1808
Dienstag dm 24. Mai
Erstes Blatt.
Nr. 11»
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger
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Deutsche- Reich.
Berlin, 21. Mai. Der Kaiser hörte heute Bor« mittag die BortrSge des Chefs des Generalstabe» der Armee, Grafen v. Schliessen, des Chefs des MilitärcabinetS, v. Hahnke, sowie des Contreadmiral» Büchse! und des Chefs des MarinecabinetS Frhrn. v. Senden Bibran.
Berlin, 21. Mai. Auf Vorschlag des BuudeSratheS hat der Kaiser den ReichSgerichtSrath Freiherrn v. Bülow an Stelle des verstorbenen Dr. Kaiser zum Senatsprüfidenten bei« Reich-gericht ernannt.
Berlin, 21. Mai. Wie die „Deutsche Tageszeitung" erfährt, ist es nicht auSgefchlosien, daß die Zuckereouferenz hinausgeschoben wird, bis der amerikanisch-spanische Krieg zu Sude gelangt sein dürfte.
Berlin, 21. Mai. Die den Abschluß der einheitlichen Gestaltung deS bürgerlichen Rechts bildenden Gesetze über die Angelegenheiten der freiwilligen Gerichtsbarkeit, dir Aenderungen des GerichtSverfaffungSgesetzeS und der Civilprozeßordnung, die Aenderungen der LoncurSordnung, find, dem „Reichsanzeiger" zufolge, mit den zugehörigen Einführungsgesetzen und mit dem Gesetze, betreffend die Ermächtigung deS Reichskanzlers zur Bekanntmachung der Texte verschiedener Reichsgesetze, vom Kaiser am 17. d. M. in Straßburg vollzogen worden.
Berlin, 21. Mai. Anläßlich der morgen stattfindenden Confirmation des Kronprinzen und des Prinzen Eitel Friedrich ist heute im Königlichen Schlöffe hier- felbst deren Prüfung auf da- Glaubensdcienntuiß durch den Generalfuperintendrvteu Dr. Dryander im Beisein des Kaiserpaares erfolgt. Die ConfirmationSfeier findet in der Friedenskirche zu Potsdam am Montag um 12 Uhr statt. JnSgefammt find etwa 70 Einladungen an Mitglieder des Königlichen Hauses, Fürstlichkeiten und hohe Beamte ergangen- außerdem wurden Eintrittskarten zur Kirche ausgegeben. Nach Beendigung der Einsegnungsfeier wird in dem Stadtschloffe zu Potsdam beim Kaiserpaare Frühstückstafel stattfinden.
Berlin, 21. Mai. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht einen kaiserlichen Erlaß, worin dem StaatSsecretär des ReichSjustizamtS, sowie allen Beamten dieser Behörde, welche an dem jetzt zum Abschluß gebrachten einheitlichen bürger- lichen Gesetzbuch gearbeitet haben, der Dank und die Anerkennung deS Kaisers ausgesprochen wird. Dem StaatSsecretär Nieberding ist der Rothe Adlerorden 1. Klaffe mit Eichenlaub verliehen worden.
Berlin, 21. Mai. Der soeialdemokratische Abgeordnete Vogtherr ist wegenMajestatSbeleidigung in UntersuchungS- haft genommen worden. Eine von Bogtherr angrbotene Kaution wurde abgelehnt. Vogtherr soll die MajestätS- beleidigung in zwei Reden in Magdeburg begangen haben.
Pofen, 22. Mai. DaS Befinden der Herrn Finanz- Ministers v. Miquel hat sich noch weiter gebeffert- er leidet an Kehlkopfkatarrh. Seine Abreise nach Berlin wird voraus- fichtlich erst morgen erfolgen.
Arrstsird.
Wien, 22. Mai. Alle in Oesterreich-Ungarn weilenden, dem activen Heer oder der Marine angehörigen Amerikaner erhielten Befehl, unverzüglich die Heimreise anzutreten.
Wien, 22. Mai. Ueber Wien ging gestern Nachmittag ein Wolkenbruch mit Hagel nieder, der vielfache Schäden avrichtete
Bozen, 21. Mai. Infolge Vorstellungen der italienischen Behörden wurde die für morgen in Trient und Riva geplante große Vergnügungsfahrt nach den oberitalienischen Städten untersagt, weil dort noch Unruhe unter der Bevölkerung herrscht.
Turin, 21. Mai. Nach einer Meldnng der „Gazzeta Piemontese" beabsichtigt die Regierung, dem Erzbischof von Mailand wegen seiner Haltung während der Unruhen die Exequatur zu entziehen. — Der verhaftete Redacteur Romulsi vom Mailänder Seeolo droht, falls er vor Gericht gestellt werden sollte, alle von Rudini an ihn gerichteten Briefe zu veröffentlichen, was zu großen Scandalen führen werde.
Loudon, 21. Mai. Die Beisetzungsfeier für Gladstone kann erst in ca. zwei bis drei Wochen wegen der zu treffenden großartigen Vorbereitungen stattfinden. Die Leiche wird heute einbalsamirt und im Bibliothekzimmer aufgestellt.
Marseille, 22. Mai. Anläßlich einer Wahlversammlung entstanden gestern zwischen Soeialisten, Radicalen und Republikanern Streitigkeiten, in deren Verlauf sechs Personen schwer verwundet wurden.
Madrid, 21. Mai. Nachdem Sagasta in der Kammer die Gründe für die KrifiS auseinandergesetzt hatte, erklärte er, das Programm des neuen CabinetS könne nur eins sein: der Krieg. DaS neue Ministerium sei ausschließlich ein spanisches Ministerium- es unterscheide nicht zwischen Freunden und Gegnern und rechne auf die Unterstützung sämmtlicher Spanier. Nur mäßiger Beifall erhob fich am Schluß der Rede.
Madrid, 22. Mai. In hiesigen diplomatischen Kreisen wird behauptet, daß Unterhandlungen behufs Beitritt Spaniens znm Zweibunde (Frankreich und Rußland) dem Abschlnß nahe seien. — Infolge der verdächtigen Haltung England-, welche» in Gibraltar die Anhäufung von Munition, Prvviant und Kohlen fortsetzt, wurden die Besatzungen von Ceuta, Tarifa und Alg6cira» erheblich verstärkt.
Madrid, 22. Mai. Wenn Castillo in seiner Unter- redung mit Sagasta angibt, daß er jetzt seinen Posten in Paris nicht aufgeben könne, so wird wahrscheinlich Gutierrez Aguera, der frühere Botschafter in Stockholm und Brüssel, welcher jetzt StaatSsecretär im Auswärtigen Amte ist, die Leitung diese» Amte» erhalten.
Madrid, 22. Mai. Da» Entsatzgeschwader wird dem Vernehmen nach Montag oder Dienstag Cadix verlassen. Der Bestimmungsort ist unbekannt. AuS Havanna verlautet, man glaube, das Geschwader Cervrrs» habe, nachdem eS Kohlen und Waffer genommen, CrenfuegoS behuf» Ausführung eine» kühnen Plane» verlassen.
New-York, 22. Mai. Die Geschwader Tampson» und Tchleh», welche in Key West eingetroffen waren, um ihre Kohlenvorräthe za ergänzen, find gestern Abend in unbekannter Richtung wieder abgedampft. Infolge der Anwesenheit der spanischen Flotte in den amerikanischen Gewässern, verbot die Regierung die Abfahrt von Kohlenschiffen nach den Antillen, Mexiko, sowie nach Süd- und Central-Amerika.
Washington, 21. Mai. Admiral Sampson erhielt stritten Befehl, da» Einlaufen der spanischen Flotte in den Hafen von Havanna um jeden Prei» zu verhindern. An den Commodore Schley ergingen wichtige Weisungen. Man erwartet noch heute einen Zusammenstoß zwischen der spanischen und amerikanischen Flotte.
wahlbervegring.
* Wetzlar, 21. Mai. Wie die „Siegblätter" mittheilen, ist der Herr Geh. Oberjufttzrath Dr. Rintelen zu Berlin wiederum als Candidat der CentrumSpartei für den Wahlkreis Wetzlar-Altenkirchen aufgestellt worden.
• Mainz, 22. Mai. Nachdem man es Seitens der demokratischen Partei abgelehnt hat, für den von den Nationalliberalen aufgestellten Candidaten, Laudwirth Dettweiler von Laubenheim einzutreten, ist von dem Ausschuß der ersteren Partei beschlossen worden, einen eigenen Candidaten aufzustellen. Als solcher wurde Dampfmüller, Stadtverordneter Schäfer in Vorschlag gebracht, der bereits vor fünf Jahren für den Reichstag candidirte. Eine größere Wählerversamm- lung wird in nächster Woche definitiv über den aufzustellenden Candidaten entscheiden. — Die Antisemiten haben gleichfalls im Wahlkreis Mainz-Oppenheim einen Candidaten aufgestellt und zwar in der Person des früheren Reichstagsabgeordneten, TünchermeisterS Bindewald von Darmstadt. Irgendwelche Aussicht hat die Partei hier nicht.
Gießen, 23. Mai 1898.
* * AuSzeichnnng. Seine Königliche Hoheit der Groß- herzog haben Allergnädigst geruht, dem GerichtSmana Georg Sippe! in Hartershausen das Allgemeine Ehrenzeichen mit der Inschrift „Für langjährige treue Dienste" zu verleihen.
DaS Ehrenzeichen für Mitglieder freiwilliger Feuerwehren wurde verliehen durch Allerhöchste Entschließung Sr. Kgl. Hoheit des Großherzogs vom 21. April den Mit- gliedern der freiwilligen Feuerwehr zu AlSfeld Ludwig Sondermann, Heinrich Jakob Planz, Werner Frei- höffer, Karl Stock, Georg Kurtz H., August Just. Kurtz, Emil Martin, Georg Ferdinand Gundrum, Ludwig Raab und Konrad Karl Plock.
Theater. Wir find heute in der Lage, über die vor einiger Zeit bereits erwähnte Dilettanten-Dorstellung Näheres mittheilen zu können. Die Vorstellung, deren Ertrag für deu Fond zur Errichtung eine» Theaters oder Saalbaue» bestimmt ist, wird Freitag den 10. Juni stattfinden und Blumenthals köstlichen „Hans Huckedein" bringen, der bereits ein Repertoirestück aller deutschen Bühnen geworden ist. Da Dilettantenvorstellungen in Gießen stets ein große» Juterrffe entgegengebracht wurde, so wird e» fich empfehlen, fich bet Herrn Challier möglichst zeitig Plätze Vorwerken zu lassen. Die Mitglieder de» Theaterverein» sollen bei der Bertheilung der Plätze in erster Linie berücksichtigt werden, indem ihnen freigestellt wird, die von ihnen abounirten Plätze zu behalten, — vorausgesetzt, daß fie ihre Abficht früh genug Herrn Challier mittheilen. Um den Besuch der Vorstellung recht vielen zu ermöglichen, find die Eintrittspreise auf nur 2.50 Mark für da- erste und 1.50 Mark für das zweite Parkett festgesetzt.
* • Kunstnotiz. Der Gymnasialdirector. Wie wir den „Hamburger Nachrichten" entnehmen, hatte da» Schauspiel „Der Gymuafialdirector" von E. Zabel und Alfred Bock am Thalia-Theater in Hamburg bei der am Donnerstag stattgehabteu ersten Aufführung einen großen Erfolg. Die Darsteller, unter denen Frau Milan-Dorv und Herr Nih! besonders rühmend genannt werden, wurden vielmals gerufen. DaS HauS war auSverkauft.
* * Zur ReichStagSwahl. Ueber die Sonntag Nachmittag 4 Uhr im Cafö Ebel abgehaltene Vertrauensmänner- Versammlung der hiesigen freisinnigen und national- liberalen Partei geht unS von zuständiger Seite folgender Bericht zu: Die Versammlung wurde von dem Vorsitzenden de» freisinnigen Vereins, Herrn Landtags- abgeordneten Metz, mit einet Ansprache eröffnet. Derselbe erläuterte, daß schon, al» vor zwei Jahren im Wahlkreis durch die Ernennung des damaligen Reichstagsabgeordneten Köhler zum Postagenten eine Neuwahl uöthig geworden fei, im Stillen verschiedene Mitglieder der beiden liberalen Bet- eine Gießens fich darüber klar gewesen seien, daß eine Wiedergewinnung de» Wahlkreise» für die Liberalen nur durch ein Zusammengehen der beiden Parteien möglich sei. Es fei damals ein solches gemeinsames Vorgehen noch nicht ausführbar gewesen, theil» wegen der damals gleichzeitig stattgehabten hesfischen Landtagswahlen, theil» hätten fich die Verhältnisse noch nicht genügend geklärt gehabt- eS sei insbesondere uöthig gewesen, nochmal» eine Probe zu machen, welche Resultate ein getrennte» Kämpsen erzielen werde. DaS Resultat der letzten Wahlen habe aber wohl sämmtlichen Mitgliedern der beiden Parteien, die sehen wollten, die Augen geöffnet. So habe fich seit der letzten Reichstagswahl in beiden hiesigen liberalen Parteien in aller Stille und ohne jede officielle Versammlung immer mehr die Ueberzeugung Bahn gebrochen, daß bei den diesmaligen Wahlen in Gießen ein Zusammengehen deS gesammten liberalen BürgerthumS unserer Stadt aus Gründen innerer Nothw endigkeit unbedingt erfolgen müsse, um dem Wahlkreis wieder eine tüchtige und würdige Vertretung im Reichstage zu verschaffen, wie eS überhaupt die höchste Zeit sei, daß fich die verschiedenen liberalen Elemente zusammenschaarten, um zu verhindern, daß auf der einen Seite immer mehr demagogische Vertreter egoistischer Sonder- interessen die Mafien irre führten, auf der anderen Seite aber der Socialdemokratie immer mehr allein die Vertretung der von ihr fich angeeigneten alten liberalen Forderungen im Reichstage Überlafien werde. So fei es ganz von selbst, ohne daß heute noch festgestellt werden könne, von wem die Anregung ausgegangen sei, gekommen, daß schon vor Bekanntgabe des Wahltermins die beiderseitigen Vorstände in Verhandlungen getreten seien wegen eines gemeinsamen Vorgehens bei der diesmaligen Wahl. Bei diesen Verhandlungen habe fich sehr bald gezeigt, daß grundsätzliche Meinungsverschiedenheiten über da- bei der Wahl zu Erstrebende absolut nicht Vorlagen, daß Überhaupt Über sämmtliche den Reichstag in den nächsten fünf Jahren voraussichtlich beschäftigende Angelegenheiten vollständige Uebereinstimwung herrschte, sodaß sehr bald ein gemeinschaftliche- Programm festgestellt war — dasselbe werde nachher verlesen werden — mit welchem der demokratischst veranlagte Freisinnige und jeder wirkliche Rationalliberale einverstanden fein könne. Es fei hierbei namentlich betont worden die unbedingte Festhaltung an dem direkten, gleichen, allgemeinen und geheimen Reichstag-Wahlrecht, das Eintreten für Abschluß von Handelsver- trägen mit langen Fristen unter gleichmäßiger


