auch auf seine Veraulaffung noch am Himmelfahrttage hierher gekommen und hätten er (Redner), sowie die Herren Georgi und Koch am Himmelfahrttag-Abend fich noch einige Stunden lang in ernstester und eingehendster Weise über desien polittsche und volkrwtrthschastliche Ansichten unterhalten­es habe dabet namentlich Herr Georgi ein examen rigorosum mit Herrn Dr, Frank Über politische Fragen vorgenommen, und t» seien die Herren einstimmig der Anficht gewesen, tu dem Herrn Dr. Frank, der erklärte, fich dem äußersten linken Flügel der nationalliberalen Partei, deren Anschau­ungen er am nächsten stehe, anschließeu zu wollen, einen durchaus geeigneten tüchtigen Vertreter für den Wahlkreis ge­funden zu haben. Nachdem hierauf die Herren G e o r g i und Commercienrath Koch die Mittheilungeu des Herrn Fuhr auf Grund ihrer Erfahrungen noch in verschiedenen Punkten ergänzt hatten, wurde von Herrn Dr. Fuhr der von den beiderseitigen Vorständen tm Etnverständniß mir dem Candidateu festgestellte Wahlaufruf mit Wahlpro­gramm verlesen, (derselbe soll demnächst veröffentlicht werden) und daraufhin von dem Borfitzenden die Discusfiou darüber eröffnet, 1. ob ein gemeinsames Vorgehen beider Parteien stattfinden solle, 2, ob in der vorgelegten oder in welch anderer Fassung ein Wahlaufruf erfolgen solle, 3. ob die VertrauenSmänuer-Versammlung die Caudidatur de» Herru Dr. Frank in EugrrS billige. Bei der DiScusfiou vermißte zunächst Herr Lehrer Bönsel zu LanggvuS, daß in dem Wahlaufruf nicht klar genug zum Ausdruck gebracht sei, welche Gründe zu dem Zusammengehen der frrifinnigen und nationalliberalen Partei geführt haben, worauf von Herrn Dr. Fuhr und dem Borfitzenden Redner unter nochmaliger Verlesung der darauf bezüglichen Stellen des Aufruf» darauf aufmerksam gemacht wurde, daß diese Gründe am Eingang de» Aufrufs ganz deutlich aufgeführt seien. Im Lause der Discusfiou wurde namentlich von den freisinnigen Vertrauens- männern Keil (Grüoberg) und Bürgermeister Heller (Sich) da» Zusammengehen der beiden Parteien freudigst begrüßt, während fich von nationalliberaler Seite speciell die Herren Geh. Medictnalrath Dr. Gaffkh und Landge- richtSrath Linkenheld für das Zusammengehen der beiden Parteien aussprachen. Ersterer Herr beantragte eine kleine redaktionelle Abänderung de» Wahlaufrufs im Sinne der Ausführungen des Herrn Bönsel, die ange­nommen wurde, ebenso der Antrag des Herrn Land- gerichtSrath» Linkenheld, die alte liberale Forderung der Wiederaufnahme der Berufung in Strafsachen in daS Programm aufzunehmen. Herr Oeeonom Sch lenke vom Hardthof bemerkte zu dem Programm, daß er in dem Satz de» Programm», daß Schutzzölle in mäßiger Höhe auch im Interesse derLandwirthschast zweckmäßig seien, schoneine schätzen»- werthe Nachgabe der freifinnigen Partei finde, daß er auch das geplante Zusammengehen der Parteien nicht stören wolle, daß fich aber die Parteien wohl selbst darüber klar feien, daß sie mit ihrem landwirthschaftlichen Programm auf dem Lande keine Geschäfte würden machen könnten, worauf ihm von Herrn Grh.-Rath Gaffkh erwidert wurde, daß im Jahr 1896 Seiten» der nationalliberalen Partei ein Candidat mit einem Programm aufgestellt gewesen sei, mit dem fich nach Anficht des Herrn Schlrnke die besten Geschäfte auf dem

Lande hätten machen lassen, ohne daß die erwarteten Erfolge erzielt worden seien, während der Borfitzeude bemerkte, daß es fich nicht darum handele, auf dem Lande Geschäfte zu machen, sondern die Landwirthschaft, die sich übrigen» bereits selbst hierüber klar geworden sei, darüber zu belehren, daß nicht Derjenige der wahre Freund der Landwirthschaft sei, der im Wahlkampf unerfüllbare Versprechungen mache, von den ReichStagSverhaudlungen aber vollständig fern bleibe, und meine, wirklich etwas gethan zu haben, wenn er, ohne irgend einen practischen Weg zu wissen, im mit Diäten gesegneten Landtag versichere, daß er, derDeutsche Bauer" allein wisse, waS derLandwirthschast nütze. Nach Schluß der DiScusfion sprach fich die Versammlung mit alle» gegen die eine Stimme des Herr« Sch lenke vom Hardthof für ein gemeinsame» Vorgehen der sämmtlichen Liberalen de» Wahlkreise» auS- ebenfo mit derselben Majorität für die Annahme de» Wahl­aufrufs und die Caudidatur des Herrn Dr. Frank in EngerS. Schließlich constttuirte fich dieVertraueuSmänner-Bersammlung al» liberaler Wahlausschuß der vereinigten freifinuigen und nationalliberalen Parteien und beauftragte die Vorstände der beiden Parteien mit der Ausführung der gefammteu Wahl­agitation. Der Vorsitzende machte bekannt, daß der Can- didat voraussichtlich am nächsten Donnerstag Abend sein Programm dahier entwickeln werde, wie derselbe auch, wie seither üblich, in den Landstädtchen und größeren Orten der Provinz persönlich sprechen werde. Der Borfitzeude ermunterte, mit Entschiedenheit und Zuverficht in den Kampf für die gute Sache eiuzutreten und schloß die sehr auimirt verlaufene Versammlung mit einem Hoch auf diegesammte liberale Partei".

** Der Oberheffifche Bienenzüchter-Verein verbindet seine diesjährige Wanderversammlung und Ausstellung mit der Gewerbe-AuSstelluug für Oberheffen in Butzbach und hält seine Generalversammlung am 22. August daselbst ab.

Da» ersteGroße Amateur-Rad-Reunen" am gestrigen Sonntag war in erster Linie vom Wetter begünstigt. Wenn auch ab und zu ein sogen.Spritzer" drohte, die Ver­anstaltung, wie so manche der letzten Wochen, buchstäblich zu Wasser werden zu lassen, so vermochte die» nicht, da» Inter­esse, welche» da» hiesige Publikum stet» dem Sport entgegen» bringt, abzuschwächen, und so war auch diesmal der Zug nach dem Sportplatz an der Hardt ein recht starker, zahlreich auch der Besuch auswärtiger Radfahrer. Der übliche Preis» Corso wie» eine stattliche Anzahl Vereine, die ihre Srandartn mit fich führten, auf, und bot dem spalierbildenden Publikum ein anziehendes Bild des Radlerleben». Von den am Corso betheiligten Vereinen erhielt den 1. Preis (einen vier­theiligen Tafelaufsatz) mit 16,2Punkten der Frankfurter Radfahrer-VereinGermania", den 2. Preis (eine altdeutsche Uhr) der Bicycle-ClubWetterau" in Friedberg mit 12,2 Punkten, den 3. Preis (ein künstlerisch auSgeführteS Diplom) der Radfahrer-Verein zu Nidda. Außerdem wurde dem Radfahrer-Club zu Wetzlar für schöne» Fahren ein Diplom zuerkannt. Nachstehend theilen wir daS Er- gebniß der Wettrennen auf dem Sportplätze mit: 1) Eröffnungsfahren über 2000 Meter für Herrenfahrer. 1. Preis eine silberne Bowle, 2. Preis ein Tranchtrbesteck, 3. Preis ein BierglaS mit Silberbeschlag. 3 Vorläufe über je 800 Meter. Entscheidungslauf: 1. Carlo Derosst-Turin 3,52*4, 2. Albert Bccker-Worm» 3,53, 3. C. Helling-Coblenz 3,5344- 2) Fahren um den Damen-Wanderprei» Uber 2000 Meter für Herrenfahrer. 1. Preis eine silberne Bowle mit Löffel, gestiftet von den Frauen der Mitglieder des CuratoriumS und der Wanderer-Gießen. Der Preis muß zweimal nach­einander oder dreimal tm Ganzen gewonnen werden. Der Gewinner erhält jedesmal eine filber-vergoldete Medaille. Bertheidiger: Ludwig Opel-Gießen. 2. Preis eine silberne Medaille, 3. Preis eine Bronce-Medaillk. 1. Ludwig Opel-Gießen 1,17*4» Numa Cisotti-Padua 1,18, Carl Duill- Gießen l,188/6. 3) Erstfahren über 2000 Meter für Herrenfahrer. 1. Preis eine silberne Uhr mit Radfahrer-Initialen, 2. Preis ein Barometer, gestiftet von Herr» Gg. Bichler, 3. Preis ein Crhstall-Pokal mit Gold­verzierung. Es fanden drei Vorläufe statt. Entscheidungs­lauf: 1. Fries-Mainz 3,182/6, 2. Alfredo Boggio-Turin 3,183/5, ß. G. Appfel-Darmstadt 3,184/ß. 4) Gau- der band». Wanderpreis. Fahren über 2800 Meter für Mitglieder de» Gaues 9 (Frankfurt a. M.) 1. Preis ein silberner Becher und kleine goldene Medaille, gestiftet vom Vorstande des Gaues 9. Derselbe muß dreimal hinter­einander ober viermal im Ganzen von demselben Fahrer gewonnen werden. 2. Preis eine Bowle mit Untersatz und eine silberne Medaille, 3. Preis eine Gruppenfigur (Faust undIGretchen) und eine Bronce-Medaille. ES fanden zwei Borläufe statt. Entscheidungslauf: 1. Ludwig Opel-Gießen 4,54, 2. Carl Duill-Gteßru 4,54*4, 3, Gcorg DoengeS- Bockenhrim 4,544/6. 5) BeretnS-MannschaftS- fahren über 2000Meter für alle Bundesvereine. 1. Preis eine Silbermedaille dem Ersten und ein Pokal in Ziergold seinem Verein, 2. Preis eine silberne Medaille und em Sekt­kühler seinem Verein, 3. Preis eine Bronce-Medaille dem Dritten und ein Regulateur seinem Verein. Es fanden zwei Vorläufe statt. Entscheidungslauf: Ludwig Opel-Gießen 3,22, 2. Carl Duill-Gießen 3,224, 3. Albert Becker- Frankfurt 3,2234. 6) Mehrsitzer-Fahren mit Vor­gabe über3200MeterfürHerrenfahrer. 1. Preis zwei Weinkannen, 2. Preis zwei Tischbestecke in Etuis, 3. Preis zwei Salatschalen mit Besteck. Erste: Carlo Derosst- Turin und Numa Cisotti-Padua 4,181/5, Zweite: Lud­wig Opel-Gießen und Carl Duill-Gießen 4,1834, Dritte: W. Keffel und L. Keffel-Coblenz 4,184/6. 7) Mehrsitzer- Hauptfahren über 4000 Meter für Herren­fahrer. 1. Preis zwei echte Brillantringe, 2. Preis zwei Statuen, 3. Preis zwei Eßbestecke. Erste: Ludwig Opel- Gießen und Carl Duill-Gießen 5,35, Zweite: Helling- Coblenz und Joh. Flock-Coblenz 5,352/s, Dritte: Albert *

Becker-WormS und Walter Selve-Lüttich 5,52. Nach Be­endigung der Rennen fanden auf der Hardt-Terrasse Concerti PreiS-Vertheilung und Volksbelustigung statt. Diese Ver­anstaltungen nahmen den besten Verlauf und brachten den gestrigen Sporttag zum befriedigenden Abschluß.

* Diebstahl. Am Samstag Abend traf ein Schutzmann den Knecht eines hiesigen Fabrikanten mit einem Sack Brod^ welchen er für 5 Mark in einer Wirtschaft verkaufte. Die Nachforschungen ergaben, daß derselbe nicht allein diesen Sack, sondern auch schon früher zwei Säcke Brod feinem Dienst- Herrn entwendet und in der betreffenden Wirthschaft verkauft hatte. Anzeige wurde erhoben.

* * Die Badeanstalten. Nach eiugelaufeneu telegraphischen Mittheilnugen sind Trümmer der beiden hier fortgeschwrmmten Badeanstalten in Wetzlar, Waldgirmes, Dudenhofen und Naunheim geläudet worden.

Feuer. In einem Haufe der Sonnenstraße entstand gestern Mittag ein Schadenfeuer. An einem alten Kamin hatte fich Ruß entzündet und da» Gebälk in Brand gesetzt.

* * Selbstmord. Der Wächter auf der Lahnbrücke sah in verfloffener Nacht, wie ein Unbekannter sich über die Brückeneivfaffung lehnte, bald darauf in den Fluh stürzte und in den Wellen verschwand. Ein Rettungsversuch war wegen des Hochwassers nicht möglich.

Auf derHuude-AuSstelluug, welche gestern zu Frank­furt a. M. im Scheffelgarten stattfaud und mit über 500 Hunden beschickt war, erhielten nachstehende Herren, Mitglieder de» hiesigen Verein» zur Züchtung reiner Huude- raffen, folgende Preise: Adolf Bieler fürHector", kurz­haariger deutscher Vorstehhund: erster und Ehrenpreis; fürCora", kurzhaarige deutsche Vorstehhündin r zwei zweite Preise. O. Ludloff, Merlau, fürJambo" kurzhaariger deutscher Vorstehhund: zweiter Preis. Förster Roggen­dorf, Oberbiel, fürHarras", kurzhaariger deutscher Vor­stehhund: dritter Preis. Carl Müller, Gießen, für Harras", langhaariger deutscher Vorstehhund: erster Preis. Fr. Schreiner für DachshundWaldo": zwei dritte Preise. Georg Noll für DachshundHansel": höchst lobende Erwähnung.

Besitzer alter Briefschaften weisen wir auf die Annonce des König!. Hofschauspielers St ein ecke in Hannover hin. Mancher besitzt in alten Briefen usw. ein hübsches Sümmchen, da für alte Postwerthzeichen, je nach Seltenheit, hohe Preise bezahlt werden. Herr St. gibt gratis Prospecte zur Orteu- tirung aus.

Q Bon der Wieseck, 21. Mai. Der bisherige Regen und das gestrige Gewitter brachten die Wieseck über Nacht zu einem solch hohen Wasserstande, wie sie ihn seit vielen Jahren nicht gehabt. An vielen Stellen ist sie über die Ufer getreten und hat die angrenzenden Aecker und Wiesen überschwemmt. Bei Lindenftruth wurden auf der Bleiche mehrere Stücke Tuch von den Pfählen abgehängt und zur Vorsicht in eine Waschbütte gebracht. Am Morgen waren Waschbütte sammt Tuch verschwunden. Ein Stück wurde unterwegs aus der Fluth wieder aufgefischt. Da» auf der Bleiche noch angepfahlte Tuch war liegen geblieben. Jetzt nimmt die Fluth wieder ab.

+ Beuern, 21. Mai. Bei dem gestern Nachmittag hier niedergehenden Gewitter fiel ein wolkenbruchartiger Regen. Der Krebsdach stieg so rapid, daß da» Waffer in die Ge­bäude drang, und das Vieh nur mit Mühe gerettet werden konnte.

Friedberg, 22 Mai. Der im Saalbau heute abge­haltene oberhessische Katholikentag war sehr stark besucht. Herr Dr. Kübel aus Gießen eröffnete denselben mit einer Rede, die fich über die Weltlage im Allgemeinerr und specieller über die Berhällniffe in Italien und Deutsch­land erstreckte. Italien sei zwar zur Einheit gelangt in der Form, aber im inneren Wesen tief gespalten. Nur Ver­söhnung mit dem Papstthum und Einführung socialer Reformen eröffneten dem italienischen Königthum die Aussicht auf dauernden Bestand. Deutschland stelle eine friedliche Macht dar, die zu Gunsten des BölkrrfriedenS schwer in die Wag­schale falle. Die oft betheuerte und practtsch geübte Friedens­liebe des Kaisers und seiner Räthe, daS lebhafte Frieden«' bedürfniß de» deutschen Volke» und seiner Regierungen bildeten eine starke Garantie für den Frieden und ermöglichten die schwierige, aber gedeihliche Fortentwickelung socialer Reformen. Redner berührte noch die Ausnahmegesetze gegen die Katho­liken und erklärte ein starke» Centrum tm Jutereffe von Kirche und Vaterland für nothweudig. Dann ergriff Herr Pfarrer Dr. Wald von Ockstadt da» Wort zu einem längeren form­vollendeten Vortrag über die Verdienste Leo» XIII., über seine Bemühungen zur Wiederherstellung friedlicher Bezieh­ungen zwischen Staat und Kirche, wie» auf die noch bestehen­den Hindernisse eine» vollen Frieden» und die Nothwendig- keit der Beseitigung der Reste der Culturkampfgesetzgebung hin und schloß mit einem Hoch auf Leo XIII., dem dann der Präsident der Versammlung ein Hoch auf Kaiser und Großherzog folgen ließ. Al» dritter Redner sprach Herr Reich»- und LaubtagSabgeordueter Dr. Schmitt aus Mainz. Er schilderte den früheren Kartell-Reichstag und hob hervor, daß die Politik der Sammlung in erster Linie gegen da» ausschlaggebende Ceutrum gerichtet fei, dessen Verdienste in der vergangenen Legislaturperiode eingehend gewürdigt wurden- Redner erklärte fich gegen jede Art neuer indirekter Steuern und wandte fich dann in feinen Ausführungen gegen die Socialdemokratie. Die Arbeiter hätten in der Socialgesetz- gebung die meisten Wohlthaten dem Ceutrum, und rein gar nichts der Socialdemokratie zu verdanken, die gegen alle» gestimmt habe, weil fie nicht alles, was fie wolle, erreichen konnte. Da» fei keine praktische Politik. Da» Verhalten der Socialdemokratie sei darauf berechnet, da» Centrum und andere Parteien für die Arbeitererhebliche Vortheile", al» welche fie der Socialtst v. Vollmar anerkannt habe, erringen zu lassen, fie selbst aber benütze wirkliche ober vermeintliche Mängel der Svcialgesetzgebung, um mit ihrer maßlosen und